Wir möchten den Urzelbrauch weiterführen.....

Hermannstädter Zeitung Nr. 2515 / 3. Februar 2017 GESELLSCHAFT Seite 4 „Wir möchten den Brauch weiterführen” Die Urzeln liefen in Großschenk am vergangenen Samstag wieder „Der Urzeltag, der ist ein Fest mit Tradition/ Liefen doch vor Zeiten unsere Ahnen schon/ Wie sie ihn uns vor Jahren haben weitergegeben/ So wollen wir heute den alten Brauch wieder beleben/ Und von nun an jährlich weiterpflegen.”, lauteten die Verse des Narrenrichters Mihai Gottschling. Vergangenen Samstag wurden die bösen Geister in Großschenk nach 25 jähriger Unterbrechung wieder mit knallenden Peitschen und lautem Glockengeläut vertrieben. In Großschenk liefen die Urzelln wieder.Los ging der Zug vergangenen Samstagmorgen vom Haus der Familie Gottschling. Etwa 50 finstere Gestalten mit schwarzen Schuppen, zotteligen langen Zöpfen, mit schreckerregenden Masken huschten über den Marktplatz in Großschenk. Ein Traktor mit einem großen Großschenker Wappen auf der Frontseite, zog einen Anhänger auf dem die Mitglieder des „Narrengerichts” Platz genommen hatten. Auf dem Anhänger waren übrigens mit Abbildungen zu verschiedenen Gegebenheiten die bei den Urzelläufen in den 70er und 80er Jahre benutzt worden sind, geschmückt. In frühen Zeiten und auch bei dem letzten Umzug soll es ein Büffelwagen gewesen sein mit dem man umherzog. Stehen blieb der Zug vor dem Rathaus, wo die Narrenrichter und zugleich Hauptveranstalter Mihai Gottschling und Martin Mertensacker ihre Reden hielten, ans Tageslicht brachten, was für „Dummheiten“ die Leute im Laufe des Jahres gemacht haben. Nicht unerwähnt blieben die Gemeinderatssitzungen auf denen die Räte oft uneinig seien, die Begebenheit mit einem jungen Burschen, der auf dem Weihnachtsball auf der Toilette einschlief oder mit einem anderen Dorfbewohner, dessen neue Mauer gleich über Nacht der erste Wind umblies. Aus dem Fenster begrüßte Bürgermeister Sorin Aurel Suciu die Anwesenden. Der Zug setzte sich in Bewegung. Er kam nicht weit, denn schon empfing Frau Frieda Bulter die wilde Schar mit köstlichen Krapfen. Und es folgten dann noch viele, sehr viele Stationen, wo natürlich auch Wein und Schnaps nicht fehlten. Und hier und da flossen beim Wiedersehen sogar die Tränen. Extra zum Urzellauf in Großschenk waren aus Deutschland eine Hand voll Urzeln angereist. „Eier, Mutter, Eier”, riefen zwei Burschen und die Lade die sie trugen füllte sich rasch, denn die Leute schenkten reichlich Eier. „Wir haben nicht erwartet, dass so viele Leute uns auf der Straße mit Krapfen erwarten”, sagte Mihai Gottschling der jetzt zwar in München wohnt, seine Eltern und die beiden Schwestern und seine Freunde hier oft besucht. Zusammen mit Martin Mertensacker haben sie es sich zur Aufgabe gemacht alte siebenbürgisch-sächsische Bräuche in Großschenk wiederzubeleben. „Wir wollen hier nicht halt machen, wir wollen weitermachen. Den Urzellauf wollen wir jedenfalls beibehalten und vielleicht nebenbei auch noch andere Bräuche aufnehmen“, versicherte Gottschling, der sich persönlich um das Eiereinsammeln kümmerte. Früher war es sein Vater Michael Gottschling gewesen, der jetzt ab und zu in sein Horn blies und Stimmung machte. Martin Mertensacker kommt übrigens aus Deutschland. Er war 1992 mit einem Hilfstransport nach Rumäniengekommen, gerade wo die noch da Gebliebenen fast alle den Koffer gepackt hatten. Seitdem lebt er in Großschenk und gründete hier eine Familie. „Einer musste ja bleiben“, meinte Mertensacker scherzhaft. „Seit letztem Jahr habe ich immer versucht Kontakt aufzunehmen zu der siebenbürgisch-sächsischen Jugend, damit wir was Neues aufbauen und dieses Jahr hat es endlich geklappt“. Der Großschenker Uwe Constantin Boghianu, der hinter der Maske mit den Kaninchenohren steckte, hatte schon lange darauf gewartet, dass die Urzeln in Großschenk wieder einmal laufen. Schon seit zehn Jahren soll er das Material für seinen Urzelanzug bereitgehalten haben und sich jetzt umso mehr gefreut haben. Bei jedem Halt wurde natürlich gesungen, denn hoch oben auf dem Anhänger befand sich Sorin Țerbea, der mit seinem Akkordeon deutsche Lieder spielte. Hoch oben auf dem Umzugswagen befand sich auch eine etwas breitschultrige Dame, die auf einem Herd „Kletitten“ zubereitete. Vermutlich steckte ein Herr unter dem Frauengewand, denn ab und zu rief jemand von den Leuten: „Alin, reich mir einen Pfannkuchen“. Aus Deutschland mitgekommen war auch Norbert Recker, den manche der älteren Damen, die den Urzeln Krapfen anboten, wiedererkannte. Dabei war auch Elmar Wolff, ehemaliger SJD-Bundesjugendleiter und Großschenker. „Ich habe das Gefühl, heutzutage ist man viel offener miteinander als früher. Ich finde es schön, in Europa geht es ja nur so“, sagte Wolff. In Großschenk traf nun Wolff seine ehemalige Kindergartengefährtin Marlene Stanciu, diehier ihren eigenen Verein Saxon Kraftmade führt. Marlene ist zwar in Bukarest geboren, ihre Großeltern sind Großschenker und sie entschied sich vor zwei Jahren endgültig nach Großschenk zu ziehen. Marlene war übrigens diejenige die 2007 den Bürgermeisterin Agnetheln besuchte und das Projekt geschrieben hatte zur Finanzierung der damaligen Urzelparade dort. Am Nachmittag schlossen sich übrigens auch die Agnethler Urzeln an, die am Vormittag bereits in Hermannstadt ihre Parade vorgeführt hatten. Für sie war der Samstag nur der Auftakt, denn die Urzelparade fand in Agnetheln erst am nächsten Tag statt. Die Urzelzunft „Breasla Lolelor“ aus Agnetheln feierte nämlich 10 Jahre seit der Gründung. Dazu waren auch Vertreter der Urzelzunft Sachsenheim und der Nürnberger Urzeln mitgekommen, insgesamt etwa 40 Leute aus Deutschland. Dabei war auch Doris Hutter, Kulturreferentin der HOG Agnetheln und speziell für die Urzeln zuständig, deren Vater der ehemalige und langjährige Urzelsprecher in Agnetheln war, sowie Thomas Lutsch von der Sachsenheimer Urzelnzunft. Der Tag endete in Großschenk mit einem gut gelungenen Ball auf dem die Musikkapelle Hermannstadt 07 die Musik unter die Tanzbeine spielte. Dem Besucher, der an diesem Tag hier teilnahm dürften die Verse „So ein Tag, so wunderschön wie heute, So ein Tag, der dürfte nie vergehn...” noch lange nachgeklungen haben.

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