17. August 2003

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Zum Tode von Henry E. Simmon

Am 6. Juni dieses Jahres starb in seinem Wohnort Ahrensburg Henry E. Simmon, langjähriger Chefdramaturg und Regisseur am Ernst-Deutsch Theater Hamburg. Zwischen 1974 und 1976 gastierte er als erster westdeutscher Regisseur an der Hermannstädter Deutschen Bühne, wo er u. a. "Der gute Mensch von Sezuan" von Brecht inszenierte. Für seine Arbeit erhielt er das Goldene Ehrenwappen der Siebenbürgischen Landsmannschaft, deren Mitglied er seit 1975 war; von der Bundesregierung erhielt er für sein Bemühen um den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache im Ausland das Bundesverdienstkreuz.
In Zeiten des kalten Krieges gab es Momente, in denen der Eiserne Vorhang einen kleinen Spalt freigab, und es gab neugierige und couragierte Menschen, die das zu nutzen wussten. So einer war Henry E. Simmon. Nachdem er in einem Gespräch mit Frieder Schuller, dem damaligen Dramaturgen des Hermannstädter Theaters, der 1973 auf Besuch in der BRD weilte, von der Existenz der Deutschen Bühne gehört hatte, bemühte er sich, neugierig geworden, über das Goethe-Institut um ein Visum für Rumänien und um einen damit verbundenen Regiegastvertrag. Es klappte. So kam im Frühjahr 1974 mit Henry E. Simmon zum ersten Mal ein Regisseur aus dem Westen, nein, überhaupt aus dem Ausland, nach Hermannstadt. Unsere Neugierde war groß, kannten wir Hermannstädter Schauspieler das deutsche Theater jenseits der Grenze doch nur vom Hörensagen, Glücklichere unter uns durch die Zeitschrift "Theater heute". Er kam und brachte mit sich einen Hauch von Welt, von Theaterwelt. Wie lechzten wir, wie waren wir gierig danach! Zum Glück war er ein guter, ein erfahrener Theatermann, und wir alle waren bestrebt, ihn nicht zu enttäuschen, wollten wir doch zeigen, dass wir genau so gut sein konnten wie unsere Kollegen im Westen.
Henry E. Simmon (im Bild rechts) mit Hans Pomarius bei der Probenarbeit für 'Fuhrmann Henschel'.
Henry E. Simmon (im Bild rechts) mit Hans Pomarius bei der Probenarbeit für 'Fuhrmann Henschel'.

So wurde seine erste Inszenierung auch die erfolgreichste: "Der gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht, diese wunderbare Parabel über die Schwierigkeit, gut zu sein und doch zu leben. Mit Helmuth Stürmer gewann er einen der besten Bühnenbildner Rumäniens. Mit E. Manyak und Band war der musikalische Part, so ungeheuer wichtig in Brechtstücken, bestens besetzt. Und schließlich das Wichtigste, seine Regie.

Mihai Nadin, der bedeutendste rumänische Theaterkritiker, schrieb in einer Bukarester Zeitung, dass die Hermannstädter Schauspielertruppe in dieser Inszenierung einen ungewöhnlichen künstlerischen Höhepunkt erreicht habe und dass diese Aufführung von den elf von ihm gesehenen (die B. Besson-Aufführung am Berliner Volkstheater inbegriffen) wahrscheinlich die einheitlichste sei. E. Reichrath schrieb in seiner Kritik im "Neuen Weg" von einem "authentischen Brecht" und einem außergewöhnlichen Theaterereignis. H. Weber von der "Hermannstädter Zeitung" war überrascht von der Höchstleistung, zu der der Regisseur Simmon das Hermannstädter Ensemble mitgerissen hätte. Ja, buchstäblich mitgerissen hatte er uns, mit seinem Können, seinem Wissen, seiner ungeheuren Energie und vor allem seiner Forderung, gut zu sein, nicht nachzulassen in der Spannung, "am Ball zu bleiben", wie er es scherzhaft formulierte. Und die Arbeit an der Sprache! Er wurde nicht müde, an unserer Aussprache zu feilen, bis jeder Ton, jeder Satz saß.

Dreimal durften wir ihn noch als Regisseur erleben. Herbst 1974 inszenierte er "Fuhrmann Henschel" von Gerhard Hauptmann, 1975 "Nathan der Weise" von Lessing und 1976 "Gyges und sein Ring" von Hebbel. Jedesmal erwies sich die Zusammenarbeit mit ihm als ungeheuer fruchtbar und war Anstoß und Anregung für uns weit über die Arbeit an seinen Inszenierungen hinaus. Privat verfügte er über eine Mischung aus Jovialität und sprödem hanseatischem Charme, war witzig und humorvoll. Mit vielen von uns blieb er freundschaftlich verbunden. Mit meinem Mann und mir ein Leben lang.

Henry E. Simmon wurde 1926 in eine seit Generationen in Hamburg ansässige Kaufmannsfamilie hineingeboren. Er bezeichnete sich selbst als echten Hanseaten. 1943 erlebte er hautnah die Zerstörung seiner Stadt und seines Elternhauses durch die Bombenangriffe der Alliierten. Es spricht für ihn, dass er 17-jährig in dem nächtlichen Feuersturm als Kurier im Einsatz war und für seine Tapferkeit bei der Bergung Verschütteter ausgezeichnet wurde.

Eigentlich wollte er Tropenmediziner werden, aber er entschloss sich dann doch für eine Schauspielerausbildung am Hamburger Schauspielhaus unter dem Intendanten H. Wüstenhagen, den er persönlich kannte. 1960 kam er zum Jungen Theater Hamburg. Sein eigentliches Metier war aber die Regie. Als Regisseur und langjähriger Chefdramaturg hat er das Junge Theater mitgeprägt. Eine seiner bedeutendsten Inszenierungen war 1967 "Nathan der Weise" mit Ernst Deutsch in der Titelrolle, nach dem das Junge Theater 1973 benannt wurde. In den achtziger Jahren war er freischaffender Regisseur. Zuletzt brachte er deutsche Kultur auch auf die Weltmeere: Auf Kreuzfahrtschiffen hielt er Vorträge über Kunst- und Kulturgeschichte.

Im Mai dieses Jahres folgten mein Mann und ich seiner Einladung und wir besuchten ihn in seinem Wohnort Ahrensburg. Es war ihm ein Bedürfnis, uns seine nordische Heimat zu zeigen. Auch war es nach dem Tode seiner Frau einsam um ihn geworden. An den langen Gesprächsabenden betonte er immer wieder, wie viel ihm die Arbeit in Hermannstadt bedeutet, wie sehr er sich über die siebenbürgische Auszeichnung gefreut hätte, und dass er eigentlich mit dem Herzen Siebenbürger sei. Zu seinem geplanten Gegenbesuch kam es nicht mehr. Am 26. Juni hörte sein Herz plötzlich auf zu schlagen.

Luise Pelger-Pomarius

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