Altes Haus - Brücken in die Vergangenheit

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Kurt Binder
schrieb am 07.02.2021, 10:25 Uhr
Von Micky haben wir’s gelernt (1)

Erinnerungen sind gedankliche Zeitreisen, die in uns Erlebtes wie ein Deja vu wieder aufleben lassen. Es war im Jahre 1948. Wir hatten das Glück, nach langem Umherirren, zuletzt in den Pesthäusern im Lazarett endlich im Knabengymnasium auf dem Hundsrücken die Quarta beenden zu dürfen. In dem großen Hof gegenüber lag die Turnhalle, in der wir mit dem Turnlehrer Michael Binder, „Miklosch", oder in der Kurzform „Micky" genannt, unsre Turnstunden abhielten. Micky war von mittelgroßer Statur, sehr kräftig gebaut. und ein richtiger Kumpeltyp. Außer den üblichen sportlichen Tätigkeiten wie Ballspielen, an den Seilen hochklettern, Übungen an den verschiedenen Geräten, versuchte er auch, uns Handgriffe aus der Karate-Verteidigungskunst beizubringen. Unter anderem erklärte er, dass die Handkante eine gefährliche Waffe sein kann, wenn sie genügend hart sei. Und das könne man erreichen, wenn man mit ihr täglich mehrere Minuten lang auf einen harten Gegenstand schlagen würde.
Das klang wie Engelsgesang in den Ohren von 41 Quartanern. Fast jeder sah sich in Gedanken bereits als Super-Karatekämpfer, und wenn es nur darum ging, dafür täglich bloß ein paar lächerliche Minuten zu opfern, warum noch warten? So kam es, dass in den nächsten Tagen die Vorträge unserer Professoren von einem mysteriösen, monotonen Hämmern und Rattern begleitet wurde, wenn wir unsere Handkanten im Sichtschutz der Schreibpulte an den harten Sitzbrettern wund schlugen. Und tatsächlich stellten sich bald darauf schon deutlich sichtbare Erfolge ein!
In einer unsrer Karate-Übungsstunden erkundigte sich Micky mit leicht spöttischem Unterton, ob einer von uns schon so weit sei, mit ihm einen kameradschaftlichen Schlagabtausch zu wagen. Sein bulliger Körperbau wirkte hinsichtlich einer Keilerei auf uns zwar Bedenken erregend, weil er trotz seiner Masse ungewöhnlich flink und wendig sein konnte. Des ungeachtet trat aus unseren Reihen Rudolf hervor, der zwar etwas kleiner und schlanker als Micky war, dafür aber einen besonders athletischen Körper hatte. Micky betrachtete ihn sichtlich amüsiert, atellte sich vor ihn und forderte ihn ohne Umschweife auf:
„Los, schlag zu!“ Rudi wurde rot und wusste vor Verlegenheit nicht so recht, was er tun solle. Doch Micky wiederholte:
„Na, komm schon - hau mich, so fest du kannst!“ Und nahm eine abwartende Haltung ein. Rudi zögerte weiter, doch Micky rief ein drittes Mal, diesmal provozierend:
„Was ist - hast du etwa Schiss vor mir? Komm, hau mir in die Fresse!“
Da holte Rudi kurz aus, und ließ seine Handkante blitzartig und mit voller Wucht auf Mickys ungeschützte rechte Wange knallen. Der taumelte zurück und sah maßlos verdutzt in die Gegend. Was war geschehen? Micky war eigentlich auf den Schlag nach allen Regeln der Karatekunst gut vorbereitet. Doch hatte er ihn - von rechts erwartet, und der schlagkräftige Rudolf war - Pech für Micky - leider Linkshänder!

Unsere geliebte Turnhalle wurde bald darauf im Zuge der sozialistischen Erneuerungen auf allen Ebenen leider in das Victoria-Kino umfunktioniert. Eine „victoria“ war diese für uns unverständliche Zweckentfremdung jedenfalls nicht! Im Zeichensaal darüber wurde kurz danach von Frau Hedwig Szaunig ein Puppentheater ins Leben gerufen. So wurde zumindest hier ein Stückchen unsrer Kultur weitergeführt.
Kurt Binder
schrieb am 15.02.2021, 08:26 Uhr
Es geschah vor vor 76 Jahren ...

Das Ei

Ein Schüleraufsatz

Die Eier kommen aus dem Popo der Henne heraus. Sie sind im allgemeinen eiförmig. Eckige Eier gibt es nicht, weil sie der Henne Weh tun. Die Eier gleichen sich wie ein Ei dem andern. Wenn sich eins unter den andern verlaufen hat, findet man es nicht mehr.
Es gibt Hühnereier und Fischeier. Diese sind klein, heißen Kaviar und schmecken sehr gut, weil sie sehr teuer sind. Manchmal gibt es auch Weicheier, aber die sehn wie Menschen aus.
Die Eier sind draußen weiß und drinnen gelb. Das nennt man das Gelbe vom Ei. Nur der Osterhase legt bunte Eier in grüne Nester und versteckt sie überall. Die Kinder müssen sie dann suchen. Das nennt man Ostern. Manche sagen, dass dann jemand aus dem Grab aufgestanden und weggeflogen ist, aber ich bin nicht abergläubig..
Aus Eiern kann man Eierspeis, Spiegeleier und 3-Minuten Eier machen; dies sind die schnellsten Eier. Man kann auch Eierlikör machen, Den trinkt meine Mama sehr gerne. Im Bett schläft sie dann immer gleich ein, und dann ist mein Papa sauer, denn er wollte ihr ja vorher eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen.
Mit Eiern kann man auch schimpfen. Mama sagt jeden Tag zu mir: "Ei ei, Kurti!", weil ich mir die Hände nach dem Pipimachen nicht gewaschen hab. Wenn die Eier faul sind, werden sie klotschitich und stinken. Wenn ich faul bin, bekomm ich Hausarrest.
Wenn ich wieder groß bin, weiß ich bestimmt mehr vom Ei.


Mit diesem Beitrag verabschiede ich mich von euch für ein kleines Weilchen ;-((

Kurt Binder
schrieb am 24.02.2021, 10:37 Uhr
"kleines Weilchen" vorbei - weiter gehts:

Alles was Flügel hat, fliegt ...

Es war an einem Samstag Abend. Wir saßen bequem in unsren Klappsesseln und schauten nachdenklich schweigend auf das von einem lauen Südwind leicht bewegte Meer hinaus, in das die blutrote Sonne enervant langsam versank. Eigentlich wollten wir dieses grandiose Schauspiel bis zu Ende bewundern, und dann erst Abendbrot essen, doch war ich nach einem Tag voller Schwimmen, Strandläufen und Bräunen derart hungrig, dass mir dieser allabendlich vorgetäuschte Selbstmord unserer Lebensspenderin schon langweilig war. Auch die ewig kreischenden Möwen, die während des Sonnenuntergangs reiche Beute aus dem Wasser holten, hatten sich endlich verzogen, und es herrschte eine wahrhaft himmlische Ruhe über dem Golf von Korinth.
Nur eine einzige Möwe schaukelte noch, etwa 150 m vom Strand entfernt auf den Wellen herum. Es kam mir merkwürdig vor, dass sie immer auf derselben Stelle schwamm. Zwar drehte sie sich langsam im Kreis, bewegte sich ein kleines bisschen mal hin oder her, verharrte aber immer im geometrischen Mittelpunkt ihrer Bewegungen.
„Sieh mal“, sagte meine Frau Erika und deutete aufs Meer hinaus, „diese Möwe scheint noch hungrig zu sein!“
„Aber Schatz, das ist doch keine Möwe!“, behauptete ich. „Das ist ein Benzinkanister!“
„Wieso ein Kanister?“, wollte sie wissen. „Ja, siehst du denn den schwarzen Kopf und die grauweißen Federn nicht? Außerdem wäre ein Kanister schon längst davongeschwommen!“ Natürlich sah ich diese untrügerischen Merkmale der hier oft jagenden Schwarzkopfmöwen. Aber wieso schwamm diese seit fast einer halben Stunde regungslos auf ein und derselben Stelle?
„Vielleicht sind dort besonders viele Fische!“, vermutete Erika. Wäre möglich, bloß tauchte unsere mutmaßliche Möwe nicht, sondern bewegte sich nur langsam im Kreis um ihre eigene Achse.
„Vielleicht holt sie auch nur ihr Bad am Samstag Abend nach?“, frotzelte ich. Erika sah mich schräg von der Seite an und meinte:
„Humoristen können wohl nie ernst sein, wie?“
„Tschuldigung - kleiner Scherz. Trotzdem bleibe ich dabei, dass es ein Kanister ist!“, sagte ich fest. „Eine Möwe ist doch viel schlanker! Schau mal dort drüben!“
Etwa je eine viertel Seemeile voneinander entfernt dümpelten noch mehrere dieser Kanister. Allerdings drehten die sich nicht um die eigene Achse, sondern boten uns immer den gleichen Anblick: oben schwarzer Deckel, unten heller Korpus. Sie waren jedoch offensichtlich verankert, und markierten den hiesigen Fischern sicher irgendeine Orientierungslinie.
„Und es ist doch eine Möwe!“, beharrte Erika. „Vielleicht ist sie depressiv, oder sie hat einen gebrochenen Flügel.“ Na so was - ein depressiver Vogel! Das fand ich wirklich komisch, und ich lachte:
„Dann wartet sie gewiss auf den Psychiater, nicht wahr? Also ich behaupte, dass es ein Kanister ist - basta!“
Völlig ungerührt von unsrem Disput über seine wahre Identität drehte sich der mutmaßliche Wasservogel alias Kanister wie ein Ringelspiel lustig weiter. Nach weiteren zehn Minuten wurde mir das Hinstarren zu blöd. Ich ging in das Wohnmobil und goss mir einen griechischen Anisschnaps, einen Ouzo ein. Bald kam auch Erika herein.
„Na, hatte ich Recht?“, fragte ich. „Ist es vielleicht nicht doch ein Kanister?“ Erika nickte ergeben.
„Ja, natürlich hattest du wie immer Recht - bloß ist der Kanister soeben davongeflogen!“

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