30. Juni 2000

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Herausragende Persönlichkeiten gewürdigt

"Am Pfingstsonntag wurden in Dinkelsbühl drei herausragende Persönlichkeiten gewürdigt. Der Schriftsteller Georg Scherg erhielt den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2000. Der "produktivste rumäniendeutsche Schriftsteller" habe es geschafft, "die Heimat in Worte zu fassen und in die Welt hinaus zu tragen", betonte Laudator Gert Ungureanu. Hellmar Wester (Ernst-Habermann-Preis) hat die siebenbürgische Wirtschaftsgeschichte in einer Ausstellung und einem begleitenden Katalog exemplarisch in Teamarbeit dargestellt, Johann Schuller (Jugendpreis) hat die junge Generation zielbewusst gefördert und als gleichberechtigten Mitgestalter des Heimattages hineinwachsen lassen."
Zutreffend wie selten zuvor haben die drei Preisgerichte ihre diesjährigen Preisträger gefunden. Das wurde auch durch den stehenden Applaus verdeutlicht, mit dem die Dankesrede von Georg Scherg gefeiert wurde. Aber auch die beiden anderen Geehrten haben auf ihrem jeweiligen Gebiet Herausragendes geleistet: Hellmar Wester hat die siebenbürgische Wirtschaftsgeschichte in einer Ausstellung und einem begleitenden Katalog exemplarisch in Teamarbeit dargestellt, Johann Schuller hat sich als stiller, aber zielbewusster Förderer der siebenbürgisch-sächsischen Jugend verdient gemacht und die junge Generation als gleichberechtigten, aktiven Mitgestalter des Heimattages hineinwachsen lassen. Den musikalischen Rahmen der würdigen Feier am Pfingstsonntag, dem 11. Juni, in der St. Paulskirche zu Dinkelsbühl gestaltete Horst Gehann an der Orgel, Dr. Wilhelm Bruckner, Vorsitzender des Kulturpreisgerichts, sprach einleitende Worte.

Georg Scherg habe auf kultureller Ebene besonders viel für seine Heimat geleistet, betonte Dr. Gerd Ungureanu in seiner Laudatio. "Er hat es geschafft, die Heimat in Worte zu fassen und in die Welt hinaus zu tragen, und schon damit hat er verdient, dass wir ihn heute ehren." Der 83-jährige Dichter und Schriftsteller, Lehrer und Literaturprofessor, durch dessen Hände unzählige Generationen von Schülern und Studenten gegangen seien, könne auf ein reiches und erfülltes Leben zurückblicken. "Unstet und unbehaust nimmt sich das Leben des produktivsten rumäniendeutschen Dichters und Schriftstellers aus; vieles geschah parallel zu Ereignissen von nationaler oder internationaler Bedeutung, denn er hatte das seltene Glück - oder Unglück -, die großen Ereignisse und Umstürze, die Kriege und Zerrissenheit dieses Jahrhunderts mit zu erleben." Dies verdeutlichte Ungureanu anhand der Biographie und des Werks von Scherg.
Geboren wurde er am 19. Januar 1917 in Kronstadt, als dritter Sohn des Fuhrmannes Peter Kurmes. Der leibliche Vater stirbt im Spätherbst 1916 an der Front, die Mutter bei der Geburt des Sohnes. 1922 adoptiert ihn der Kronstädter Lederfabrikant Ernst Scherg. Schon früh sucht er Kontakt zu Künstlern und Künstlerkreisen, lernt Geige spielen, zeigt eine Vorliebe für Grafik und Malerei. 1935-1937 studiert er Germanistik, Romanistik, Philosophie und Musik in Gießen, Berlin, Paris und nach seinem Wehrdienst in der rumänischen Armee in Tübingen und Straßburg. 1944-45 ist er als Gymnasiallehrer in Reutlingen tätig und kehrt 1947, als der Eiserne Vorhang längst gefallen war, zu Fuß nach Rumänien zurück. Er ist zunächst Deutschlehrer in Kronstadt, Zeiden und Heldsdorf. 1952 wird die Familie Scherg zwangsenteignet, der Ziehvater, Ernst Scherg, wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1954 debütiert Scherg mit dem Trauerspiel "Giordano" in einem Bukarester Verlag, von 1954 bis 1957 leitet er den Lehrstuhl für Germanistik in Klausenburg, am 30. September 1958 wird er zusammen mit Wolf Aichelburg, Harald Siegmund, Hans Bergel und Andreas Birkner verhaftet, und nach einjähriger Untersuchungshaft in dem so genannten deutschen Schriftstellerprozess zu 20 Jahren Zwangsarbeit und zehn Jahren Aberkennung der bürgerlichen Rechte verurteilt. Ihm wird hauptsächlich vorgeworfen, ein Gedicht in der Anthologie "Wir Siebenbürger" von Heinrich Zillich veröffentlicht zu haben.
Nach seiner unerwarteten Entlassung im Oktober 1962 arbeitet Scherg zunächst als Kanalreiniger am Tömösch-Kanal in Kronstadt und dann als Geiger an der Philharmonie in Kronstadt. 1968 folgt seine Rehabilitierung, er wird Lehrer am Honterus-Gymnasium in Kronstadt und 1970 Universitätsdozent für deutsche Literatur und Leiter des Philologischen Lehrstuhls an der Universität Hermannstadt. Dort gründet und leitet er einen deutschen Literaturkreis. Er entfaltet eine vielseitige, erfolgreiche Tätigkeit als Erzähler und Lyriker, als Herausgeber, Übersetzer und Nachdichter. 1984 wird er emeritiert, 1987 beantragt er die Ausreise, die erst nach dem Sturz Ceausescus im März 1990 erfolgt. Die Ausreise bedeutet für ihn "eine Art Heimkehr in eine vertraute Umgebung", so Ungureanu weiter. Heute lebt Scherg in Mössingen-Belsen, vierzehn Klometer von Tübingen entfernt, wo er vor 50 Jahren studiert und gearbeitet hat.
Bilder und Personen aus seiner Heimat habe Scherg in seiner "Peter-Merthes"-Trilogie geschildert und in den Romanen "Da keiner Herr und keiner Knecht" und "Baß und Binsen". Gefängniserfahrungen seien parallel zu den Heimatbildern in den Roman "Paraskiv Paraskiv", "Der Mantel des Darius", "Penelope ist anderer Meinung" und "Spiegelkammer" verarbeitet. Auch nach seiner Ausreise sei der Schriftsteller aktiv geblieben, 1997 erschien der umfangreiche Roman "Goa Mgoo oder die Erfindung der Unsterblichkeit" im Tebbert-Verlag in Münster, zudem brachte er mehrere Gedichtbände heraus. Im Herbst 1997 verlieh ihm die Hermannstädter Lucian-Blaga-Universität die Ehrendoktorwürde. Gert Ungureanu war übrigens Schüler und Student von Scherg, dessen Werk er in einer umfangreichen Doktorarbeit untersucht hat.
Kostproben seines schriftstellerischen Könnens lieferte Scherg tags zuvor, am 10. Juni, in einer Lesung, die Karin Servatius-Speck, stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, mit einfühlsamen Worten einleitete, aber auch in seiner poetisch-ironischen Dankesrede in der St. Paulskirche.
Hellmar Christian Wester wurde mit dem Ernst-Habermann-Preis für die Ausstellung "Historische Wertpapiere aus Siebenbürgen" und ein Begleitbuch zu dieser Ausstellung, die übrigens in Dinkelsbühl zu sehen war, ausgezeichnet. Dr. Konrad Gündisch zeigte in seiner Laudatio überraschende Verbindungen zwischen dem Stifter Ernst Habermann, der ausgezeichneten Arbeit und dem Empfänger des diesjährigen Preises auf. Die 1979 gegründete Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung bekenne sich ausdrücklich zu Vorbildern wie Carl Wolff, der als Direktor der Hermannstädter allgemeinen Sparkassa verfügt hatte, "dass die Hälfte der erwirtschafteten Erträge für Kirche, Schule, die Wissenschaft und kommunale Zwecke der Stadt Hermannstadt zuzuwenden waren, eingedenk der Erkenntnis, ,dass die Macht des Kapitals nur bei Verwendung zum gemeinsamen Nutzen und Besten versöhnend wirkt'." Für die sozialen und kulturellen Belange seiner Landsleute habe sich auch Ernst Habermann (1903 in Hermannstadt geboren, 1987 in Comano gestorben), der Gründer der Siebenbürgischen Stiftung, eingesetzt.
Gündisch begrüßte es, dass Westers Ausstellung und Katalog siebenbürgisch-sächsische Wirtschaftsgeschichte im Allgemeinen und die Persönlichkeit Dr. Carl Wolff im Besonderen behandeln, Themen, die von der Siebenbürgen-Forschung der letzten Jahrzehnte viel zu selten aufgegriffen worden seien. Im Katalog werde "Wirtschaftsgeschichte zum Anfassen" geboten, sowohl im einleitenden Beitrag von Dr. Michael Kroner über die Persönlichkeit Dr. Carl Wolffs als auch mit den Farbkopien repräsentativer Aktien und äußerst suggestiven Kurzporträts von Aktiengesellschaften und Betrieben, die Gündisch als "lexikographische Meisterleistungen" wertete. Einige der Kurz-Geschichten seien "spannend wie ein Wirtschaftskrimi, wenngleich der Täter immer derselbe, das Ende leider immer das Gleiche ist: das kommunistische Regime, das 1948 die freie siebenbürgisch-sächsische Wirtschaft zerschlagen hat." Leistungen von Unternehmerfamilien wie jene der Scherg und der Schiel in Kronstadt werden hervorgehoben, aber es werde auch verdeutlicht, "was die kommunistische Enteignung nicht nur für Großkapitalisten, sondern auch für viele 'kleine Leute' an Verlusten verursacht hat." Für die gründlich recherchierten Grundinformationen zur Wirtschaftsgeschichte Siebenbürgens ist neben Hellmar Wester auch der engagierten Mitarbeit jüngerer Siebenbürgen-Begeisterter zu danken: Doris Binder-Falcke, Martin Herold, Ortwin Herold, Uwe Konst, Dieter Krauss, Eduard Siegel und Cynthia Karla Wester.
Die Biographie des Preisträgers erinnere "unwillkürlich an die berühmten Tellerwäscherkarrieren erfolgreicher Amerikaeinwanderer", so Gündisch. Wester wurde 1953 in Kronstadt geboren und versucht bereits als 18-Jähriger der Enge der Diktatur zu entgehen. Die "Republikflucht" misslingt, Wester wird inhaftiert und schlägt sich dann als Hilfsfahrer und Kraftfahrer durch, bis er 1980 endlich in die Bundesrepublik aussiedeln darf. In den zwanzig Jahren seit seiner Aussiedlung habe er aus eigener Kraft "eine Bilderbuchkarriere gemacht - als einer der vielen Siebenbürger Sachsen, die sich in ihrer neuen Heimat bewährt haben", so Gündisch weiter. Er bildet sich intensiv weiter und steigt vom Omnisbusfahrer zum Prokuristen und Logistik-Leiter sowie Mitglied der Geschäftsführung einer Bonner Firma auf.
Wie Dr. Carl Wolff und Ernst Habermann habe sich der Preisträger jedoch nicht nur auf seinen beruflichen Ausstieg konzentriert, sondern sich auch für die Gemeinschaft eingesetzt. Er wirkt z.B. als stellvertretender Landesvorsitzender und Organisationsreferent der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, ist aktives Mitglied des Rudolf-Lassel-Chores in Köln, koordiniert Hilfsleistungen nach Siebenbürgen u.v.m.
In seiner Dankesrede kündigte Wester an, dass er einen Teil des Preisgeldes der Stiftung Siebenbürgische Bibliothek zukommen lassen und den Rest für weitere Recherchen zu seltenen Wertpapieren investieren werde. In seinen Dank bezog er seine verständnisvolle Ehefrau, eine gebürtige Kölnerin, die vielen Helfer und Sponsoren, aber auch Robert Sonnleitner, den Internetreferenten der Landsmannschaft, ein, der eine gelungene Internet-Version der Ausstellung gestaltet und somit einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht habe.
Johann Schuller erhielt den Jugendpreis 2000 für sein langjähriges Engagement zur Förderung und Einbindung der Jugend in die Organisation und Gestaltung der Heimattage in Dinkelsbühl. Es sei ein Verdienst von Schuller, der Jugend einen hervorgehobenen Platz in Dinkelsbühl eingeräumt zu haben, sagte Rainer Lehni, Pressereferent der SJD, in seiner Laudatio. "Denkt man heute an den Heimattag der Siebenbürger Sachsen, so bleibt einem auf jeden Fall ein Bild vor Augen, das Bild der festlich in Tracht gekleideten, aktiv mitwirkenden Jugend." Das sei früher nicht immer so selbstverständlich gewesen.
Johann Schuller ist in einer landsmannschaftlich aktiven Familie aufgewachsen. Am 12. September 1946 wurde er in Endsee bei Rothenburg ob der Tauber geboren, seine Eltern Susanna und Thomas Schuller stammen aus der nordsiebenbürgischen Gemeinde Deutsch-Zepling und waren im Zuge der Kriegsereignisse im September 1944 über Ungarn nach Österreich geflohen und kamen über Niederbayern nach Endseee in Mittelfranken. 1958 siedelt die Familie Schuller nach Dinkelsbühl um. Vater Thomas Schuller gründet und leitet die Nachbarschaft und Kreisgruppe Dinkelsbühl, Mutter Susanna ist zeitweilig Frauenreferentin. Als 15-Jähriger macht Johann Schuller in der Tanzgruppe Dinkelsbühl mit und übernimmt 1965 deren Leitung. Auch in der DJO (Deutschen Jugend des Ostens) ist er schon als 17-Jähriger Leiter der Ortsgruppe Dinkelsbühl und wird bald darauf stellvertretender Bezirksvorsitzender der DJO Mittelfranken. 1979 übernimmt er das Amt des Jugendreferenten der siebenbürgischen Kreisgruppe Dinkelsbühl, seine Frau Doris, die er im Rahmen der Jugendarbeit kennen gelernt hat, wird Leiterin der neu gegründeten Jugend- und Kindergruppe. 1982 wird Schuller Beauftragter des Bundes für den Heimattag, ein Jahr später wird er beim Verbandstag zum Bundesorganisationsreferenten im Bundesvorstand gewählt, 1984 wird er Vorsitzender der Kreisgruppe Dinkelsbühl und 1993 stellvertretender Vorsitzender der Landesgruppe Bayern, Ämter, die er auch heute noch inne hat. Zusätzlich leitet er seit 1991 die HOG Deutsch-Zepling, 1999 wird ihm die Ehrenbürgerschaft der nordsiebenbürgischen Gemeinde verliehen. Für seine Verdienste für die Landsmannschaft erhält er 1987 das Goldene Ehrenwappen.
Auf Schullers Initiative sei der Heimattagsausschuss eingerichtet worden, stellte Rainer Lehni weiter fest. In diesem Gremium, das regelmäßig tagt, habe Schuller stets dafür plädiert, dass der Jugend ein hervorgehobener Platz bei den Vorbereitung und Ausgestaltung der Heimattage eingeräumt werde. So habe die junge Generation im Laufe der Jahre ein bedeutendes Mitspracherecht erhalten. "Johann Schuller förderte die Jugend nicht nur, er forderte sie auch, indem er sie in die Verantwortung zog." Nach seiner Vorstellungen könnte diese positive Einbeziehung der Jugend in die Heimattage auch Vorbild sein für die Einbeziehung der Jugend in die gesamten Strukturen der Landsmannschaft, führte Lehni weiter aus. "Die Notwendigkeit dafür besteht allemal, um nicht wie andere Landsmannschaften durch fehlenden Nachwuchs in Schwierigkeiten zu geraten." Schuller gehöre zu den Siebenbürgern, die zwar nicht mehr in Siebenbürgen aufgewachsen seien, aber das Leben der Landsmannschaft aktiv mitgestalteten. Dieser Personenkreis bilde in unserem Verband noch eine Minderheit. Dass sich das in Zukunft ändern werde, zeige das Beispiel von Schullers Sohn Thorsten, der - in zweiter Generation in Deutschland geboren -, aktiv in der SJD mitarbeite und seit letztem Herbst stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft sei.

Siegbert Bruss

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