4. März 2003

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Ein Geschichtsunterricht der besonderen Art

Die Wanderausstellung des Goethe-Instituts Inter Nationes „Was im Gedächtnis bleibt“ wird zurzeit im Nationalen Geschichtsmuseum in Bukarest gezeigt. Die Schau wurde anlässlich des 50. Jahrestags seit Kriegsende am 9. Mai 1995 in Moskau gestartet und - durch Schülerbeiträge aus dem jeweiligen Land ergänzt – in Italien, Frankreich, Schweden, den Niederlanden und USA gezeigt. In Rumänien wird auch Schicksal einer Russlanddeportierten dokumentiert.
Juliana Máthé aus Sankt Martin in Siebenbürgen gehörte als Kind einer sächsischen Familie der Hitlerjugend an. Im Krieg verlor sie einen ihrer Brüder. Im Januar 1945 wurde sie wie viele andere Deutsche aus Rumänien in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt. Nie hätte sie geglaubt, „dass Hunger den Stolz und die Würde des Menschen besiegen kann“. Wegen Krankheit wurde sie in die sowjetische Besatzungszone in Deutschland entlassen. Nach ihrer Rückkehr nach Siebenbürgen wurde sie von den Behörden mit Misstrauen empfangen und von der Securitate verhört.

Klaus Granzow, 1923 in Pommern geboren, kämpfte im Zweiten Weltkrieg im deutschen Heer an der Ostfront und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Wegen Krankheit und Auszehrung wurde er 1945 entlassen. 1947 musste er den elterlichen Hof und seine Heimat fluchtartig verlassen. Auch Florea Neacsu aus der Gemeinde Voineasa im Landkreis Olt erlebte den Krieg in Russland und erlitt vier Jahre Gefangenschaft. Als er zurückkehrte, erkannte ihn sein eigener Vater nicht.

Imo Moszkovicz und Ioan Gottlieb stammen aus ganz unterschiedlichen Gegenden Europas – aus Westfalen und aus Baia Mare in Siebenbürgen –, und doch war ihre Jugend von den gleichen demütigenden antijüdischen Maßnahmen und den Schrecknissen des Konzentrationslagers Auschwitz geprägt. Aber sie haben im Gegensatz zu Millionen anderer KZ-Häftlinge das Grauen überlebt. Das war dem Hamburger Helmuth Hübner nicht vergönnt, der mit Freunden Flugblätter herstellte und aufgrund von Informationen des Senders BBC auf die verlogene offizielle Kriegsberichterstattung in Deutschland aufmerksam machte. Er wurde zum Tode verurteilt und 1942 hingerichtet.

Alfred Lessing war Wehrmachtsangehöriger, doch wurde er verhaftet, als man seine Herkunft feststellte: Er gehörte einer deutschen Sintifamilie an und galt daher als „wehrunwürdig“. Nachdem ihm die Flucht aus der deutschen Gefangenschaft gelungen war, wurde er von den russischen Truppen und später wieder von den Deutschen als „Deserteur“ festgesetzt. Die Kindheit des 1935 geborenen Togu Bagiacu, der in einer Bukarester Roma-Familie aufwuchs, war während des Zweiten Weltkriegs von der allgegenwärtigen Angst seiner Angehörigen vor der Deportation nach Transnistrien überschattet, wo viele den Hunger- oder Kältetod starben.

Parallele Schicksale, wie sie nicht nur in Deutschland und Rumänien, sondern quer durch die Fronten auch in anderen europäischen Ländern im Zweiten Weltkrieg und in den totalitären Regimen der Vor- und Nachkriegszeit gelebt wurden. Aufgezeichnet wurden sie von Schülern, die Zeitzeugen nach ihren Jugenderinnerungen befragten. Nachzulesen sind sie in der Ausstellung „Was im Gedächtnis bleibt“ im Nationalen Geschichtsmuseum in Bukarest. Diese Wanderausstellung des Goethe-Instituts Inter Nationes war anlässlich des 50. Jahrestags seit Kriegsende am 9. Mai 1995 in Moskau gestartet, wurde in Italien, Frankreich, Schweden, den Niederlanden und USA gezeigt und durch Schülerbeiträge aus dem jeweiligen Land ergänzt.

Eröffnung mit Prominenz.
Begleitprogramm. Weitere Stationen

In Rumänien waren unter der Anleitung der Deutsch- und Geschichtslehrer Schüler aus Bukarest, Ploiesti, Kronstadt, Jassy, Sächsisch-Regen, Slatina und Klausenburg beteiligt. Die von ihnen recherchierten Jugendbiographien wurden von der aus Heltau stammenden Kinderbuchautorin Karin Gündisch in einem einfachen, leicht verständlichen Deutsch, doch gleichzeitig mit großer Eindringlichkeit nacherzählt und von Dr. Ioan Lazarescu in eine gut lesbare rumänische Fassung übertragen.

Da Deutschland den Krieg verursacht habe, sei es auch die Aufgabe Deutschlands dazu beizutragen, dass dieses düstere Kapitel der rumänischen Geschichte aufgearbeitet wird, sagte Uwe Lehners, Projektleiter seitens des Goethe-Instituts Inter Nationes Bukarest, während der Eröffnung der Ausstellung, bei der nicht nur politische Prominenz, sondern auch ein Teil der befragten Zeitzeugen anwesend war. Ion Iliescu, Präsident Rumäniens, Armin Hiller, deutscher Botschafter, und Razvan Theodorescu, Kultus- und Kulturminister, würdigten die Leistungen der Jugendlichen, Lehrer und des Goethe-Instituts Inter Nationes und unterstrichen die Bedeutung dieser schülergerechten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, deren Ziel die Versöhnung und das friedliche Zusammenleben ist.

Noch ist die Zeit des Krieges in der Erinnerung sehr lebendig, sie wirkt bis heute in dem Verhältnis der Menschen zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach, sagte Prof. Dr. Bogdan Murgescu von der Universität Bukarest bei dem von ihm moderierten Rundtischgespräch mit älteren und jüngeren Historikern am Eröffnungstag im Goethe-Institut. Noch kann die Erlebnisgeneration befragt werden. Für die Schüler war es eine Möglichkeit, die Schrecknisse des Krieges erlebbar und nachvollziehbar zu machen, auch einiges über menschliche Solidarität und Überlebensstrategien in Extremsituationen zu erfahren.

Die Ausstellung ist für den geduldigen Besucher gedacht. Bei jedem Ländermodul kann er eine kurz gefasste, mit Fotos veranschaulichte historische Einführung aus der jeweiligen Länderperspektive in die Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit und die Einzelbiographien lesen, in die das Kriegsgeschehen oft hart, manchmal gnädiger eingegriffen hat. Attraktiver wird die Ausstellung durch ein reiches Begleitprogramm. In einer Broschüre sind die Kurzfassungen der Jugendbiographien aus Deutschland und Rumänien enthalten. Ein weiterer, im ADZ Verlag erschienener Band unter dem Titel „Was im Gedächtnis bleibt / Trasee ale memoriei“ umfasst 33 von Schülern aus Rumänien aufgezeichnete Erlebnisberichte in der deutschen Fassung von Karin Gündisch und in rumänischer Übersetzung von Ioan Lazarescu. Mit den Zeitzeugen wurden Tonbandaufnahmen und ein Film erstellt. Gleichzeitig läuft im Goethe-Institut bis zum Ende der Ausstellung in Bukarest am 26. Februar ein Filmprogramm, in dem inzwischen zu Klassikern gewordene Werke von Fassbinder, Schlöndorff, Liviu Ciulei, Stanley Kramer, Jiri Menzel, Zanussi, Wajda u.a. vorgestellt werden.

Die Ausstellung wandert aus Bukarest nach Konstanza, Sathmar, Jassy, Kronstadt, Hermannstadt, Temeswar, Klausenburg und in die Republik Moldova.

Rohtraut Wittstock


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 3 vom 28. Februar 2003, Seite 5)

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