Lyrik - wenn Emotionen sich zum Wort melden

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Kurt Binder
schrieb am 07.12.2022, 13:07 Uhr
Herbstlicher Dialog

“Guten Morgen, Morgen!“,
grüßte ich den Morgen.
Er grüßte zurück -
kalt, grau, schweigend.
„Wie wird es heute?“,
erkundigte ich mich.
Er schwieg, nass und kalt.
Ich nickte. „Und morgen?“
Grau schweigend seine Antwort.
“Nicht schlecht!“, sagte ich.
„Wann kommt die Sonne?“
Nass und grau sein Schweigen.
“Und der Schnee?“, setzte ich nach.
Schweigen – jedoch kälter,
nasser und gräulicher ...

Und es geschah genau so,
wie er es geschwiegen hatte!


Tarimona
schrieb am 17.12.2022, 19:19 Uhr
Gerade wenn der Winter kommt, fühlt man sich oft dem Sommer verbunden. Und so gerne möchte man manchmal ein Federkleid und einfach davon fliegen. Aber träumen darf man ja und was alles in einem wohnt, tja, wer weiß :-)

Schwanengesang

Im Schwanenkleid gleit ich dahin
ganz unbemerkt und leise
erforsche still des Lebens Sinn
allein auf meine Weise

Manchmal leg ich die Federn ab
und tanz mit den Gezeiten
entferne mich vom irdnen Grab
entdeck der Welten Weiten

Der Wind spielt sanft mit meinem Leib
die Sonne neckt die blasse Haut
der Regen weckt in mir das Weib
und vor Freude schrei ich laut

Leg wieder an das Federkleid
und folg des Lebens Wogen
trag in mir jene freie Zeit
fühl mich um nichts betrogen

Gelebt als Schwan, getanzt als Frau
gelacht als Kind, als Mensch geweint
und niemals war das Leben grau
mit Flügeln und Beinen fest vereint.
Kurt Binder
schrieb am 21.12.2022, 10:02 Uhr
In Deinem Gedicht, liebe Tarimona, ist es Dir gelungen, Träume und Sehnsüchte mit einer Intensität zum Ausdruck zu bringen, die uns Lesern Deine Empfindungen lebendig nachvollziehen läßt.
Sicherlich schlummert in uns allen der geheime Wunsch, gelegentlich aus der Eintönigkeit unsres materiellen Seins, dem ‚irdenen Grab’ in die Unendlichkeit des spirituellen Universums ausbrechen zu können. Diese Metapher begeistert mich, und auch, wie Du in der letzten Strophe Deine vielgestalte Persönlichkeit deutlich gegliedert darstellst - und Dich zu ihr bekennst. Dennoch spricht aus dieser Auseinandersetzung kein Bedauern oder Resignation, sondern Akzeptanz und Optimismus!

Ich sehe im ‚Schwanengesang’ eine Lebenshaltung, die sich dem Unabdingbaren zwar fügt, sich aber ‚mit Flügeln und Beinen fest vereint’ die Option offen hält, sich bei Bedarf hoch über den oft belastenden Ernst des Lebens schwingen zu können! Es wäre durchaus denkbar, ‚des Lebens Sinn’ erst in den höheren Sphären zu entdecken!

Kurt Binder
schrieb am 24.12.2022, 06:18 Uhr
Stille Nacht

Sanft schweben sie herab -
winzige Sternchen
zu Flocken verkrallt,
bedecken sie in andächtiger Stille
die Natur zum friedlichen,
erholsamen Winterschlaf.

Doch das Licht ist warm,
das aus der Kälte leuchtet -
durch das Dunkel der Nacht
flutet es zu uns,
füllt wohlig wärmend
auch die einsamsten Herzen
mit Zufriedenheit -
und mit Hoffnung
auf ein bisschen Glück ...


Ich wünsche allen Freunden und Lesern unsres Forums einen entspannten, angenehmen Weihnachtsabend und geruhsame Feiertage!

Herzlichst euer Kurt
Tarimona
schrieb am 29.12.2022, 09:20 Uhr
Kurt, ich fühle mich reich beschenkt. Ich sehe die Flocken tanzen, spüre wie eine auf meiner Nasenspitze landet. Du lässt einen Kind sein und gleichzeitig die winterliche Kälte mit dem Abstand der Jahre betrachten.
Hoffe du und ihr alle hattet friedliche Weihnachtsfeiertage.
Tarimona
schrieb am 01.01.2023, 00:56 Uhr (am 01.01.2023, 00:57 Uhr geändert).
Euch allen ein frohes und glückliches Neues Jahr!

Abschied von 2022

Wir haben gelacht,
wir haben geweint
und all das
war in 2022 vereint.

Wir haben gefunden
wir haben gesucht
und sehr oft
das Jahr 2022 verflucht.

Wir haben gelebt,
wir sind gestorben
und wünschten so oft
2023 wäre schon morgen.

Wir waren uns einig,
haben uns entzweit
und sind nun gemeinsam
für 2023 bereit.

In diesem Sinne - machen wir das beste aus dem Neuen Jahr!
Kurt Binder
schrieb am 04.01.2023, 10:20 Uhr
Ein Jahr in vier Vierzeilern

Und wieder ist es Dir gelungen, liebe Tarimona, unsren Blick auf das Wesentliche zu lenken.
Mich begeistert die Originalität, nit der Du in kurzer Form, unter Berücksichtigung unsrer Emotionen und unsrer Vergänglichkeit, die Rastlosigkeit und unsre ständige Konfliktbereitschaft als unabdingbare Voraussetzung für unser Fortbestehen erkennst - und damit den tieferen Sinn unsres Lebens.
Nimrod
schrieb am 04.01.2023, 12:19 Uhr
Der tiefere Sinn des Lebens, wer kennt ihn schon ? Vielleicht erfährt jeder Einzelne das erst im Jenseits für sich persönlich. Das Gedicht zum Jahr 2022 ist zeitlos und kann mit seiner Aussage so in jedem Jahr bedacht werden.Die Gesellschaft vollzieht aber jetzt einen Wandel wie schon lange nicht mehr und nähert sich der Apokalypse sehr bedenklich. Auch das müssen wir erkennen und beachten. Genauso wie den Klimawandel. Egal ob wir das in trockenen Sätzen ausdrücken oder lyrisch verbrämt.
Kurt Binder
schrieb am 08.01.2023, 07:26 Uhr
Scherzo, ma non troppo

Brach, leer, ausgelaugt -
es sind Wunden, Empfindungen,
die mich in diesem Augenblick
schmerzen, hineinwuchten
in den Schlamm der Bedeutungslosigkeit.

Der letzte Funke
glimmte nur noch, flüsterte zag:
“Brach, leer, aus ... ge.... laugt“ –
und fand erlöschend die Erlösung
in der Asche seiner selbst.

Dennoch reihte ich weiter
Vers an Vers,
sinnlos, mutlos, ohne Glauben -
es sollte mein Vermächtnis werden
an alle Unvermögenden
dieser spirituell-kreativen Welt.


Doch hierzu rät der 13-Sternekoch:

Vergiss den geleerten Schreiberling - und nimm dir einen gefüllten Truthahn vor!
Maikind
schrieb am 13.01.2023, 09:24 Uhr (am 13.01.2023, 09:27 Uhr geändert).
Liebe Schreibende, Liebe Lesende

es bewegt uns alle
ich maße mir an zu sagen
SEHR
was in der Welt und um uns passiert

es beschäftigt mich die Frage
warum es die Menschheit nicht schafft Mensch zu sein und zu bleiben
lernen wir denn nicht dazu??
der jungen Generation zuliebe und unserer Würde entsprechend
mit Liebe und Achtung zu Leben?
nicht ausgeschlossen die Achtung vor sich selber.

die Gedanken in Versform

Was hält mich fest?

wenn nahe Brücken brechen?
wenn Blüten unsichtbar,
das Grün, im Straßengrau vergeht
wenn Kinder unhaltbar
um ihre Hirne zechen
und wilder Wind das Schild verweht.

Was hält mich fest

im Arm, wenn Füße kränkeln
und dem geliebten Baum
die Rinde um die Krone platzt
wenn mir im Traum
die Sterne nicht mehr funkeln
und mich die Angst der Ketten hetzt?

Dann hält mich fest

mein Lied aus Kindertagen
wenn Purzelbäumeglück
die Arme um die Sonne schlägt
im kleinen Schritt ein Stück
der Welt in Händen tragen
so wie ein Kätzchen, welches selig schläft.
Kurt Binder
schrieb am 22.01.2023, 07:56 Uhr
Ein aufrüttelnder Querschnitt, liebe Ute, auf unser marodes Sein gerichtet, das heute rücksichtslos und ohne Vorausblick und Verantwortung für die Zukunft mehr und mehr zerstört wird.
Existenzangst und Zweifel an uns werfen die berechtigte Frage auf, ob unser Handeln heute noch mit „Mensch sein“ vereinbar ist, oder ob wir uns schon längst mit einem One Way Ticket auf dem, durch unser Vorpreschen auf allen Ebenen die Natur und uns selbst zerstörenden Weg befinden!
Trotz allem werden im Alter manchmal recht merkwürdige Sehnsüchte wach ...


Impression

Kein Roter Teppich, Winter -
von Skepsis wird dein Einzug begleitet.
Der Ostwind – bloß ein lauer Hauch,
der Schnee – Fehlbetrag,
nur Staubzucker, darunter grün –
wen juckt das schon?

Das waren noch Zeiten,
als das Kind in uns erwachte,
Schneebälle klatschten ins Gesicht,
und manches Auge bläute,
doch wir lachten -
was will man mehr?

Und ich verspüre Sehnsucht -
nicht nach der Romantik
verschneiter Fluren im Mondschein -
o nein, größer ist mein Traum:
Ich will noch einmal
einen Schneemann bauen!

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