3. August 2003

Was vergangen ist, ist nicht vergangen

Mitwirkende und Freunde von nah und fern waren gekommen, um bei der Premiere "ihres" Films am 12. Juli im Münchner Kino "Maxim" dabei zu sein. Für viele wurde sie zur Zeitreise in die eigene Teenie-Zeit, denn neben dem 2002 entstandenen Musikfilm "Ein Traum" wurde auch der bereits 1975 produzierten TV-Film "Der Traum" gezeigt. Was freilich auch sein musste, denn viele Sequenzen des neuen Film erschließen sich einem nur, wenn man den alten gesehen hat.
Als der heute im Schwäbischen lebende Lehrer Hansgünther Seiwerth in München zur Premiere des Films eintraf, war ihm nicht nach Feiern zumute. Stunden zuvor hatte er noch an der Trauerfeier für Ernst Irtel teilgenommen, seinem väterlichen Freund und Ratgeber aus Zeiten, als er noch als junger Chorleiter am Brukenthalgymnasium in Hermannstadt wirkte. Erst im April war Seiwerth mit der von ihm mitbegründeten Folkgruppe Lidertrun (Liedertruhe) mit sächsischen Balladen in Gundelsheim aufgetreten. „Ich habe geweint, während ihr gespielt habt“, gestand ihm der greise Musikpädagoge nach dem Konzert.

Wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen: Mitwirkende und Protagonisten, leider ohne Karlheinz Piringer und den unvergessenen Traian Rocsoreanu, am Premierenabend in München. Von links nach rechts: Marle Klein, Hans Seiwerth, Monique Popescu (Produktionsleitung), Vera Lutz, Kurt Wagner, Simon Gewölb, Max Gehring (verdeckt), Ingmar Seiwerth, Marius Ungureanu, Meisi Timm (2. Kamera), Michael Gewölb, Irina Ungureanu, Nora Seiwerth, Jonas Gewölb. Foto: Konrad Klein
Wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen: Mitwirkende und Protagonisten, leider ohne Karlheinz Piringer und den unvergessenen Traian Rocsoreanu, am Premierenabend in München. Von links nach rechts: Marle Klein, Hans Seiwerth, Monique Popescu (Produktionsleitung), Vera Lutz, Kurt Wagner, Simon Gewölb, Max Gehring (verdeckt), Ingmar Seiwerth, Marius Ungureanu, Meisi Timm (2. Kamera), Michael Gewölb, Irina Ungureanu, Nora Seiwerth, Jonas Gewölb. Foto: Konrad Klein

Die Mitglieder der Band – Kurt Wagner, Karlheinz Piringer (früher: Fisi), Michael Gewölb und der erwähnte Seiwerth – sind jene Protagonisten, die bereits im Traum-Film von 1975 musikalisch und schauspielerisch mitgewirkt hatten. Ihre Bearbeitungen des sächsischen Liedguts im Gefolge der damals aufkommenden Folk-Bewegung bedeuteten eine Absage an die überlieferte Gesangtradition.

Doch die Münchner Filmpremiere stand auch im Zeichen des allzu frühen Todes von Kameramann Traian „Rocco“ Rocsoreanu, der erst vor kurzem 64-jährig einer schweren Krankheit erlegen war. Mehr als 20 Jahre lang führte er die Kamera und manchmal auch Regie für die Deutsche Sendung des Rumänischen Fernsehens TVR. Was aber nur wenige wussten: Er war auch die Seele der an diesem Abend gezeigten Filme. Vor allem die Realisierung des neuen Films war ihm zur Herzenssache geworden. Mit einigen bewegenden Worten von Monique Popescu und Liedern von Donovan und Schubert („Du bist die Ruh“) wurde in einer sehr persönlichen Weise Abschied von ihm genommen.

Bevor der Film Ein Traum gezeigt wurde, hatte der 35-minütige TV-Film Der Traum seine Kinopremiere. Die Handlung des 1975 entstandenen Filmes ist schnell erzählt. Einige junge Leute haben ihre Zeltlager unter den Ruinen einer Kirchenburg aufgeschlagen. Am Lagerfeuer ist schnell eine kleine Party in Gange. Weil die langhaarigen Jeanshosentypen es vorziehen, zur Rockmusik aus den Recorder zu tanzen statt dem „Klein wild Vögelein“ der Jungs mit den Gitarren und der Querflöte zu lauschen, verziehen sich diese schmollend zu den Zelten. Plötzlich beginnt der Recorder zu streiken und in den Fenstern der alten Burg wetterleuchtet es. Doch nur die Folksänger scheinen Antennen für derlei Ahnenspuk zu haben. Beim Herumgeistern in den Burgruinen werden die musizierenden Jünglinge (Seiwerth, Fisi, Wagner) in längst vergangene Zeiten gebeamt. Natürlich nur sinniger Aufhänger und Vorwand, um die wunderbar frischen Lied-Bearbeitungen in hübschen Filmchen – Videoclips gab’s damals noch nicht – entsprechend zu illustrieren.

Nacheinander werden so die Balladen Ech schmiss zwo ädel Risen (Ich warf zwei edle Rosen), Ech gang an mänes Vueters Guerten (Ich ging in meines Vaters Garten), Honnes Moler (die Ehebrecher-Ballade um Hannes Maler wurde in historischen Kostümen in der Altstadt von Schäßburg gedreht) und Viktor Kästners De Brokt um Alt (Die Braut am Alt) in Schwarzweißbilder von großer poetischer Kraft umgesetzt. Am nächsten Morgen geht’s wieder weiter. Vorher freilich müssen die erst im Morgengrauen zurückgekehrten Nachtwandler geweckt werden. Ende gut, alles gut? Mitnichten.

Klavierakkorde statt Liedtext

Die Ausstrahlung des Films brachte seinen Machern Dan Grigore Popa und Traian Rocsoreanu viel Ärger und sogar eine Strafversetzung ein. Dabei war die gesendete Fassung bereits zensiert. Das Klein wild Vögelein etwa wurde ohne die entscheidenden Strophen gesungen (Freiheitsgedanke!), beim berühmten Ech gohn af der Bräck (Ich geh auf die Brück’) blieb es bei einigen Klavierakkorden (Auswanderungsproblematik!). Sogar das Zuziehen von Reißverschlüssen an den Zelten wurde herausgeschnitten – auch die anderen hatten verstanden, dass sowas auch politisch gedeutet werden kann.

Wenn sich ein jungverliebtes sächsisches Pärchen in Kirchentracht in Heumieten fallen lässt, graust es nur dem traditionsbewussten Sachsen (De Brokt um Alt). Schlimmer aber war, dass es beim Anblick der ausgestrahlten Fassung auch wachsamen Kulturfunktionären grauste. Etwa wegen einer Dornenkrone, einem Schatten in Kreuzform, dem jenseitigen Geisterspuk, also allem, was seinerzeit unter „mystisch-obskurantistische Tendenzen“ firmierte. Liedgutpflege in Zeiten ceausistischer Kulturpolitik – ein mühseliges Unterfangen.

Erst 2001 wurde der Film von Christel Ungar-Topescu, mittlerweile Chefredakteurin der Deutschen Sendung der TVR, bei Dreharbeiten zu einem Porträt über Marius Ungureanu wiederentdeckt. Die Aufbruchstimmung des alten Schwarzweißfilms – Marius selbst ist darauf nur als kleiner Junge zu sehen, der den „Großen“ beim Spielen auf die Finger guckt und neugierige Fragen stellt – nahm den heute als freien Musiker und Bratschisten in der Schweiz lebenden Künstler sofort gefangen. Warum nicht die alten Lieder nochmals spielen – zusammen mit den eigenen Kindern, und natürlich an den siebenbürgischen Original-Drehorten? Damit war die Idee zum neuen Film geboren.

Also Auto gepackt und auf nach Siebenbürgen. Der dabei entstandene Musikfilm hat zwangsläufig auch etwas von einem Dokumentarfilm über die wiedergefundenen, aber fremdgewordenen Drehorte – von „meines Vaters Garten“ (heute von Rumänen bewohnt) bis hin zur aufgerissenen Auffahrt zum Hermannstädter Ratsturm. Man ist fülliger geworden und im schmutziggelb dahinströmenden Alt sieht man nur noch den Plastikflaschenschrott, der sinnlos in einem toten Winkel kreist. Doch noch ist die Heimat nicht verloren, zumindest solange die Kinder die Erinnerung daran mit dem Spielen der alten Weisen wachhalten.

Und musiziert wird viel auch in dem neuen, insgesamt 65-minütigen Film. Hinzugekommen sind Geige (M. Gewölb), Cello und ein Dudelsack (I. Seiwerth). Ganz hervorragend auch die von Max Gehring und Kurt Wagner auf der E-Gitarre improvisierten, die alten Melodien verfremdenden Klangstrukturen – atmosphärisch und von der Intonation her perfekt stimmig; vielleicht überhaupt das musikalisch Aufregendste am neuen Film. Und natürlich der Gesang der auch schauspielerisch begabten, erst 17-jährigen Irina Ungureanu.

Woher kommen wir, wohin gehen wir, was ist vergangen, was geblieben? In seinen besten Szenen haben die Bilder etwas von Tarkowskis letzten Filmen, in seinen schlechtesten von Papis letztem Urlaubsvideo (von der Schwarzweißpoesie des alten Films ist die digitale Videotechnik Lichtjahre entfernt).

Zum Filmschluss, wie könnte es anders sein, das Lied von der Bräck. Mit der jungen Irina an den Ufern des wie eh und je stumm und bedrohlich dahinfließenden Alt. Blüten wirft sie ins Wasser - eine, noch eine, und noch viele weitere. Ein Trauerritual, einmal mehr von raffiniert verzerrtem Gitarrensound untermalt. Ist alles den Bach runter? Im weißen, an der nassen Haut klebenden Kleid, steht das Mädchen plötzlich im Fluss. Die letzte Einstellung deutet an, dass sie daraus „wellenatmend“ wieder emporsteigen wird. Vielleicht ist er doch noch nicht aus, der Traum.

Vorgesehen ist, die beiden Filme in ihrer jetzigen Fassung auf Videokassette zu vertreiben. Es wäre zu überlegen, ob daraus nicht lieber ein eigenständiger Film geschnitten wird. So könnten nicht nur manche Längen, störende Brüche und überflüssige Mätzchen beseitigt werden, sondern so müsste man den neuen Film auch nicht mehr als Doublefeature sehen.

Konrad Klein


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 12 vom 31. Juli 2003, Seite 9)

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