Fritz Leutner wurde 90

Mitteilungen der HOG

1. November 2010

Bearbeitet: Lukas Geddert
Lebenslauf
Fritz Leutner wurde am 26.09.1919 in Pruden /Rumänien als vierter der acht Kinder von Michael und Sarah Leutner, geborene Geiger, geboren. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich bis zum Jahre 1934 in meinem Geburtsort Pruden. Kindergarten und Schule besuchte ich ebenfalls in Pruden.
z ... Familie Leutner: Werner, Fritz sen, Maria, Hildegard und Fritz jun.

Von 1934 – 1937 arbeitete ich als Lehrling in einer Mühle in Mediasch. Nach meiner Lehre hielt ich mich bis 1939 bei meinen Eltern in Pruden auf. Anschließend ging ich freiwillig zu der rumänischen Armee nach Elisabethstadt und kam in das Batallion Vanator Calar“ Feldjäger. Wir gründeten unter uns Freiwilligen eine Musikkapelle, durch die wir unseren freien Abenden einen Sinn gaben. Es kam die Zeit, als Ungarn Siebenbürgen besetzen wollte. Wir mussten leider die Musik frühzeitig aufgeben und dafür an der ungarischen Grenze Stellung nehmen. Im Herbst zogen wir uns jedoch in die Nähe von Klausenburg zurück.
Als der Winter 1939 langsam zu Ende ging, stellte Ungarn erneut Anspruch auf Siebenbürgen. Wir bekamen den Befehl alle Sachen in die Kaserne zu schicken und ich musste alles nach Elisabethstadt transportieren. Kaum hatten wir alles in Ordnung gebracht, wurde eine volle Mobilisierung angekündigt, d.h. alle jungen Männer wurden zum Militär einberufen und die Militärkleider mussten erneut ausgegeben werden.
Ab sofort wurde ich dem Hauptmann unterstellt. Er befahl mir, mit Heft und Bleistift bewaffnet zum Bahnhof zu gehen und bei Ankunft jedes Zuges, die Soldaten, die abstiegen, zu beobachten und ihre Tätigkeiten schriftlich festzuhalten. Zur Mittagszeit musste ich mich bei ihm melden und meine Beobachtungen berichten. Diese Aufgabe nahm ich ca. einen Monat wahr.
Meine Aufgabe in der Kaserne war die Koordination des Austausches der Tag und Nacht Wachposten im dreistündigen Rhythmus.
Im Land entstand eine neue Partei, „Die Eiserne Garde“, die die Regierung stürzen wollte. Um das Rathaus vor einem Anschlag zu schützen, wurde ich eines Tages mit einer Gruppe Soldaten, mit zwei Maschinengewehren beladen, ins Rathaus beordert.
Wir bezogen unsere Posten vor dem Rathaus. Nach etwa drei Tagen Wache, kam ein Posten völlig außer sich und aufgewühlt auf mich zu und bat mich, zum Toreingang zu kommen. Erschrocken stellte ich fest, dass sich ca. 50 rumänische Bürger versammelt hatten und das Rathaus stürmen wollten. Ganz spontan, bat ich einen der Posten, das Eingangstor zu öffnen. Ich sprach einige Sätze zu den Männern da draußen und machte sie auf die Maschinengewehre aufmerksam, die im Hof auf sie gerichtet waren. Ich redete ihnen ins Gewissen, dass ihre Kinder zu Weisen und ihre Frauen zu Witwen werden könnten und bat sie, diesen Platz so schnell wie möglich zu verlassen. Nach etwa 30 Minuten war der Platz glücklicherweise geräumt. Anschließend bedankte sich der Bügermeister samt Angestellten bei mir für den Mut den ich hatte, um sie zu beschützen.
1940 schloss Hitler mit Rumänien einen Vertrag ab und so führte mich der Weg in die Nord- Bukovina, wo wir dann an der russischen Grenze Stellung nahmen.
Im Juni 1941 fing der Krieg mit Russland an und ich war bei den ersten Truppen dabei, die die Grenze in die Ukraine und auf die Krim (eine Halbinsel vor Russland) überschritten. Den ganzen Winter 1941 verbrachten wir dort.
1942 war ich an der Front. Ich hatte einen Bruder, der verheiratet war und in Dunnersdorf lebte. Er hatte erfahren, dass ein Bekannter von Groß-Alisch von der Front daheim auf Urlaub war und entschied sich nach Pruden zu fahren, um u. a. auch unsere Mutter zu besuchen, die seit Vaters Tod alleine lebte. Mein Vater starb 1940 als wir alle beim Militär waren. Wir konnten nicht einmal zu seiner Beerdigung fahren. Auf dem Weg nach Pruden besuchte mein Bruder den Bekannten in Groß-Alisch, um sich nach mir zu erkundigen. Dieser teilte ihm eine traurige Nachricht mit, und zwar meinte er ich sei durch einen Schuss gestorben und bereits begraben worden.
Anschließend berichtete mein Bruder in Pruden über meinen Tod. Meine Mutter kaufte dann einen Blumenkranz und übergab ihn der Kirche als Andenken an mich. Am daraufkommenden Sonntag hielt Pfarrer Ligner die Leichenpredigt für mich.
Es vergingen 2 Monate als mich der Oberleutnant fragte, ob ich für 10 Tage nach Hause in Urlaub fahren möchte. Ich stimmte seinem Vorschlag sofort zu, packte schnell meine Kleider zusammen, holte die Entlassungspapiere beim Oberleutnant ab und begab mich zum Bahnhof. Ich konnte es kaum erwarten daheim anzukommen. Ich war 2 Tage unterwegs und ich hatte das Gefühl, dass der Zug nicht schnell genug fuhr. Am dritten Tag kam ich in Pruden an.
Als mich einige Menschen in Pruden sahen, bekamen sie riesengroße Augen. Sie kamen erstaunt auf mich zu und sagten folgendes: „Lieber Gott, du bist doch tot! Oder bist du von den Toten auferstanden?“ Ganz lebendig teilte ich den Menschen mit, dass ich nicht verstorben sei und die Nachricht verbreitete sich schnell im ganzen Dorf. Sie informierten mich auch darüber, wie das Gerücht über meinen angeblichen Tod zustande kam. Als ich meinen Bekannten von Groß-Alisch über das Verbreiten des Gerüchtes ausfragte, verneinte er alles und wollte von nichts wissen.
Nach 10 Tagen Urlaub musste ich wieder zurück an die Front. Nach etwa einem Monat mussten wir auf die Halbinsel Krim, um gegen die Partisanen zu kämpfen. Es gab eine Ortschaft, die in einem kleinen Wald versteckt war, in der sich die Partisanen am meisten aufhielten. Wir führten schwere Kämpfe gegen sie, aber sie waren fast unbezwingbar. Letztendlich erreichte uns der Befehl, das Dorf anzugreifen, die Partisanen gefangen zu nehmen, um dann das Dorf komplett abzubrennen. Dieser Angriff war außergewöhnlich, weil wir von zwei rumänischen Reportern begleitet wurden, die den Angriff filmten.
Ein Monat später wurde diese Filmdokumentation in Pruden vorgespielt. Mitten im Dorf, vor dem Pfarrhaus wurde eine große Leinwand aufgezogen und das ganze Dorf versammelte sich dort, um die Filmdokumentation des Krieges anzuschauen. Plötzlich erkannten mich gleichaltrige Mädchen und wiesen alle darauf hin, dass ich auf der Leinwand zu sehen war.
Im Mai 1942 erreichte uns der Befehl in den Kaukasus zu übersiedeln. Beim Schwarzen Meer lösten wir eine deutsche Truppe ab, die eine andere Stellung einnehmen sollte. Nach wenigen Stunden mussten wir uns jedoch so schnell wie möglich wieder auf die Krim zurückziehen um nicht von den Russen abgefangen zu werden. Die Russen hatten bei Stalingrad die deutschen Truppen zerschlagen und drangen mit ihrem Militär äußerst schnell vorwärts. Wir zogen uns recht schnell in die Ukraine zurück, wo wir allerdings unverhofft von russischen Panzern eingekreist wurden und uns nur durch schwere Kämpfe befreien konnten. Allerdings hatten wir alles verloren.
Im Herbst des Jahres 1943 kehrte ich in die Heimat zurück. Ich verbrachte den Winter bei meiner Familie.
Im Frühjahr 1944 kam erneut die Einberufung zum Militär. Am 1. Mai musste ich wieder an die Front. Da die Russen bereits in Rumänien waren, bezogen wir die Front bei Cetatea Alba in Rumänien, wo ich zwei Monate in der ersten Linie tätig war.
Eines Tages teilte mir der Oberleutnant mit, dass ich bald nach Hause gehen dürfte. Allerdings wollte er erst einen Ersatzzugführer finden. In der Zwischenzeit kümmerte ich mich um die Pferde und half in der Küche aus. Nach einem Monat erreichte mich ein Befehl, mich samt Pferden, Wagen und meinem ganzes Hab und Gut in ein Dorf zurückzuziehen, um dort den Oberleutnant wieder zu treffen.
Als wir das Dorf erreichten, stellten wir fest, dass das russische Militär das Dorf eingenommen hatte und wir wurden alle in Gefangenschaft genommen. Nun führte mich der Weg zum zweiten Mal zu Fuß von Rumänien nach Russland. Wir brauchten ungefähr drei Wochen bis Odessa, wo wir 10 Tage verbrachten. Mit einem Viehzug brachte man uns nach Konstantinovka. Dort mussten wir während des Winters 1944 in einem Lager schwer arbeiten.
Ich traf dort 6 deutsche Mädchen, die von Siebenbürgen zum Arbeiten nach Russland verschleppt wurden. Ich erfuhr, dass einige Prudner, auch zwei meiner Schwestern im Nachbarort untergebracht waren und dort arbeiteten. Obwohl der Ort nur 8 km entfernt war, durfte ich mich als Kriegsgefangener jedoch nicht fortbewegen.
Im Mai 1945 kapitulierte die Deutsche Armee und der Krieg war zu Ende. Rumänien vereinigte sich mit Russland und es wurde befohlen, alle rumänischen Gefangenen in ihre Heimat zurückkehren zu lassen.
Im September 1945 kehrte ich wieder in die Heimat zurück.
In Rumänien und zu Hause angekommen, wurden mir 8 Joch Boden, der Hof meiner Eltern und das Vieh zugeteilt. Unter diesen Umständen entschied ich mich für den Beruf als Landwirt.
Am 2. Februar 1947 heiratete ich, Maria Leutner, geborene Manchen. Aus dieser Ehe sprießten zwei Söhne und eine Tochter. 1950 gründete ich die erste Milchsammelstelle in Pruden. Hier wurde die Milch gesammelt und zur Verarbeitung zu Butter nach Elisabethstadt gebracht.
1954 wurde ich als Postbeamter für die Ortschaften Halvelagen und Pruden eingestellt, wo ich dann 6 Jahre tätig war.
Meine Kinder gingen bis zu der 4. Klasse nach Pruden in die Schule und mussten dann nach Elisabethstadt ins Internat. Dies beeinflusste wesentlich meine Entscheidung nach Elisabethstadt umzuziehen.
1960 wurde die Poststelle in Halvelagen und Pruden aufgelöst und ich zog mit meiner Familie nach Elisabethstadt um. Ich bezog in Elisabethstadt ein Büro bei der Post und war dort ca. 28 Jahre bis zu meiner Rente tätig.
Nach ca. 3 Jahren kaufte ich ein schönes Grundstück und baute ein Haus mit Garten. Der Garten war mir wichtig, da ich schon immer Imker werden wollte. In Elisabethstadt lebend, entschloss ich mich, mit der Imkerei anzufangen. Ich kaufte zwei Bienenvölker, die sich dann bis ich in Rente ging auf 30 Völker vermehrten. Als Rentner schloss ich mich mit einem rumänischen Nachbarn zusammen, der auch 30 Völker besaß und wir wurden zu Wander-Imkern. Ich betreute auch seine Bienen und er bezahlte die Kosten für den Unterhalt.
Am 8. Mai ging es los, wir verluden die Bienenvölker auf einen großen Lastwagen. Unser Weg führte zunächst in die Oltenia, in die Nähe der Ortschaft Calafat zu den großen Akazienwäldern. Dort verbrachten wir 2-3 Wochen, je nach Wetterlage. Im Juni fuhren wir nach Tulcea, wo die großen Lindenbaumwälder waren. Erneut verbrachten wir dort 2-3 Wochen. Anschließend fuhren wir gut beladen wieder nach Hause, wo dann die Bienen für den Winter vorbereitet werden mussten.
Meine Frau verkaufte den Honig auf verschiedenen Märkten, wie Schäßburg, Mediasch und Elisabethstadt. Das meiste verkaufte sie jedoch immer am Zahltag (d.h. als der Lohn für die Mitarbeiter ausbezahlt wurde) in den großen Gewächshäusern von Elisabethstadt, wo viele Menschen aus den Nachbardörfern arbeiteten.
Als wir dann 1988 die Ausreisepapiere für Deutschland bekamen, verkaufte ich meine Bienen meinem Freund. Am 25. Februar 1989 reisten wir von Elisabethstadt ab in die neue Heimat Deutschland.
In Deutschland angekommen, zogen wir in eine zwei Zimmer Wohnung in Bietigheim-Bissingen, die wir nett und sehr schön für uns eingerichtet haben und in der wir uns immer noch sehr wohl fühlen.
Als Mitglieder der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland machten wir mehrere Ausflüge, um auch Deutschland besser kennen zu lernen.
Wir freuen uns, dass wir in der neuen Heimat so gut aufgenommen wurden und zu unseren „Festtagen“ wie Goldene Hochzeit, Diamantene Hochzeit, 80. und 90. Geburtstag so herzlich begrüßt und beglückwünscht wurden.
Fritz Leutner Bietigheim-Bissingen März 2010
Die Prudener gratulieren zum 90. Geburtstag und wünschen für die kommende Zeit Gesundheit und viel Freude mit seiner lieben Familie.

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