Sächsische Volksmärchen

*Medwisch- Mediasch- Margrethi- Jahrmarkt am 14. Juli Margaretentag! Der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase Auf dem Medwischer Margarethi* Der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase saßen einmal vergnügt im grünen Waldhaus beisammen. Da sprach der Fuchs: „Wie wäre es, wenn wir auch einmal auf den Medwischer Margarethi gingen; es soll dort gar lustig zugehen!“Da antwortete der Bär: „Ich bin schon alt und schwach, wenn aber der Wolf mitgeht und uns beschützen will, so ist mir recht; denn das Menschenkind ist falsch uns aufsässig! „- „Was ? Ich fürchte mich nicht!“ schrie der Wolf trotzig, „ich gehe mit, und ihr sollt weder Schaden noch Schande haben!“ – „Ach ich will mit, auch ich!“ rief der Hase fröhlich. „Halts Maul, du bist noch zu dumm“, sprach der Fuchs, “du würdest überall gaffen und große Augen machen und nur in Not bringen!“ Da schmiegte sich der Hase an den Wolf, als wenn er sagenwollte: „Mach, dass ich auch mitgehe!“ Dem Wolf gefiel das und sprach: „Das Häschen muss auch mit!“ und streichelte ihm über das Gesicht. „Aber wo führ wollen wir uns ausgeben?“ fragte der Bär, „es muss doch jeder etwas vorstellen, der auf den Margarethi geht.“ – Ach was, das ist leicht“, sprach der Wolf, „für Studenten. Ihr singt den Bass, der Fuchs den Alt, der Hase Diskant; ich will Kantor sein und die Melodie leiten und halten!“
Als sie alles gehörig besprochen hatten, putzte sich jeder den Pelz- denn man muss auf dem Margarethi geputzt erscheinen- , und dann brachen sie auf. Sie getrauten sich aber doch nicht recht, am hellen Tag in die Stadt zu gehen und warteten, bis die Dämmerung einbrach. Da kamen sie auf den Zehen ganz leise in die Vorstadt; sie gingen hintereinander, wie die Hunde nach Blasendorf*, der Wolf zuerst, dann folgte der Fuchs, dann der Bär, zuletzt der Hase.
In der Vorstadt ist das große Wirtshaus, wie ihr wisst. Der Wird hatte grade Schweine geschlachtet, und die frische Wurst roch ihnen entgegen, „Da müssen wir hinein“, sprach der Wolf, „und uns gütlich tun! Da kennt man uns nicht!“ Der Fuchs wollte nicht recht und sah sich die Gelegenheit zuerst genau an; es sah ihm gefährlich aus. „Gevatter, seid nicht so hitzig!“ Der Wolf aber roch nur die Wurst, hörte nichts und klinkte gleich die Türe auf. „ Nur herein, willkommen!“ sprach der Wirt. Da gingen alle hinein. „Frische Wurst und Wein her!“ schrie der Wolf, „aber viel!“ Der Kellner brachte das Gewünschte; sie setzten sich, aßen und tranken, und wie nur etwas auf den Tisch kam, gleich war es verschwunden, der Kellner konnte nicht genug bringen. Endlich waren sie satt. Da kam der Wirt mit der Kreide und sprach: „Zahlen!“ Ja, ja, da fing ihre Not an. Der Wolf allein hatte den Mut zu reden und sprach: „Wir sind Studenten und wollen uns morgen etwas durch Ansingen verdienen und dann zahlen!“ „Das ist alles recht schön“, sagte der Wirt, „lasst indessen nur eure Mäntel zum Pfande!2 der Wirt aber hatte gleich beim Eintreten der Gäste gesehen, was für Zahler sie wären, und hatte im stillen den Kürschner herbeikommen lassen. „Mein Freund da, der Kürschner, wird das Ausziehen besorgen!“ Als sie den Namen Kürschner hörten, sprangen alle vier voll Entsetzen auf und eilten zur Türe, die war jedoch verschlossen. Der Kürschner und der Wirt suchten nun einen nach dem andern zu packen und zu binden: Der Bär brummte, der Wolf heulte, der Fuchs bellte, nur der Hase war stumm und starr vor Angst. Die Augen standen ihm heraus, der Diskant versagte ihm, und bis heute hat er die Stimme nicht zurückerhalten. Ja, das war einmal ein Gesang! Der Wolf und der Fuchs sprangen dem Kürschner und dem Wirt immer zwischen den Händen durch. Da fingen sie zuerst den Hasen, und das war leicht, denn er regte und rührte sich ja nicht vor der Stelle und sie nagelten ihn am Schwanz an die Wand. Dann machten sie sich über den Bären her; den überwältigten sie ohne große Mühe, denn er war alt und schwerfällig und nagelten auch ihn mit dem Schwanz an die Wand. Jetzt, Wolf und Fuchs, haltet euch! Die sprangen unter Geheul und Gebell wild herum, auf und ab, bald an die Tür, bald an das Fenster. In der äußersten Angst und Not sprang der Wolf noch einmal mit aller Kraft gegen den Fensterladen, der plumpste hinaus und der Wolf mit ihm; er brach ein Bein, raffte sich aber dennoch auf und lief Jammergeheul davon. Als der Fuchs das Fenster offen sah, sprang er sogleich nach; die Wirtin aber, die gerade Milchrahm zu Butter rühren wollte, hatte eben den Löffel in der Hand und stand an der Fensteröffnung. Als sie den Fuchs springen sah, schlug sie mit dem Löffel nach ihm, traf aber nur die Schwanzspitze, und die ist bis auf dem heutigen Tag weiß. Der Kürschner und der Wirt waren hinausgeeilt, um den Wolf zu fangen und den Fensterrahmen wieder einzusetzen, damit der Fuchs nicht hinaus könnte, indessen war dieser auch schon über alle Berge. Aber auch der Bär war nicht müßig. Als er die Öffnung bemerkte und den Wolf und Fuchs glücklich entwischen sah, zog er, riss und wand sich los, und- schubski! War er auch draußen; aber der Schwanz hing an der Wand. Auch dem Hasen war auf einmal der verlorene Mut wiedergekommen. Er machte es wie der Bär: er ließ seinen Schwanz an der Wand und- hast du nicht gesehen1 – war er davon. Und es konnte kaum etwas schneller sein als er. Er lief in einem Atem, ohne sich umzudrehen, in den Wald hinein.
Bis heute hat der Bär noch der Hase seinen Schwanz eingelöst, du kannst sie bei dem Medwischer Wirten, oder wenn nicht dort, bei dem Kürschner (d.h. bei jedem Medwischer Kürschner, wenn er noch lebt) sehen, und seit der Zeit sind der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase weder zusammen noch allein je auf dem Medwischer Margarethi gewesen. Es hatte ihnen wohl nicht angeschlagen, der schlimme Fuchs war noch am besten davongekommen. Sächsische Redewendung!“ Hartmut Gross

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