17. März 2026

Neuer Intendant des Rumänischen Rundfunks: Robert Schwartz im Gespräch

Die in Bukarest ansässige Rumänische Hörfunkgesellschaft, Societatea Română de Radiodifuziune, betreibt vier landesweite Sender, mehrere Regionalsender, eine Jugendwelle sowie den Auslandssender Radio România Internațional. An der Spitze der Institution des öffentlichen Rechts mit ihren 1 800 Mitarbeitern steht seit einem Vierteljahr der 70-jährige Siebenbürger Sachse Robert Schwartz, der auf eine 30-jährige journalistische Karriere bei der Deutschen Welle zurückblicken kann. Im nachfolgenden Gespräch mit Christian Schoger – Schwartz befindet sich zu dem Zeitpunkt in Craiova anlässlich seines Besuchs des Regionalsenders Oltenia – äußert sich der gebürtige Hermannstädter zur komplexen Herausforderung seiner auf vier Jahre befristeten Amtszeit: „Wir wollen Radio Romania neu aufstellen, in transparenten Verfahren, ohne das Vertrauen der Hörerinnen und Hörer zu verlieren. Wir sind immerhin Marktführer landesweit und müssen diese Position jeden Tag verteidigen.“ Dabei setzt der Rundfunk-Intendant auch auf die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz, jedoch durchaus mit kritischem Bewusstsein.
Lieber Robert, nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag! Vorneweg, wie geht es dir persönlich?

Vielen Dank! Mir geht es prächtig! In freier Übersetzung hieße das: den Umständen entsprechend gut. Mit 70 darf man noch träumen;)

Noch nachträglicher Gratulation und Anerkennung zur Ernennung zum neuen Intendanten der Rumänischen Rundfunkgesellschaft. Ruhestand ist offensichtlich nicht dein Ding, als Vollblutjournalist. Über 30 Jahre bei der Deutschen Welle bis zur Pensionierung, danach freier Journalist, zudem Vorsitzender der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft in Berlin. Ende November vergangenen Jahres verblüffte mich die Nachricht von deinem nächsten Karriereschritt: Rundfunk-Intendant in Bukarest. Wie ordnest du diese Aufgabe innerhalb deiner bisherigen journalistischen Tätigkeiten ein?

Noch einmal vielen Dank! Keineswegs als Karriereschritt! Sondern als Chance, gemeinsam mit einem beherzten Team und guten Journalistinnen und Journalisten den öffentlich-rechtlichen Hörfunk in Rumänien zu stärken, seine Unabhängigkeit zu festigen und das Vertrauen der Gesellschaft in eine Medieninstitution langfristig zu bewahren - in einer Zeit, in der Desinformation und Medienskepsis auf dem Vormarsch sind. Wir sollten nichts unversucht lassen, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk allgemein als das zu schützen, was er ist und auch bleiben sollte: eine demokratische Ressource für alle, die sich eine informierte, freie Gesellschaft wünschen.

Hörfunk-Intendant Robert Schwartz. Foto: Cornel ...
Hörfunk-Intendant Robert Schwartz. Foto: Cornel Brad
Hat dich die überwältigend klare Bestätigung durch das rumänische Parlament überrascht? Deine journalistischen Kompetenzen und Leitungsexpertise sind ein starkes Pfund. Welche Rolle spielte dabei deine siebenbürgische Herkunft bzw. Identität?

Kurz zur Bestätigung im Parlament: Nachdem die USR als Koalitionspartner in der rumänischen Regierung mich als Kandidat für die Stelle des Hörfunk-Intendanten vorgeschlagen hatte, gab es eine Anhörung und danach eine Abstimmung in den Parlaments-Ausschüssen für Kultur und Medien für alle Mitglieder des künftigen Verwaltungsrats. Dieser wählte mich dann – bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung – zum Intendanten, anschließend folgte die Bestätigung im Plenum des Parlaments. Und dort bekam ich eine Mehrheit von 241 Stimmen bei zwei Gegenstimmen. Kleine Klammer: Die Opposition hatte die Wahl boykottiert und den Saal geschlossen verlassen.

Kurz zu meiner siebenbürgischen Identität: Bei diesem Verfahren hat sie überhaupt keine Rolle gespielt. Aber in meinem ganzen Werdegang hat sie mich stets begleitet und mir den Blick dafür geschärft, was es bedeutet, zwischen Kulturen zu vermitteln und Brücken zu bauen. Ganz gleich, ob in Hermannstadt, Bukarest, Köln oder Berlin, den vier Städten, in denen ich mich zu Hause fühle. Nein, zu Hause bin!

Gut ein Vierteljahr im Amt, so ist also Bukarest dein neuer Lebensmittelpunkt? Wie sehr fordert dich die neue Position in Umfang und Intensität?

Neuer Lebensmittelpunkt auf jeden Fall. Das ist ein 24/7-Job, ohne Frage. Mit 70 muss man sich keine Zukunft mehr aufbauen, man hat die Hände voll zu tun mit der Gegenwart. Und es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass meine Tochter ihren bemerkenswerten Weg geht – Lea ist 21, lebt in London; sie hat an der UCL Psychologie studiert und „bastelt“ an ihrer Karriere. Ich unterstütze ihre Entscheidungen – sie meine übrigens auch. Und das ist wichtig! Wir quatschen regelmäßig, wir sehen uns mal in London oder Berlin, mal in Bukarest, Hermannstadt oder Köln, wo Lea auf die Welt kam, mal in Baden-Württemberg; meine Schwester Conny und ihr Mann, ihre Kinder und der Enkelsohn leben dort. Sulzfeld ist der Ruhepol der Familie. Im Sommer 2025 waren wir in Hermannstadt und beim Haferlandfest. Lea und ihr US-amerikanischer Freund waren zum ersten Mal in Deutsch-Weißkirch und Deutsch-Kreuz – ein tolles Erlebnis. Siebenbürgen in seiner ganzen Vielfalt!

Kehren wir zurück zum Hörfunk-Intendanten: Welche Kernaufgaben und Zielvorgaben beschäftigen dich?

Meine vierjährige Amtszeit habe ich unter einen Dreiklang gestellt: Innovation, Transparenz und Vertrauen. Das klingt nach viel Arbeit - und das fordert uns alle heraus. Die Kernaufgaben sind klar: Wir haben als öffentlich-rechtlicher Hörfunk einen gesellschaftlichen Auftrag, der uns dazu verpflichtet, alle Menschen mit unabhängiger Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung zu versorgen – frei von kommerziellen und frei von politischen Einflüssen. Dabei geht es nicht nur um korrekte Nachrichten, sondern auch um Meinungsvielfalt und die Förderung des demokratischen Diskurses. Gerade in Zeiten von Desinformation und fragmentierter Medienwelt haben wir eine besondere Verantwortung.

Diese Herausforderungen verschärfen sich im digitalen Zeitalter noch einmal erheblich. Von Algorithmen gesteuerte Plattformen und soziale Medien verstärken „Echokammern“, statt Meinungsvielfalt und einen demokratischen Diskurs zu fördern. Genau hier stellen wir uns die Frage: Welche Rolle spielen Digitalisierung und KI für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk? Welches sind die Chancen, welches die Risiken? Einerseits bieten die neuen Technologien, die bald so neu nicht mehr sein werden, enorme Möglichkeiten: KI kann helfen, Inhalte schneller aufzubereiten, neue Zielgruppen zu erreichen und Desinformation frühzeitig zu erkennen. Doch egal wie leistungsfähig KI wird, sie kann und darf eines nicht ersetzen: das journalistische Urteilsvermögen, die ethische Verantwortung, das Gespür für gesellschaftliche Zusammenhänge. KI kann unterstützen, beschleunigen und analysieren – aber die redaktionelle Verantwortung muss in menschlicher Hand bleiben. Glaubwürdigkeit kann nicht delegiert werden – weder an Algorithmen, noch an Maschinen. Sorry für diesen Exkurs, aber ich war vor Kurzem auf einem Podium, wo gerade intensiv darüber debattiert wurde. Das Thema sollte uns vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien primär beschäftigen. Unter diesen Vorzeichen wollen wir Radio România neu aufstellen, in transparenten Verfahren, ohne das Vertrauen der Hörerinnen und Hörer zu verlieren. Wir sind immerhin Marktführer landesweit und müssen diese Position jeden Tag verteidigen.

Die Quadratur des Kreises? Das glaube ich nicht. Es ist aber ein sehr komplexes Unterfangen, das unser ohnehin knappes Budget strapaziert. Vor allem auch, weil das historische Gebäude des Hörfunks in Bukarest unbedingt renoviert werden muss. Studios werden schrittweise modernisiert, der Online-Auftritt wird professionalisiert, die Bürokratie so weit wie möglich reduziert. Es gibt viel zu tun!

Kannst du uns über die wesentlichen institutionellen Strukturen briefen?

Die Rumänische Hörfunkgesellschaft, Societatea Română de Radiodifuziune, hat vier landesweite Sender: einen Allrounder mit Information und Aktualität als Kernaufgabe, dann einen Kultursender mit einer starken Hörspiel-Schiene, einen Musiksender, Klassik und Jazz, und einen Sender mit maßgeschneiderten Programmen für die ländliche Bevölkerung. Hinzu kommen mehrere Regionalsender und eine Jugendwelle. Radio România Internațional sendet in mehreren Sprachen für unser Publikum im Ausland. Rund 1 800 Mitarbeiter füllen diese Programme mit Leben.

In der Bukarester Radio-Zentrale in der Berthelot-Straße – neben dem Gebäude, in dem das deutsche Gymnasium bis zu seinem Umzug 1973 untergebracht war – sind auch die Redaktionen für das deutschsprachige Inlandsprogramm und das Auslandsprogramm angesiedelt. Wir haben zielgruppenorientierte Programme in den Sprachen der ethnischen Minderheiten – nicht nur im Bukarester Sendehaus, sondern auch in den Regionalsendern. Deutschsprachige Programme werden auch in Temeswar und Neumarkt produziert und ausgestrahlt.

20 Jahre lang als Leiter der rumänischen Redaktion der Deutschen Welle, da ist die rumänische Medienlandschaft natürlich kein Neuland für dich. Wie ist es, allgemein gefragt, aktuell um die Presse- und Medienfreiheit in Rumänien bestellt?

Die Medienfreiheit ist formal durch die Verfassung garantiert, steht aber in der Praxis oft unter erheblichem Druck. Viele Medienunternehmen befinden sich im Besitz politisch einflussreicher Personen mit unterschiedlich gepolten wirtschaftlichen und politischen Interessen, was redaktionelle Unabhängigkeit erschwert. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stuft Rumänien im Pressefreiheitsindex regelmäßig im Mittelfeld ein, mit Kritikpunkten wie politische Einflussnahme, wirtschaftlicher Druck auf Redaktionen und gelegentliche Einschüchterung von Journalistinnen und Journalisten. Öffentlich-rechtliche Medien stehen selbstverständlich auch in der Kritik, anfällig für politische Einflussnahme zu sein, wobei hier das Ausmaß je nach politischer Konstellation und Einschätzung unterschiedlich bewertet wird. Bei meiner Anhörung im Parlament habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jeder Versuch einer politischen Einflussnahme mit meinem Selbstverständnis für eine unabhängige Medienanstalt nicht vereinbar ist.

Bei der letztjährigen Podiumsdiskussion in Dinkelsbühl hast du eine stärkere Vernetzung rumäniendeutscher Organisationen beim Heimattag angeregt. Ist dieses Anliegen angesichts deiner neuen Tätigkeit nach wie vor relevant?

Ja, Vernetzung und ein permanenter Austausch, ein „Wissenstransfer“ – auf Rumänisch spreche ich gerne von „transfer de expertiză” – sind wesentlich für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Dieses Anliegen hat jetzt in meinem neuen Amt an Relevanz hinzugewonnen. Partnerschaften – intern wie international – sind eine starke Plattform gegen Fake News, Manipulation und Propaganda.

Sehen wir dich heuer wieder in Dinkelsbühl?

Auf jeden Fall, Rainer Lehni und Bernd Fabritius haben mich bereits eingeladen und ich habe sofort zugesagt! Ich freue mich aufs Wiedersehen!

Deine Botschaft an die siebenbürgischen Landsleute:

Es ist das, was ich allen Menschen sage, die mich danach fragen. Egal, ob jung oder alt. „Hold on tight to your dreams!” Haltet fest an euren Träumen! Lasst sie niemals los! Und verliert dabei nie den Mut, das scheinbar Unmögliche zumindest zu versuchen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Rundfunk, Rumänien, Schwartz, Intendant, Radio Romania

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