21. September 2003

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Mit den Mythen der rumänischen Geschichte aufgeräumt

Das Standardwerk von Lucian Boia ist kürzlich unter dem Titel "Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Geschichte" in deutscher Übersetzung erschienen. Kein rumänischer Historiker hat bisher so rigoros und mutig die heiligsten Tabus und den Mythenwald auf ein wissenschaftliches Fundament gesetzt.
Wer in Rumänien als Schüler und Lehrer oder gar als Historiker mit der patriotisch-nationalistischen rumänischen Geschichtsdarstellung über die Prioritäts- und Kontinuitätstheorie, die ruhmreiche Vergangenheit der Rumänen mit ihren glorreichen Fürsten und deren Siegen im Unterricht berieselt wurde oder andere damit berieseln musste, dem kommt das hier anzuzeigende Buch von Boia einer wahren Offenbarung gleich, die man mit Genuss liest, zumal der Autor den Stoff souverän beherrscht und ihn in einer elegant-flüssigen Sprache, mit ironischen und humorvollen Akzenten wiedergibt. Kein rumänischer Historiker hat bisher so rigoros und mutig die heiligsten Tabus und den Mythenwald auf ein wissenschaftliches Fundament gesetzt.

Ich habe bereits 1997 die erste rumänische Auflage des Buches gelesen und kann nun die sehr gute deutsche Übersetzung einem breiten Leserpublikum empfehlen. Das Buch ist trotz heftiger Proteste bisher in drei Auflagen in Rumänien erschienen und hat, wie zu erwarten war, eine Diskussion ausgelöst, bei der nicht nur die rumänische Geschichte, sondern auch die rumänische Kultur als Ganzes und das kollektive Selbstbewusstsein zur Debatte standen und stehen. Das Buch wurde in seiner Art zu einem Klassiker.

Der Historiker kann in seiner Darstellung, so Boia, nicht die absolute Wahrheit erfassen, sondern entnimmt dem reichen Faktenmaterial das, was seinen Vorstellungen und den Vorgaben der Zeit entspricht, ordnet dieses und schafft Zusammenhänge und Fiktionen von der Vergangenheit. Von dieser Grunderkenntnis ausgehend, untersucht Boia in seiner Studie die Wechselbeziehungen zwischen der rumänischen Gesellschaft und der rumänischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert und zeigt dabei auf, wie die Historiker Mythen produziert und damit das jeweilige politisch-öffentliche Leben samt Geschichts- und Identitätsbewusstsein geformt haben.

Das Verdienst des Verfassers ist es, die vielen Mythen, die in der rumänischen Historiographie und in simplistischer Form in den Lehrbüchern und der schöngeistigen Literatur geistern, beim Namen zu nennen und aufzuzeigen, wann und wie sie entstanden sind und wie sich jeweils angepasst und verändert haben. Fünf große Mythenzyklen nimmt der Verfasser in je einem Kapitel unter die Lupe, die bis heute das Geschichts- und Nationalbewusstsein der Rumänen beherrschen: 1.) die Mythen über den Ursprung der Rumänen als Volk und die Bildung ihrer Sprache, 2.) über ihre Priorität und Kontinuität auf dem Gebiete des heutigen Rumäniens, 3.) über die Einheit von Nation und Staat, 4.) über die Beziehungen der Rumänen zu andern Völkern und Kulturen sowie 5.) über das Pantheon ihrer historischen Persönlichkeiten.

Wir können auf die Vielfalt der behandelten Thematik nicht eingehen und werden bloß einige Aspekte aufgreifen.

Was den Ursprung des rumänischen Volkes betrifft, sind sich die rumänischen Historiker darüber einig, dass es von den Dakern und Römern abstammt, während andere Völkerschaften wie die Slawen und die Wandervölker nur teilweise als Vorfahren akzeptiert werden. Die Sprache der Rumänen ist zweifellos eine romanische mit beachtlichem slawischen Einfluss. Boia zeigt nun in seiner Studie, wie rumänische Historiker und Linguisten von diesen Tatsachen ausgehend, der jeweiligen gesellschaftlich-politischen Vorgabe folgend, dem dakischen oder romanischen Element Priorität gewährten, und das wiederum davon abhängig, ob die Rumänen ihre Zugehörigkeit zum westlichen Kulturkreis oder ihre Eigenständigkeit bekunden wollten. Dabei ist es zum Teil zu lächerlichen Übertreibungen von beiden Richtungen gekommen. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie es zur Romanisierung der Daker in der Moldau, Maramuresch, in der Muntenia gekommen ist, wo es nie eine romanische Besatzung gab.

Die größten Emotionen bereitete den Historikern die Kontinuitätsfrage, die zu einem der heiligsten Mythen des rumänischen Identitätsbewusstseins gehört. Boia löst die Frage zwar auch nicht, entdramatisiert aber den Diskurs darüber, indem er nicht krampfhaft an dem Standpunkt festhält, dass die rumänische Ethnogenese nur nördlich der Donau stattgefunden hat, sondern auch das Gebiet südlich des Danubius in Betracht kommen könnte.

Minderwertigkeitsomplexe bereitet den rumänischen Historikern ferner das „dunkle Jahrtausend“ nach dem Rückzug der Römer aus Dazien (271), da es keine Quellen über das Weiterleben einer romanisierten Bevölkerung auf dem Gebiete Rumäniens gibt. Es wurden zwar viele archäologische Funde zu Tage gefördert, diese geben aber, so Boia, keinen Aufschluss über die Sprache der Menschen, von denen diese Zeugnisse stammen. Die Funde werden also entsprechend der geforderten Kontinuität interpretiert.

Das Problem der Priorität war und ist zum Teil auch heute noch ein Politikum sowohl in der rumänischen als auch in der ungarischen Historiographie, mit der das historische Recht und somit der Erstanspruch auf Siebenbürgen belegt werden soll. Es ist ein langlebiger Mythos, der immer wieder zu politischen Zwecken heraufbeschworen und instrumentalisiert wurde.

Zu einem teifverwurzelten Mythos gehört der Glaube, dass das rumänische Volk seit jeher eine Einheit bildete, dessen Streben es gewesen sei, in einem vereinten Nationalstaat zu leben, der aber als Folge widriger und ungünstiger Umstände erst spät durch die Entstehung Großrumäniens realisiert wurde. Die Analyse des Wandels den dieser im 19. Jahrhundert entstandene Mythos bis zum lächerlichen autochthonen Nationalismus der Ceausescu-Ära erfahren hat, gehört zur Glanzleistung von Boias Analyse. Er macht deutlich, wie die Geschichte in den Dienst der nationalen Bewegung und der nationalistischen Politik gestellt wurde, die in der Vergangenheit Beweise und Symbole der nationalen Einheit suchte. So wurde, um ein Beispiel zu nennen, der Fürst der Walachei, Michael der Tapfere, der 1599/1600 Siebenbürgen und die Moldau eroberte, als Vorkämpfer und Symbol des nationalen Einheitsstaates gepriesen, obwohl er weit davon entfernt war, national zu denken und zu handeln. Auch die rumänischen Zeitgenossen haben ihn bloß als Eroberer betrachtet.

Das Kapitel über die Rumänen und die andern Völker ist so komplex, dass wir bloß einen Aspekt herausgreifen - die Widerlegung des Mythos, die rumänischen Länder hätten sich im Mittelalter durch ihren Abwehrkampf gegen die Türken für Westeuropa geopfert, dass fremde Staaten Schuld seien an ihrem misslichen Schicksal und ihrer und dass es von dieser Seite bis heute eine äußere Verschwörung gegen Rumänien gebe.

Das Kapitel „Der ideale Fürst“ beschäftigt sich mit dem nationalen Pantheon der rumänischen Geschichte, angefangen von Buerebista, Dezebal und Trajan, fortfahrend mit den „glorreichen“ Fürsten der Moldau und Walachei, dann mit Tudor Vladimirescu, Nicolae Balcescu, Alexandru Ioan Cuza, den rumänischen Königen und Königinnen, der Familie Batianu, Corneliu Zelea Codreanu, den kommunistischen „Heldengestalten“, Gheorghe Gheorghiu-Dej, Nicolae Ceausescu u. a. Man erfährt bei der Lektüre des Buches, wie die genannten Personen von der Geschichtsschreibung jeweils mystifiziert und instrumentalisiert worden sind.

Es hat in der rumänischen Kultur in den Jahrzehnten vor und um 1900 eine Bewegung gegeben – bekannt als „Junimea“ –, die gegen den vorherrschenden autochthonistischen Nationalismus Stellung bezog und eine kritische Methode in der Geschichtsschreibung, eine Absage an nationale Mythen und die Öffnung gegenüber Europa forderte. Leider ist dieser kritische Geist, wie Boia feststellt, nach 1900 nur selten zur Anwendung gelangt. Das trifft auch auf das postkommunistische Rumänien zu. Der Verfasser vermerkt dazu: „Die fundamentalen Entscheidungen, welche die rumänische Gesellschaft heute treffen muss, bedeuten einen Bruch mit der Vergangenheit. Man kann sich nicht mit den alten Mythen den Herausforderungen der europäischen Integration und der modernen Welt stellen. Die historische Bilderwelt der Rumänen ist weiterhin autochthonistisch und autoritär geprägt, während sich die Welt, auf die wir zugehen, an den Werten der Demokratie und der westlichen Kultur orientiert.“

In einer Mitteilung (siehe „Wie die siebenbürgisch-sächsische Geschichte unterschlagen wird. Anmerkungen zur rumänischen Historiographie“, in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, Heft 1, 1991) habe ich selbst kritisch auf einige der genannten rumänischen Mythen hingewiesen und damit die Aufforderung verknüpft, auch unsere eigene siebenbürgisch-sächsische Geschichte nach nicht mehr haltbaren Mythen zu hinterfragen. Ich habe das in meinen Veröffentlichungen der letzten Jahre zu befolgen versucht.

Michael Kroner


Lucian Boia: Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Geschichte (= Studia Transylvanica, Bd. 30.). Übersetzung aus dem Rumänischen von Annemarie Weber unter Mitwirkung von Horst Weber. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien, 2003, 219 Seiten, Preis 27,90 Euro, ISBN 3-412-18302-4.
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(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2003, Seite 10)

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