Altes Haus - Brücken in die Vergangenheit

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Tarimona
schrieb am 25.08.2021, 08:57 Uhr
Kurt, das ist einfach herrlich. Auch ich sehe diesen Strand immer noch vor meinem inneren Auge. Danke für diese überaus amüsante Schilderung :-)

Hier auch wieder mal was Erinnerungen..

Der Speisewagen

Manchmal muss man erst so alt werden bis sich ein fast vergessener Kinderwunsch erfüllt. Manchmal wird, wenn man jemand anderem einen Wunsch erfüllt, auch der eigene Wunsch wahr. Oh, nichts wirklich Wichtiges, eine kindliche Vorstellung die mit den Jahren romantisiert und einfach weiter als verträumter Gedanke geschlummert hat. Und dann, unerwartet und überraschend rückt die Erfüllung nahe.

Als Kind fuhren wir oft mit dem Zug in einen nahe gelegenen Ort (Salzburg in der Nähe von Herrmanntadt/Rumänien). Da gab es herrliche Salzseen, an und in denen wir öfter mal die Sonntage verbrachten. Meistens fuhren wir mit dem Regionalzug dahin. Ab und an jedoch war es ein Transitzug, der von so weit her kam und so weit hin fuhr, wie ich es mir gar nicht vorstellen konnte. Wenn wir nun am Gleis entlang zu unserem Wagon liefen, blieb ich regelmäßig vor einem Wagen stehen und starrte verträumt dort hinein.

Da saßen schön gekleidete Menschen an weiß gedeckten Tischen vor dampfenden Tellern oder zierlichen Tassen und plauderten munter vor sich hin. Das müssen die glücklichsten Menschen der Welt sein, dachte ich damals. In dem Wissen (und weil meine Oma nach mir rief), dass ich so etwas nie erleben würde, lief ich den anderen hinterher. Beim Plantschen und Schwimmen in den Seen vergaß ich alles wieder.
Doch an manch anderem Sonntag wurde der Wunsch, auch einmal zu den glücklichsten Menschen der Welt zu gehören, immer wieder genährt.

Man wurde schließlich erwachsen und die Illusion, dass es sich bei diesen Menschen in diesen Wagons um die glücklichsten Menschen der Welt handelte, platzte. Der Zug rückte weit in den Hintergrund und das Auto eroberte sich seinen Stellenwert beim Überbrücken von Distanzen.

Unlängst jedoch, ergab sich die Gelegenheit eine Fahrt in einem alten Dampfzug mitzumachen. Als ich so die Wagons entlang lief, und unseren suchte, blieb ich plötzlich stocksteif stehen. Da stand es, in dicken Buchstaben auf einem royalblauen Wagon: SPEISEWAGEN. Und an den weiß gedeckten Tischen saßen sie wieder, die glücklichsten Menschen der Welt von anno dazumal. Und dieser Wagon hing an unserem Zug. Wir stiegen in unseren Wagen, suchten unser Abteil auf, machten uns mit den vier anderen Mitreisenden bekannt und waren gespannt, was diese Fahrt noch bringen mochte.

Dann fragte mich mein Mann ob ich nicht einen Happen essen wollte und vielleicht auch eine Tasse Kaffee. Ich nickte nur. Dann standen wir auf und ich folgte ihm. Wie selbstverständlich öffnete er die Tür vom Speisewagen schritt zu einem freien Tisch und setzte sich hin. Ich staunte erst einmal und vor lauter Aufregung fühlte ich mich wieder wie damals mit acht Jahren. Nur stand ich diesmal auf der anderen Seite der Wagonwand, war mittendrin.

Mein Herz klopfte unsinnig und ich setzte mich. Unser Tisch war am Fenster und als ich raus sah, spazierte gerade eine Mutter mit ihrer Tochter an unserem Wagon vorbei und alles wurde wieder lebendig. Als dann der Kaffee und das belegte Brötchen vor mir standen, die Dampflok ihr Huuu-Huuuu ertönen ließ, die herbstliche Landschaft sanft an mir vorüberzog, ja da war ich für ein paar Minuten der glücklichste Mensch der Welt!
Kurt Binder
schrieb am 26.08.2021, 13:25 Uhr
Wahrlich, ich sage euch:

Wer in 24 Stunden mit solch einer märchenhaften Geschichte beinahe 100 Aufrufe verbucht, der hat die Forum-Charts erfolgreich erstürmt, und sollte mit der Erzähler-Qualität – an die Börse gehen :-))) !
Tarimona, ich lupfe mein Sonnenhütchen!!

Emotional motiviert hier ein paar Gedanken zu MICH:

Es war einmal

Sehr lang ist die Brücke,
über die ich in die Vergangenheit schwebe ...
Die Jahre durchgeisternd
empfinde ich nicht nur Glück und Zufriedenheit,
denn herb war mein Leben,
vom dritten Schrei an,
drückend wie eine bleierne Last,
deren Sinn ich nie begriffen habe,
und die mir oft die Süßspeise versalzen hat.

Zugegeben - es waren treue Lasten,
loyale Begleiter durch all die Jahrzehnte.
Dennoch haben sie mein Leben pikant gewürzt -
unglaublich, aber wahr!
Ich wäre ja heute sonst nicht der, der ich bin,
und mit dem ich äußerst zufrieden – sein muss!
Kurt Binder
schrieb am 05.09.2021, 12:03 Uhr
Harro

Es waren unvergessliche Monate, die ich 1975 mit meiner Familie im Übergangslager von Stadeln verbracht hatte. Da wir uns in dem dürftig eingerichteten Appartement ziemlich allein fühlten, konsultierte ich mein Adressbuch, und stieß auf die Anschrift meines Cousins Harro Birkner, der in Erlangen wohnte – keine 10 km von uns entfernt.
Ich zögerte lange, ihn anzurufen. Da wir uns ja zu dem Zeitpunkt von dem Übergangsgeld noch kein Auto leisten konnten, müsste ich ihn bitten, uns zu besuchen – und das war mir peinlich. Doch da ich ihn unbedingt wiedersehen wollte, nahm ich mir ein Herz und rief Harro einfach an. Er schien sehr überrascht zu sein, dass ich nun auch in Deutschland war, und wusste anfangs nicht so recht, was er sagen sollte. Bald lockerte sich unser Gespräch, und er sagte zu, uns noch am heutigen Abend zu besuchen.
Als er in unser primitiv eingerichtetes Appartement trat, sah er sich mit einer Miene um, die ich nicht deuten konnte. Ich machte ihn mit meiner Frau und den Kindern bekannt, und dann holte er aus seiner Umhängetasche eine Pralinenschachtel und ein paar Süßigkeiten hervor, die er meiner Frau galant überreichte. Die Kinder jubelten vor Freude natürlich gleich los und tanzten ausgelassen im Kreis, denn solche Naschereien konnten wir ihnen nur selten leisten.
Und dann begann er zu plaudern - wider Erwarten nur von sich. Er fragte nicht einmal, wie wir in unsrer neuen Heimat zurecht kämen, und ob wir etwas bräuchten, sondern redete und redete, und wir stellten erstaunt fest, dass er sich uns als ein vom Schicksal gebeutelter Mensch darstellte, der auch nach drei Jahren in der Bundesrepublik in erheblichen Schwierigkeiten steckte. Er klagte über alles und jedes, ließ kein gutes Haar an der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, und meckerte auch ausgiebig über die Regierung, denn „überall säßen nur Alt-Nazis und Versager“. Nach und nach hörten wir immer deutlicher heraus, dass er sich tatsächlich als Opfer der gebündelten Intrigen aller seiner Mitmenschen empfand, die es nur auf sein Geld abgesehen und ihn in den finanziellen Ruin getrieben hätten. Bald erfuhren wir dann, ohne fragen zu müssen, was so seine konkreten Nöte waren. Harro war Lehrer, und Alleinverdiener in seiner 5-köpfigen Familie, und hatte sich von Anfang an in verschiedene finanzielle Abhängigkeiten gestürzt. Die Kreditangebote waren verlockend, und so hatte er sowohl ein freistehendes Haus mit Garten, als auch ein luxuriöses Mobiliar auf Raten gekauft. Doch bald darauf begannen die Rückzahlungsschwierigkeiten, die er mit Umschuldungen zu lösen versuchte – was ebenfalls in die Hose ging. Und genau das war seine Situation, als er uns besuchte.
„Weißt du, Kurt“, sagte er besorgt, „alles kostet Geld, wie zum Beispiel auch dieser Besuch. Es ist für euch so einfach zu sagen: ‚Komm uns besuchen'. Aber keiner denkt daran, was mich das kostet! Der Weg hin und zurück beträgt mindestens 25 km. Bei dem Spritverbrauch meines Wagens sind das fast 6 Liter Superbenzin, was etwa 5 Mark kostet. Mit allen anderen Betriebskosten, wie der Reifenverschleiß, der des Motors und der Ölverbrauch kommt dann noch die mit jedem gefahrenen Kilometer zunehmende Entwertung des Autos hinzu!“
Ich hatte ihm geduldig zugehört. In mir stieg spontan heißes Mitleid mit diesem geplagten Mann auf, und ich überlegte schon, ob ich ihm die enormen, durch meine unbedachte Einladung verursachten Ausgaben bezahlen solle. Zwar hatte er uns kein einziges Mal gefragt, wie es uns ginge und ob wir als Neuankömmlinge auch zurecht kämen. Doch angesichts seiner bemitleidenswerten Lage lebten wir in unsren zwei Zimmern ja wirklich wie im Schlaraffenland.
„Mein Gott, Harro“, sagte ich zu Tränen gerührt, „deine Lage ist allerdings bitter; wie du das bloß aushältst? Doch - was für ein Auto fährst du eigentlich?“
„Natürlich einen Mercedes! Es ist zwar nur ein 250 SE mit 150 PS, Modell 1968, und er verbraucht auch etwas viel Benzin, jedoch ...“
„Ja, aber Harro“, unterbrach ich ihn, „wenn du so knapp bei Kasse bist, wieso schaffst du dir statt diesem durstigen Benzinschlucker keinen kleineren Wagen an - einen VW-Polo oder einen Opel Kadett?“ Den entsetzten, sehr missbilligenden Gesichtsausdruck, mit welchem er mir das Folgende verkündete, habe ich nie vergessen:
„Aber Kurt, das ist doch der totale Schwachsinn! Mein Nachbar ist Ausländer, arbeitet am Fließband, und fährt einen neuen Opel Commodore! Und da soll ich als Akademiker nur einen - Kadett fahren?“
Wie gut ich ihn verstand! Also das durfte er wirklich nicht auf sich sitzen lassen. Natürlich gehörte zu diesem, unter erheblichen Opfern grotesk aufgezogenen Konvoi aus Sachwerten auch ein „standesgemäßes“ Auto, und wenn man dafür täglich nur Pellkartoffeln essen müsste! Das Image unsrer integren Persönlichkeit muss um jeden Preis gewahrt werden - zumindest in substanziellen Aspekten!
Nun, da kann man nur hoffen, dass sich nicht allzu viele Menschen im Bestreben, sich gesellschaftlich comme il faut zu etablieren, von dem ruinösen Sog dieser Überbietungsmentalität mitreißen lassen.
“Und da wäre noch etwas", schloss er seine einleuchtenden Betrachtungen ab, „ihr Aussiedler lebt ja hier auch auf meine Kosten - als Steuerzahler!“
Ich kann nicht behaubten, dass ich daraufhin erwogen habe, nach Rumänien zurückzufahren. Auf jeden Fall war dies Wiedersehen zwar nicht das angenehmste, auf jeden Fall aber das lehrreichste! Wie wir in den darauf folgenden Jahren gehört hatten, soll Harro durch spekulative Investitionen nur Verluste verbucht haben. Das Einzige, was ihm trotz allem verblieb, war seine charakterliche Standfestigkeit als Saubermann, und sein intaktes, glückliches Familienleben.
Kurt Binder
schrieb am 24.09.2021, 11:18 Uhr (am 24.09.2021, 11:19 Uhr geändert).
Verhängnisvolle Einschätzung

Es war im Sommer 1948. Im pubertären Alter von 15 Jahren stand ich vor dem Problem, mich für einen Beruf zu entscheiden. Nach längeren Erwägungen entschied ich mich für eine dreijährige Handelsschule, eine "Şcoala profesională". nach deren Abschluss ich allerdings keine Hochschulreife erlangt hätte. Eines der Aufnahmefächer war Geschichte, und das Thema lautete:: Der Zweite Weltkrieg! Dabei war nicht etwa nur eine Episode gefragt, sondern das gesamte verheerende Geschehen, von seinen Anfängen bis hin zum leidvollen, bitteren Ende. Und wir hatten nur zwei Stunden Zeit dazu, um dies umfangreiche Thema zu behandeln.
Leider hatte ich nicht die geringste Ahnung von der Feinstruktur dieses weltweiten Desasters. Meine Vorstellungen davon waren zum Teil noch geprägt aus den Jahren, als auch ich als Pimpf der DJ - der Deutschen Jugend in Rumänien - von der mitreißenden Fassade des Nationalsozialismus geblendet und beeindruckt war. Als Kind mit elf Jahren hatte ich mir freilich nie die Frage nach der Moral, einer Logik oder gar der Rechtmäßigkeit der deutschen Eroberungskriege gestellt. Das alles war erst vier Jahre her, und wurde ja dann brüsk abgelöst durch andere Wegbereitungen für eine neue Marschrichtung - von der ich ebenso wenig Ahnung hatte. Und nun musste ich aus diesen Dunkelzonen meines Wissens heraus eine Prüfungsarbeit verfassen, von der möglicherweise mein späterer Beruf abhängen sollte!
Befangen von der Kenntnis meiner Unkenntnis begann ich also zögernd zu schreiben. Es wurde die reinste Faselei, denn ich ließ fast ausschließlich meine Phantasie spielen. Ich brachte kühn alles zu Papier, was mir grundsätzlich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung einfiel, eigene Kommentare und Betrachtungen, welche eher zu einer naiv-subjektiven Philosophie zum Krieg schlechthin geeignet gewesen wären. Jedenfalls tobte ich mich hemmungslos aus, verdammte die Kriegshetzer, sang eine Lobeshymne auf den Frieden, streichelte und fütterte die Weiße Taube und verspann so manches Stroh zu Gold.
Meine Arbeit wurde eine Wucht, meinte ich. Doch als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden - war ich durchgefallen. Mehr noch, ich wurde sofort nach der Bekanntgabe der Ergebnisse in die Direktion zitiert.
„Bist du der Binder Kurt?“, fragte mich der Direktor, ein korpulenter Herr mit grauen Schläfen. Ich bejahte schüchtern.
„Und dein Vater war bei der Waffen-SS, hat für euren Hitler gekämpft?“ Auch das musste ich zugeben, denn er wusste ja ohnehin alles über mich. Er betrachtete mich mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht deuten konnte. Dann murmelte er:
„Deine Arbeit ist im Allgemeinen gut; du solltest Philosoph, und nicht Buchhalter werden.“ Ich spürte, wie sich die Verkrampfung in meinem ganzen Körper auf einmal lockerte. Doch - warum wurde ich dann nicht angenommen? Er fuhr verhalten fort:
„Leider hast du am Thema vorbei geschrieben! Es war der Zweite Weltkrieg gefragt, und nicht der Krieg als solcher, verstehst du?“ Ich konnte nur zaghaft nicken. Und dann steigerte sich seine Stimme:
„Und warum zum Teufel hast du nicht den Mut, diesen Hitler als das darzustellen, was er war, nämlich als wahnsinniges Monstrum, he? Hat uns das Schwein nicht genug angetan, uns und der halben Welt? Und dir und deiner ganzen Familie?“ Er reichte mir meine Arbeit.
„Da - lies vor, und zwar das über der roten Wellenlinie!“ Ich nahm das Blatt entgegen und las stotternd:
„ ... und dann hat Herr Hitler auf einmal einen Krieg gemacht, der eigentlich gar nicht nötig war.“ Ich hörte auf zu lesen und sah zum Direktor auf. Der stand dicht vor mir, die Lippen verkniffen, und ich bemerkte, dass er nur mühsam seine Erregung unterdrückte.
„Ach so“, sagte er dann langsam und mit gepresster Stimme, „du bist also der Meinung, dass dieser Krieg von deinem Herrn Hitler - nicht nötig war?“ Die Ironie in seinem Ton war mir nicht aufgefallen, auch nicht, dass er von „meinem“ Hitler sprach. Und so nickte ich eifrig, froh darüber, dass er meine Haltung zum Krieg offensichtlich teilte.
„Ja, er war wirklich nicht nötig, Genosse Direktor!“ Ich glaube, dass ich ihn nach dieser scheinbar positiven Wende des Gesprächs sogar angelächelt hatte. Das war ein Fehler, denn diese Ruhe war trügerisch - vor dem Sturm!
„Jetzt hört euch diesen Knaben an!“, tobte er plötzlich los. „Da gelingt es einem Wahnsinnigen, die halbe Welt in einen mörderischen Krieg zu verwickeln, bei dem mehrere zig Millionen Menschen krepiert oder ermordet worden sind ... und ... und da kommt so ein unbedarftes Bübchen einher, nennt diesen Satan auch noch ‚Herr’, und behauptet bloß, das sei - unnötig gewesen!“ Er war feuerrot im Gesicht vor Erregung, und ich erwartete jeden Augenblick eine Ohrfeige. Doch das geschah nicht - im Gegenteil. Er atmete noch eine Weile tief durch, und sagte dann in einem leicht versöhnlichen Ton zu mir:
„Jetzt hör mal zu, mein Junge, ist dir bewusst, dass Hitler auch deinen Vater in den Tod getrieben hat? Du musst lernen, die Wahrheit zu erkennen, aber auch, sie auszusprechen und dazu zu stehen, verstehst du mich?“ Ich verstand genau, was er mir mitteilen wollte. Es hatte mir allerdings an Mut gefehlt, jemanden offen zu verurteilen, was vor weniugen Jahren ein Todesurteil gewesen wäre.
An dieser Schule wurde ich nicht angenommen. Meine Untertreibung, mittels derer ich den Mord an vielen Millionen Menschen verharmlost hatte, war eben zu gravierend, doch hatte ich daraus gelernt.

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