Exodus – Zeitzeugen berichten

9. Januar 2021

Allgemeiner Bericht

Das Ende des totalitären Ceaușescu-Regimes markiert einen epochalen Einschnitt in der Geschichte der rumäniendeutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen. Mit den komplexen Prozessen des Exodus hat sich der Historiker Prof. Dr. Hans-Christian Maner in seinem Beitrag „Das Ende der Geschichte? Siebenbürger Sachsen 30 Jahre nach dem Exodus“ in Folge 18 vom 10. November 2020, Seite 1 f., auseinandergesetzt. Die Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung hat Zeitzeugen dazu aufgerufen, über ihre persönlichen Erfahrungen von Heimatverlust und neuer Existenzgründung zu berichten. Lesen Sie im Folgenden einige ausgewählte Zeitzeugenberichte.
Erinnerungen an meine Auswanderung aus Kronstadt/Burzenland. An meine Auswanderung, die am 13. Mai 1990 in Kronstadt stattfand, erinnere ich mich oft sehr gern und auch etwas traurig zurück. Es war das Jahr 1989 und in Kronstadt, stand Weihnachten vor der Tür. Es war zwar sehr kalt, aber es hatte in Kronstadt, noch nicht geschneit. Wir, also unsere Familie, waren mit dem Dienst, Schule und den Vorbereitungen vor und für Weihnachten, sehr beschäftigt und im Stress. Man hörte in den Radionachrichten, dass es Unruhen, der Arbeiter- und Menschenmassen in Temeschburg/Banat, Bukarest, Kronstadt/Siebenbürgen und zuletzt im ganzen Land Rumänien gab. Die Revolution 1989 war im vollen Gange und der Diktator Ceauşescu musste gestürzt werden. Man hatte Angst und Sorgen, wie man pünktlich und sicher in den Dienst, in die Schule kommen soll, wie man Sachen für die Weihnachtsfeiertage erledigen kann. Meine Eltern hatten erfahren, dass es große Unruhen in der Innenstadt in Kronstadt gab. Die Arbeiter aus dem Kronstädter Traktorenwerk, aus der Kronstädter Rulmentul-Fabrik, die die Arbeit niedergelegt hatten, kamen zu Fuß in Richtung Innen- und Altstadt und waren sehr aufgeregt und laut. Unter ständigem Glockengeläute der Schwarzen Kirche, Ballerei der Schießgewehre, Schreien von Parolen erschreckten sich die Menschen, bekamen große Angst und verkrochen sich in den Wohnhäusern. Es wurde auch in dem Kirchenschiff der Schwarzen Kirche mit Gewehren geschossen, so dass auch viele versteckte Menschen zum Opfer fielen. Das Kronstädter Pfarrhaus befand sich zwischen dem Honterus-Gymnasium und gegenüber von der Schwarzen Kirche, die vor dem Brand, Marienkirche hieß. In dieser Zeit war Herr Matthias Pelger, der Kronstädter Stadtpfarrer, der von diesen Unruhen erfahren hatte und sich mit meiner Mutter in der Purzengasse(st. Republici) getroffen hatte. Wir wohnten damals im Patrizierhaus, in der Katharinengasse (Constantin Bräncoveanu Str.) Nr. 64 in Kronstadt. Herr Pelger machte sich große Sorgen, weil meine Mutter eine Nordmanntanne von ihrer Freundin gekauft hatte und nicht wusste, wie sie lebend nach Hause kommen sollte. Wir schmückten in der Abenddämmerung, den Tannenbaum für Weihnachten im großen Wohnzimmer, erledigten noch andere Vorbereitungen, waren aber sehr traurig, dass wir an Heilig Abend aus Angst nicht zum Gottesdienst, in die Schwarze Kirche, gehen konnten. Wir hörten ständig die Radionachrichten, den Lärm und das Geschrei der Menschenmassen draußen, denn es hieß, dass das Diktatoren-Ehepaar Ceauşescu gefangen worden sei. Erst als wir das tote Diktatoren-Ehepaar im rumänischen Fernsehen sahen, konnten wir erleichtert, aufatmen. Wir weinten vor Freude, umarmten uns und waren glücklich, aber in Gedanken bei Deutschland, jetzt endlich ausreisen zu können. Was machen wir jetzt? Gehen oder Bleiben? Viele Verwandte, Freunde von uns, waren bei Nacht und Nebel schon verschwunden und einfach weg. Unsere Vorfahren, die in Deutschland lebten, hatten schon unsere Ausreise in den 1960er Jahren beantragt, von dem wir alles gar nichts wussten. Die Unterlagen befanden sich seit dieser Zeit in der Deutschen Botschaft in Bukarest, was wir damals aber nicht wussten, nur ahnten. Endlich war es soweit und wir konnten im Frühjahr, am 13. Mai 1990 wegfahren und ausreisen. Meine Eltern hatten alles präzise geplant, wie wir uns vom Hof, von unseren Hunden und den anderen Tieren verabschieden konnten und sollten. Es war in der Abenddämmerung und mein Vater bestellte ein Taxi, das uns alle bis zum Kronstädter Bahnhof brachte. Die Hunde spürten, dass irgendwas nicht stimmte, liefen dem Taxi bis zum Bahnhof hinterher. Wir fuhren abends dann mit dem internationalen Zug „Wiener Walzer“ ab und über Ungarn Richtung Oberösterreich. In Wels/Oberösterreich angekommen, begrüßte uns am Bahnhof unsere Verwandtschaft der Familie Scheipner, die wir sehr lange nicht mehr gesehen hatten. Vor lauter Freude weinten wir stark und waren sehr erleichtert, nicht mehr dem Terror und den Gefahren in Siebenbürgen ausgesetzt zu sein. Am 14. Mai 1990 in der Früh kamen wir endlich in Nürnberg/Bayern mit dem Zug an. Wir weinten vor Freude, als ein Couseng meiner Mutter mit Ehefrau uns am Nürnberger Bahnhof herzlich begrüßten und uns Tee in einer Thermoskanne brachten. Es waren sehr viele Verwandte gekommen und wir weinten vor lauter Freude, nahmen uns in die Arme und waren glücklich, in der Bundesrepublik Deutschland angekommen zu sein. Es dauerte sehr lange, bis wir in Nürnberg registriert wurden, und es wurde sehr bald Abend. Wir packten unsere kleine Depner-Oma in eine warme Decke ein, zogen uns die warmen Männerunterhosen an, weil es in der Nacht im Frühling, trotzdem sehr kalt war. Im Morgengrauen wurden wir dann in viele große Autobusse verfrachtet und nach Kalkar in Nordrhein-Westfalen in eine Militärkaserne gebracht. Auf der Fahrt dahin hörten wir im Radio das Lied „Hallo, guten Morgen Deutschland, ich wünsch Dir einen guten Tag …“. Jetzt war uns wirklich bewusst, in Deutschland, sicher angekommen zu sein. Nach ein paar Wochen Kasernen-Aufenthalt in Kalkar kamen wir dann ins evangelische Paulushaus Schwäbisch Gmünd im Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Es begann ein neues Leben in Frieden und Freiheit. Albert Terschanski, den ich seit 1990 kenne, erfuhr, dass viele Siebenbürger Sachsen im Paulushaus wohnten und lebten. Er half uns mit vielen Tipps und guten Ratschlägen, holte uns sogar zu den Tanzproben der siebenbürgischen Jugendtanzgruppe Schwäbisch Gmünd immer ab. Seit diesem Zeitpunkt besteht diese innige und herzliche Freundschaft mit Albert Terschanski, Jutta Caplat, Renate Fritsch und anderen Landsleuten, die auch nach über 30 Jahren immer noch besteht. D. Melzer, Schw.Gd.-SZ.25.11.2020 S.12

D.M./SZ v. 25.11.2020 S.12

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