Altes Haus - Brücken in die Vergangenheit

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Doris Hutter (Moderator)
schrieb am 25.06.2020, 19:38 Uhr
Herrliche Geschichte!
Kurt Binder
schrieb am 01.07.2020, 12:50 Uhr
Liebe Siebenbürger, ich habe da ein Frage:
Ich erinnere mich genau an den Tag, als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die ersten deutschen Soldaten mit Panzern, Lastwagen und schwerem Gerät in Hermannstadt eingerollt sind, umjubelt von unsren Landsleuten.
Erinnert sich jemand, wann die deutsche Front durch Rumänien zurückgeschlagen wurde, und – sehr wichtig! - ob und wann bei diesem Rückzug deutsche Truppen auch durch Hermannstadt gekommen sind?
Konkret: Waren am 23. August 1944 noch „reichsdeutsche“ Soldaten in Hermannstadt? Soviel ich weiß, haben in Hermannstadt direkt keinerlei Kampfhandlungen stattgefunden.

Danke im Voraus für eure diesbezüglichen Informationen!

Kurt Binder
schrieb am 02.07.2020, 10:21 Uhr
Hier geht es um die Wurst

Tatort: Bukarest, Drumul Taberii, Barackenunterkünfte der 1. Kompanie-MFA*- Construcţie
Tatzeit: 19. Juli 1956, ab 18:47 Uhr osteuropäischer Sommerzeit
Tatmotiv: siehe Titel

Eines der wenigen willkommenen Ereignisse im Leben der am Bau malochenden Soldaten waren die von ihren Angehörigen gesendeten Pakete, die jedem damit Bedachten im Idealfall einen kulinarischen Höhenflug bescheren sollten. Der Empfang einer solchen Sendung verlief immer nach dem gleichen Muster.
Der glückliche Empfänger - nennen wir ihn Costică - setzt sich also auf sein Bett und blickt erst ungläubig auf das meist unbeholfen in Papier oder Sackleinwand gewickelte und mehrfach mit Spagat verschnürte Bündel, durch das der klassische Duft von Knoblauch wie ein Omen bevorstehender orgastischer Gaumenfreuden den Inhalt freizügig bekundet. Dann streichelt er das Bündel unter selbstauferlegter Spannungsfolterung, um zu Gunsten der Vorfreude den eigentlichen Genuss noch ein Weilchen hinauszuzögern.
Mein lieber Costică, zöger nicht zu lange, denn das Unheil ist bereits unterwegs. Von der alles durchdringenden, die geblähten Nüstern reizenden Botschaft motiviert, setzen sich gleichzeitig ein halbes Dutzend Kameraden aus allen Ecken der Baracke in Bewegung. Sie pirschen sich wie zufällig an den verdutzten Costică heran und setzen sich zunächst in respektvollem Abstand auf die Betten um ihn herum. Allerdings verraten ihre entschlossenen Blicke, dass sie sich nicht nur nach seiner Gesundheit erkundigen wollen.
Der Sketch beginnt mit den erstaunten Worten:
„Oh, ai primit pachet?” "Oh, hast du ein Paket bekommen?" Auf diese quasi-rhetorische Frage, die in der Betonung mehr nach einer Feststellung klingt, nickt der Noch-Paketbesitzer befangen und sehr langsam. Im Verständnis der Kameraden bedeutet dies, näherkommen zu dürfen – eine stumme Aufforderung, der ohne zu zögern in weniger als zwei Sekunden Folge geleistet wird. Und während Costică beginnt, die zahlreichen Hüllen zu schälen, verleihen die nach und nach immer intensiver strömenden Aromen den Augen der interessiert Zuschauenden einen ätherischen Glanz. Dieser steigert sich stante pede zu einem förmlichen Wetterleuchten, als Costică, um sich schielend die erste Wurstscheibe in den Mund schiebt und, verfolgt von den erbarmungslosen, hungrigen Blicken seiner Zaungäste schüchtern zu kauen beginnt.
„E bun?" „Schmeckt's?" Spätestens ab dieser überflüssigen Frage erleidet der weitere Verlauf der Essung eine dramatische Wende. Der verhinderte Kauer flüstert nämlich, moralisch genötigt, so leise er kann:
„Da, gustaţi, dacă vreţi!” „Ja, kostet, wenn ihr wollt!“ Tja, hätte Costică diese Worte auch nur geträumt, so hätten sich sofort alle zu Traumdeutern qualifiziert. denn im nächsten Augenblick wird ein halbes Dutzend Taschenmesser, die Briceaguri gezückt, und die hungrige Soldateska rückt in corpore den Würsten gnadenlos auf den Leib, bzw. auf die Pelle. In unvorstellbarer Geschwindigkeit wird Scheibe um Scheibe abgesäbelt, wobei sich die kreuzenden Klingen manchmal berühren, ohne jedoch den Danebenkauer zu verletzen. Das ist ebenfalls erstaunlich, da ja die allseits grabschenden fettigen Finger die Funktion der hier ihres Dienstes enthobenen Gabeln ausüben. Es ist ein wahre Fressorgie, die sich in jeder Hinsicht um Vollkommenheit bemüht. Die blitzschnell herumfuchtelnden Klingen der Taschenmesser haben offensichtlich den sowjetischen Komponisten Chatschaturjan in seinem Ballett Gayaneh intuitiv zu dem furiosen Säbeltanz inspiriert!
Costică muss sich aus Sicherheitsgründen von dieser genussvoll schmatzenden Korona fernhalten. Zu seiner Beruhigung erfährt er aber nachher, dass es den Kameraden geschmeckt hat, obwohl in der Bratwurst zu wenig Knoblauch, im Telemea-Käse zu viel Salz und in der Leberwurst überhaupt kein grüner Pfeffer drin war.
Zum Abschluss dieses lukullischen Festmahls tun die gefüllten Mägen für gewöhnlich ihre Zufriedenheit kund, indem sie vom Zwerchfell unterstützt einige Bäuerchen dezent zur Decke röhren. Zum Umweltschutz kann dann die sich verbreitende Duftglocke von eventuellen Unsatten als Dessert inhalliert werden. Dies geschehe jedoch am besten erst nachdem die Wurst-Scharfrichter nach einigen Schlucken 50%-iger Ţuica de prune die Umluft noch würziger veredelt haben. Andere Beweise, dass es ihnen auch wirklich „geschmacket hat", sind mir nicht mehr bekannt.

Ja, so war es damals, und ich habe es selbst erlebt. Vielleicht hab ich stellenweise ein wenig übertrieben - aber wirklich nur ein ganz klitzekleines bisschen!

*MFA: Ministerul Forţelor Armate
Kurt Binder
schrieb am 09.07.2020, 11:54 Uhr
Als Tata spazieren ging

Der Abschied meines Vaters infolge des Frontwechsels vom 23. August 1944 war für unsre Familie das tragischste Schlüsselerlebnis, mit weitreichenden Folgen auf allen Ebenen. Er wurde, wie auch viele andere Siebenbürger Sachsen auf das beflissene Betreiben von Andreas Schmidt 1943 in die Waffen-SS eingezogen, und befand sich gerade in einem dreitägigen Urlaub zu Hause.
Mama hatte uns Kinder am Vormittag aus dem Ferienaufenthalt in Burgberg abgeholt, und noch während wir mit der legendären Kleinbahn, der „Wusch“ in Richtung Hermannstadt zuckelten, erfuhren wir von dem ekstatisch sich gebärdenden Schaffner von der Kehrtwendung Rumäniens. Zu Hause angekommen, redeten meine Eltern aufgeregt miteinander, und aus ihren Gesprächen hörte ich nur Bruchstücke heraus, deren Sinn ich nicht verstand. Ich fühlte aber, dass beide Angst hatten, große Angst vor etwas Bevorstehendem, in dem Krieg, Deutschenhass, Rache und andere bedrohliche Wörter wiederholt vorkamen. So verlief der ganze Nachmittag in einer Atmosphäre von Unruhe und spürbarer Nervosität.
Am Morgen des nächsten Tages, den 24. August, kam dann ein Anruf von der Standortkommandantur auf dem Großen Ring, mein Vater solle sich bis auf Weiteres bereithalten. Er zog seine Uniform an und prüfte das Gewehr und die Pistole. Mama legte zwei Hemden, Socken, ein Handtuch, das Feldbesteck, etwas Wegzehrung und die mit Kaffee gefüllte Feldflasche aufs Bett, was er mit zitternden Händen in den Tornister packte. Im Radio wurde von dem Vormarsch der Roten Armee berichtet, die bereits die Nordmoldau besetzt hatte und zu einer Gro0offensive startete.
Am frühen Nachmittag kam ein weiterer Anruf, mein Vater solle sich sofort in Uniform und mit vollem Marschgepäck bei der Standortkommandantur melden. Bevor er fortging, umarmte er uns noch einmal, und küsste meine kleine Schwester Inge auf ihre Pausbäckchen. Sie war damals fast vier Jahre alt und trug in ihrem kastanienbraunen Haar eine große, weiße Masche. Sie fragte meinen Vater leise:
„Gehst du spazieren?“ Tata unterdrückte mit Mühe die Tränen.
„Ja, aber ich komme bestimmt bald wieder!“ Meine Mutter begleitete ihn auf den Großen Ring, wo sich das Amt des Ortsgruppenleiters befand. Als sie zurückkam, erzählte sie uns, dass einige Leute hinter ihnen hergepfiffen und gerufen hätten, sie sollten doch zum Hitler gehen, und was sie noch hier zu suchen hätten! Mama war dann auf einem großen Umweg zum Glück unbehelligt nach Hause zurückgekommen.
Tata haben wir nicht wieder gesehen.

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