2. Juli 2001

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Papstgeschichte von 1667 für Gundelsheim ersteigert

Die Siebenbürgische Bibliothek hat kürzlich ein 1667 in Nürnberg gedrucktes Werk von Johannes Tröster erfolgreich ersteigert. Zu den Aufgaben der Einrichtung in Gundelsheim gehört es, schriftlichen Zeugnisse mit Bezug zu Siebenbürgen, hauptsächlich Bücher, Handschriften und Landkarten, zu sammeln.
So haben die Bibliotheksmitarbeiter immer schon Angebote von Auktionshäusern aus telefonbuchdicken Katalogen geprüft und steigern in begrenzten Rahmen auch mit, falls das angebotene Stück noch nicht in den Beständen der Bibliothek vorhanden ist. Bücher, Karten und Kunstgegenstände werden vielfach auf diesem Wege erworben. Bei der Sichtung von Katalogen sind zu soliden Erfahrungen geronnene Erkenntnisse der Bibliotheksmitarbeiter unablässig. Einige Sammler sehen den Besitz von derlei seltenen Dingen oft als Kapitalanlage an, was die Preise dafür z.T. in schwindelerregende Höhen treibt. Die ersteigerten Gegenstände fristen dann ein der Öffentlichkeit verborgenes Dasein in Wohnzimmern oder Tresoren.
Nicht so in der Siebenbürgischen Bibliothek. Sie verwahrt seltene und kostbare Bücher und Karten, sogenannte Rara, auch unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Dennoch sind diese Werke in den Sach- und Autorenkatalogen aufgeführt und für die Nutzer der Bibliothek vor Ort zugänglich. Über Abfragen im Internet kann ein Forscher so auf Werke stoßen, die nur in der Siebenbürgischen Bibliothek nachgewiesen sind.
Kürzlich wurde bei einer Versteigerung einer geschlossenen Bibliothek ein Werk von Johannes Tröster angeboten. Dieser, vermutlich in Hermannstadt geboren, studierte an der Universität Altdorf bei Nürnberg Theologie und Pharmazie. Um 1666 gab er in Nürnberg mehrere Bücher heraus und kehrte nach Siebenbürgen zurück, wurde Schulrektor in Großschenk und starb schon 1670 daselbst. Mehrere seiner Bücher befassen sich mit der Geschichte Siebenbürgens, etwa das bekannte „Alt- und Neue-Teutsche Dacia“. Aufgrund von etymologischen Ähnlichkeiten versuchte Tröster darin, die Ansiedlung unterschiedlicher Völkerschaften in Siebenbürgen zu erklären. Ein Zeitgenosse urteilte wegen dieser „seichten“ wissenschaftlichen Methode vernichtend über ihn: „Kaum ist ein Volk der Welt, das er nicht nach Siebenbürgen gepflanzt, wenn er einige Ähnlichkeit der Namen findet.“ Ein anderer: „Trösters Landkarte taugt so wenig, als die Bildnisse unserer Städte. Kein Hermannstädter wird in dessen Abbildung seine Vaterstadt erkennen, und wehe dem, der nach seiner Karte reisen wollte.“ Diese scharfen Kritiken haben den Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde nicht davon abgehalten, den seltenen Text von Johannes Tröster als zeitgeschichtliche Quelle vor einigen Jahren in den „Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens“ nachzudrucken.
Zu den von Tröster herausgegebenen Büchern gehört auch die kürzlich für die Siebenbürgische Bibliothek ersteigerte Papstgeschichte: „Päpstlicher Suetonius, das ist: Kurzgefaßte, doch gründliche Zeitbeschreibung aller Röm. Bischöfe und Päpste, so von dem ersten bis auf diesen jetzigen Innocentium XI inclusive, gewesen sind. Darinnen alle derselben denkwürdige Stiftungen, Ordnungen, Thaten, Tugenden, Untugenden und Nachruhm, aus den bewehrten Scribenten, Platina, Caranza, Caesare baronio, und anderen treulich und nach historischer Wahrheit beschrieben worden; von Johanne Tröster Hyperanhylaeo“. Das Buch muss auch in damaliger Zeit, ähnlich wie heute dieses Genre („Geheimnisse aus dem Vatikan“ u.Ä.), recht erfolgreich gewesen sein, denn es sind zwei weitere Auflagen des Werkes nachgewiesen.
Obwohl das Buch keinen direkten Bezug zu Siebenbürgen aufweist, gehört es in die Siebenbürgische Bibliothek, da der Autor ein Siebenbürger Sachse ist, der im „Ausland“ wissenschaftlich gearbeitet hat. Anhand dieses Werkes lassen sich die Publikationstätigkeit Trösters in Nürnberg und seine Biographie vervollständigen, die Beziehungen zwischen Nürnberg und Siebenbürgen und ähnliche Themen erforschen.
Das Werk wurde aus Mitteln des Vereins der Freunde und Förderer der Siebenbürgischen Bibliothek angeschafft, zu dessen elementaren Aufgaben es gehört, schnell und unbürokratisch solche Erwerbungen zu ermöglichen. Siebenbürgen ist ein äußerst beliebtes Sammelgebiet, und nach den Gesetzen des Marktes sind für angebotene Raritäten entsprechende Preise zu zahlen. Vor allem Privatsammler machen es einer öffentlichen Einrichtung schwer, bei Auktionen mitzuhalten. Die Siebenbürgische Bibliothek in Gundelsheim geht dabei mangels finanzieller Ressourcen oft leer aus. Diesmal gilt es einen außerordentlichen Erfolg zu vermelden.

Gustav Binder

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