15. September 2002

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Von luzider Intelligenz und gewinnender Lebensfreude

Kurtfritz Handels ausgereifter bildhauerischer Gestus wurde vom spirituellen Flair seiner jeweiligen Lebensaufenthalte geprägt, das Figurative seiner Kunst durchlief eine Sublimierung auf das Wesentliche hin. Dies stellte der Schriftsteller und Publizist Hans Bergel bei der Ausstellungseröffnung am 5. September 2002 im Haus des Deutschen Ostens in München fest. Seine Einführung wird im Folgenden leicht gekürzt abgedruckt.
Der 1941 geborene Bildhauer und Metallplastiker Kurtfritz Handel hört zwar auf einen „ursiebenbürgischen“ Familiennamen, wurde aber dessen ungeachtet im rumänischen R"mnicu V"lcea geboren, jenem Städtchen am Alt-Fluss, wo dieser aus den Südkarpaten tritt, aus dem Dunkel der Bergschluchten ins Licht der Getischen Tiefebene strömt und die Große von der Kleinen Walachei trennt, aber auch die beiden geistig oft so verschiedenen Landschaften miteinander verbindet. Der sechzehnjährige Kurtfritz Handel ist dann im nordsiebenbürgischen Klausenburg als Schüler des Kunst-Gymansiums zu finden. Hier - in der Stadt auf altem dakischem, danach römischem Boden, wo im 13. Jahrhundert deutsche Einwanderer Clusenburg gründeten und sich später eine weitgehend ungarische Metropole entwickelte - besuchte er zwischen 1961 und 1967 auch die als exzellent geltende Akademie der Bildenden Künste. In der nächsten Etappe, 1967 bis 1985, treffen wir ihn in der altehrwürdigen einstigen „Haupt- und Hermannstadt“ der Siebenbürger Sachsen, sei es als Kunstpädagoge oder Lehrbeauftragter an Schulen, sei es als frei schaffender Künstler. Markierten schon die genannten Kindheits-, Lehr- und Tätigkeitsstationen im rund dreißigjährigen Leben des Kurtfritz Handel drei Landschaften voneinander vielfach divergierender Lebens- und Kulturstimmungen, so kommt eine vierte, abermals unterschiedliche, hinzu: 1985 übersiedelte Handel ins baden-württembergische Nürtingen, ein Ort, in dem im 8. Jahrhundert fränkische Könige einen Hof unterhielten und der später zu einem der Residenzsitze der Grafen von Württemberg wurde. Rund ein Drittel seines bisherigen Lebens verbringt Handel somit in dem Städtchen im Landstrich zwischen der Schwäbischen Alb und dem Neckar, auch hier als Kunstlehrer, Schulleiter, Bildhauer.
Kurtfritz Handel: Vaters Abschied, Detail, 1994
Kurtfritz Handel: Vaters Abschied, Detail, 1994


Nun sage niemand, dass es ohne Reiz sei, den Weg des in diesem Jahr 61-Jährigen durch die angesprochenen unterschiedlichen Kulturklimate im Zeichen ihrer Auswirkung auf das künstlerische Werk und das künstlerische Verständnis Handels zu verfolgen. Die moderne Kunstbetrachtung und -analyse hat diese Methode der Beleuchtung und Erklärung eines künstlerischen Werks mit Erfolg von ehemals unbekanntem Aufschlussreichtum entwickelt. Der Anhauch südländisch-rumänischen Daseinsgefühls der Leichtigkeit und Spontaneität, das so ganz andere Ambiente der Kulturausstrahlung um den Klausenburger Sankt-Michaels-Dom und die dortige akademische Annäherung an die Spezifika rumänisch-lateinischen „Belle-Art“-Gefühls, dann wieder das beeindruckende Bild Althermannstädter medievaler Architektur und schließlich die machtvolle Geste etwa des Nürtinger Rathausbaus, aber ebenso jedes Mal auch die Atmosphäre der jeweiligen Landschaft – all dies, es ist anders nicht denkbar, prägte sich dem ästhetischen Sensorium Kurtfritz Handels ein und fand Eingang auch in den Stil seines Ausdrucksbedürfnisses und seines bildnerischen Willens, seiner persönlichen Welt der Bildvision.

Bedarf es eines Belegs dieser Behauptung? Einer sei hier angeführt. Während der Hermannstädter Jahre 1967 bis 1985 machte sich der von der kubischen Individualität und Geschlossenheit der mittelalterlichen Architektur inspirierte Handel daran, die Stadt in ihren spezifischen baulichen Akzenten in Einzelstücken skulptural nachzuformen. Die Vielfalt an architektonischen Elementen, die Torbögen, Kirchenportale, Säulen- und Gewölbegänge, die Dachreiter, Türme, die Steinstufenauf und -abgänge, die verwinkelten Mauerecken, die imponierenden Dächer der Bürgerhäuser auf Hermannstadts Großem Ring – all dies erfuhr in einer Reihe von Arbeiten Handels eine Lebendigkeit der schöpferischen Nach- und Umgestaltung in Miniatur, die in geradezu klassischer Weise das Einflößen der uns umgebenden Eindrücke in unseren Mitteilungsmodus veranschaulicht. Angemerkt sei hierzu, dass Kurtfritz Handels gesamtes Werk mutatis mutandis diesen Vorgang beispielhaft veranschaulicht. Ich werde später darauf zurückkommen.

Nun erscheint es mir aber wichtig, zugleich den Umstand festzuhalten, dass Handel aus der jeweiligen Umgebung, in der er lebte, in sein Werk nicht nur die dingliche Anregung aufnahm, er die äußere Erscheinungsform als Anregung für seine bildhauerische Phantasie begriff. Nein, er ließ sich – was schwerer wiegt – auch von deren spezifischer geistiger Vibration faszinieren und inspirieren. Auch darauf komme ich später zurück. Was macht dies Werk im Ganzen aus? Es zu umreißen, muss ich mich hier auf das Schlagwort beschränken. Es gibt aus Handels bildhauerischer Werkstatt sowohl die Groß- als auch die Kleinplastik, es gibt Altar- und Reliefgestaltungen, es gibt Porträtköpfe und anderes mehr. Dabei fällt die Vielzahl der Materialien auf. Handel arbeitet ebenso in Ton wie in Stein, in Holz wie in Metall, in Wachs wie in Bronze. Und schon die frühen Arbeiten zeigen die überwiegend figurative Orientierung Handels, das heißt, Handel hält sich an das, was unser Auge im herkömmlichen, im gewohnten Sinne als Haus und Baum, als Mensch und Tier erkennt. Bis heute blieb das Figurative – das Gegenständliche – eines der Merkmale seiner Kunst. Doch es durchlief im Lauf der Jahre einen Prozess der Sublimierung auf das Wesentliche hin. Dafür zwei Beispiele:

Die in den sechziger, siebziger Jahren begonnenen, schon angesprochenen Althermannstädter architektonischen Miniaturen stellen sich uns – in blockhaft lapidarer Vereinfachung – unumwunden als sofort erkennbare Bastei und Wehrmauer, Turmdach und Stadttor dar. Doch rund zwanzig Jahre später, 1990, schuf Handel eine Metallskulptur, die er „Aufbruch“ nannte. Zwar suggeriert diese Skulptur dem Betrachter sofort die Idee eines Massenstarts von Fahrrädern, die sich schwungvoll in eine Kurve hineinlegen. Doch bei näherem Hinsehen sind das keine Fahrräder, sondern auf das Wesentliche abstrahierte Elemente solcher, deren innere Bewegung allein uns veranlasst, an ein Fahrradrennen zu denken. Der Künstler hat sich also vom Figurativen der frühen Hermannstadtskulpturen zum Afigurativen der Fahrradkomposition hin entwickelt, für die ihm lediglich Andeutungen dienen. Das zweite Beispiel: 1971 hatte Handel eine Bronze unter dem Titel „Mädchen mit Springseil“ geschaffen. Trotz aller Reduzierungen ist die figurative Sichtweise eindeutig. Abermals zwanzig Jahre später, 1991, stellte er eine Metallskulptur unter dem Titel „Fressende Ziege“ vor. Wohl suggeriert die Skulptur das Bild der fressend empor gereckten Ziege, diese gibt sich aber bei genauer Betrachtung als ein Kompositionsgebilde aus Linien in Rundungen und Geraden zu erkennen, das mit einer Ziege im überkommenen Sinn nichts zu tun hat, das uns aber dennoch in geradezu hinreißender Weise eine solche suggeriert. Wie beim ersten Beispiel lässt sich auch hier die im Laufe zweier Jahrzehnte erfolgte Loslösung des Künstlers vom Gegenständlichen hin zum Ungegenständlichen – ich vermeide das Wort „Gegenstandslosen“ – beobachten.

Aber dennoch verhält es sich nun keineswegs so, dass Kurtfritz Handel nicht schon vom Beginn seines künstlerischen Arbeitens an beide Möglichkeiten der ästhetischen Sicht gekannt habe. Im Gegenteil. Es gibt Arbeiten von Handel vom Anfang der achtziger Jahre, die – schon damals – wie chiffrierte Symbole vor uns stehen, z.B. die so genannten „Stufen“, die „Passage“ oder die „Bögen“, alle 1980. Und es gibt andererseits sehr viel spätere Arbeiten – etwa aus dem Jahr 2000 – , die an Gegenständlichkeit nichts zu wünschen lassen, wie, ich nenne nur eine, die „Große Weide“. Das gestattet nicht nur, sondern es zwingt sogar zu einem beziehungsreichen wie bezeichnenden Rückschluss auf einen Grundsatz, ja, auf das Credo dieses Künstlers: Kurtfritz Handel lässt sich niemals vom gerade Modischen, von der Tagesideologie eines bestimmten Kunstklischees vor den Karren spannen – er bleibt innerlich frei. Das ist in unserer Zeit viel mehr, als ein Laie auch nur zu ahnen vermag, weil nämlich der Markt erbarmungslos das Klischee, die political correctness auch im Bereich der Künste fordert. Zusammengefasst: Der bei künstlerischer Arbeit so wichtigen Momentandisposition ohne vorgegebene Marktfixierung nachzugehen, diese Freiheit scheint mir ein weiteres substantielles Merkmal Kurtfritz Handels und seines Werks zu sein.

Die Einflüsse wegbereitender moderner Repräsentanten der bildenden Kunst auf Handel sind unverkennbar: etwa die skulpturale Konzeption eines Max Bill, eines Max Ernst, auch Alberto Giacometti oder Marino Marini, um nur sie zu nennen, erscheinen mir erwähnenswert. Sie alle streben jene äußerste Konzentration auf das Wesentliche in der Sichtbarmachung der körperhaften Erscheinung an, die auch zu den Charakteristika der Kunst Handels gehört – dies fast asketische Weglassen allen Bei- und fülligen Schnörkelwerks, alles schönend Gefälligen, das der Mensch unserer Epochen nicht mehr will, ja, auch nicht mehr erträgt.
Kurtfritz Handel: Flötenspieler, 1988
Kurtfritz Handel: Flötenspieler, 1988

Kurtfritz Handels ausgereifter bildhauerischer Gestus, ich meine die künstlerische Sprache, die er sich im Laufe der Zeit erarbeitete, ist immer wieder von einer vegetativen Eleganz und Feinheit. Bei einigen seiner Skulpturen meint man, Pflanzengebilde vor sich zu haben, auch wenn es menschliche Gestalten sind. Ihre Biegsamkeit und Geschmeidigkeit hat nicht nur für das Auge Bestechendes, nein, sie machen uns zusätzlich bewusst, wie verletzlich die einander so fremden und dennoch so verwandten Bereiche Natur und Kunst sein können. Bildwerke wie „Sternepflücker“, „Träumende“, „Lange Mädchen“, „Lustige Tiroler“, „Jazzduo“ oder das über alle Maßen köstliche „Quintett“ und viele andere sind, so gesehen – um am Vergleich mit einem der Größten des 20. Jahrhunderts zu veranschaulichen –, zunächst das genaue Gegenteil der Skulpturenwelt eines Künstlers wie Ernst Barlach. Wo dieser nämlich seine Gestalten fast an die Erde anbindet und sie auch in ihrem geistigen Habitus aus ihrer Bindung an die Erde heraus erklärt und ihre Trauer und Freude, ihre Melancholie und Tragik von der Unaufhebbarkeit dieser Bindung her sicht- und spürbar macht, dort ist Handels Gestaltenkosmos von der Sehnsucht alles Menschlichen bestimmt, diese Bindung zu überwinden – daher das Schwebende, das Leichtfüßige, die Musikalität seiner Figuren. Während der norddeutsche Barlach mit wuchtigen, würfelartigen Formgebilden und mit dem oft beinahe trotzigen Beharren auf unserer Irdischkeit vor uns tritt, zeigt uns der südöstliche Deutsche Handel die andere Möglichkeit, die Frage unserer irdischen Verhaftetheit zu beantworten: ihr nämlich spielend entgegenzutreten. So sitzt denn auch z.B. Ernst Barlachs Bronzeskulptur „Singender Mann“ (1930) auf der Erde, als wäre sie ein Stück von ihr; Kurtfritz Handels rund sechzig Jahre später entstandener „Flötenspieler“ (1988) hingegen berührt die Erde kaum – er lehnt sich mehr stehend als sitzend an ein hohes Bänkchen und scheint auf diese Weise fast über der Erde zu schweben. Gemeinsam aber ist beiden, Barlach wie Handel, die bis zum Äußersten getriebene Disziplinierung in der Anwendung der künstlerischen Mittel – beide gehen so meisterhaft sparsam mit diesen um, dass beide Schöpfungen gerade noch im Bereich des Gegenständlichen, des Figurativen bleiben. Es ist kein Füllsel nötig, wo das Wesentliche mit solcher Klarheit erkannt wird – dies scheint beider Arbeitsvorsatz gewesen zu sein bzw. zu sein.

So handwerklich diszipliniert und arbeitsethisch bewusst sich Handel diesem Credo unterwirft, so poesievoll bleibt dennoch die Aussage seines Werks. Und das hängt meines Erachtens nicht zuletzt damit zusammen, dass dieser Künstler in einer geradezu aufnahmegierigen Wachheit aus jeder seiner durchlaufenen Lebensumgebungen etwas mit hineinnahm in die Sprache seiner Kunst. Es hängt, könnte man sagen, mit einer unübersehbaren Treue zu den Herkünften zusammen, die er seinem Werk nicht nehmen will. Auch wenn es ihn zu neuen Orientierungen treibt, bleibt im Werk Handels immer noch Platz für einst erfahrene Bereicherung. Dies verleiht seiner Kunst auch die Note tiefer Menschlichkeit.

In der Transparenz, der spielerischen, oft fast verspielten Gelöstheit und der genau durchdachten Struktur seiner Figuren, Gruppen oder Porträtköpfe – leben in ihnen nicht Witz und Helligkeit karpatisch-danubischer Stimmungen wie Ernst und Solidität siebenbürgischen Lebensbegreifens? In seinen Tierherden- und den großartigen metallenen Landschaftskompositionen ist viel von der dem Neckartal nachgesagten Gemütstiefe und -wärme lebendig. In seine toskanischen Impressionen aus Stein und Eisen floss der Geist mediterraner Hochkultur ein. Auf Schritt und Tritt begegnen wir in diesem Werk, ich sagte es schon, nicht allein dem optisch übernommenen Motiv, sondern zugleich dem spirituellen Flair, der das regional vorgegebene Motiv beseelt.

In seiner Grundanlage ist Handels Werk heiter, es ist von luzider Intelligenz und von gewinnender Lebensfreude. Dies meinte ich, als ich von seiner Poesie sprach. Vielfalt der inneren und äußeren Gesichte und Gesichter, Bereitschaft und Fähigkeit, sich von den wechselnden Lebensaufenthalten beschenken zu lassen und die unbedingte Freiheit der schöpferischen Antwort auf dies Angebot, die Phantasie des Formeneinfalls und nicht zuletzt die so selten gewordene Ehrlichkeit des Handwerklichen – dies, meine Damen und Herren, scheinen mir die Charakteristika des Werks Kurtfritz Handels zu sein, aus dem wir in diesen Räumen eine Auswahl sehen dürfen.

Hans Bergel


Die Ausstellung mit Plastiken von Kurtfritz Handel ist bis zum 2. Oktober im Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, in München montags bis donnerstags von 10 - 20 Uhr und freitags von 9 - 15 Uhr geöffnet.

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2002, Seite 7)

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