9. August 2013

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Wanderer auf den Spuren der Ahnen: Gerhard Rill wurde 80

Über sein bemerkenswertes siebenbürgisch-sächsisches Bauernmuseum in Augsburg, das in enormer Fülle bäuerliche Einrichtungsgegenstände präsentiert, war in dieser Zeitung bereits verschiedentlich zu lesen: Gerhard Rill hat am 1. Juli 2013 seinen 80. Geburtstag gefeiert.
Geboren wurde Gerhard Rill am 1. Juli 1933 in Bistritz. Der Vater hatte in Bistritz in der Mühlwehrgasse ein Haus mit einer angeschlossenen Molkerei gebaut. Sein Großvater war Pfarr-Lehrer und reicher Weinbauer in Lechnitz. Sein Onkel Alois Poschner besaß eine Mühle in Lechnitz. Man kann sagen, Gerhard Rill und seine zwei Geschwister wurden in eine wohlhabende Familie hineingeboren und genossen eine sorgenfreie Jugend. Doch schon nach elf Jahren sollte sich mit der Evakuierung der deutschen Bevölkerung alles ändern. Gerhard Rill erzählt: „Nach einer großen Getreidelieferung an die Wehrmacht hatte der Großvater das Privileg, einen eigenen Viehwaggon für die Flucht bereitgestellt bekommen zu haben. Dieser wurde vollgestopft mit mehreren Schweinehälften, Wein, Schnaps, Getreide, Eiern, Bettzeug, einem Ofen und zwei Klaftern Holz und vor allem viel Saatgut, um nach der Rückkehr die Felder bestellen zu können. Um weiter zu kommen musste immer wieder Bahnpersonal bestochen werden, sonst lag man tagelang auf toten Gleisen“. Gerhard und seine Familie wurden aus Bistritz mit anderen 26 Familien in einem Viehwaggon evakuiert. Der Zufall wollte es, dass nach der Überquerung der Theiß mit Booten Gerhard und seine Familie auf Großvater stießen und ab nun mit ihm weiterreisen konnten. Gerhard Rill in seinem Bauernmuseum in Augsburg. ...Gerhard Rill in seinem Bauernmuseum in Augsburg. Foto: Wilhelm Roth „In Linz mussten wir während eines Bombenangriffs einen halben Tag in einem Bunker verbringen. Als wir wieder zum Waggon kamen, war dieser aufgebrochen und leergeräumt. Uns blieb nur, was wir im Handgepäck bei uns hatten. Wir wurden bei einem Großbauern in Axberg bei Linz einquartiert und mussten immer wieder erfahren, wie unbeliebt und unwillkommen wir waren“.

Seine schulische Ausbildung war lückenhaft. In Bistritz besuchte er die ersten Schulklassen, dann, im Kinderlandverschickungslager in Reichenberg, wurden mehr Wehrübungen gemacht als Hausaufgaben. Über Zell am See ging es weiter nach Forsten bei Erding. Hier hatten acht Klassen einen Lehrer. Über Steingaden und Kempten gelangte Gerhard Rill nach Schriesheim bei Heidelberg, kam aber in keiner Schule unter. Einige Zeit war er dort Gastschüler, um anschließend als Lehrling in eine Molkerei in München zu landen. So wurde Gerhard Rill erwachsen und irgendwann packte ihn die Sammelleidenschaft, das Bedürfnis, so viel wie möglich zu retten und als Zeugnis für weitere Generationen aufzubewahren. Das Bedürfnis, auf den Spuren der Ahnen zu wandern und es den Jungen weiterzuerzählen, um nicht die „Spuren vom Winde verwehen“ zu lassen, war erdrückend. 1967 ging es los mit der Leidenschaft für sächsisches Kulturgut. 1978 stand in der Augsburger Allgemeinen: „Ein ausgebauter Dachboden in der Hammerschmiede birgt ein ganzes Museum: Stück für Stück trug dort ein in Augsburg lebender Siebenbürger Erinnerungen aus seiner Heimat zusammen. Um Platz für das bäuerliche Kulturgut zu schaffen, baute er in eigener Arbeit ein verfallenes Bauernhaus an der Neuburger Straße so aus, dass es heute wieder zu den historischen Kostbarkeiten des Siedlungsgebietes gehört.“ Bis unter das Dach ist alles vollgestopft mit bäuerlichen Einrichtungsgegenständen, von dem Fluchtwagen einer Familie aus Deutsch-Zepling bis zu alltäglichen Einrichtungsgegenständen.

Unter abenteuerlichen Bedingungen, unter der Gefahr, verurteilt und eingesperrt zu werden, ist es Gerhard Rill gelungen, viel Kulturgut zu retten. Neben dem Bauernmuseum in Augsburg hat Rill noch ein weiteres Siebenbürgisches Bauernmuseum in Ungarn. Bedauerlicherweise steht Rill nun mit seinen 80 Jahren vor der Frage: „Was geschieht mit meinen wertvollen Sachen, wer kann und will das weiterführen?“ Eine Frage, auf die es (vorläufig) keine Antwort gibt.

Hans Georg Franchy

Schlagwörter: Verbandsleben, Museum, Heimatstube, Bistritz, Augsburg

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