Erinnerung Wie früher das Korn geschnitten wurde

Allgemeiner Bericht

15. Februar 2008

Als ich ein Kind war, und die Tekeser Bauern noch eigenen Grund besaßen, es aber in Tekes noch keine Mähdrescher gab, wurde das Korn noch mit der Sichel geschnitten.
Wenn das Korn reif war und das goldene Ährenfeld sich im Winde wie Meereswellen bewegte, machten sich Jung und Alt früh auf den Weg zum Kornschnitt. Man begrüßte sich mit den Worten: „Gott half es uch hodj" („Gott helfe uns auch heute"). Die Antwort war: „Gott half es matenünder" („Gott helfe uns miteinander"). Die Frauen trugen weiße Kleidung, aus selbst gewebten Leinen, eine dunkelblaue Schürze und den schützenden Strohhut, mit breiter Krempe. Ähnlich waren auch die Männer gekleidet. Die Sichel war ein kleines Kunstwerk und musste scharf sein. Kindern, die zum ersten Mal dabei waren, wurde zunächst genau gezeigt, wie man vorgehen musste, um statt dem Kornhalmen nicht den kleinen Finger der linken Hand abzuschneiden. Aller Anfang war schwer, und wenn den ganzen Tag die Sonne brannte, sehnte man sich bald den Abend herbei. Frauen und Kinder schnitten, Männer auch und knoteten zusätzlich aus Kornhalmen Bündel, auf die die geschnittenen Halme gelegt, und zu einer Garbe zusammengebunden wurden. Jede Ähre war kostbar und durfte nicht auf dem Feld liegen bleiben. Wenn der Abend nahte oder Regen drohte, wurden die Garben in Haufen zusammengelegt und so miteinander verbunden, dass die Ähren geschützt waren und sie dem Wind widerstehen konnten. 10 Garben bildeten einen „Fuß" und 20 Garben einen Haufen. Bei der schweren Arbeit machte sich der Magen bemerkbar. 10 Uhr gab es Fettbrot oder ein Stück „Molo" (Kuchen aus Maismehl). Ruhen konnte man nur solange man aß, dann ging es weiter mit der Arbeit. Wenn 12 Uhr das Mittagsläuten zu hören war, versammelte sich die Familie um den Feldtopf, in dem die Frau oder ein Kind die „Kochen" (meist Kartoffel- oder Bohnensuppe mit Speck drin) von zu Hause gebracht hatte. Man saß auf der von Gott geschmückten Erde. Jeder erhielt einen Löffel und ein Stück Bauernbrot in die Hand, und löffelte aus dem Topf, bis er satt war, und trank nachher Wasser, das man von zu Hause, oder aus einem Feldbrunnen geholt hatte. Dem Feldnachbar, der zur gleichen Zeit aß, rief man zu: „Gott segne es Euch". Nach dem Essen gönnte man sich eine kurze Ruhepause. Wenn kein schattenspendender Baum oder Strauch in der Nähe war, legte man einige Garben übereinander, um ein wenig Schatten zu genießen. Viele sächsische Bauern nahmen sich als Tagelöhner Zigeuner, um, so schnell als möglich, das reife Korn zu schneiden und in Haufen zu legen. Um die Mittagszeit hörte man sie oft singen. Es waren nicht Texte von Dichtern oder Melodien von Komponisten, sondern die Sprache ihrer unbekümmerten Seele, oder einfach nur die Freude über das Mittagessen. Weiter ging es mit der Arbeit bis 4 Uhr. Da meldete sich der Hunger wieder. Brot, Speck und Zwiebeln oder Gurken gab es da, aber keine Ruhepause. Erst wenn die Sonne uns zunickte und hinter dem kleinen Wald verschwand, konnte man mit der Arbeit aufhören. Müde und schweißgebadet machte man sich auf den Heimweg, gemeinsam mit Feldnachbarn. Früher durfte nach dem Läuten der Abendglocke nicht mehr auf dem Feld gearbeitet werden. Gläubige Menschen sprachen beim Läuten der Abendglocke folgendes Gebet: „Nöchtsglöck, half es Gott, Gott der Vöter, Gott der Son, Gott der helich Giest, Amen". Zu Hause angekommen, war noch nicht Feierabend. Die Haustiere mussten versorgt werden. Dann erst gab es Abendessen, keine besonderen Speisen, sondern meist einen Palukes (Maisbrei) mit Käse oder Milch. Dann erst ging es, mit müden und schmerzenden Händen, ins Bett. Am kommenden Morgen, begann diese schwere Arbeit von neuem. Schwer erarbeiteten sich damals Bauern ihr tägliches Brot.

Katharina Folberth, geb. Geisler (Aldersbach) (Beitrag im „Heimatblatt der HOG“, Ausgabe 10, Januar 2005)

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