Auswandern von DE nach Siebenbürgen

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Jo46
schrieb am 21.06.2021, 19:38 Uhr
Lieber Jascha,
hier schreibt dir einer, der bereits 2017 entschieden hat, nach Siebenbürgen zu gehen. Außerdem war ich lange Jahre beruflich in mehreren Ländern des Balkans und habe auch da gelebt. Meine Frau stammt aus RO und - ebenso wie deine Frau aber nicht aus Siebenbürgen.
Ja Siebenbürgen hat einen gewissen Spirit und es gibt tatsächlich gute Gründe, sein Leben dort zu verbringen. Die Nachteile hast du tlw. schon hier im Forum kurz angedeutet, wobei sich gerade im Infrastrukturbereich schon einiges tut. Gewiß aber noch zu langsam, klar.
Ganz wichtig sind meiner Ansicht nach Kontakte - sowohl zu Deutschen vor Ort, als auch zur rumänischen Mehrheitsgesellschaft. Ich bin immer wieder neu erstaunt, wie vielfältig diese Kontakte sind.
Weil hier im Forum auf die Befindlichkeiten der vielen nach 1990 ausgewanderten Sachsen verwiesen wurde: ja, auch mein Eindruck ist, dass viele vor allem sich selbst gegenüber rechtfertigen müssen, warum sie die Heimat verlassen haben und daher jeden Deutschen der von hier nach RO geht, irgendwie nicht verstehen wollen oder ggf. tlw. auch nicht können.
Fakt ist aber, dass ich bspw. einen Menschen aus B/W kennen- und schätzen gelernt habe, der in meiner siebenbürgischen Stadt, in der ich künftig leben werde, geboren ist und sich ebenfalls mit Rückkehrgedanken beschäftigt.
Er hat mir dazu einiges von der damaligen Zeit (Anfang 1980er Jahre) erzählt und obwohl ich in der "DDR" aufwuchs, war das dann doch unter Ceaucescu eine ganz andere Nummer... Er versteht aber sehr gut meine Beweggründe und ich gebe auch gern zu, dass mein Risiko äußerst gering ist, weil ich in wenigen Jahren mein Berufsleben etwas vorzeitiger beende und kein wirtschaftliches Risiko mehr erwarte.
Im Falle eigener wirtschaftlicher Aktivität vor Ort, sehe ich schon gewisse Themen, mit denen man umgehen können muss...
In dem Sinne - viele Grüße und viel Glück bei eurem Start.
P.S. Falls Interesse zu ausführlicherem Austausch, dann gerne PM und ich melde mich.
Jo46
schrieb am 21.06.2021, 19:49 Uhr
Lieber Charlie,
das ist eine gute Antwort und Erklärung gewesen und ich kann sie tlw. aus eigenem Erleben bestätigen. Es gibt aber - wie fast immer - auch die Anderen: Sachsen, die tatsächlich zurückkehren und bspw. ein Unternehmen oder ein kleines Geschäft gründen. Kenne selbst solche Menschen und obwohl das Wirtschaftsleben in RO ja doch etwas anders funktioniert, ist mir kein Fall des grundsätzlichen Bereuens bekannt.
Was mich aber noch interessiert: was ist eigentlich mit den Kindern der ehemals ausgewanderten Sachsen? Sehen die eine Zukunft für sich in DE und wenn ja, welche? Ich vermisse eine größere Zahl derer, die sich wagen, in der Heimat der Vorfahren etwas zu riskieren.
Ein beliebter Spruch von mir: wenn man mit dem berühmten dt. Tugenden in RO ein Geschäft aufzieht und man sich nicht besonders dämlich anstellt, kann es eigentlich nur erfolgreich sein. Und ich kenne da eine Menge Beispiele von Rumänen, die sich einfach wirklich Mühe geben und oftmals besser agieren bzw. Kunden besser behandeln, als heutzutage in DE nicht selten. Und - oh Wunder - das klappt dann sogar richtig gut.
LG
Jo46
schrieb am 21.06.2021, 20:00 Uhr
Klasse Beschreibung des IST-Zustandes eines ehemals so wunderbaren Landes.
Honecker sagte Ende September´89 mal zu einem "Westreporter" "den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs, noch Esel auf".
Ich dachte damals: "der hat es immer noch nicht verstanden, dass es endgültig aus ist".
Und heute? Er hatte leider doch recht mit seiner Einschätzung und das hätte ich niemals für möglich gehalten.
Deutschland geht auf allen Gebieten mit schnellen Schritten in den Sozialismus, der als Klimasozialismus daher kommt.
Auch er wird - wie bisher alle Spielarten des Sozialismus immer in der Geschichte - gnadenlos an der Realität scheitern, aber ich persönlich will es nicht miterleben und hoffe - ohne Wunder zu erwarten - dass diese Entwicklung in Osteuropa auf genug Widerstand trifft.
Jo46
schrieb am 21.06.2021, 20:15 Uhr
Wo genau ist denn in dieser Antwort das Sach-Argument?
Jemanden persönlich anzugreifen (okay, es hält sich noch in Grenzen) ist recht einfach. Viel schwerer ist es dagegen, inhaltlich gegenzuhalten und gute Argumente vorzutragen.
Aber auch das ist leider in der heutigen Zeit in DE eines der großen Probleme. Es wird sehr oft ausschließlich persönlich ohne eine Argumentation in der Sache.
Warum ist das so?
Weil auch die Bildungsnation Deutschland leider Vergangenheit ist und Propaganda eben wirkt...
P.S. Ich habe einige der brennenden Sachthemen in einem anderen Posting heute hier bereits genannt, stelle aber eine Zusatzfrage: welches der drängenden Zukunftsfragen wurde durch die seit 16 (!) Jahren Regierenden einer Lösung zugeführt? Eine einziger Punkt würde mir als Antwort genügen...
Jo46
schrieb am 21.06.2021, 20:42 Uhr
Gutes Statement.
Ich bin mehrfach in Israel gewesen und kenne auch hierzulande einige Juden, wobei es die meisten hier nicht mehr offen zeigen (Kippa).
Wenn wir mal den dt. Zentralrat, d.h. die Funktionäre beiseite lassen, was sagt der normale Mitbürger jüdischen Glaubens zur Frage, von wem er bedroht wird? Kleiner Tip: es sind eher weniger bis gar nicht die Rechtsextremen. Wobei ich deren Antisemitismus, den es zweifellos auch gibt, hier nicht verharmlosen will. Und mit "rechtsextrem" meine ich die tatsächlich rechts-extremen und nicht die, die ständig von den anderen als solche bezeichnet werden.
Zweitens kann hier jeder deutsche Staatsmedien-Gläubige sich mal selbst fragen, ob die Zustände in Frankreichs Großstädten nicht Beleg genug sind, um die eingangs gestellte Frage ausreichend praxisnah zu beantworten?
Jascha
schrieb am 27.06.2021, 00:14 Uhr
Daß Jo46 sich Gedanken zu dem machte, was vorher von verschiedenen Teilnehmern hier geschrieben wurde, ist so offensichtlich wie erfreulich (ganz losgelöst davon, ob man ihm im Einzelnen zustimmen mag oder nicht).

Zitat Jo46:
Im Falle eigener wirtschaftlicher Aktivität vor Ort, sehe ich schon gewisse Themen, mit denen man umgehen können muss...

Spielst Du hier auf das Thema Korruption an?
Ich gestehe, daß dies für mich persönlich den größten Knackpunkt darstellt.
Seit ich Rumänien und Rumänen kennenlerne (seit nunmehr 14 Jahren), stellt dieses Thema einen wunden Punkt dar. Ich bin jemand, der Schwierigkeiten hat, Ungerechtigkeiten jedweder Art zu akzeptieren. Sicher ist die schlechte Entlohnung der meisten Arbeitnehmer in RO nach wie vor ein Skandal. Und das ist ohne Frage einer der Gründe, daß so viele Rumänen ihr Glück in der Fremde suchen. Unter unseren Freunden in RO haben wir die gesamte gesellschaftliche Palette: solche, die wie jeder andere ehrliche Mensch in der Welt versuchen, ihr Leben in Anstand und mit ehrlicher Arbeit zu bestreiten. Und jene, die, weil sie in Dienstleistungspositionen sind, potentielle oder tatsächliche Empfänger von allerlei Schmiergeldern sind. Fordern sie diese Gelder offensiv ein (und verweigern andernfalls die gewünschten Dienste) oder sagen sie lediglich nicht "nein", wenn sie unaufgefordert "beschenkt" werden? Wir trauen uns nicht, diese Fragen offen zu stellen. Wir schätzen diese Freunde. Und doch steht die Frage der Korruption unausgesprochen zwischen uns - ein im Grunde unauflösbarer Konflikt.
Was dieses Problem allerdings potenziert, ist die Tatsache, daß einige Menschen, die sich in solchen "Empfänger-Positionen" befinden, aus ihrer Machtposition für sich quasi feudalherrschaftliche Rechte ableiten. Mehr als einmal durften wir erleben, daß Ärzte oder Verwaltungsbeamte nach empfangenen Schmiergeldzahlungen es sich nicht nehmen ließen, die Zahlenden im Nachhinein mit unverhohlener Arroganz zu verhöhnen, sich über sie lustig zu machen oder sie zu demütigen. Machtpositionen gewissermaßen als Legitimation, sich im Ton zu vergreifen.
Ich gebe zu: an diesem Punkt mutiere ich vermutlich sehr leicht vom Gandhi zum Molotov.
Es ist nun eine Generation seit dem Systemwechsel verstrichen. Wie lange braucht es noch, um Grundsätzliches zu verändern? Die Diaspora hat sicher einen nicht zu unterschätzenden Einfluß. Ohne sie wäre die Wahl und Wiederwahl von Klaus Iohannis wohl nicht denkbar gewesen (ich erinnere mich an vier Stunden Wartezeit auf der Straße vor der rumänischen Botschaft in Bern - mit mitgebrachten Klappstühlen und Glühwein in der Thermos-Kanne, mit willkürlich verzögertem Ablauf der PSD-treuen Administration - in München oder London lief das weit weniger friedlich ab damals).

Zurück also zum obigen Zitat: muß ich mit so etwas umgehen können, wenn ich mich in Rumänien niederlasse?
Falls ja, wird das noch ein hartes Stück Arbeit...
bankban
schrieb am 27.06.2021, 08:18 Uhr
Es ist schwer und gewiss vielfach unfair, von kollektiven Mentalitäten zu reden. Dennoch gibt es bestimmte Daten, die sich schwer von der Hand weisen lassen. So z.B. ist der Fleiß, die Integrationsbereitschaft und die überdurchschnittliche Bildungsquote koreanischer und japanischer Migranten im Westen Gegenstand vieler Publikationen gewesen. Es scheint offenbar doch tradierte kollektive Verhaltensmuster zu geben. Auch bei Völkern.
36er
schrieb am 27.06.2021, 11:22 Uhr
Aufrechte Demokraten sollten die Korruption thematisieren, wo auch immer sie ihnen begegnet. Korruption schafft Mißstände und wird dazu als kriminelles Verhalten verfolgt, in der EU - also auch in Rumänien. Die Verniedlichung der Korruption hilft leider nicht. Jeder kann Rumänien und den Rumänen behilflich sein, durch konstruktive Kritik und Ablehung jeglicher Form von Korruption.
Jascha
schrieb am 19.07.2021, 19:28 Uhr
Zum Thema Fremdsprache:
sicher können Sprach-Apps ein Anfang sein. Und ja - es gibt gute und weniger gute. Wenn es aber um das ernsthafte Bemühen geht, die Sprache irgendwann fließend zu sprechen, dann kommt man letztenendes um das klassische Pauken nicht herum. Zumal die Gemeinsamkeiten zwischen Deutsch und Polnisch sowie Deutsch und Rumänisch >= null sind. Gewisse Startvorteile hat freilich, wer im Falle von Polnisch Vorkenntnisse in einer anderen slawischen Sprache und im Falle des Rumänischen Vorkenntnisse in einer anderen romanischen Sprache mitbringt.
So oder so: viel Glück und Erfolg!
Jascha
schrieb am 19.07.2021, 19:55 Uhr (am 19.07.2021, 20:16 Uhr geändert).
Zum Thema Korruption:
Was 36er dazu schreibt, ist selbstverständlich aller Ehren Wert. Und niemand würde hier grundsätzlich widersprechen. Doch was tun, wenn die nackte Wirklichkeit mich einholt? Wenn ich im konkreten Fall vor der Entscheidung stehe: ich schmiere den Gewerbeaufsichts-bzw. Ordnungsamts-Angestellten oder ich vergesse mein Geschäftsvorhaben. Ich schmiere den Arzt oder ich vergesse meine benötigte OP. Ich schmiere die Baubehörde oder ich vergesse den Carport, den Wintergarten, die Solarzellen auf dem Dach?
Mit uns befreundete Rumänen haben es zu bescheidenem Wohlstand gebracht, weil sie Teil eines, sagen wir mal, "Freundeskreises" sind, in dem man sich gegenseitig "Vorteile verschafft". In ihrem Fall (sie sind Gastronomen) bedeutet das, die ganze, gut 20köpfige Seilschaft 1x monatlich (unentgeltlich, versteht sich) mit einem üppigen Gelage zu bewirten. Im Gegenzug kommen sie unkompliziert an allerlei Bewilligungen. Und das nicht etwa im Haifischbecken Bukarest sondern im schönen und beschaulichen Hermannstadt. Wie solche Sümpfe trockenlegen? Wie solche Knoten zerschlagen?


36er
schrieb am 20.07.2021, 08:09 Uhr
Es gibt kein Patentrezept und leider gibt es auch keine schnellen Erfolge. Korruption sollte thematisiert und geächtet werden - Punkt! Ein kleines Beispiel: sehr viele Siebenbürger Sachsen beteiligten sich nicht aktiv und engagiert am sozialistischen Staat. Sie lehnten das System und seine schädlichen Auswirkungen auf Gesellschaft und Bürger vielmehr ab. Wirkungsvoll konnten diese Siebenbürger das sozialistische System nicht bekämpfen, das war gefährlich. Also machten sie einfach nicht mit und konzentrierten sich darauf so zu leben, wie es eben möglich war. Heute wissen wir, daß dieser stille Protest zwar langsam aber auf eine besondere und anerkennungswürdige Art gewirkt hat. Wo soll sich eine Gesellschaft bloß hin entwickeln, wenn alle das falsche Spiel mitmachen - und es sich schön reden:.. es sei halt so leichter..... und schließlich würde die Mehrheit mitmachen?? Wer auswandert geht neue Wege. Habt dann als Auswanderer bitte auch den Mut aufrechte Bürger zu sein - und werft nicht einfach Werte und Prinzipien über Bord, bloß weil Euch das eine undisziplinierte und korrupte Bande Vorleben will!
Jascha
schrieb am 24.07.2021, 22:56 Uhr
Dem, was 36er schreibt, kann ich nur vorbehaltlos zustimmen.
Wir gehen nicht vollkommen naiv an unsere Auswanderung heran. Für die ein oder andere Hürde - im Großen wie im Kleinen - braucht es sicher einen langen Atem. Allein, Land und Leute haben bereits ihre Anker in unsere Herzen geworfen. Und jeder Aufenthalt in der neuen Heimat (kommenden Mittwoch geht es wieder los) festigt ein Gefühl des Daheim-Seins. Selbst die Rückkehr aus der Schweiz in meine erste Heimat Deutschland ginge nicht ohne Brüche vonstatten. Daher wandelt sich bei uns das Fernweh nach Siebenbürgen, fast ohne daß es uns bewußt wird, in ein Heimweh.
Harvestwengd
schrieb am 26.07.2021, 08:49 Uhr
Hallo Hubert, nach 5 Jahren Rückkehr nach Siebenbürgen kann ich Sie nur in Ihrer Entscheidung unterstützen. Und zwar mit Rat und Tat (Tipps und Ausfahrten in verschiedene Ecken 7-Bürgens). Ich wohne zur Zeit in Hermannstadt. Schönen Gruß in den Hunsrück, Brunhilde
brunhilde.boehls@gmail.com

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