Verrückte Welt

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Kurt Binder
schrieb am 02.01.2022, 11:53 Uhr
Kann eine Welt so verrückt sein, dass sich diese Geschichte darin verstecken kann, ohne aufzufallen?
Yes, she can!

Wie wird man Millionär*in?

Es begann damit, dass mich eines Morgens aus heiterem Himmel die Allgemeinbildung heimsuchte. Ich stellte plötzlich fest, dass der Rotwein rot war, dass ein Ei eiförmig ist, und dass die Bandnudel, die ich täglich zum Frühstück speiste, tatsächlich bandförmig war!
Diese rein zufällige Übereinstimmung des Omens mit seinem Nomen veranlasste mich, weiter zu forschen. Als ich dann entdeckte. dass der siebenjährige Krieg sieben Jahre gedauert hatte, und ein Esel tatsächlich ein Esel ist, weil er nicht einmal schreiben und „Ein Kuckuck und ein Esel“ singen kann, überlegte ich ernsthaft, mir auf Grund dieser Erkenntnis mit Erfolgsgarantie bei Günter Jauch die Million zu holen. Und als im selben Augenblick auch noch ein Flitz an mir vorbeiflitzte, stand mein Entschluss fest – ich bewarb mich noch am selben Tag für den begehrten Hochsitz.

Wir saßen uns gegenüber, lächelten uns an, und jeder dachte sein Teil dabei. Dann begannen die Fragen, die ich auf Grund meines mühsam errungenen Wissens locker vom Hocker beantwortete. Die Spannung im Publikum hatte den Siedepunkt überschritten, als mir dann die millionenschwangere Frage entgegenschlug, der Jauch mittels eines süffisanten Lächelns Geleitschutz gab:
“Wie lange hat der 30-jährige Krieg gedauert?"
„Oh, Günti", dachte ich ungläubig, „ist das wirklich dein Ernst? Das weiß doch jeder Esel!" Und ich schmetterte meine, auf der Omen-Nomen-Therie basierenden Antwort in die gläserne Stille des Raumes:
“Natürlich dreißg Jahre – sagt doch der Name!“ Ein erleichtertes Aufatmen säuselte über die Köpfe des Publikums hinweg. Ich lehnte mich langsam zurück - doch Jauch beugte sich spannungsfolternd ebenso langsam vor und – ja, dann klatschte er mir die eine Million killende Antwort wie eine Watschen in meine erstarrte Maske:
“Leider falsch, Herr Binder – dieser Krieg dauerte genau 30 Jahre und 5 Monate!“
Nachdem also meine Theorie gescheitert war, begann ich eifrig jene Dinge zu lernen, die anders waren als sie waren, oder so schienen, wie sie nicht sein konnten, oder nicht waren, was sie sein sollten, oder irreführende Namen trugen usw.
Nachdem ich mich über die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse schlau gemacht, und mir das mögliche Unmögliche, das scheinbar Seiende, die Daseinsberechtigung des Nichtseienden, das todsichere Ausgeschlossene und Murphys Gesetz einverleibt hatte, war ich in drei Jahren der Million so sicher, dass ich mein Vorhaben diesmal meinen vier Töchtern erzählte. Und ich versprach ihnen, die Million in gleichen Portionen unter uns aufzuteilen.
Die jungen Ladys jubelten, jauchsten und purzelbäumten vor Freude einen halben Tag lang in der Wohnung umher, bis sich auch die dritten Nachbarn beschwerten. Sodann nahm jede, im vollsten Vertrauen zu ihrem supergescheiten Paps sofort einen Kredit in einer ihrem Anteil in spe entsprechender Höhe auf, und bestellte online lang ersehnte Sachen, bis der Server rauchte und um Gnade flehte. Kurze Zeit danach war unsre Wohnung patzvoll mit einem Unterseeboot, einer Fliegenden Untertasse, einem Bräutigam samt Schwiegermutter, sowie einem veganen Krokodil zum Kuscheln.
Ich aber marschierte zum zweiten Mal siegessicher zu Günti – und wankte bald darauf heim, um auszurechnen, ob ich die Kredite meiner herzigen Töchter noch vor meiner Rente (mit Zinsen) zurückzahlen konnte - ohne einen Kredit aufzunehmen.

lat: Nomen est Omen: Der Name ist ein Zeichen (Programm)


Kurt Binder
schrieb am 08.01.2022, 09:02 Uhr
Verrückt? Ach nöö ...

Es beäugte der Bäcker Fritz Strang
von rückwärts ein Model beim Gang,
denn’s hat der Gesell'
schon professionell
bedingt zu Backen ’nen Hang.


Dazu:

Die Kunst des Brotbackens ist sicher die einzige Kunst, die niemals brotlos sein kann!
Kurt Binder
schrieb am 08.01.2022, 09:23 Uhr
Nachschlag

Es ist mir leider nicht bekannt, ob Bäcker Strang durch dies Erlebnis zu neuen Brotformen inspiriert wurde ;-(( .
Kurt Binder
schrieb am 14.01.2022, 12:52 Uhr (am 14.01.2022, 12:58 Uhr geändert).
Der Tag, an dem ich geimpft wurde
Eine reine Konstruktion

Ich hatte sie erwartet. Arzthelferinnen waren in meiner Erinnerung meist jüngere oder mittelalterliche, durchwegs sympatische Frauen, die in ihren weißen Kitteln beinahe engelhaft wirkten. Und so erklang auch die Türglocke unter dem weichen Anschlag schlanker Finger wie ein engelsgleicher Gesang aus überirdischen Sphären im harmonischen Dreiklang. Ich ging – nein, ich schwebte erwartungsvoll zur Haustür, öffnete pochenden Herzens - und da stand sie – in Jeans und ohne weißen Kittel.
“Hallo, Herr Binder", sagte eine rauchige Stimme, “ich bin Frau Metzger, und ich soll Sie impfen!“ Bei diesen Worten schlug mir, weniger engelsgleich ihr Zigarettenrauch-Atem entgegen. Ich duckte mich, und bat sie einzutreten, was sie auch gut hörbar tat. Mit Husarenschritten marschierte sie ins Wohnzimmer, und sah sich begutachtend um.
„Na ja,“, knurrte sie, nachdem meine Einrichtung unter der Wucht ihres kritischen Rundum-Blickes nicht wesentlich zerteppert wurde.
„Also, wo wollen wir es tun?“ Ich deutete zaghaft zum Tisch. Frau Metzger umrundete ihn, und stützte sich hier und dort mit beiden Fäusten auf die Tischplatte, so dass das misshandelte Möbel ächzte und krachte. Von mir war es ja nur zarte Streicheleinheiten gewohnt.
“Soll ich Ihnen vorher eine Beruhigungsspritze geben?", erkundigte sie sich, und holte aus der Tasche eine riesige Spritze hervor, die sie einladend hin und herschwenkte. „Sie tut allerdings sehr weh!“, ergänzte sie von einem philantropischen Anflug bewegt, der gar sehr im Gegensatz zu ihrer Erscheinung und - zu ihrem Namen stand. Da ich nicht darauf erpicht war, einen voraussichtlichen kleinen Schmerz mit einem sehr wehtuenden zu ersetzen, verzichtete ich auf dies Sonderangebot.
“Dann eben nicht", meinte sie gleichgültig. "Wie Sie wollen; dann machen Sie jetzt Ihren Oberarm frei!“
“Tut es – weh?“, erkundigte ich mich vorsichtshalber.
“Oh nein, Jungchen", beruhigte sie mich in mütterlichem Ton. "Es ist, wie wenn Sie ein pheromongesteuerter Zitronenfalter auf seinem Liebesflug sanft mit den Flügeln streichelt." Der Umstand, dass Frau Metzger sich offensichtlich eben selbst zur poetischen Ader gelassen hatte, beruhigte mich. Doch dann beugte sie sich spontan über mich, und hauchte mir, in die bereits erwähnten Miasmen gehüllte erregende Botschaft in mein verblüfftes Öhrchen:
"Sie duften aber auch verführerisch gut!"
Um Himmels Willen – neeeiin! Und ich verwünschte es, mich heute Morgen mit 4711 rasiergewassert zu haben. Ich hatte ja nicht geahnt, dass ich damit sogar einen Zitronenfalter antörnen würde. Der aber sah auf einmal auf die Uhr, und meinte bedauernd:
"Ich hab leider noch einen dringenden Termin bei einem 100-jährigen!" Dann streichelte er mich wie versprochen sanft mit den Flügeln, und flatterte zur Tür hinaus. Ich aber dankte der Vorsehung, dass ich als nur 90-jähriger noch einmal gut davongekommen war!

Kurt Binder
schrieb am 19.01.2022, 09:43 Uhr
Sonnenwende

Als ich erfuhr, dass ab dem 21. Dezember 2021 die Tage wieder länger werden, staunte ich nicht ein bissel, denn ich wusste es bereits. Doch als ich mich näher mit diesem geophysikalischen Phänomen befasste, entdeckte ich etwas Merkwürdiges. Ich konnte es nicht beschreiben, empfand aber deutlich, dass hier etwas nicht übereinstimmte. Zwar befragte ich sofort Herren Googel, doch in seinen Antworten wimmelte es von Termini Technici (allgemein als Fach-Chinesisch bekannt), so dass ich schon nach wenigen Minuten ziemlich meschugge dreinguckte, und mir erstmal mit einem Drink die Zähne putzte. Denn um mir Begriffe wie Äquinoktium, Solstitium, Apogäum, Perigäum, Deklinationsebenen u.a. einzuprägen und in ihren Zusammenhängen zu verstehen, müsste ich erst ein paar Semester Astrophysik studieren.
Also habe ich meine Entdeckung in folgende leicht verständliche Worte gefasst, ohne mathematische Ableitungen und Formeln, da ich diese selbst nicht kenne:

Am Morgen wurde es etwas langsamer früher hell, als am Abend merklich schneller später dunkel!

Ab dem 21. Juni war es umgekehrt:

Am Morgen wurde es ziemlich schneller später hell, als am Abend merklich langsamer früher dunkel!

Ich hoffe, dass ich mit diesen klaren Beschreibungen einige davon abhalten konnte, aus Verzweifelung in die Wüste zu gehen, oder das Rote Meer teilen zu wollen ;-))) !
Kurt Binder
schrieb am 24.01.2022, 10:43 Uhr
Szenarium eines außergewöhnlichen Liebesfilmes

Zwei Menschen lernen sich kennen, können aber, vom missgünstigen Schicksal verfolgt (noch) nicht zusammenkommen, denn „das Wasser war viel zu tief“!.
Doch dann - ich bitte um a pissel Geduld -, nach zweistündiger Spannungsfolterung (ohne Werbung) folgt dann überraschenderweise das Unfassbare.
Die beiden Liebenden stehen sich endlich nach ebenso geschickt wie bösartig konstruierten Irrungen und Wirrungen in unmissverständlicher Nähe gegenüber, und die Musi spielt dazu, erst leise – man will ja nix überstürzen -, wird dann proportional zu dem Näherkommen lauter und lauter.

Vor dem originellen Finale legen wir hier geflissentlich eine kurze Pause zur Beruhigung unsrer erregten Gemüter ein ...

Die Liebenden ... nun, näher es geht nicht mehr, und während des süßen, bildschirmfüllenden Pussi-Pussi-Rituals, bei dem wir neidisch gomern, schwillt die Musik zu einem, den Sieg und den Erfolg auf allen Ebenen verkündenden Hymnus des Sichgefundenhabens an.
Ja, „da bleibt kein Auge tränenleer“ - so lasst uns denn, vom fremderlebten Glück mitgespült, hemmungslos mitheulen.

Ende.

Hallo – ich habe da noch eine bescheidene Frage:
Hat einer von uns in diesen berauschenden Augeblicken daran gedacht, dass das, was im Film das glückliche, reizvoll bebildert und süßlich vertont dargestellte Ende war, im realen Leben meistens doch nur der oft sehr fragwürdige - Anfang einer Beziehung ist?

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