Altes Haus - Brücken in die Vergangenheit

Um Beiträge zu verfassen, müssen Sie sich kostenlos registrieren bzw. einloggen.

Kurt Binder
schrieb am 19.08.2022, 13:46 Uhr
Hallo, liebe Hermannstädter,

falls jemand Heini (Heinrich?) Biegelsteiger kennt, in unsrer Gaschke früher "Tschigle" genannt, bitte es mir mitzuteilen, oder ihn selbst zu bitten, sich über das Forum bei mir zu melden. Ich habe bezüglich seines im Krieg verschollenen Vaters etwas ermittelt – sofern er es nicht bereits weiß.
Danke!!
Kurt Binder
schrieb am 08.09.2022, 10:56 Uhr
Ein appetitanregender Werdegang

Neulich begegnete mir Erwin, ein alter Kränzchenfreund aus Hermannstadt. Er kam lachend auf mich zu und begrüßte mich:
“Grüß dich Gott, lieber Kurt, wie geht es dir so?“ Ich wunderte mich über diese gehobene Grußformel, denn früher hatte man sich in unsrer Gaschke mit dem plebejischen „Sius, eih!“ gegenseitig zur Kenntnis genommen.
“Machst du noch Krautwickel?“, fuhr er verschmitzt lächlend fort. „So wie damals?“
“Kraut – was?“. fragte ich verblüfft.
“Na, Krautwickel, diese rumänischen „sarmale’!“
“Ach so, du meinst die Sarmale?“
“Genau die meine ich!“, bestätigte Erwin.
“Und warum redest du dann nicht gleich Deutsch?“
Ja, so ist es heute. Gewisse Begriffe sind derart ungewiss geworden, dass sie sich selbst nicht mehr begreifen. Kaum ein Siebenbürger würde verstehen, was mit ‚Krautwickel’ gemeint ist. Wird aber irgendwo ‚Sarmale’ nur geflüstert, dann leuchten die Augen auf, und die Kiefer fangen an zu kauen.
Ich erinnere mich mit Vergnügen und Appetit an unsre Fress-Abende mit der alten Gaschke, im Kreise von 18 Gleichgesinnten beiderlei Geschlechter. Bevor wir in die Bundesrepublik ausreisten, wurden wir im schmatzenden, fettsabbernden Rahmen einer solchen traditionellen Orgie verabschiedet. Doch vorher mussten die Sarmale erst gemacht werden! Diese Szenerie habe ich nie vergessen.
Wie auch bei andern Vorbereitungen stand dann Männlein und Weiblein in entsprechender Zugehörigkeit um einen runden Tisch herum, und jedem wurde die Verantwortung für eine kulinarisch-technologische Konstruktionsphase des Sarmals zugeteilt. Ja, genau – die Einzahl 'der Sarmal’ hatte sich stillschweigend etabliert, denn vom Gendern hatten wir damals noch nichts gehört.
Mein Rat: Wer heute mit ehrlichem Appetit Sarmale essen will, der sollte bei der Zubereitung, besonders beim Wickeln (Wuckeln!) nicht zuschauen! Da fuhren also die Hände der Werkelnden mit Begeisterung in die Hackfleischmasse hinein, die, gepfeffert und mit Bauchspeck veredelt so manchen Finger verführte, sich vorher verstohlen im Mund ablutschen zu lassen. Dann wurde die entnommene Pampe in der mahlenden Faust für jeden Sarmal noch einmal kräftig durchgewalkt, bis sie so gefoltert aufgab, ergeben zwischen den fettigen Fingern durchflutschte, und endlich, von einem Sauerkrautblatt vom Kampest gnädig umhüllt, von weiteren Strapazen erlöst wurde.
Erwähnenswert wären noch die gierigen, sadistisch funkelnden Blicke der Catcher, denen dabei das Wasser im Mund zusammenlief. Wir hoffen, dass es auch dort geblieben ist!
Jedenfalls ist der Eifer und die totale körperliche Zuwendung der Akteure lobenswert, deren Hände ausnahmslos nach dem Bad im Hackfleisch sauberer als vorher waren. Doch die Sarmale haben, vielleicht gerade deshalb mit Palukes, Sauerrahm und einem Gläschen Seidener Gewürztraminer köstlich gemundet.
Ich muss leider schließen, den während ich diese aufklärende Geschichte schreibe, hat sich ein Wahnsinns-Appetit auf Sarmale eingestellt, und trotz der fortgeschrittenen Abendstunde und der zeitraubenden Rezeptur habe ich beschlossen, mir sofort welche zuzubereiten!
Wild entschlossen schreite ich also zur Tiefkühltruhe, entnehme eine ganze Packung Sarmale – online bestellt von Winklerswurst – taue sie auf, wärme sie und lasse sie mir schmecken.
Gute Nacht!

P.S. Genau das Gleiche kann man auch mit den rumänischen Hackfleischröllchen, zu Deutsch Mititei oder Mici genannt, zelebrieren!

Kurt Binder
schrieb am 21.09.2022, 08:14 Uhr
Eiertanz

Diese Geschichte spielt in der Zeit des sogenannten ‚Sozialismus’, in der die Dorfbewohner in Siebenbürgen eine ‚cota parte’ abgeben mussten. Das war ein Pflichtteil von ihren landwirtschaftlichen Produkten, den sie für ihr Land kostenlos entrichteten, wobei nicht gefragt wurde, ob sie diese überhaupt besaßen!
Die folgende Begebenheit hatte mir die Frau eines Pfarrers aus einem Dorf nahe Hermannstadt erzählt, und ich fand sie derart bizarr, dass ich Wort für Wort wiedergebe, was sie mir erzählt hatte.

Für uns war es die erste Pflicht-Abgabe, da Günter die Pfarrei hier in Zickendorf* erst seit einigen Monaten übernommen hatte. Es überraschte uns, dass man auch vom Pfarrer die gleiche Menge der Produkte erwartete, wie von den Bauern. Das Lustigste aber war der Eiertanz, wie wir dieses Hickhack nachträglich nannten.
In der Alimentara wurden merkwürdigerweise auch Eier zum Verkauf angeboten, obwohl ja der sächsische Bauer für den Eigenbedarf jeden Tag frische Eier aus dem Hühnerstall holte. Und da es uns Leid tat, sie abzugeben, verfielen wir auf einen Trick, der uns allerdings etwas kostete. Wir kauften in der Alimentara die für die Abgabe erforderliche Menge Eier - und gaben diese nach einigen Tagen wieder ab. Der Verkäufer, ein waschechter Roma namens Căldărean, bemerkte lange Zeit nichts, bis wir einen Fehler machten.
Diesmal ging Günter zur Alimentara, um Eier für die fällige Abgabe zu kaufen. Da er in Eile war - er war auf dem Weg zu einem Krankenbesuch -, schob er, nachdem er die Eier bezahlt hatte, diese über die Theke zurück, und sagte leichtsinnigerweise:
„Ich lass sie gleich hier als meinen Pflichtanteil für diesen Monat, dann muss meine Frau nicht noch einmal damit herkommen!“ Căldărean sah ihn irritiert und sprachlos an. Dann stotterte er:
„D-apoi ... d-apoi nu se poate aşa, domn părinte!“ „Also … also das ist so nicht möglich, Herr Pfarrer!“ Günter lächelte den total Perplexen nur freundlich an.
„Und warum geht das nicht? Ich habe ganz legal Eier gekauft und genau nach Vorschrift Eier abgeliefert. Ei ist Ei - also wo ist das Problem?“
„Nein, nein - das geht nicht ... das ist unmöglich so!“ Er hatte natürlich gleich erfasst, dass mein Mann Recht hatte, und dennoch wollte er diese Eier-Rochade nicht gelten lassen. Das machte Günter neugierig, und er setzte nach.
„Dann erklären Sie mir doch bitte einfach, was hierbei nicht stimmt!“ Căldărean sah sich in die Enge getrieben und platzte heraus:
„Diese Eier lagern hier schon seit mehreren Wochen, weil niemand sie kauft. Sicher sind viele schon klotschitich!“
Wir haben uns noch lange darüber amüsiert, denn der Tausch war eigentlich ganz raffiniert ausgedacht. Als wir später von Geldwäsche hörten, mussten wir lauthals lachen, denn was der verschlagene Roma hier praktizierte, war das perfekte Pendant dazu, nämlich – eine Eierwäsche! Jedenfalls war die ohnehin fragwürdige Redlichkeit des Alimentara-Managers durch sein Geständnis sehr ins Wanken geraten.
Und dies Wanken steigerte sich zu einem beachtlichen Beben, als uns in der Woche darauf der Schuster Misch flüsterte, wir sollten doch mal in Căldăreans Garten gucken! Hinter dem Lebensmittelladen lag ein kleines Grundstück, in dem der Roma ein paar Kartoffeln und Tomaten gepflanzt hatte. Als ich dann pro forma einige Möhren kaufen ging, gelang es mir, einen Blick durch das Hinterfenster des Ladens zu werfen. Und siehe da, zwischen fleißig gackernden und scharrenden Sussex-Hennen stolzierte unser Napoleun, wie wir ihn nannten einher - ein großer, gold-brauner Kokesch mit feuerrotem Kamm und blau-schwarzen Schwanzfedern, den wir im Monat zuvor hier abgegeben hatten! Hatte doch der Kerl unser Prachtstück nicht abgeliefert, sondern es einfach für sich behalten.

*) alle Namen geändert
Kurt Binder
schrieb am 29.09.2022, 15:52 Uhr
Die drei Musketiere

Einer meiner Schwäger war Pfarrer in Türkfeld*, ein Dorf an der Kokel. Er war ein hunorvoller Mann, und erzählte uns oft heitere Begebenheiten aus dem Alltag seiner Schäfchen. Besonders amüsant war die Beschreibung des spirituellen Lebens, das sich, wie er sagte, zwischen vier Eckpfeilen abspielte.
Da war zunächst der ‚primar’ – der Bürgermeister, ein Spross seiner erhabenen Mutter, der Partei! Diese edle Mama wachte als oberste politisch-ideologische Instanz wie eine Glucke mit Sorgfalt über ihre treu ergebene Kinderschar, der arbeitenden Klasse, und entwickelte ihr für absolut alle Ecken und Winkel ihres Lebens die Richtlinien für ihren steinigen Weg zu dem supremsten Ziel aller Zeiten, dem Nirwana, dem Paradies auf Erden – dem Sozialismus!
Ich gestehe, dass ich diese letzten Worte aus Achtung vor dem gottgleichen Begriff „Partei“ als analoges Pendant der Transzendenz - stehenden Fußes geschrieben habe!
Als zweiten und dritten Pfeiler in diesem Triumvirat konnte man risikofrei den Lehrer und den Pfarrer bezeichnen.
Zu der Definition eines Lehrers gehört unter anderem die Voraussetzung, dass es ein vielseitig gebildeter Mann sein müsse. Zum ‚Außerdem’ gehört die unvorstellbare Geduld, sich täglich einige Stunden lang als Dompteur einer variablen Anzahl von etwa 7 bis 12jährigen Mädchen und Jungen unterschiedlichen Temperaments und Gehorsams zu bewähren. Zu der Widerspenstigen Zähmung gesellte sich vorrangig seine eigentliche Aufgabe, nämlich die Schulkinder in die Geheimnisse unsres vielfältigen Lebens stufenweise einzweihen. Dieser nach Altersstufen differenzierte Unterricht, der oft in einem einzigen Klassenzimmer stattfand, war eine gigantische Herausforderung, mit der sich ein werdender Lehrer tunlichst schon vor seiner idealisierten Berufswahl vertraut machen sollte!
Wenn Sonntags von der Empore der Dorfkirche der glockenreine Gesang aus 27 Kinderkehlen erklnag, und sanfte, aber bestimmte Worte von der Kanzel in die gespannt lauschenden Ohren der Dorfbewohner drangen, ihnen ihre Sünden vor Augen führte, zugleich aber auch Gottes Großmut versicherte, ihnen diese zu vergeben – ja, dann war die Welt wieder in bester Ordnung. Durch geeignete Wortwahl, Glaubwürdigkeit und persönliche Ausstrahlung konnte der sächsische Pfarrer immer zu der Achtung und dem Respekt gelangen, der ihm von Seiten der Dorfbewohner somit verdienterweise entgegengebracht wurde. Und durch die häufigen Trauungen, Taufen, sowie den Konfirmationen und den Feiertagen waren auch persönliche Begegnungen an der Tagesordnung.
An diese „Drei Musketiere“, wie mein Schwager diese Persönlichkeiten scherzhaft nannte, die sich für Recht, Bildung und Tugend einsetzen, und dies wacker gegen jedwede Unbill von Seiten des überall lauernden Bösen verfechteten, dockte auch d’Artagnon an – erraten: der vierte Eckpfeiler: Der Milizmann, der „miliţianul satului“, kurz ‚militzer’ genannt. Pflichbewusst sorgte er mit vollstem Einsatz seiner blauen Uniform, seiner Pistole, und seiner Neugier für Ordnung und Frieden. So verströmte seine tägliche Allgegenwärtigkeit Sicherheit und wohltuende Geborgenheit, selbst dann, wenn er manchmal seine Wichtigkeit durch unangemessenes autoritäres Gehabe zur Schau trug. Mit Hilfe eines kleinen Bakschischs und ein paar Stamperln Ţuică wandelte sich der Ordnungshüter gewöhnlich schnell wieder zum ‚miliţianul binevoitor’.

Ja, über diese Quadriga in Türkfeld hatte mir mein Schwager berichtet, immer wieder von Lachen unterbrochen. Ich habe mich bemüht, in dieser Kurzfassung seiner abendfüllenden Erzählungen seine Worte und Formulierungen wiederzugeben. Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass mir das durchgehend gelungen ist!

*) Türkfeld: ein fiktiver Name

Um Beiträge zu verfassen, müssen Sie sich kostenlos registrieren bzw. einloggen.