3. September 2001

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Zu Eginald Schlattners Roman "Rote Handschuhe"

Eginald Schlattners zweiter Roman "Rote Handschuhe" hebt in die Ästhetik des Erzählens den Modellfall schuldhafter Entpersönlichung und Schematisierung des Individuums durch totalitäre Gesellschaftsformen. Wohl durch den Impetus der "Selbstrechtfertigung" hat sich Schlattner dazu verleiten lassen, die Namen seiner Romanfiguren nur leicht zu denen der einst in die Ereignisse implizierten Personen zu verändern, so dass sie mehr als durchsichtig sind. Dies rückt das Buch, besonders für den siebenbürgischen Leser, ungewollt und von der Gestaltungskunst her auch unberechtigt, in die Nähe von Schlüsselromanen minderwertiger Textur. Diese und andere Entgleisungen schmälern jedoch nicht entscheidend die Qualitäten des Romans. Die siebenbürgisch-deutsche Literatur hat mit dem Spätdebütanten in nur drei Jahren einen fähigen Erzähler hinzugewonnen.
Eginald Schlattners zweiter Roman "Rote Handschuhe", der seit Februar dieses Jahres in den Buchhandlungen aufliegt, ist von den Feuilletons der deutschen Medien zwar nicht mit dem gleichen Enthusiasmus wie der Erstling des Spätdebütanten ("Der geköpfte Hahn", 1998) gefeiert worden, hat aber, im Grunde genommen, dennoch Anerkennung gefunden. Die Urteile über das Buch reichen von der Feststellung im Berliner Tagesspiegel, das Buch erhalte "sein spezifisches Gewicht" daraus, dass es überzeugend "einen bedeutenden Abschnitt der siebenbürgischen und rumänischen Nachkriegsgeschichte realistisch" gestalte, bis hin zu der Feststellung in der Welt , der Autor erzähle in diesem Roman "nicht so unbefangen" wie im vorangegangenen, das Buch habe "Längen", es führe "zu keinem überzeugenden Ende" und wirke in seinen Schlüsselpassagen "angestrengt".
Der Schreiber dieser Zeilen hat das Buch gelesen und wiedergelesen. Es ist die Geschichte eines Verrats unter den bestialischen Zwängen der kommunistischen Diktatur und damit die Geschichte des Romanautors selbst. Wie dieser gerät der namenlose Icherzähler, das Alter-Ego des Verfassers, 1957 in die Fänge der rumänischen Securitate und lässt sich von dieser so manipulieren, dass er nach monatelangen Verhören schließlich zum Verräter am eigenen Bruder und zum Zeugen der Anklage eines Femegerichts gegen ehemalige Freunde und Schriftstellerkollegen wird. Danach ist er ein Paria, ein Ausgestoßener, von den Mitmenschen Gemiedener.
Dessen Wandlung vom frisch inhaftierten, verängstigten Studenten und Jungliteraten zum willfährigen Werkzeug des diktatorialen Repressionsapparats gibt den zentralen Erzählstrang des Romans ab. Der leidvolle Weg in den Verrat verläuft über schier pausenlose Befragungen und daran sich anschließende, sich wiederholende Selbstbefragung. Die Befragungen pendeln hin und her zwischen subtilem Psychoterror und roher Gewalt, die Selbstbefragung zwischen abwehrender Schutzsuche und bohrender Schuldsuche in der eigenen Erfahrungs- und Erlebniswelt. Der Druck der Verhöre und des Zellendaseins zielt minutiös auf die Entwürdigung des Inhaftierten: Entmenschung bei der Leibesvisitation in beschämender Nacktheit, beim Verrichten der Notdurft, bei "Hygienemaßnahmen" erniedrigendster und absurdester Art, bei der Zerstörung jedes Selbstwertgefühls durch kontinuierliche Verweise auf individuelles und kollektives Versagen im Angesicht "sozialistischer" Ideologeme. Das Übrige tut des Protagonisten eigene Hinterfragung seines Vorlebens: dessen scheinbare Fragwürdigkeit, mehr noch: dessen Unwert steigt ins nicht mehr vor sich selbst Vertretbare, ins Unerträgliche.
Bruch und Zusammenbruch sind das Ergebnis unentrinnbarer Logik. Im Roman stehen darüber einige Kernsätze: Der Icherzähler, intellektueller und ethnischer Minderheitler, fühlt nach Monaten höchster Anspannung "eine kolossale Erleichterung im Leib". Von nun an ist er ein Anderer: "Ich kann mich zu den Vielen dieser Erde zählen, nachdem ich seit meiner Geburt immer irgendwie, irgendwo zu den Wenigen gehört habe. Endlich kann ich aus voller Kehle die 'Internationale' mitsingen. Fiebernd bin ich bereit, alles, was sich dagegen stellt, zu entlarven, zu bekämpfen, zu vertilgen. Ich lechze nach Weite und Bewegung, will dabei sein als einer der Ihren." Ab nun hat die Welt für ihn "allein eine eindeutige Ideologie", die des "sozialistischen Materialismus". Daraus ergibt sich die Konsequenz: "Nie mehr muss ich mich vor diesen Leuten fürchten und verstecken. Und mit jedem Satz (mit dem er von nun an seine Freunde dem Sicherheitsdienst ans Messer liefert - Anm. H.S.) trenne ich mich von mir selbst und meiner leidigen Vergangenheit." (S. 358 u. 408) Der seiner Individualität Beraubte ist zu jeder Aussage bereit. Dabei braucht er gar keine konkreten Fakten anzuführen, sondern muss lediglich vorgegebene Versatzstücke liefern, die sich geradezu mühelos in das ideologisch-schematische Raster der Befrager einfügen lassen.
An diesem entscheidenden Punkt wird Schlattners Erzählung paradigmatisch, und das macht eindeutig ihren zeithistorischen und auch künstlerischen Wert aus. Denn sie deckt damit glaubhaft und nachvollziehbar, auch für den Gesellschaftraum außerhalb der Gefängnismauern, in denen die Romanhandlung spielt, die soziopsychischen Mechanismen auf, die das "Porträt einer diabolischen Epoche, das Bild eines Staates, dessen Leitprinzip die Paranoia war", einsehbar machen, so die Neue Zürcher Zeitung in einer Rezension zum Buch.
Wie in jedem totalitären System, das von Diktatur und Ideologie bestimmt ist, war die große Masse der Menschen im kommunistischen Rumänien zu schizophrener Doppelexistenz verurteilt: die "neue Ordnung" einerseits in stummer oder wortkarger, überwiegend "privater" Übereinkunft und mit der Angst vor Entdeckung im Nacken zu verdammen und andererseits sich den Verheißungen der Herrschenden öffentlich anzuschließen in der vagen Hoffnung, möglicherweise dabei doch das Richtige zu tun, will sagen: dem Sinn und Verlauf scheinbar historisch legitimierter Entwicklungen zu entsprechen. Viele, sehr viele, und das nicht nur in der Heimat Schlattners, sondern auch in den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks, haben dem Überzeugungsdruck der Ideologeme nachgegeben, um dem Dilemma ihrer gesellschaftlichen Existenz zu entrinnen, und wurden so zu "Verrätern", wenn nicht de facto und mit juristischen Folgen, so dennoch zu Verrätern des Worts, des gesprochenen oder geschriebenen. Verstrickungen dieser Art in ihrer von Zwängen bestimmten Eigendynamik aufgedeckt und deren Schuldhaftigkeit mit Bezug zum Icherzähler und damit auch zur eigenen Person ohne Beschönigung offengelegt zu haben, das macht, selbst wenn es am Beispiel eines Sonderfalls, d.h. einer dramatischen Gefängnisgeschichte geschieht, Schlattners zweiter Roman lesens- und bedenkenswert: er hebt in die Ästhetik des Erzählens den Modellfall schuldhafter Entpersönlichung und Schematisierung des Individuums durch totalitäre Gesellschaftsformen.
Es trifft zu, was in der Kulturpolitischen Korrespondenz anerkennend über dieses Buch gesagt worden ist: in dem eindeutig autobiografischen Roman komme "kein Hauch der Selbstrechtfertigung auf". Dennoch verleugnet es die Erzählung an kaum einer Stelle, dass sie zweifellos aus dem Impetus einer derartigen "Selbstrechtfertigung" heraus entstanden ist. Wohl von diesem Impetus hat sich Schlattner dazu verleiten lassen, die Namen seiner Romanfiguren nur leicht zu denen der einst in die Ereignisse implizierten Personen zu verändern, sodass sie mehr als durchsichtig sind. Dies rückt das Buch, besonders für den siebenbürgischen Leser, ungewollt und von der Gestaltungskunst her auch unberechtigt, in die Nähe von Schlüsselromanen minderwertiger Textur und hat denn auch Kränkungen und Gekränktheiten zur Folge gehabt, wie sie etwa in der Neuen Kronstädter Zeitung ihren Niederschlag fanden.
In einem Aufsatz mit dem Titel "Bilse und ich" hat Thomas Mann im Jahre 1906, in einer essayistischen "Selbstrechtfgertigung" auf die Unterschiede zwischen "eigentlicher Literatur" und den "Giftblüten" von "Winkel-Pasquillanten" hingewiesen, die, mit dem "Nimbus des Skandalösen" umgeben, sich der "niedrigen Lustbarkeiten des Klatschs" befleißigen. Ein gewisser Bilse - sein Vorname ist längst in Vergessenheit geraten - hatte mit seinem Enthüllungsroman "Die kleine Garnison" Berlins Offiziersmilieu dem öffentlichen Gelächter preisgeben wollen und dabei lediglich "ein bisschen subalterne Gehässigkeit in falsches Deutsch", so Thomas Mann, gebracht. Fast zu gleicher Zeit hatten "Die Buddenbrooks" in Manns Heimatstadt Lübeck "Aufsehen und böses Blut" gemacht, ihr Verfasser wurde in einem Gerichtsverfahren dem Berliner Kolporteur zur Seite gestellt und seine große Familiengeschichte vom Lübecker Ankläger zum "Bilse-Roman" degradiert und als solcher verteufelt. Dagegen wehrte sich der Beschuldigte im genannten Aufsatz mit dem Hinweis auf seine Schreibweise, die sich nach seinem Dafürhalten nie und nimmer in platter "Ausplauderei" ergangen habe. In seinen Schriften mache er, der "Dichter und Repräsentant", gerade "böse und stumme Dinge gut", indem er sie "ausspreche", und zwar in Erzählungen von immerhin "einiger Strenge und Leidenschaft". Ähnliche literarische "Strenge und Leidenschaft" beim Aussprechen von "bösen und stummen Dingen" ist dem Buch Schlattners, auch in dessen ironischen oder gar grotesken Passagen, keineswegs abzusprechen, doch die unglücklichen Namensklitterungen im Text schaden ihm eher als sie ihm nützen: mancher der Betroffenen fühlt sich verletzt, und die binnendeutschen Leser, die zweifellos in der Mehrheit sind, wissen, fernab von jeder eigensiebenbürgischen "Gruppendynamik", sowieso nichts mit den dekuvrierenden Namen seiner Figuren anzufangen.
Wie blutvoll aber der heutige evangelische Pfarrer aus Rothberg zu erzählen weiß, belegen im Roman auch die vielen Rückblenden und zum Teil anekdotisch verdichteten Einzelgeschichten, mit denen der zentrale Handlungsstrang wieder und wieder unterbrochen und angereichert wird. Nicht überall und immer freilich steht Schlattner dabei die eigene Erzählhaltung durch. Geradezu exemplarisch in diesem Sinne ist die Schilderung der ersten erotischen Erfahrung mit der schwierigen Geliebten des Icherzählers: Die Geschichte setzt ironisch und selbstironisch ein, hält geraume Zeit ihre distanziert sachliche Blickhöhe, die sie vor schwüler Konkretheit bewahrt, um dann im Nachklang doch noch in sentimentale Theatralik abzusacken, die an Kitsch grenzt (S. 105 ff). Der Autor fällt aus seinem Stil heraus, was ihm übrigens nicht nur an dieser Stelle im Buch passiert.
Störend sind darin auch imagologische Ethnostereotype, mit denen Schlattner hie und da auffährt: Klischees von der Anpassungsbereitschaft und Widerstandslosigkeit seiner sächsischen Landsleute im Angesicht politischer Zwänge (S. 23), vom einfachen, guten und menschenfreundlichen russischen Soldaten (S.27), vom rumänischen Ehemann, der grundsätzlich seine Frau prügelt, um ihr seine Anhänglichkeit zu beweisen (S. 174), von der dummschlauen Bösartigkeit regimetreuer Werkstudenten (S.167 ff) oder von der naturgegebenen "Klauerei" der Rumänen, die zudem eine "Form der subtilen Rache" an Begüterten sein soll (S. 176). Schier fühlt man sich dabei an die abstruse Forderung des "sozialistischen Realismus" erinnert, "typische Figuren unter typischen Umständen" darzustellen, die sich der Jungliterat Schlattner und mit ihm der Icherzähler des Romans zu unseligen Zeiten aneignen mussten.
Derartige Entgleisungen schmälern jedoch nicht entscheidend die Qualitäten dieses Romans, dessen Erfolg, auch wenn dieser nicht so groß sein sollte wie der von Schlattners Erstling, bestätigt, dass die siebenbürgisch-deutsche Literatur mit dem Spätdebütanten in nur drei Jahren einen fähigen, einen sehr lesbaren Erzähler hinzugewonnen hat.

Hannes Schuster


Eginald Schlattner: Rote Handschuhe. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000, 608 Seiten, 49,80 DM. ISBN 3-552-05154-6.

(Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2001, Seite 8)
Eginald Schlattners Roman im Diskussionsforum von www.siebenbuerger.de
Rote Handschuhe: Roman
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