Zeitzeugenbericht

DDR-Bürger schildert Reiseeindrücke aus Siebenbürgen im Juni 1987

von Hans Rolle, Synodaler der Ev.-luth. Landessynode Sachsens

Im Juni 1987 reiste Hans Rolle mit seiner Frau als Touristen mit dem PKW für drei Wochen nach Siebenbürgen. In seinem Bericht schildert der seinerzeitige DDR-Bürger detailliert und mit Zitaten unterlegt die ihn erschütternden Eindrücke aus dem sozialistischen Bruderland.

Es war mein Wunsch seit langem, Siebenbürgen, die Karpaten, die Siebenbürger Sachsen und ihre Kirchenburgen kennen zu lernen. Das Land ist wunderschön. Imposante Berge, Wald, gute Fernstraßen, interessante Dörfer und Städte, fremdländisches Kolorit und - freundliche, liebenswerte Menschen. Wir können kein Rumänisch, deshalb konnten wir uns nur mit Leuten gut verständigen, die Deutsch sprechen. Das waren nur wenige Rumänen, einige Ungarn, keine Zigeuner.

Bei jeder Begegnung sagten uns die Leute sorgenvoll, sie bekommen nur 300 g Brot am Tag. Das wäre für uns in der DDR ausreichend, für sie dort ist es zu wenig. Lebensmittel sind rationiert, und die ihnen zustehenden Lebensmittel sind nicht jederzeit zu haben. Uns wurden immer wieder genannt: 300 g Brot/Tag, 250 g Öl/Monat, 1 kg Mehl in drei Monaten, 0,5 kg Zucker/Monat. Butter gibt es nicht, Käse, Quark ebenfalls nicht. Milch für Kinder unter drei Jahren nach langem "Stehen in der Reihe", für andere Leute gar nicht. Fleisch gab es am 3. August 1986 (Nationalfeiertag) und am 1. Mai 1 kg, aber nicht jeder hat welches erstanden. Wurst gibt es nicht. Eine Wurstfabrik in Sibiu arbeite für den Export und den Shop, sagt man. Wir selber haben Brot kaufen können, wenn wir sagten, wir sind Touristen. Das war aber in Städten, und wir haben nur vor Geschäften gehalten, wo wir welches gesehen hatten. In Hermannstadt und Mediasch haben wir erlebt, dass eine Art Hörnchen verkauft wurden als Imbiss. Aber teuer, sagten die Leute. In Lebensmittelgeschäften sahen wir Teigwaren und Marmelade. Diese waren aber sehr teuer.

Wovon leben die Menschen?

Auf dem Lande haben sehr viele Leute Gärten. Sie sind bis in die letzte Ecke sehr sorgfältig bebaut mit Kartoffeln, Gemüse, Mais. Fast überall auch Wein, der aus dem Hof Reblauben macht, aber auch Weinstöcke. Es gibt viele Nussbäume. Aber wer einen Garten hat, muss auch "kontraktieren", Ablieferungsverträge abschließen. Eier, Geflügel, ein Schwein, Wein. Was als Liefersoll an den Staat festgelegt war, wurde in den Dörfern und Bezirken unterschiedlich angegeben. Meist war ein Schwein zu liefern, 100 kg schwer. Der Vertrag sah die Gegenlieferung von Mais oder Gerste vor, jedoch wurde dieser Teil des Vertrages nie erfüllt. Es gibt kein Futter zu kaufen. Wer ein Schwein schlachten will, muss erst eines abliefern.

Wir sahen meist zwei Schweine und vier bis sechs Hühner je Haushalt, und dass ihnen Gras als Futter gegeben war. Einige Leute hatten auch ein bis zwei Kühe. Abends wurden sie an den Straßenrändern geweidet, von einer Frau oder Kindern gehütet.

"Wir machen Heu um ein Drittel", sagten die Leute, d.h. sie erhalten von der LPG ein schwer zu bearbeitendes Stück Land zugewiesen, auf dem sie Heu machen und davon zwei Drittel abliefern und ein Drittel für die Arbeit behalten. Drei Bauern sagten uns, dass sie auch Rüben, Weizen und Mais , einer, dass er auch Kartoffeln anbaue auf solchen Flächen, für ein Drittel oder auch ein halb. Gras irgendwo zu mähen, wo welches ungenutzt steht, ist streng verboten. So fanden wir oft bei der Rast am Wegrand hohes Gras, aber hinter den Büschen war mit der Sichel ein Stückchen gemäht und im Sack auf dem Fahrrad heimlich weggebracht.

Bauernwirtschaften, deutsch oder rumänisch, hatten früher meist 6 ha Land, kaum einer mehr als 10. Auf dieser Fläche, aufgeteilt in kleine Stücke, die über die ganze Dorfflur verteilt waren, konnte eine Bauernfamilie gut leben. Der Verkauf von Produkten war oft schwer, nur Wein ließ sich leichter absetzen. Somit hatten die Bauern Nahrung in Hülle und Fülle, nur wenig Geld. Jetzt ist der Boden volkseigen, die Landwirtschaft kollektiviert. Viele Bauern haben sich Arbeit in der Industrie gesucht. In den Ställen arbeiten Zigeuner. Mit denen könne man nicht arbeiten, wurde uns immer wieder versichert, sie seien völlig unzuverlässig. Eine Kuh, nur manchmal gefüttert und nicht ordentlich gemolken, hat keine Milchleistung. Über Winter sind die Kühe so abgemagert, dass sie sich bis zum Herbst kaum erholen werden. Wir sahen diese Herden. Laut Anordnung muss jedes Kalb aufgezogen werden. Eins zu schlachten, ist bei Gefängnisstrafe verboten. Keiner nimmt eins geschenkt oder kauft es gar. Häusler würden deshalb den neugeborenen Kälbern Plastiktüten über den Kopf ziehen bis sie ersticken, dann ist es eben tot geboren oder gestorben. Wenn kein Futter für die Kuh ist, ist erst recht keins für das Kalb. Uns ist das in allen Gegenden, die wir besuchten, von Bauern und Pfarrern glaubhaft berichtet worden.

Wir sahen auf den Feldern Leute hacken, in Mais, aber auch in Rüben und Kartoffeln, bis zum Dunkelwerden. In der deutschen Zeitung "Neuer Weg" war auch ein Bericht zu lesen, dass man schon vielerorts mit der zweiten Handhacke gut voran wäre, während in einigen Bezirken, darunter Hermannstadt, noch Rückstände bei der ersten Handhacke zugelassen worden waren. Wir erfuhren immer und überall, wer auf dem Dorf wohnt, muss hacken, damit er eine Lebensmittelkarte bekommt. Außerdem soll es für das Hacken im Herbst Mais oder Weizen oder Kartoffeln geben. Im vorigen Jahr wurde auch gehackt. Im Herbst hieß es, die LPG hat den Plan nicht erfüllt, ihr könnt nichts bekommen. Eine Familie in der Nähe von Kronstadt hat Geld als Lohn erhalten, sehr wenig, sagten sie. In anderen Gegenden, durch die wir kamen, hat es keinerlei Bezahlung gegeben. Es sei auch in der Industrie öfter vorgekommen, dass am Monatsende der Lohn nicht gezahlt werden konnte. "Es gibt nur 40 oder 60 %, das andere irgendwann, vielleicht nach fünf Monaten. Auch das wurde uns mehrfach und durchaus glaubhaft gesagt. "Bei Krankenurlaub bekommt man kein Geld", sagten uns Bauern, Angestellte und Arbeiter. Eine junge Lehrerin sagte, die Schule habe ein Limit an Krankengeld, und da ein Kollege im Januar krank war, sei es für die ganze Schule für dieses Jahr aufgebraucht.

Ärztliche Betreuung ist kostenlos, "aber wer dem Arzt nichts in die Tasche steckt, den guckt er gar nicht erst an". Arznei ist in jedem Fall selbst zu zahlen, Krankenhauskosten auch. Ein Arbeiter aus Kleinkopisch, der Bleihütte, liegt mit Bleivergiftung in Klausenburg, auf Betriebskosten, aber dort sei ja der Betrieb schuld. In Großscheuern sahen wir ein 11-jähriges Mädchen mit Polyarthritis, die Hände waren schon verkrümmt. Sie bekommt am Tag vier Aspirin. Die Eltern "haben beantragt", wollen nach Westdeutschland auswandern. Wir lernten eine Frau kennen, deren Mann war im Oktober 1986 infolge betrieblicher Mängel tödlich verunglückt. Die Frau, 44, hat dadurch einen Schock erlitten und kann nicht mehr arbeiten, auch nicht in ihrem Garten. Sie bekommt keinerlei Unterstützung. Wovon sie lebt, fragt niemand. So berichteten es ihre Nachbarinnen.

Der letzte Winter war hart. Noch den ganzen März lag Schnee bei lang anhaltender Kälte bis 30 Grad. Die Gasheizung in den Städten, und auch viele Dörfer haben Gasheizung, war völlig unzureichend. Gas wurde streng kontingentiert und reichte kaum zum Kochen. Stromabschaltungen gab es mehrfach täglich, auch nachts. Kohle gibt es dort nicht, man heizt Holz, und das gibt es nicht ausreichend, trotz des Waldreichtums. Sicherlich ist der Transport ein Schwerpunkt. Vor allem alte Menschen konnten sich nicht irgendwie helfen. Es wurde uns Erschütterndes erzählt, in Städten und Dörfern.

Ein Arbeiter, Fräser in einem 2000-Mann-Betrieb nördlich von Klausenburg erzählte, sie hätten in der Werkhalle neben der Maschine Feuer gemacht mit Holz, das sie zusammensuchten -, alle paar Maschinen ein Feuer. Stromabschaltungen waren dort seltener, nicht jeden Tag. Vor dem nächsten Winter haben sie Angst. Lebensmittel- und Holzvorräte sind kaum noch irgendwo vorhanden, die Vegetation (Mitte Juni) noch weit zurück, wenig Obst zu erwarten, wenig Nüsse - die sind dort mehr Nahrungs- als Genussmittel.

Treibstoff ist streng rationiert. Für die Landwirtschaft ist "Motorin" nicht immer vorhanden. Private PKW - es gibt viele Dacia - durften von Jahresanfang bis Ende März gar nicht fahren. Kfz-Steuer musste bezahlt werden. Ein Traktorist erzählte, er habe eine MZ 150. Er bekommt im Juni 5 l VK. Die muss er in einer 42 km entfernten Tankstelle tanken. Eine 8 km entfernte, in der wir getankt haben (mit Talons), liegt in einem anderen Bezirk, da kriegt er nichts. Er bekommt seine Zuteilung nur in den Tank, nicht in Kanister. Nicht jeden Tag hat die Tankstelle Benzin vorrätig.

Ein junger Arbeiter und seine Frau wollen den Führerschein erwerben. Für die Fahrschule muss jeder 35 Liter Benzin mitbringen. Sie haben ein Auto von einem Auswanderer übernommen, dürfen aber ohne Führerschein nicht fahren und bekommen deshalb keine Zuteilung. ("Wie machst du das?" - " Man muss sehen...")

Die Hälfte der 1955 vorhandenen Deutschen sei bereits "nach Deutschland". Die Mehrheit der übrigen hat auch "beantragt". Mich hat erschüttert, dass auch alte Menschen, bodenverwurzelt, denen die 800-jährige Tradition anzusehen ist als Siebenbürger Sachsen, evangelische Christen mit fester volkskirchlicher Bindung, dass auch sie die Heimat verlassen. "Die DDR ist ein Kühlschrank, die BRD eine Tiefkühltruhe", hörten wir. Trotzdem wollen sie weg. "Es ginge uns besser, wenn wir von den Russen besetzt würden", hörten wir sagen. Und die Rumänen? - "Denen geht es nicht besser. Sie sind genau so arm dran wie wir. Sie sind nur von jeher geduldig und an Leid und Entbehrung gewöhnt. Sie haben keine Verwandten im Westen und sind dort fremd..."

Ich habe kein einziges Mal Bemerkungen oder Äußerungen vernommen, die Hass gegen "die Rumänen" angedeutet hätten, auch nicht gegen die Zigeuner. Die Rumänen seien liebe, hilfsbereite, stets höfliche und friedliche Menschen. Und so haben wir es auch bei den wenigen näheren Begegnungen mit ihnen erlebt. Wertungen der Staatsmacht wurden nie auch nur angedeutet. Der Staat will viele Kinder. Es gibt Kindergeld, das als reichlich angesehen wird. Deutsche und Rumänen haben jetzt sehr wenige Kinder - "Was sollen wir denen geben?" -, Zigeuner haben 10 bis 12 Kinder, die sie wenig versorgen, und die nach ein bis zwei Jahren nicht mehr in die Schule gehen, trotz Schulpflicht. Ein Pfarrer sagte, in 10 Jahren ist die Mehrheit der Bevölkerung Zigeuner, zum großen Teil Analphabeten, was soll aus denen werden. Es sind doch auch Menschen! Der Staat verschließt die Augen vor diesem Problem. Wie soll eine Wirtschaft mit Zigeunern funktionieren?

Es gibt zur Familienplanung keine Kontrazeptive, auch in den Schulen keine Sexualaufklärung, keine Literatur, Interruption ist nach dem sechsten Kind bedingt möglich. "Es gibt viele kranke Frauen. Alte Hebammen und Kurpfuscher machen dunkle Geschäfte". Einer Frau, die mit Unterleibsbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert wird, wird Erste Hilfe solange versagt, bis der "Gerichtsmediziner", so der Ausdruck, sie untersucht hat. Eine Pfarrfrau, 39, Lehrerin, sagte, die müsse jeden Monat zur Gyn, ob sie nicht etwa schwanger sein. Das sei Vorschrift. Wegen Überlastung des Arztes sei es aber nur alle drei Monate.

Geschenkpakete aus dem Ausland kosten, ohne Rücksicht auf die Größe, 67 Lei, ca. 30 Mark Gebühren. Dazu Zoll. Bei Grundnahrungsmitteln ist er erträglich, bei Luxus, wie Seife, Kaffee, Schokolade unbezahlbar hoch. Aus der BRD gibt es vorverzollte Pakete, bei denen bei der Empfangskontrolle alle Margarine, die mehr als 2 kg enthalten ist, entnommen wird und "in die Schmutztonne" kommt. Pakete aus der DDR sind mehr als drei Monate unterwegs, sind auch nass und verschimmelt angekommen. Dabei ist das Sortiment infolge der DDR- und der R-Bestimmungen sehr klein. Auch sie kosten Gebühr und Zoll.

Es wird geklagt über Rechtsunsicherheit, unveröffentlichte Regelungen, Willkür, Bürokratie und Korruption im Paketverkehr, in Reiseangelegenheiten, aber auch allem anderen Umgang mit Behörden und Dienststellen. Es ist verboten, Fremde zu beherbergen. Verstöße werden mit 2000 bis 5000 Lei bestraft. Wir haben stets im Wartburg-Tourist auf freiem Feld geschlafen. "Rechnen Sie es uns nicht an, es ist eine Schande für den Staat!"

Wir durften in der DDR für 30 Mark je Tag und Person Lei kaufen. Damit kann man in Rumänien weder Hotel, Campinghütte oder Restaurant bezahlen. Diese Lage für uns Bürger eines sozialistischen Staates in einem Bruderland ist bedrückend. Wir haben auch Touristen getroffen, die die dortige Notlage in beschämender Weise ausgenützt haben.

Ich schreibe diesen Bericht, um auf die Situation in Rumänien aufmerksam zu machen. Es sollten von unserer Seite Schritte getan werden, die eine solidarische Hilfe für die Menschen dort möglich machen.

Nachtrag aus dem Jahr 1991: Wir waren von den Eindrücken erschüttert. Ich schrieb diesen Bericht, um ihm dem Landesbischof zu geben. Vielleicht könnte er bei Regierungsstellen fordern, sie möge was tun zur Verbesserung. In einem Gespräch mit dem Abteilungsleiter Inneres vom Rat des Kreises habe ich von meinen Eindrücken erzählt und dann gedacht, es könne nicht schaden, wenn er einen Durchschlag erhielte, er war ja auch tief berührt. Mein Exemplar war abhanden gekommen. In meiner Stasiakte fand ich den Bericht wieder - und auch den Vermerk, dass er in der Bezirksleitung "ausgewertet" wurde. 1988 und 1989 waren wir wieder in Siebenbürgen. Die Zustände waren noch schlimmer.

Hans Rolle, Waldkraiburg

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