4. Oktober 2026

Gusto Gräser Gesellschaft traf sich zum vierten Workshop in Ascona im Tessin

Der 1879 in Kronstadt (Braşov) geborene Gusto Gräser blieb lange nach seinem Tode (1958 in München) vergessen, bis Hermann Müller ihn als Germanistikstudent entdeckte und alles über ihn sicherte, sammelte, ordnete und noch jetzt im Alter von 95 Jahren ihm sein ganzes Leben widmete. Ein Großteil seines riesigen Archivs hat er nun unter anderem dem Archiv des Siebenbürgen-Instituts auf Schloss Horneck in Gundelsheim übergeben. Gräsers Enkel, Reinhard Christeller, betreut bis heute die Homepage gusto-graeser.info, auf der die Werke und Gedanken des Naturphilosophen, Dichters und Hippies sichtbar und lebendig werden.
Teilnehmer des Workshops vor der Höhle, wo Gusto ...
Teilnehmer des Workshops vor der Höhle, wo Gusto Gräser mit Hermann Hesse zeitweise gelebt haben soll. Foto: Samuel Frisch
Seit über drei Jahren gibt es die Gusto Gräser Gesellschaft (GGG), die sich dem Andenken des Siebenbürgers widmet und sein Wirken weiterhin erforschen möchte. Darüber hinaus setzt sie sich dafür ein, das Haus von Gusto (und seinem Bruder Karl) Gräser in der Nähe des sagenumwobenen Monte Verità in Ascona im Schweizer Tessin zu erhalten.

Die Siebenbürgerin Marianne Hallmen, Präsidentin der Gusto Gräser Gesellschaft, eröffnete den vierten Workshop in Kooperation mit der Fondazione Monte Verità und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Per Videobotschaft erklärte Hermann Müller die Faszination für Gusto Gräser. Er inspirierte Anfang des 20. Jahrhunderts Aussteiger, Einsteiger in die Lebensreformbewegung, Künstler und Dichter, unter ihnen den späteren Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse.

In ihrem Einführungsvortrag analysierte die Literaturwissenschaftlerin Silvia Carnelli die Poesie und Lyrik Gräsers. Auffallend seine Wortneuschöpfungen und seine virtuose Begabung für Alliterationen (Wörter mit demselben Anfangslaut) wie „Wonnewunderkugel-Weltwunderbaum“.

Die rumänische Kunstwissenschaftlerin Iris Ordean aus Hermannstadt (Sibiu) zeichnete die genealogische Kontinuität des Geistes (und damit auch von Gräser) von Monte Verità über das Bauhaus bis zum Black Mountain College in North Carolina (USA) nach. Sie prägte den Begriff der „Pollinisation“. Gräsers Gedanken und konsequentes Leben „bestäubten“ viele (Lebens-) Künstler seiner Zeit. Die italienische Kulturhistorikerin Eleonora Alberti konnte das in Kunstrichtungen („arte povera“), aber auch in der vegetarischen Lebensführung nachweisen.

Der Landauer Kirchenhistoriker Ulrich Wien arbeitete die spirituellen Ansätze Gräsers in seinen Werken heraus. Gräsers erstes Hauptwerk war das „TAO – das heilende Geheimnis“ seiner philosophischen Gedankenwelt. Es war letzten Endes die logische Antwort auf die ihm zu eng gewordene protestantische Welt seiner siebenbürgischen Jugend.

Zum aktuellen Stand der Forschung präsentierte die Geschäftsführerin des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim, Ingrid Schiel, das „Notwendwerk“. Es sei das bedeutendste und umfangreichste Werk Gräsers, das 1926 in seiner Dresdner Zeit entstand. Es wurde für einen vierstelligen Betrag von einem Antiquariat aus den USA ersteigert und ist wohl das einzige komplett erhaltene Buch von ihm. Allerdings bedürfe es nun einer genaueren wissenschaftlichen Untersuchung.

Überhaupt wird sich die Gesellschaft noch viel mit Gräser beschäftigen. Er war ein Kind der europäischen Bewegung, dessen Spuren ihn immer wieder nach Siebenbürgen zurückverfolgten. In diesem Kontext stellte die Filmemacherin Brigitte Drodtloff ihre Idee eines Spielfilmes vor. Denn jenseits seiner Reisen mit einem Eselwagen durch Europa war Gusto Gräser auch Partner und Vater. Ihr schwebt ein Liebesfilm vor, um Gusto als einen Romancier und Romantiker einzufangen, dessen Liebe zur Witwe Elisabeth Dörr (und ihren mitgebrachten fünf Kindern) von wirtschaftlichen Nöten, Freiheitsdrang und Verantwortungsbewusstsein geprägt war.

Aus dieser Liebe entstanden drei Töchter und mehrere Enkel – und viele Ur- und Ur-Ur-Enkel. Einige davon trugen Gedichte aus dem Lebenswerk ihres Groß- und Ur-Großvaters vor und ließen die Epochen und unruhigen Zeiten Europas in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wieder lebendig werden. Inspiriert vom Geiste Gräsers, trug auch Künstler und Schauspieler Kurt Hohndorf oder Liedermacher Sergej Perelman mit Balladen zum Gelingen des Workshops bei.

Die nächsten Tagungen finden in München (2027) und Berlin (2028) statt. Zum 150. Geburtstag des Siebenbürgers im Jahr 2029 ist eine Festveranstaltung in Kronstadt (Braşov) geplant.

Weitere Infos und Kontakte zur Gusto Gräser Gesellschaft: www.gusto-graeser.info

Thomas Cieslik

Schlagwörter: Gusto Gräser, Workshop, Schweiz

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