Altes Haus - Brücken in die Vergangenheit

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Kurt Binder
schrieb am 07.09.2020, 09:38 Uhr
Dein Wunsch ist mir Befehl. liebe Ute, Story kommt in Kurtse -
wir müssen nur aufpassen, dass uns die Foren-siker nicht entdecken! Da sich schon mancheiner beim Lesen unsrer Geschichten totgelacht hat, bei der nächsten aber kreuzfidel wieder da war, liegt der Verdacht nahe, dass er sich zum Zombie gewandelt hat!

Rückwirkend zum Spatzendrama:
Hätte das nicht eine leckere Spatzensuppe gegeben? Wenn man bedenkt, das täglich Millionen von Hühnern geköpft werden, wäre das gar nicht so pietätlos gewesen ... ;-))

Kurt Binder
schrieb am 07.09.2020, 11:52 Uhr
Singe, wem Gesang gegeben
„Glücklich ist, wer seine Grenzen zeitig erkennt!" (nicht von Konfuzius)

Im Herbst des Jahres 1959 fand in Hermannstadt auf Betreiben des Volksrates im Stadttheater ein sogenanntes „Program artistic“ statt. Dies war ein Programm, das den kulturhungrigen Genossen sowohl musikalische Darbietungen als auch vergnügliche Sketche anbot. Als dankbare Inspirationsquelle dienten oft ausländische Filme.
Und als eines Tags im Kino der französische Musikfilm „Cîntăreţul mexican“ (Der mexikanische Sänger) lief, in dem Luis Mariano den Song „Mexico“ sang, hörte man in den darauf folgenden Wochen und Monaten privat, im Park oder in Restaurants dies Lied von kleinen Möchtegern-Marianos trällern, mit oder ohne Gitarrenbegleitung. Es degenerierte bald zum lästigen Gassenhauer. Doch gerade diese nervtötende Gewohnheit war die Voraussetzung für einen Impuls, den ich durch die folgenden Goldenen Worte einer lieben Kränzchenfreundin erhielt:
„Kurt, du kannst ja so gut jodeln; willst du nicht auch mal das Mexico-Lied auf der Bühne singen?“ Ich erfreute mich in der Tat einer beachtlichen Kopfstimme. Während unsrer häufigen Gebirgswanderungen hatte ich des Öfteren aus lauter Lust an der Freud einen Jodler gezückt, der nicht selten von den gegenüberliegenden Bergwänden zurückgejodelt wurde.
Es ist mir nicht mehr gewärtig, wo und wie ich mich für die Teilnahme an diesem Program beworben hatte. Da nur noch wenige Tage bis dahin vor mir lagen, übte ich jeden Tag mehrmals diesen vor Lebens- und Liebesfreude sprühenden Song - vor dem Spiegel! Ich studierte genau meine Körperhaltung, die Bewegungen meiner Arme, die Grätsche der Beine, die Hüftschwünge sowie alles, was die Wirkung eines völlig unbekannten Sängers auf das Auditorium positiv unterstützen könnte. Da befand ich mich sogar besser als Mariano, denn der stand stocksteif wie ein Besenstiel da. Zwar wurde mir kurz vor der Aufführung mitgeteilt, dass die Darbietungen den Charakter eines Wettbewerbs zwischen den Teilnehmern hätten. Das störte mich nicht, weil mir ja der Spiegel meine Vollkommenheit täglich bestätigt hatte.
Ein einziger Schatten trübte dieses ansonsten recht aussichtsreiche Unternehmen: Ich konnte mir keine Texte merken! Und dieser Text war – französisch! Also büffelte ich eben so gut ich konnte, und schrieb mir für alle Fälle den Text der Strophen auf den linken Unterarm – tja, und dann war es so weit.
Der Akkordeonspieler, der mich begleiten sollte, sah mich aufmunternd an - ich ihn auch, denn ich war ihm vorher nie begegnet. Die Ansagerin kündigte uns an, der Vorhang schwang zur Seite – und da standen wir beide im blendenden Scheinwerferlicht, den neugierigen, erwartungsvollen Augen des Publikums schutzlos preisgegeben. Das Akkordeon spielte ein paar einleitende Akkorde, der Spieler zischte mir zu: „Mi bemol major - dăi drumul!“ (Es-Dur – leg los). Ich fragte mich noch, warum mir der Kmabe die Tonart mitteilte? Die muss doch er wissen. Und dann legte ich los.
Der Song hat mehrere Strophen. Die ersten paar Verse kamen mir flott über die Lippen. Meine Stimme klang klar und hell, und im Publikum konnte ich sogar mehrere wohlwollend lächelnde Gesichter erkennen. Es stimmte alles, und sogar meine Körperbewegungen – eine Mischung aus Balett, Pantomime und Kriegstanz der Krähenindianer – waren deckungsgleich mit meinem Spiegelbild. Doch dann passierte es.
Kurz vor dem Ende des Refrains „Mexico, Me ... xi ... iiii ...coooo“ fielen mir die nächsten Verse nicht mehr ein. Ich versuchte den Text von meinem Unterarm abzulesen, doch hatte ich leider ein langärmliges Hemd an. Owohl ich verzweifelt versuchte, den von mir mit Stärke behandelten und steifgebügelten Ärmel hochzuschieben, rutschte das widerspenstige Miststück, meinen Auftritt sabotierend immer wieder zurück und verdeckte meinen biologisch-dynamischen Spickzettel. Ich hielt das „ ... iiii ... “ so lange wie möglich, das Akkordeon klimperte eisern mit und wiederholte sekundenlang geduldig denselben Akkord - doch dann ging mir die Puste aus, und ich konnte das „... cooo“, einer Ohnmacht nahe nur noch hauchen.
Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen – und der Protagonist des Abends, der Genosse Binder Kurt begann zu improvisieren. Die französische Sprache war mir genügend geläufig, um einen spontan gebastelten Text mit ziemlich französisch klingenden Worten überzeugend in den Saal wallend schallen zu lassen. Zugegeben - ich schwitzte Kümmelsuppe, doch im Saal hatte sich die Anzahl der lächelnden Gesichter exponentiell vervielfacht Und als ich dann beim finalen „Me ... xi ... iiee ...“ das „cooo“ eine ganze Terz höher im hohen C endlos zwitscherte, bis mir der Musikus zurief: „Ajunge, măăă!“ (das reicht, duuu!“), und ich meine Arme zur Salldecke hob, als wolle ich meine Huldiger segnen, tobte der Saal los. Ein donnernder Applaus, garniert mit den immer wiederkehrenden Rufen „Bis ... bis ...!“ („Wiederholen!“) Erst dann erfasste ich die Sachlage voll und ganz: Die Ovationen des Publikums galten - mir! Und ich verneigte mich, wie ich es in Konzerten gesehen hatte, mehrmals, und immer wieder und wieder. Schließlich schloss sich der Vorhang von links und rechts vor meiner Nase, doch ich schob ihn beiseite, trat vor und setzte meine Verneigungen hartnäckig fort. Und die Leute riefen weiter: „Bis, bis!“
Bis sich hinten in meinen Hosenriemen ein dicker Wurschtfinger einhakte und mich mit einem kräftigen Ruck durch die wehenden Hälften des Vorhangs hindurch auf die Bühne zurückzog. Ich riss mich los und wollte mich wieder durch den Vorhang ins jubelnde Rampenlicht wurschteln - doch da stand bereits die Ansagerin und enttäuschte die Leute mit den kunstverachtenden Worten:
„Ne pare rău, dragi tovarăşi, dar la concurs nu se bisează!“ (Es tut uns Leid, liebe Genossen, aber bei einem Wettbewerb wird nicht bisiert!)
Nun, abgesehen davon,, dass ich den Text bei einem Bis sowieso nicht hätte wiederholen können, und abgesehen davon, dass mich nachher auf der Straße jemand lächelnd fragte, in welchem französischen Dialekt ich denn gesungen hätte, war dieser Auftritt wohl das Apogäum meiner Sängerkarriere – ich hatte meine Grenzen erkannt!

Lybelle
schrieb am 07.09.2020, 15:20 Uhr
Mensch Kurt, zum Schießen gut. Tja man muss halt auch improvisieren können. 👍👍👍😆😆😆
Maikind
schrieb am 11.09.2020, 17:48 Uhr (am 11.09.2020, 17:49 Uhr geändert).
Mein Applaus Kurt!!
im Nachhinein kann man immer gut lachen über solche außergewöhnlichen Ereignisse.
Kurt Binder
schrieb am 15.09.2020, 10:00 Uhr
Die Leiden der jungen Werther

Viele Erlebnisse aus meiner relativ spät angesetzten Studentenzeit in Klausenburg sind mir in amüsanter Erinnerung geblieben. Zum Zeitpunkt des folgenden Geschehens wohnten wir im Jungenwohnheim in einem winzigen Zimmer, zu sechst in drei Etagenbetten verteilt. Nun, so merkwürdig es auch klingen mag, aber an das räumliche Problem hatten wir uns schnell gewöhnt und entsprechende Verkehrsregeln eingeführt. Doch da war noch etwas ...
Kommilitone Laurenţiu war schwer verliebt. Seine Angebetete hieß Laura, und wenn er mit verzückten Augen von ihr schwärmte und ihren Namen in den Raum hauchte, war es uns allen klar: Laura und Laurenţiu waren zweifellos füreinander bestimmt. Seine Liebe zu ihr wurde zwar erwidert, denn Laurenţiu war ein gutaussehender, blonder Junge. Doch die Sache hatte einen Haken: Laura ließ ihn nicht an die Wäsche, weil sie jungfräulich keusch bis zur Hochzeit warten wollte. Zwar schmusten sie im dunklen Park vor dem Mädcheninternat bis in die Nacht hinein, doch wenn Laurenţius Hormone anfingen, verrückt zu spielen, beendete ein Klapps auf seine dreisten Pfoten deren Entdeckungsreise, und Laura verließ schnell den Tatort, bevor sie auch schwach wurde. Und so wuchs eben die Anzahl seiner Pickel von Abend zu Abend.
In unserem Zimmerchen wohnte auch ein notorischer Witzbold namens Costică. Wenn Laurenţiu dann nachts ins Zimmer hereinschlich, sich entkleidete und unter die Decke kroch, tat das wacklige, geschwätzige Eisenbett bald minutenlang kund, was er im Grunde von Askese hielt. Und als er wieder einmal - sagen wir so ziemlich jede Nacht - das Notventil öffnete, kam Costică leise an mein Bett und flüsterte:
„Wie es scheint, träumt Laurenţiu wieder von seiner Laura!“
Tja, die postpubertäre Reifungsphase schaffte den wackeren Studiosi eben auch Probleme, die aber meist schnell unter der Hand zu lösen waren - wie unser verliebter Gockel schon nach dem ersten Rendezvous entdeckt hatte. Nun ist der Mensch in vielen Hinsichten steigerungsfähig, und als Laurenţius Liebeswallungen eines Nachts in eine generelle, nimmer enden wollende Ruhestörung umschlugen, und das gepeinigte Bett schrille Hilferufe in den dunklen Raum schepperte, rief Costică, zum ersten Mal richtig verärgert:
„Măi, Laurenţiule, tu îţi dai seama, că distrugi bunul statului?“ „Du, Laurenţiu, bist du dir bewusst, dass du Staatseigentum zerstörst?“ Im selben Moment brüllte das Zimmer vor Lachen, denn alle waren wach und hatten der ekstatischen Rapsodie der Leidenschaft amüsiert gelauscht, und außerdem war das Zitat „Staatseigentum zerstören“ in jenen Jahren ein geflügeltes Wort. Irgendwann hatte Laurenţiu es dann endlich geschafft, und der nächtliche Frieden senkte sich - Onan sei Dank - wieder über unsere schlaftrunkenen Augenlider.
Lybelle
schrieb am 15.09.2020, 16:40 Uhr
😆😆😆Also ein bisserl gemein ward ihr da schon - der arme Bub😇😇😇
Maikind
schrieb am 22.09.2020, 06:04 Uhr
Lieber Kurt
deine kunstvolle Witzverpackung ist ja zum Schreien vor Vergnügen!!

Danke! 👏👏

Drum etwas als kleinen Gegenpol

Leise weht der Abendwind
Sorgsam über moosge Dächer
summt ein trautes Liederkind
nimmt es mit auf Wolkenfächer
in das immergrüne Land.

Mild weht mir der Abenwind
sorgsam in den neuen Haaren
summt das Lied vom Friedenskind
das im Kreis der Ahnenscharen
tanzt den Ewigkeitsmoment.

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