6. Juli 2021

Zum Tod Heinrich Börries Plattners: „Die Prägung durch die geschichtliche Herkunft“

Als wir uns 1941 kennenlernten, war er siebzehn, ich sechzehn Jahre alt. Da sein Geburtstag auf einen 29. Februar fiel, machte er später gelegentlich die Anmerkung, jünger zu sein, als er aussähe. Der Ort unserer ersten Begegnung war das in Hermannstadts „Erlenpark“ gelegene „A.N.E.F.-Sportstadion“ (Academia Naţională pentru Educaţie Fizică). Er hatte den 110-m-Hürdenlauf als seine, ich die 800-m-Strecke als meine Disziplin ausgemacht. Unsere Fachsimpeleien in den Pausen zwischen den Trainingseinheiten wurden, was wir beide nicht ahnten, zum Beginn einer über den Sport hinausgehenden unbeirrbaren Freundschaft. Erst sein Tod am 13. Mai d.J. bedeutete ihr Ende.
Der am 29. Februar 1924 in Hermannstadt als Sohn des Juristen Dr. Heinrich Plattner und der „Lisbeth“ geb. Jickeli geborene Heinrich Plattner – erstes von drei Kindern – wurde nach dem Abitur an der Brukenthalschule Soldat in der deutschen Armee – Luftwaffe, Bodenpersonal – und studierte nach dem Krieg Jura an der Klausenburger Universität.
Heinrich Börries Plattner ...
Heinrich Börries Plattner
Noch während des Studiums heiratete er Marianne Fritsch (1926-2017). Die Berufsjahre bis zur Aussiedlung aus Rumänien (1971) verbrachte er am Hermannstädter Amtsgericht. Nach der Aussiedlung war er als juristischer Sachbearbeiter im bayerischen Arbeits- und Sozialministerium tätig, promovierte und machte sich als ehrenamtlicher Leiter des Rechtsferrats des Verbands der Siebenbürger Sachsen durch Zuverlässigkeit und Freundlichkeit in weiten Kreisen seiner Landsleute bekannt.

„Bö“ – so sein gängiger Kurzname – war ein erheblich über seinen Beruf hinaus geistig, kulturell ansprechbarer Mensch. Grundfragen der Philosophie waren ihm geläufig wie solche der Musik. Seine z.B. bei Familienzusammenkünften gehaltenen Kurzvorträge enthielten Passagen über die altgriechischen Ethiker, er zitierte aus den Texten großer Opern und machte Anmerkungen zur Formstruktur Bruckner‘scher Symphonien. Jedesmal wurde dabei der originär eigene Gedanke sichtbar, mit Nachdruck vorgetragen, auch wenn er im Gegensatz zur geläufigen Auffassung stand, um die er sich nicht scherte.

Eben dies machte das geistige Substrat auch seines Verständnisses von Freundschaft aus: die immer sachlich begründete ungeschminkte Aussage. Dabei stand ihm bei allem, was er im Gespräch vorbrachte, ein ungewöhnlich zuverlässiges Gedächtnis zur Verfügung. Das wurde nicht allein beim Gedankenaustausch über die geschichtliche Entwicklung des Disputs zu Fragen des Pazifismus sichtbar – zu dem er sich bekannte –, sondern ebenso bei der konkreten Nennung sportlicher Rekorde in der Leichtathletik, wenn er z.B. Rudolf Harbigs Fabelweltrekord im 800-m-Lauf aus dem Jahr 1939 oder sämtliche Weltrekorde des Jesse Owens aus dem Jahr 1935 aus dem Stegreif hersagte.

Dieser gelegentlich eckige, ja spröde Mann war bei Gelegenheit von umwerfender Galanterie. Seine Leidenschaft für den mit professioneller Bravour geübten Tanz machte eine Wesensseite sichtbar, die manchen überraschte. Seine Gerade-heraus-Rede war ein Markenzeichen seiner Persönlichkeit wie seine Fähigkeit, in heikler Frage ein vermittelndes Gespräch zu führen. Die Liebe zu seinen beiden Kindern, zu den fünf Enkel- bzw. Urenkelkindern paarte sich mit dem Stolz auf sie. Beides hatte nicht zuletzt auch mit seinem Bedürfnis nach Kontinuität überkommener Maßstäbe zu tun. Bezeichnend dafür war auch seine Initiative, nach dem Krieg, 1945, zum Gedenken eines an der Front gefallenen Freundes einen Skilauf-Pokal zu stiften – einen für drei Austragungen geplanten Wanderpokal im Slalom- und Abfahrtslauf, zu dessen dritter Austragung es wegen der politischen Verhältnisse im Land nicht mehr kam. „Bös“ rationaler Blick auf die Dinge des Lebens und auf sich selbst – auch dort, wo er sich eine Blöße gegeben hatte – war ohne Umschweife und Larmoyanz.

Heinrich „Bö“ Plattner war einer der letzten mir bekannten Siebenbürger Sachsen, denen die Prägung durch die geschichtliche Herkunft das Siegel der Unverkennbarkeit verlieh. Ehre seinem Andenken!

Hans Bergel

Schlagwörter: Nachruf, Plattner, Hermannstadt, Jurist, Bergel

Bewerten:

13 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.