11. September 2002

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Geschichten rund um den Handball in Siebenbürgen (XVI)

Ein harter Kampf gegen Schweden / Bei der Weltmeisterschaft auf dem Großfeld 1938 verliert Rumänien das Auftaktspiel knapp / Dr. Hans Georg Herzog erinnert sich an die gelungene Revanche in Bukarest
Rumänien spielt zusammen mit Österreich und der Schweiz in der zweiten Gruppe. Im ersten Spiel besiegen die Österreicher die rumänische Elf 18:3. Wie in einem vom Cigaretten-Bilderdienst Altona-Bahrenfeld unter dem Titel „Die Olympischen Spiele 1936“ herausgegebenen Bildband berichtet wird, „sah es in den ersten Minuten des Kampfes gar nicht nach einer so deutlichen Überlegenheit der späteren Gewinner aus. Dann aber macht sich die reifere Technik und das ausgeprägte Können der Endspielteilnehmer bemerkbar, und nach einem Halbzeitstande von 5:1 fielen die Tore in regelmäßigen Abständen." Herzog, der das Spiel von der Bank aus verfolgt hat, sagt, der Einbruch der rumänischen Mannschaft sei psychisch bedingt gewesen, denn technisch und athletisch war eine derartige Überlegenheit nicht gegeben. Das habe sich bereits im Jahr darauf bei einem Ländervergleich gezeigt.

Im letzten Treffen dieser Vorrunde verliert die rumänische Mannschaft erneut, diesmal gegen die Schweiz. Rumänien „zeigte sich jedoch von der besten Seite und setzte den Schweizern einen äußerst harten Widerstand entgegen. Vor allen Dingen ihre Hintermannschaft befand sich in großer Form und verhinderte immer wieder zählbare Erfolge. Gegen Ende der Spielzeit liefen die Rumänen sogar noch einmal zu großer Form auf und versuchten das Unmögliche möglich zu machen, - mit 8:6 blieben die Männer aus der Schweiz dennoch siegreich", heißt es weiter in dem Band.
Dr. Hans Georg Herzog
Dr. Hans Georg Herzog


Im letzten Spiel um den fünften Platz, „das die beiden letzteren jeder Gruppe, also USA und Rumänien, zusammenführte, zeigten die Europäer, dass sie doch schon mehr Spielerfahrung und größere Routine besitzen als jene Männer jenseits des großen Teiches, die zumeist vom Basketball her zum Handball gekommen sind. Mit 10:3 blieben die Rumänen erfolgreich", schließt die Berichterstattung über den Auftritt der siebenbürgischen Handballer in Berlin.

Ein Jahr später kommt es in Siebenbürgen zur Revanche. In Hermannstadt unterliegt eine aus neun Grazer und zwei Kärntner Spielern zusammengesetzte Elf dem rumänischen Meister HTV mit 7:12 (5:6). Wie eine Grazer Zeitung am 29. Juni 1937 berichtet, ist der Hermannstädter Mannschaft ein temporeiches Spiel gelungen. Der Torunterschied sei hauptsächlich „der zu langsamen Grazer Verteidigung zuzuschreiben, die die außergewöhnlich schnellen Stürmer der Hermannstädter (...) nicht sicher genug halten konnten."

Bereits zwei Tage zuvor wurde im selben Stadion das Länderspiel Rumänien gegen Österreich ausgetragenen, das 8:7 (4:4) endete. Wie die nämliche Grazer Zeitung berichtet, war es ein verdienter Sieg der rumänischen Mannschaft, die sich in der Hauptsache auf die Spieler des rumänischen Meisters HTV stützte, der mit acht Spielern vertreten war. Für Rumänien sind aufgelaufen: Peter Fecsi, Haffer, Krech, Alfred Höchsmann, Dragan Comanescu, Bruno Holzträger, Kraus, Fritz Halmen, Wilhelm Kirschner, Wilhelm Heidel und Connerth. Die Hermannstädter Spieler, die vor einiger Zeit durch Karl Schelenz, den Begründer des Handballsports, trainiert worden waren, haben ausgezeichnet gelernt. „Sie zeigten die gleiche Spielweise, wie sie von der deutschen Nationalmannschaft vorgeführt wurde, waren sehr schnell und ausgezeichnet im Schuss.“

Bei der ersten Großfeldhandball-Weltmeisterschaft 1938 in Deutschland trifft Rumänien im ersten Spiel in Magdeburg auf Schweden. Herzog erinnert sich noch genau an das Spiel: „Es war ein harter Kampf zweier gleich starker Mannschaften, den die Schweden knapp gewinnen. Willi Kirschner vergibt in diesem Spiel - wohl das erste Mal in seinem Leben - einen 13-Meter-Strafwurf“, so Herzog. Der Schiedsrichter aberkennt zwei Tore von Willi Zacharias, „die meines Entsinnens vom Publikum bejubelt und von der Reservebank als einwandfrei gesehen wurden.“ Erst ein Jahr später kommt es zur gelungenen Revanche in Bukarest: Rumänien gewinnt in der bekannten Aufstellung 10:8. Im Vorspiel besiegt der Bukarester TV den Czernowitzer TV eindeutig. In diesem Spiel steht Herzog erstmals als Spielmacher und Torschütze in den Reihen des Bukarester TV. Für Czernowitz und das Buchenland ist dies eines der letzten Spiele vor dem Abschluss des Molotow-Ribbentropp-Paktes, der der Sowjetunion den Anschluss des Buchenlandes ermöglicht und die Umsiedlung der Deutschen zur Folge hat.

Nach dem Magdeburg-Spiel gegen Schweden bestreiten die Rumänen zwei Spiele gegen Luxemburg, die glatt gewonnen werden. Wie es zu diesen Paarungen gekommen ist, weiß Herzog nicht mehr. „In beiden Spielern war ich als offensiver linker Läufer eingesetzt und hatte das Vergnügen, erstmals zu bemerken, wie gut die Luxemburger und wir Sachsen uns mit unseren Dialekten verstehen." Herzog hat einen jungen Mann zum Gegner, der die 100 Meter in elf Sekunden läuft. Als er ihn mit der Anrede „tea Schweng“ (du Schwein) provoziert, reagiert dieser sofort.

Dem rumänischen WM-Aufgebot gehören an: Ernst Wolf, Wilhelm Zacharias, Henning, Günther Schorsten, Karl Haffer, Friedrich Barth, Edwin Steilner, Hans Hermannstädter, Alfred Höchsmann, Wilhelm „Kiri“ Kirschner, Connerth, Fritz Halmen (alle HTV), Hans Georg Herzog (Bukarester Turnverein), Hanek (Bistrizter TV), Dragan Comanescu (Viforul Dacia Bukarest), Peter Fecsi und ein unter dem Spitznamen Chinezul bekannter Spieler.

Als Oki Sonntag 1937 die Handball-Sektion des alten Bukarester Turnvereins gründet, bittet er Herzog, ihm Starthilfe zu gewähren. Herzog hat 1938 sein Jurastudium in Bukarest beendet und 1940 als eingetragener Anwalt in einer Bukarester Rechtsanwaltskanzlei gearbeitet, ehe er 1942 dort seine eigene Kanzlei eröffnete. Ende 1943 erkrankt Herzog an Kinderlähmung. Um die Folgen der Krankheit zu behandeln, geht er 1944 nach Wien. Von 1945 bis 1952 arbeitet der studierte Jurist für die Franzosen als Sekretär und Englischdolmetscher. 1951 eröffnet er seine Rechtsanwaltspraxis in Wien, die er bis 1983 betreibt. Nach dem Krieg gründet Herzog die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Österreich und kümmert sich um die Eingliederung seiner Landsleute. 1957 erhält er für seine außergewöhnlichen Verdienste das Ehrenwappen der Landsmannschaft in Deutschland.

Nach dem Krieg ist er noch in ständigem Kontakt mit Dr. Hans Zikeli, der am 6. Februar 1999 gestorben ist, Wilhelm Zacharias, der in Graz lebt, und Fritz Barth, verstorben am 4. Mai 1991 in Augsburg. Karl Haffer soll ein erfolgreicher Makler geworden sein. Günther Schorsten wurde Arzt in München und ist, so Herzog, vor rund 20 Jahren gestorben. Willi Kirschner ist seit März 1994 tot. Fritz Halmen lebt in München, wo er Tennislehrer war. Sonntag, der bei den Bukarester Behörden die Interessen der Handballer hervorragend vertreten hat, ist am 24, Oktober 1998 gestorben.

Heute tut es Herzog leid, „dass niemand von uns es unternommen hat, die alten Beziehungen wieder aufzunehmen. Jetzt ist es sicher zu spät."

Johann Steiner


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 12 vom 31. Juli 2002, Seite 8)

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