6. März 2005

"Mundarten sind die Seele der Hochsprache"

Unter den Mundartdichtern der Siebenbürger Sachsen, deren Ruhm mit dem Verschwinden des Idioms versinkt, die aber nach wie vor Bestandteil sächsischer Grundbefindlichkeit bleiben, nimmt Karl Gustav Reich aus mehrfachem Grund eine Sonderstellung ein. Zunächst will es als Omen erscheinen, dass der am 15. März 1905 in Hermannstadt geborene Pfarrerssohn Kindheit und Jugend nicht nur in jener Ortschaft, sondern auch in jenem Haus verbrachte, das drei Generationen vorher Viktor Kästners (1826-1857) Geburtshaus gewesen war – des Dialektdichters, der Kennern bis heute als ein erster unumstrittener Meister des Fachs gilt.
Der tägliche Anblick der geschichtsträchtigen Abteiruine von Kerz und der Umgang mit den Bauern des Dorfes wurzelten sich dem Kind und Halbwüchsigen nach Lebensbegriff, -stil und -atmosphäre, nicht zuletzt nach Sprachverhalten so nachdrücklich ein, dass sich die Spuren davon durchs ganze literarische Werk verfolgen lassen.

Doch ehe Karl Gustav Reich, dessen Geburtstag sich am 15. März 2005 zum hundertsten Mal jährt, in die Rolle des beliebten und angesehenen Mundartpoeten mit dem spezifischen Timbre sächsischer Gemütswärme und humorvoller wie nüchterner Weltbetrachtung hineinwuchs, sah er sich als lernbegieriger Studiosus an europäischen Bildungsstätten ersten Ranges um. Er studierte Germanistik, Pädagogik, Romanistik und Theologie in Tübingen, Perugia, Berlin – hier Schüler und Mitarbeiter von Eduard Spranger – und Bukarest. Am Beginn einer vierzigjährigen Lehrtätigkeit standen zwei Jahre Fronteinsatz, 1941-1943 z. T. als Dolmetscher zwischen dem Oberkommando der Deutschen Wehrmacht und dem rumänischen Generalstab. Er unterrichtete an deutschen und rumänischen Schulen in Bukarest, Hermannstadt und Schäßburg. Nicht allein seine sportlich-gelassene, menschlich gewinnende Art machte ihn bei den Schülern beliebt, sondern ebenso seine Fähigkeit, Wissensgut ohne intellektualistisches Gehabe zu vermitteln. Er hinterließ bei ihnen, für die er „der Karli“ war, bis heute das Bild des jederzeit gesprächsbereiten erzieherischen Begleiters, dem sich anzuvertrauen keinerlei Überwindung bedurfte.


Karl Gustav Reich
Karl Gustav Reich

Karl Gustav Reich war nicht der Dichter der schnellen, harten und umwerfenden Pointe. Sie ist weder in den Reimgedichten noch in den mit Erfolg aufgeführten Bühnenstücken „Der Gezkruegen“ oder „De Prozässentreny“ sein Anliegen. Reichs poetische Stärke lag in der Unverwechselbarkeit siebenbürgisch-sächsischer Tonart, man kann sagen: in der ursächsischen Stimmlage, mit der er die Inhalte seiner Reime vortrug. Sie ist auch die Erklärung des Erfolges, den er mit ihnen hatte, erst recht, sobald er sie selber bei öffentlichem Anlass oder im Freundeskreis zum Besten gab. Er erschien dann in seiner unaufgeregten Humorigkeit sogar als Verkörperung des Mundartgedichtes, an dem ihm so viel lag, weil er es als unverzichtbaren Bestandteil historisch gewachsener Eigenstämmigkeit begriff, als ein Kulturelement bodenständigen Selbstbewusstseins, das in seiner Eigenart so lange wie möglich zu erhalten ihm im Laufe der Jahre immer mehr bedeutete.

So wurden die Verse in seinen Gedichtbänden „Kut, mer lachen int“, 1976, „Sachsesch Spaß vu Broos bäs Draas“, 1982, „Sachsesch Wält, dä as gefällt“, 1987, über die Stimmungsgehalte hinaus zwangsläufig auch zu Fundgruben endemischer bäuerlicher Redewendungen, eigenständiger sprachlicher Ausdruckskultur. Wenn er etwa im Blick auf das Altern schreibt: „Dro pätscht et dich än de Muegen“ („Dann zwickt es dich in den Magen“), „Et stächt dich awist en de Räck“ („Es sticht dich plötzlich in den Rücken“), wenn er an anderer Stelle von den „Bityären“, („Nichtsnutzen“), vom „Fälpes“ (Korb), von den „Kletiten“ (Pfannkuchen) und der „Frängder“ (Heirat) redet oder den Neffen vom Onkel anraunzen lässt: „Ta Mutapitz!“ („Du Tölpel!“), wenn er mit „änirscht“ („zuerst“), „irester“ („irgendwo“), „esolär“ („solche“), „ropeschen“ („reiben“), „päsperen“ („flüstern“), „näckest“ („nie“), „hineweder“ („hin und her“), „nästermih“ (nichts mehr“) und ungezählt vielen anderen transsilvanisch-saxonischen Prägungen daherkommt und seine Verse mit ihnen spickt, dann ist über den Weg der Sprache eine Bestimmung regionaler Einmaligkeit von geradezu klassischer Prägnanz erreicht.

Karl Gustav Reich hatte jedesmal, wenn zu reimen begann, eine Geschichte zu erzählen. Das belegen schon die epischen Längen seiner Gedichte und der überbordende Phantasiereichtum im Erfinden immer neuer Erzählsituationen. Man spürt beim Lesen die Freude, ,mit der er sich seinen Einfällen überließ. Eines der bezeichnenden Beispiele dafür ist das vierzehneinhalb Seiten umfassende „Versepos“ „De Schlong“ („Die Schlange“). Reich erörtert darin mit teils launiger, teils deftiger Bissigkeit nicht nur die Menschentypen, die beim Schlangestehen unseligen sozialistischen Angedenkens früher oder später ihr wahres Gesicht zeigten; er teilt sie in drei „Kategorien“ ein: „De irscht sen ifach Schlongemängschen“, die zwiet sen „Schlongespezialisten“, de drätt Kategorie – oho! - sen de Schlongemiester dro“, er führt zudem von der Pseudoschwangeren bis zum Doktor die sowohl berufs- wie charakterbedingten Tricks und Taktiken vor, sich nicht hinten anstellen zu müssen. Das Ganze gerät ihm zur comédie humaine in Miniatur. Und dann reißt ihn die Fabulierfreude zu einer jener Eingebungen hin, die immer wieder den Impetus seiner Texte bestimmen:
En Schlong, dä huet dro, wä`m mer sot,
Äflaß uch noch af de Mod.
De Fräen jo ängden sich bemähn,
fir allent passend unzezähn.
Äm dot hu munchä schi berit
Fir jed Schlong e besangder Klid.
Stiht en Frä irest äm Miäl,
äs är Klid wäiß oder giäl,
dot heet inzich uef dervun,
of Paloks, of Britmiäl sä wäll hun.
Stiht se awer äm Geflijel,
drit se auf dem Hot en Vijel
oder irester en Fäder,
däde klangelt hineweder.
Meß se ist äm Gränzech stohn,
sägst te gonz ä Grän se gohn.
Ställt em sich dro un äm Flisch,
stiht e rit Klied ängden hisch,
gat mocht sich dro – ohne Froch –
af dem Hot als Schmuck en Knoch!
Se zecht, wäll Fäsch se ierest hun,
e Klied mät Grätemuster un.
Stiht se awer äm Zitronen,
giht se um besten ‚ „iwen ohnen“!
Wiä äm Klopapäier stiht,
neht zwo Nullen sich af´t Klied,
dro wieß jeder glech Beschid,
wat än deser Schlong et git...

Köstlich auch, wenn Karl Gustav Reich in „Det Frängderrezäpt“ („Das Heiratsrezept“) Antike und Völkerwanderungszeit mundartlicher Betrachtung in einmaliger regionaler Sprachausformung unterzieht:

„Der Sokrates nohm de Xantipp,
und Gläck zuch än ä seng Kalip.
Der Siegfried de Krimhilde nohm,
mehr sä em bruecht vill Nit uch Grom.
Der Romeo less vun der Julie net,
mehr diet sich gent, mehr diet sich det.“

(Der Sokrates nahm die Xanthippe,
und Glück zog ein in seine Hütte.
Der Siegfried die Krimhilde nahm,
auch wenn sie ihm gebracht viel Not und Gram.
Der Romeo ließ nicht von der Julia,
gleichviel ob dies, ob das geschah.“)

Fast im selben Atemzug mahnt dann der Onkel den auf Freiersfüßen gehenden Neffen:

„Dänn märken wirscht t‘et ze bold:
de Fräen wärden vu sälwst olt.
Dro giht et wä hi soht, der Kenner:
‚Wenn Frau`n verblühn, verduften auch die Männer!‘“

Schließlich darf im siebenbürgisch-sächsischen Mikrokosmos dieses Mundartdichters der regionsspezifische Dokumentationsaspekt nicht übersehen werden. Enthalten schon die Wort- und Rede-, die Bild- und Stimmungsmuster den Wert von Sachaufzeichnungen über eine historisch gewordene Welt, so zu gleichen Teilen die Situationsdarstellungen, die er bietet. Lediglich ein Beispiel zur Veranschaulichung:

In „De Kirchekolläkt“ („Die Kirchenkollekte“) treffen sich der sächsische lutherische Pfarrer, der rumänische griechisch-orthodoxe Pope, der ungarische katholische Priester und der Rabi der jüdischen Gemeinde im Zeichen des Reimes „As hisch, olt Siweberjerlond / als Lond der Duldung äs bekont“ zu einer Beratung über die Nutzung der Gelder aus der jeweiligen kirchlichen Kollekte. Sind schon die Äußerlichkeiten der – auf einen tatsächlichen Vorfall zurückgreifenden – Situation die Notierung wert, so ist es erst recht die Meisterschaft, mit der Karl Gustav Reich Mentalität und Temperament der vier Völkerschaften umreißt deren Vertreter jeder auf seine Art die Lösung des Problems anzusehen empfehlen. Und auch diesmal gestaltet er Bilder, Dialoge und kommentierende Zwischentexte ganz aus der Sprache heraus: aus dem Gefühls-, Gedanken- und Stimmungsreichtum seiner über alles geliebten siebenbürgisch-sächsischen Mundart. Jedem, der sie beherrscht, wird ihr Dichter Karl Gustav Reich unvergessen bleiben.

„Die Mundarten sind die Seele der Hochsprache“ – die Befindung des Größten deutscher Sprache, Johann Wolfgang von Goethe, darf posthum als Motto über das poetische Werk dieses Siebenbürgers gestellt werden. Seit 1980 in Deutschland, starb der mit Margarete Salzer (*1922) verheiratete Vater von vier Kindern am 19. Dezember 1997 in Gießen, nachdem das Ehepaar die Jahre 1980 bis 1989 im nordhessischen Melsungen verbracht hatte.

Hans Bergel

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