Siebenbürger Sachsen
Kommen sie wirklich aus Sachsen?
Entgegen ihrem Namen stammen die Siebenbürger Sachsen nicht aus dem heutigen Freistaat Sachsen. Die ersten Siedler wanderten ab der Mitte des 12. Jahrhunderts unter dem ungarischen König Géza II. aus dem Rhein-Mosel-Gebiet, Flandern, Luxemburg und der Eifel aus. Er hatte die Wehrbauern und Handwerker ins Land gerufen, um die dünn besiedelten Ostgrenzen seines Reiches gegen Nomadenstämme zu sichern und wirtschaftlich zu entwickeln.
In der mittelalterlichen ungarischen Kanzleisprache wurde der lateinische Begriff saxones pauschal als Sammelbezeichnung für alle deutschsprachigen beziehungsweise privilegierten Siedler aus dem Westen verwendet. Die Gruppe übernahm diesen Namen später als Eigenbezeichnung.

Karte: Hans-Werner Schuster
Was ist Siebenbürgisch-Sächsisch?
Die traditionelle Mundart (das Sächsische) ist daher auch kein sächsischer Dialekt, sondern eine moselfränkisch basierte Reliktmundart. Sie gehört zu den ältesten noch erhaltenen deutschen Siedlersprachen. Für Außenstehende klingt sie oft ähnlich wie Luxemburgisch oder bestimmte Dialekte aus dem Raum Trier/Köln.
Fast jedes der rund 250 sächsischen Dörfer entwickelte eine eigene, leicht unterschiedliche Ortsmundart. Für viele Siebenbürger Sachsen ist die Mundart ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität und ein sozialer und emotionaler Anker.
Das „Andreanum“ und der Sonderstatus
Im Gegensatz zu Bauern im mittelalterlichen Deutschland, die meist Leibeigene waren, genossen die Siebenbürger Sachsen durch den „Goldenen Freibrief“ des ungarischen Königs Andreas II. von 1224 weitreichende Privilegien. Dank dieser Urkunde, „Andreanum“ genannt, besaßen sie persönliche Freiheit, eigene Gerichtsbarkeit und das Recht, ihre Pfarrer und Spitzenbeamten selbst zu wählen. Diese frühe Form der demokratischen Selbstverwaltung (die Nationsuniversität) ist ein für das europäische Mittelalter einzigartiger rechtlicher Sonderstatus.
Trotz – oder gerade wegen? – der Isolation inmitten anderer Völker bewahrte die Gemeinschaft ihre Bräuche und sozialen Strukturen (wie die Nachbarschaften zur gegenseitigen Hilfe) bis ins 20. Jahrhundert.

„Ad retinendam coronam ...“ – zum Schutze der Krone und zur Urbarmachung des Landes wurden die Siedler vom ungarischen König angeworben und dafür mit Privilegien belohnt. Dem Zeitgeist entsprechend wird deren Einwanderung und die Gründung von Hermannstadt in der Heliogravüre des deutschen Schlachtenmalers Georg Bleibtreu (1828-1892) heroisch dargestellt.
Warum sind fast alle weggegangen?
Nach den Traumata des Zweiten Weltkriegs (Zwangsarbeit in der Sowjetunion, Enteignungen) lebte die Minderheit im kommunistischen Rumänien unter Diktator Nicolae Ceaușescu. Ab den 1970er Jahren „verkaufte“ das Regime rund 240.000 Rumäniendeutsche gegen Kopfgeldzahlungen (in bar oder als Wirtschaftshilfe) an die Bundesrepublik Deutschland.
Als im Winter 1989 das Ceaușescu-Regime stürzte, brachen alle Dämme. Innerhalb kürzester Zeit wanderten rund 90 % der verbliebenen Sachsen als Aussiedler bzw. Spätaussiedler nach Deutschland aus. In Siebenbürgen lebt heute nur noch eine kleine Minderheit von rund 13.000 bis 16.000 Siebenbürger Sachsen. Die weitaus größte Gruppe (ca. 200.000–250.000 Menschen) lebt heute in Deutschland (vor allem in Bayern und Baden-Württemberg) sowie in Österreich, Kanada und den USA.
Rückkehr und Erbe
Viele ausgewanderte Sachsen reisen im Sommer zurück nach Rumänien, um ihre alten Heimatdörfer zu besuchen, Denkmäler zu sanieren oder bei Treffen wie dem „Großen Sachsentreffen“ in Hermannstadt (Sibiu) teilzunehmen. Einige wenige wagen sogar die dauerhafte Rückkehr.
Siebenbürger Sachsen beim Oktoberfest