Otto Ernst: Wintermärchen
Auf dem Baum vor meinem Fenster
Saß im rauhen Winterhauch
Eine Drossel, und ich fragte:
"Warum wanderst du nicht auch?
Warum bleibst du, wenn die Stürme
Brausen über Flur und Feld,
da dir winkt im fernen Süden
Eine sonnenschöne Welt?"
Antwort gab sie leisen Tones:
"Weil ich nicht wie andre bin,
die mit Zeiten und Geschicken
Wechseln ihren leichten Sinn.
Die da wandern nach der Sonne
Ruhelos von Land zu Land,
Haben nie das stille Leuchten
In der eignen Brust gekannt.
Mir erglüht´s mit ew´gem Strahle
Ob auch Nacht auf Erden zieht -
sing´ ich unter Flockenschauern
Einsam ein erträumtes Lied.
Wundersamer Trost der Schmerzen!
Doch nur jene kennen ihn,
Die in Nacht und Sturm beharren
Und vor keinem Winter fliehn.
Dir auch leuchtet hell das Auge;
Deine Wange zwar ist bleich;
Doch es schaut der Blick nach innen
In das ew´ge Sonnenreich.
Lass uns hier gemeinsam wohnen,
Und ein Lied von Zeit zu Zeit
Singen wir von dürrem Aste
Jenem Glanz der Ewigkeit."
Ein schönes Gedicht
Um Beiträge zu verfassen, müssen Sie sich kostenlos registrieren bzw. einloggen.
Danke, fürwahr ein schönes Gedicht, kann man auch als diskreten Vorwurf deuten, oder als Mahnung!
Gruß aus Stuttgart,
POW
Gruß aus Stuttgart,
POW
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte . . .
Von Max Hermann-Neiße
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn:
ich welkte heimatlos und sterben müßte
ich, ohne einen Blick von Gott zu sehn.
Wie ich mich jemals auch verwirren sollte,
du wartest treu auf meine Wiederkehr;
nichts endet glücklich ohne dich, und wollte
ich dich verleugnen, wär' ich selbst nicht mehr.
Ich triebe einsam durch die fernsten Straßen -
daß du in meinem Zimmer lächelnd bist,
errettet mich; im Lampenlaubdach saßen
wir wie geborgen vor dem Daseinszwist.
Ich finde heim zu dir nach allen Fahrten,
die mich entführten auf das fernste Meer,
wenn meine Träume nur dein Bild bewahrten,
wird jeder Tag ein Fest der Wiederkehr.
Wird jeder Abend auf der fremden Küste
nur dein Gestirn an Felsen tanzen sehn . . .
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn?
Rezitationsvideo zum Gedicht:
youtu.be/GJQRiOknxF4?si=jsxlVRLJdg3FJJlp
Von Max Hermann-Neiße
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn:
ich welkte heimatlos und sterben müßte
ich, ohne einen Blick von Gott zu sehn.
Wie ich mich jemals auch verwirren sollte,
du wartest treu auf meine Wiederkehr;
nichts endet glücklich ohne dich, und wollte
ich dich verleugnen, wär' ich selbst nicht mehr.
Ich triebe einsam durch die fernsten Straßen -
daß du in meinem Zimmer lächelnd bist,
errettet mich; im Lampenlaubdach saßen
wir wie geborgen vor dem Daseinszwist.
Ich finde heim zu dir nach allen Fahrten,
die mich entführten auf das fernste Meer,
wenn meine Träume nur dein Bild bewahrten,
wird jeder Tag ein Fest der Wiederkehr.
Wird jeder Abend auf der fremden Küste
nur dein Gestirn an Felsen tanzen sehn . . .
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn?
Rezitationsvideo zum Gedicht:
youtu.be/GJQRiOknxF4?si=jsxlVRLJdg3FJJlp
Heimatlos
Max Herrmann-Neiße.
Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, dass wir ihr Schatten sind.
Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen
Max Herrmann-Neiße.
Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.
Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.
In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.
Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.
Max Herrmann-Neiße.
Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, dass wir ihr Schatten sind.
Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen
Max Herrmann-Neiße.
Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.
Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.
In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.
Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.
Fürwahr, die Gedichte sagen mehr aus, als wir uns selbst, heimlich, zugestehen! Wir sind und bleiben HEIMATLOS, innerlich, aber...wir sterben aus, unsere Kinder werden diesen Weltschmerz nicht mehr fühlen!
Gruß aus Stuttgart,
POW
Gruß aus Stuttgart,
POW
Litanei der Bitternis
Max Herrmann-Neiße
Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen,
bittrer noch das Gnadenbrot,
und dem Nächsten eine Last zu sein.
Meine bessren Jahre kann ich nicht vergessen;
doch nun sind sie tot,
und getrunken ist der letzte Wein.
Ringsum ist eine ganze Welt verfallen,
alles treibt dem Abgrund zu,
nur noch Schwereres steht uns bevor,
denn wir treiben hilflos mit den Trümmern allen;
immer denkst auch du
an das Glück, das dein Gemüt verlor.
Selbst die große Stadt muss sich verstellen;
dunkel sein wie Dörfer einst,
die verwunschnen, die man fremd durchfuhr,
seltsam klingt wie damals nachts der Hunde Bellen,
dass du trostlos weinst,
angeweht vom Spuk der Heimatflur.
Bitter ist es, vor jedem neuen Tage
Angst zu haben, niemehr frei
von geheimen Sorgen, Reue, Gram,
furchtgeplagt bei jedem neuen Glockenschlage,
dass er letzter sei,
eh man recht vom Leben Abschied nahm.
Ungemilderte Bitternis im Herzen.
bin ich längst mir selbst zur Last
zwischen Morgenrot und Abendrot.
Bitter ist es, alles Glück sich zu verscherzen,
ungebetner Gast
bittrer, und das Bitterste: der Tod
Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London) war ein deutscher Schriftsteller.
Max Herrmann-Neiße
Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen,
bittrer noch das Gnadenbrot,
und dem Nächsten eine Last zu sein.
Meine bessren Jahre kann ich nicht vergessen;
doch nun sind sie tot,
und getrunken ist der letzte Wein.
Ringsum ist eine ganze Welt verfallen,
alles treibt dem Abgrund zu,
nur noch Schwereres steht uns bevor,
denn wir treiben hilflos mit den Trümmern allen;
immer denkst auch du
an das Glück, das dein Gemüt verlor.
Selbst die große Stadt muss sich verstellen;
dunkel sein wie Dörfer einst,
die verwunschnen, die man fremd durchfuhr,
seltsam klingt wie damals nachts der Hunde Bellen,
dass du trostlos weinst,
angeweht vom Spuk der Heimatflur.
Bitter ist es, vor jedem neuen Tage
Angst zu haben, niemehr frei
von geheimen Sorgen, Reue, Gram,
furchtgeplagt bei jedem neuen Glockenschlage,
dass er letzter sei,
eh man recht vom Leben Abschied nahm.
Ungemilderte Bitternis im Herzen.
bin ich längst mir selbst zur Last
zwischen Morgenrot und Abendrot.
Bitter ist es, alles Glück sich zu verscherzen,
ungebetner Gast
bittrer, und das Bitterste: der Tod
Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London) war ein deutscher Schriftsteller.
Bertolt Brecht: Das Lied von der Unzulänglichkeit
Der Mensch lebt durch den Kopf
der Kopf reicht ihm nicht aus
versuch es nur; von deinem Kopf
lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug
niemals merkt er eben
allen Lug und Trug.
Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlecht genug:
doch sein höh´res Streben
ist ein schöner Zug.
Ja; renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht anspruchslos genug
drum ist all sein Streben
nur ein Selbstbetrug.
Der Mensch ist gar nicht gut
drum hau ihn auf den Hut
hast du ihn auf den Hut gehaut
dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht gut genug
darum haut ihn eben
ruhig auf den Hut.
Der Mensch lebt durch den Kopf
der Kopf reicht ihm nicht aus
versuch es nur; von deinem Kopf
lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug
niemals merkt er eben
allen Lug und Trug.
Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlecht genug:
doch sein höh´res Streben
ist ein schöner Zug.
Ja; renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht anspruchslos genug
drum ist all sein Streben
nur ein Selbstbetrug.
Der Mensch ist gar nicht gut
drum hau ihn auf den Hut
hast du ihn auf den Hut gehaut
dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht gut genug
darum haut ihn eben
ruhig auf den Hut.
Siebenbürgische Dorfnamenfahrt
von Frieder Schuller
Auf Urwegen über verfallene Treppen
fahr wohl durch den Paßbusch und finde ein Schönau
nach Engenthal Rauthal und Langenthal Ziegenthal
hinterm vergessenen Kyrieleis vor lauter Heidendorf
nach Altdorf nimm dir Garndorf zum Gürteln in Neudorf
noch ruft der Hahnbach und es kommt ein Bärendorf
wo nachts im Stein ein Eulendorf bereit zum Tatsch auf Mausdorf
Streitfort sich Schaal anlegt und schon zerplatzt Kleinblasendorf
hier Brenndorf und zu weit ist Kaltwasser
so Bell ich und Kreisch und schüttel ganz Schellenberg
denn ich seh Schönbirk verdorren auf Bekokten Almen
trotz Rohrbach im Nußbach bei Rothbach unterm Weidenbach
bis endlich bei fernem Donnersmarkt Sächsisch Regen fällt
auf Waldhütten im Hundertbücheln bei verlöschender Kerz.
Wir versuchten Leblang voll Fettdorf in Seligstadt
bevor die Heimat unter den Hammersdorf kam
unter Füssen zog man uns Bodendorf weg
als viele mit dem Kopf in Wolkendorf lebten
die einen entschieden sich für Ungersdorf
die andern für Rumänisch Neudorf
doch weiterhin hat sein Deutschkreuz mit Unterrübendorf
wer über den Sachsenbach aus Sachsenhausen Zied.
Von Marienburg lockt dich Frauendorf
so kannst du Mönchsdorf abseits Lasseln
vielleicht noch etwas Neidhausen auf Reichesdorf
oder man lacht vom Hochfeld voll Hohndorf über Schnakendorf
und schlägt dann sein Buchholz fürs Kastenholz in Holzmengen
Breit Galt einmal der Ehrgang voller Geist doch heute
mit Reutal Besotten streifen wir Burghalle auf Burgberg
verloren Felldorf und kein Seiden im Reissen Zuckmantel
so daß der Windau an Stolzenburg über Fürstenberg bis Königsdorf
Schlatt Scholten kann mit Rätsch und Petsch.
Den Honigberg erreichten nur wenige mit ihren Kindeln
die meisten begnügten sich mit einem Kaltbrunnen in Felsendorf
und zwei Michelsdorf, Petersdorf, Jakobsdorf
kamen gegen ein Hermannstadt niemals an
vielleicht will auch darum Dürrbach trotz Mühlbach
keinen Großschenk mehr abgeben und Roseln für Rosenau
schlieblich muß keiner sich ins Wurmloch Schmiegen
bevor ihn Teufelsdorf holt und
Erinnerungen allein in Katzendorf Radeln
auch Taterloch überlebten wir
vielleicht etwas Weißkirch im Gesicht
doch nicht wie unsere Kleindörfel so oft Bluthrot.
von Frieder Schuller
Auf Urwegen über verfallene Treppen
fahr wohl durch den Paßbusch und finde ein Schönau
nach Engenthal Rauthal und Langenthal Ziegenthal
hinterm vergessenen Kyrieleis vor lauter Heidendorf
nach Altdorf nimm dir Garndorf zum Gürteln in Neudorf
noch ruft der Hahnbach und es kommt ein Bärendorf
wo nachts im Stein ein Eulendorf bereit zum Tatsch auf Mausdorf
Streitfort sich Schaal anlegt und schon zerplatzt Kleinblasendorf
hier Brenndorf und zu weit ist Kaltwasser
so Bell ich und Kreisch und schüttel ganz Schellenberg
denn ich seh Schönbirk verdorren auf Bekokten Almen
trotz Rohrbach im Nußbach bei Rothbach unterm Weidenbach
bis endlich bei fernem Donnersmarkt Sächsisch Regen fällt
auf Waldhütten im Hundertbücheln bei verlöschender Kerz.
Wir versuchten Leblang voll Fettdorf in Seligstadt
bevor die Heimat unter den Hammersdorf kam
unter Füssen zog man uns Bodendorf weg
als viele mit dem Kopf in Wolkendorf lebten
die einen entschieden sich für Ungersdorf
die andern für Rumänisch Neudorf
doch weiterhin hat sein Deutschkreuz mit Unterrübendorf
wer über den Sachsenbach aus Sachsenhausen Zied.
Von Marienburg lockt dich Frauendorf
so kannst du Mönchsdorf abseits Lasseln
vielleicht noch etwas Neidhausen auf Reichesdorf
oder man lacht vom Hochfeld voll Hohndorf über Schnakendorf
und schlägt dann sein Buchholz fürs Kastenholz in Holzmengen
Breit Galt einmal der Ehrgang voller Geist doch heute
mit Reutal Besotten streifen wir Burghalle auf Burgberg
verloren Felldorf und kein Seiden im Reissen Zuckmantel
so daß der Windau an Stolzenburg über Fürstenberg bis Königsdorf
Schlatt Scholten kann mit Rätsch und Petsch.
Den Honigberg erreichten nur wenige mit ihren Kindeln
die meisten begnügten sich mit einem Kaltbrunnen in Felsendorf
und zwei Michelsdorf, Petersdorf, Jakobsdorf
kamen gegen ein Hermannstadt niemals an
vielleicht will auch darum Dürrbach trotz Mühlbach
keinen Großschenk mehr abgeben und Roseln für Rosenau
schlieblich muß keiner sich ins Wurmloch Schmiegen
bevor ihn Teufelsdorf holt und
Erinnerungen allein in Katzendorf Radeln
auch Taterloch überlebten wir
vielleicht etwas Weißkirch im Gesicht
doch nicht wie unsere Kleindörfel so oft Bluthrot.
Osterlied
von Paula Dehmel
Has, Has, Osterhas,
wir möchten nicht mehr warten!
Der Krokus und das Tausendschön,
Vergissmeinnicht und Tulpe stehn
schon lang in unserm Garten.
Has, Has, Osterhas,
mit deinen bunten Eiern!
Der Star lugt aus dem Kasten aus,
Blühkätzchen sitzen um sein Haus;
wann kommst du Frühling feiern?
Has, Has, Osterhas,
ich wünsche mir das beste!
Ein großes Ei, ein kleines Ei
und ein lustiges Dideldumdei,
alles in einem Neste!
von Paula Dehmel
Has, Has, Osterhas,
wir möchten nicht mehr warten!
Der Krokus und das Tausendschön,
Vergissmeinnicht und Tulpe stehn
schon lang in unserm Garten.
Has, Has, Osterhas,
mit deinen bunten Eiern!
Der Star lugt aus dem Kasten aus,
Blühkätzchen sitzen um sein Haus;
wann kommst du Frühling feiern?
Has, Has, Osterhas,
ich wünsche mir das beste!
Ein großes Ei, ein kleines Ei
und ein lustiges Dideldumdei,
alles in einem Neste!
Das Riesenspielzeug
von Adelbert von Chamisso
Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer.
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.
Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.
Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend nieder schaut,
Bemerkt sie einen Bauern, der seinen Acker baut.
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar.
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.
"Ei artig Spielding!" ruft sie, "Das nehm ich mit nach Haus!"
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in ein Tüchlein, das sie zusammenschlägt;
Und eilt mit freud'gen Sprüngen - man weiß, wie Kinder sind -
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
"Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn."
Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein.
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
"Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!"
Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauern aufzustellen, den Pflug und das Gespann:
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.
Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
"Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin!
Der Bauer ist kein Spielzeug! Was kommt dir in den Sinn!
Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot,
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot.
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug! Da sei uns Gott davor!"
Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun zerfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
Die Ballade "Das Riesenspielzeug" von Adelbert von Chamisso (geschrieben 1830) ist ein bekanntes literarisches Werk, das aufgrund seiner erzählenden Struktur und seines Rhythmus oft rezitiert, gelesen und in unterschiedlichen Kontexten, teils auch musikalisch, vorgetragen wird.
youtu.be/kfp_qLaAio0?is=RV9ve1LBHdM3En_t
von Adelbert von Chamisso
Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer.
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.
Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.
Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend nieder schaut,
Bemerkt sie einen Bauern, der seinen Acker baut.
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar.
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.
"Ei artig Spielding!" ruft sie, "Das nehm ich mit nach Haus!"
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in ein Tüchlein, das sie zusammenschlägt;
Und eilt mit freud'gen Sprüngen - man weiß, wie Kinder sind -
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
"Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn."
Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein.
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
"Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!"
Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauern aufzustellen, den Pflug und das Gespann:
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.
Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
"Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin!
Der Bauer ist kein Spielzeug! Was kommt dir in den Sinn!
Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot,
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot.
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug! Da sei uns Gott davor!"
Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt.
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand.
Sie selbst ist nun zerfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.
Die Ballade "Das Riesenspielzeug" von Adelbert von Chamisso (geschrieben 1830) ist ein bekanntes literarisches Werk, das aufgrund seiner erzählenden Struktur und seines Rhythmus oft rezitiert, gelesen und in unterschiedlichen Kontexten, teils auch musikalisch, vorgetragen wird.
youtu.be/kfp_qLaAio0?is=RV9ve1LBHdM3En_t
Berlin
Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen, -
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.
Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.
Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.
Christian Morgenstern . 1871 - 1914
Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen, -
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.
Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.
Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.
Christian Morgenstern . 1871 - 1914
Rudolf Löwenstein: Hans und Spatzen
"Ach Vater, sprich, wie fang ich's an,
dass ich Spatzen fangen kann?
Die Spatzen!"
Der Vater spricht: "So streu, mein Hans,
hübsch Salz auf den Schwanz!
Den Spatzen!"
Drauf nimmt er eine Handvoll Salz
und lauert mit gestrecktem Hals
auf Spatzen.
Und als der erste sich gesetzt,
schleicht er heran: Dich krieg ich jetzt,
dich Spatzen.
Das Spätzlein aber flog husch, husch,
hinweg zum nächsten Lindenbusch.
Ach, Spatzen!
"Sie halten, Vater, ja nicht still,
wenn ich das Salz hinstreuen will,
die Spatzen!"
"So lass die Spatzen, Hans, in Ruh!
Sie sind halt klüger doch als du,
die Spatzen."
"Ach Vater, sprich, wie fang ich's an,
dass ich Spatzen fangen kann?
Die Spatzen!"
Der Vater spricht: "So streu, mein Hans,
hübsch Salz auf den Schwanz!
Den Spatzen!"
Drauf nimmt er eine Handvoll Salz
und lauert mit gestrecktem Hals
auf Spatzen.
Und als der erste sich gesetzt,
schleicht er heran: Dich krieg ich jetzt,
dich Spatzen.
Das Spätzlein aber flog husch, husch,
hinweg zum nächsten Lindenbusch.
Ach, Spatzen!
"Sie halten, Vater, ja nicht still,
wenn ich das Salz hinstreuen will,
die Spatzen!"
"So lass die Spatzen, Hans, in Ruh!
Sie sind halt klüger doch als du,
die Spatzen."
Ludwig Auerbach: Pfingstgesang
Tag der Pfingsten! Glockenklang
Schallt aus allen Tälern wider.
Hoch vom grünen Bergeshang
Jubeln Wand'rer frohe Lieder,
Glühend ruht dein bräutlich Licht
Ausgegossen auf den Fluren –
Zeigt der Schöpfung Angesicht
Deines Wandels Flammenspuren.
Funkelnd in des Lichtes Kuss
Rauscht der Strom entlang den Borden,
Wo der Schönheit Genius
Duft'ger Blumenreiz geworden.
Willst du nicht in dieser Pracht
Aller Welt den Geist verkünden,
Der da hieß in Geistesnacht
Sich den Geistestag entzünden.
Der in Flammen niederfuhr,
Seine Jünger sich zu küren,
Auf des Geistes Feuerspur
Uns zum Heil zurückzuführen?
Ströme nieder, heilig Licht!
Tauf' die Welt in deinen Gluten,
Lasse in dumpfen Qualen nicht
Länger mehr die Menschheit bluten!
Wirf vernichtend deinen Blitz
"Wahrheit" in des Truges Wolke,
Auf der Lüge Herrschersitz
Nah' erlösend allem Volke!
Schleudre deines Feuers Strahl
In die Zwingburg freien Lebens!
Gib der Freiheit Sieg einmal
In dem Kampf des Völkerstrebens!
Lass der Nationen Streit
Sich im Geistessieg versöhnen,
In dem Sieg der Menschlichkeit
Und des Guten, Wahren, Schönen!
Liebe, die willkommen heißt
Auch den Bruder im Geringsten
Weck' in uns: Dann, Menschengeist,
Feierst wahrhaft du die Pfingsten!
Tag der Pfingsten! Glockenklang
Schallt aus allen Tälern wider.
Hoch vom grünen Bergeshang
Jubeln Wand'rer frohe Lieder,
Glühend ruht dein bräutlich Licht
Ausgegossen auf den Fluren –
Zeigt der Schöpfung Angesicht
Deines Wandels Flammenspuren.
Funkelnd in des Lichtes Kuss
Rauscht der Strom entlang den Borden,
Wo der Schönheit Genius
Duft'ger Blumenreiz geworden.
Willst du nicht in dieser Pracht
Aller Welt den Geist verkünden,
Der da hieß in Geistesnacht
Sich den Geistestag entzünden.
Der in Flammen niederfuhr,
Seine Jünger sich zu küren,
Auf des Geistes Feuerspur
Uns zum Heil zurückzuführen?
Ströme nieder, heilig Licht!
Tauf' die Welt in deinen Gluten,
Lasse in dumpfen Qualen nicht
Länger mehr die Menschheit bluten!
Wirf vernichtend deinen Blitz
"Wahrheit" in des Truges Wolke,
Auf der Lüge Herrschersitz
Nah' erlösend allem Volke!
Schleudre deines Feuers Strahl
In die Zwingburg freien Lebens!
Gib der Freiheit Sieg einmal
In dem Kampf des Völkerstrebens!
Lass der Nationen Streit
Sich im Geistessieg versöhnen,
In dem Sieg der Menschlichkeit
Und des Guten, Wahren, Schönen!
Liebe, die willkommen heißt
Auch den Bruder im Geringsten
Weck' in uns: Dann, Menschengeist,
Feierst wahrhaft du die Pfingsten!
Wanderlust
Morgen müssen wir verreisen,
und es muß geschieden sein.
Traurig ziehn wir unserer Straßen,
lebe wohl, Herzliebchen mein!
Kommen wir zu jenem Berge,
schauen wir zurück ins Tal,
schauen uns um nach allen Seiten,
sehen die Stadt zum letzten Mal.
Wenn der Winter ist vorüber,
und der Frühling zieht ins Feld,
will ich werden wie ein Vöglein,
fliegen durch die ganze Welt.
Dahin fliegen will ich wieder,
wo's mir lieb und heimisch war.
Schätzlein, muß ich jetzt auch wandern,
kehr' ich heim doch übers Jahr.
Übers Jahr zur Zeit der Pfingsten
pflanz' ich Maien dir ans Haus,
bringe dir aus weiter Ferne
einen frischen Blumenstrauß.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Morgen müssen wir verreisen,
und es muß geschieden sein.
Traurig ziehn wir unserer Straßen,
lebe wohl, Herzliebchen mein!
Kommen wir zu jenem Berge,
schauen wir zurück ins Tal,
schauen uns um nach allen Seiten,
sehen die Stadt zum letzten Mal.
Wenn der Winter ist vorüber,
und der Frühling zieht ins Feld,
will ich werden wie ein Vöglein,
fliegen durch die ganze Welt.
Dahin fliegen will ich wieder,
wo's mir lieb und heimisch war.
Schätzlein, muß ich jetzt auch wandern,
kehr' ich heim doch übers Jahr.
Übers Jahr zur Zeit der Pfingsten
pflanz' ich Maien dir ans Haus,
bringe dir aus weiter Ferne
einen frischen Blumenstrauß.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Drei Liebesgedichte von Heinrich Heine (1797-1856)
Amor heißt er
Es erklingen alle Bäume,
Und es singen alle Nester-
Wer ist der Kapellenmeister
In dem grünen Waldorchester?
Ist es dort der graue Kiebitz,
Der beständig nicht so wichtig?
Oder der Pedant, der dorten
Immer kuckuckt, zeitmaßrichtig?
Ist es jener Storch, der ernsthaft
Und als ob er dirigieret,
Mit dem langen Streckbein klappert,
Während alles musizieret?
Nein, in meinem eignen Herzen
Sitzt des Walds Kapellenmeister,
Und ich fühl, wie er den Takt schlägt,
Und ich glaube, Amor heißt er.
Am Teetisch
Sie saßen und tranken am Teetisch
und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
die Damen von zartem Gefühl.
„Die Liebe muß sein platonisch“,
der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch.
Und dennoch seufzet sie: „Ach!“
Der Domherr öffnet den Mund weit:
„Die Liebe sei nicht zu roh,
sie schadet sonst der Gesundheit.“
Das Fräulein lispelt: „Wieso?“
Die Gräfin spricht wehmütig:
„Die Liebe ist eine Passion!“
Und präsentieret gütig
die Tasse dem Herren Baron.
Am Tische war noch ein Plätzchen;
mein Liebchen, da hast du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
von deiner Liebe erzählt.
Der Brief
Der Brief, den Du geschrieben,
er macht mich gar nicht bang;
Du willst mich nicht mehr lieben,
aber Dein Brief ist lang.
Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
wenn man den Abschied gibt.
Amor heißt er
Es erklingen alle Bäume,
Und es singen alle Nester-
Wer ist der Kapellenmeister
In dem grünen Waldorchester?
Ist es dort der graue Kiebitz,
Der beständig nicht so wichtig?
Oder der Pedant, der dorten
Immer kuckuckt, zeitmaßrichtig?
Ist es jener Storch, der ernsthaft
Und als ob er dirigieret,
Mit dem langen Streckbein klappert,
Während alles musizieret?
Nein, in meinem eignen Herzen
Sitzt des Walds Kapellenmeister,
Und ich fühl, wie er den Takt schlägt,
Und ich glaube, Amor heißt er.
Am Teetisch
Sie saßen und tranken am Teetisch
und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
die Damen von zartem Gefühl.
„Die Liebe muß sein platonisch“,
der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch.
Und dennoch seufzet sie: „Ach!“
Der Domherr öffnet den Mund weit:
„Die Liebe sei nicht zu roh,
sie schadet sonst der Gesundheit.“
Das Fräulein lispelt: „Wieso?“
Die Gräfin spricht wehmütig:
„Die Liebe ist eine Passion!“
Und präsentieret gütig
die Tasse dem Herren Baron.
Am Tische war noch ein Plätzchen;
mein Liebchen, da hast du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
von deiner Liebe erzählt.
Der Brief
Der Brief, den Du geschrieben,
er macht mich gar nicht bang;
Du willst mich nicht mehr lieben,
aber Dein Brief ist lang.
Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
wenn man den Abschied gibt.
Um Beiträge zu verfassen, müssen Sie sich kostenlos registrieren bzw. einloggen.



