Ein schönes Gedicht

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Marius
schrieb am 08.01.2026, 20:50 Uhr
Otto Ernst: Wintermärchen

Auf dem Baum vor meinem Fenster
Saß im rauhen Winterhauch
Eine Drossel, und ich fragte:
"Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme
Brausen über Flur und Feld,
da dir winkt im fernen Süden
Eine sonnenschöne Welt?"

Antwort gab sie leisen Tones:
"Weil ich nicht wie andre bin,
die mit Zeiten und Geschicken
Wechseln ihren leichten Sinn.

Die da wandern nach der Sonne
Ruhelos von Land zu Land,
Haben nie das stille Leuchten
In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht´s mit ew´gem Strahle
Ob auch Nacht auf Erden zieht -
sing´ ich unter Flockenschauern
Einsam ein erträumtes Lied.

Wundersamer Trost der Schmerzen!
Doch nur jene kennen ihn,
Die in Nacht und Sturm beharren
Und vor keinem Winter fliehn.

Dir auch leuchtet hell das Auge;
Deine Wange zwar ist bleich;
Doch es schaut der Blick nach innen
In das ew´ge Sonnenreich.

Lass uns hier gemeinsam wohnen,
Und ein Lied von Zeit zu Zeit
Singen wir von dürrem Aste
Jenem Glanz der Ewigkeit."
Peter Otto Wolff
schrieb am 09.01.2026, 10:33 Uhr
Danke, fürwahr ein schönes Gedicht, kann man auch als diskreten Vorwurf deuten, oder als Mahnung!

Gruß aus Stuttgart,

POW
Marius
schrieb am 25.01.2026, 14:32 Uhr
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte . . .
Von Max Hermann-Neiße

Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn:
ich welkte heimatlos und sterben müßte
ich, ohne einen Blick von Gott zu sehn.

Wie ich mich jemals auch verwirren sollte,
du wartest treu auf meine Wiederkehr;
nichts endet glücklich ohne dich, und wollte
ich dich verleugnen, wär' ich selbst nicht mehr.

Ich triebe einsam durch die fernsten Straßen -
daß du in meinem Zimmer lächelnd bist,
errettet mich; im Lampenlaubdach saßen
wir wie geborgen vor dem Daseinszwist.

Ich finde heim zu dir nach allen Fahrten,
die mich entführten auf das fernste Meer,
wenn meine Träume nur dein Bild bewahrten,
wird jeder Tag ein Fest der Wiederkehr.

Wird jeder Abend auf der fremden Küste
nur dein Gestirn an Felsen tanzen sehn . . .
Wenn ich dich nicht in meinem Leben wüßte,
wie sollte ich das Feindliche bestehn?

Rezitationsvideo zum Gedicht:
youtu.be/GJQRiOknxF4?si=jsxlVRLJdg3FJJlp
Marius
schrieb am 26.01.2026, 13:13 Uhr (am 26.01.2026, 13:24 Uhr geändert).
Heimatlos
Max Herrmann-Neiße.

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.

Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.

Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß

und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, dass wir ihr Schatten sind.



Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

Max Herrmann-Neiße.

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
die Heimat klang in meiner Melodie,
ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,
das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,
sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,
so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,
der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

In fremder Ferne mal ich ihre Züge
zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,
die Abendgiebel und die Schwalbenflüge
und alles Glück, das einst mir dort geschah.

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,
ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.





Peter Otto Wolff
schrieb am 27.01.2026, 16:15 Uhr
Fürwahr, die Gedichte sagen mehr aus, als wir uns selbst, heimlich, zugestehen! Wir sind und bleiben HEIMATLOS, innerlich, aber...wir sterben aus, unsere Kinder werden diesen Weltschmerz nicht mehr fühlen!

Gruß aus Stuttgart,
POW
Marius
schrieb am 29.01.2026, 14:19 Uhr
Litanei der Bitternis
Max Herrmann-Neiße


Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen,
bittrer noch das Gnadenbrot,
und dem Nächsten eine Last zu sein.
Meine bessren Jahre kann ich nicht vergessen;
doch nun sind sie tot,
und getrunken ist der letzte Wein.

Ringsum ist eine ganze Welt verfallen,
alles treibt dem Abgrund zu,
nur noch Schwereres steht uns bevor,
denn wir treiben hilflos mit den Trümmern allen;
immer denkst auch du
an das Glück, das dein Gemüt verlor.

Selbst die große Stadt muss sich verstellen;
dunkel sein wie Dörfer einst,
die verwunschnen, die man fremd durchfuhr,
seltsam klingt wie damals nachts der Hunde Bellen,
dass du trostlos weinst,
angeweht vom Spuk der Heimatflur.

Bitter ist es, vor jedem neuen Tage
Angst zu haben, niemehr frei
von geheimen Sorgen, Reue, Gram,
furchtgeplagt bei jedem neuen Glockenschlage,
dass er letzter sei,
eh man recht vom Leben Abschied nahm.

Ungemilderte Bitternis im Herzen.
bin ich längst mir selbst zur Last
zwischen Morgenrot und Abendrot.
Bitter ist es, alles Glück sich zu verscherzen,
ungebetner Gast
bittrer, und das Bitterste: der Tod

Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London) war ein deutscher Schriftsteller.

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