16. September 2026

Dagmar Dusil als Stadtschreiberin in der Schweiz

In Arosa im Schweizer Kanton Graubünden ist die gebürtige Hermannstädterin Dagmar Dusil in diesem Sommer als Writer in Residence (Stadtschreiberin) zu Gast. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen.
Lesung am 20. August in Arosa, von links: Markus ...
Lesung am 20. August in Arosa, von links: Markus Pleyel, Dagmar Dusil, Emaudi di Oliveira. Foto: Hans Bauman
Am 19. August bin ich wieder auf der Rückfahrt nach Arosa. Es geht in Bamberg um 4.00 in der Früh bei kühlem Wetter los. Ich kriege alle Anschlüsse und sitze schließlich erleichtert in Frankfurt im Zug nach Chur. Die Landschaft wird immer mehr in Sonne getaucht. Es geht vorbei an Mannheim, Karlsruhe, Offenburg, Freiburg, Basel, Zürich. Sargans und dem Walensee, der mich ans Meer erinnert und der kälteste See der Schweiz sein soll, ein „Kühlschrank“. Ich zähle die Stunden zusammen, die ich unterwegs bin, und komme zur Schlussfolgerung, dass ich in dieser Zeit auch in New York ankommen würde. Dann bin ich in Chur, wo das Thermometer über 30 Grad anzeigt. Ich sitze wie beim ersten Mal vor dem Bahnhof und lasse die Bergspitzen auf mich wirken und spüre in der warmen Sonne einen ganz leisen Hauch des nahenden Herbstes, der noch so fern erscheint. Die rote Schmalspurbahn bringt mich nach Arosa. Der Weg durch das Schanfiggtal ist urwüchsig, wild, grandios, wuchtig, abenteuerlich. Ab und an tauchen in der Ferne Bergwiesen auf mit verstreuten braunen Holzhäusern. Die Fenster des Wagenabteils sind geöffnet, die langgezogenen Pfiffe der Lokomotive stören die Konversation dreier spanischer Damen, die in Telefonaten mit ihren daheim gebliebenen Ehemännern immer wieder betonen: „Hoy hace mucho calor“. Und ich antworte in Gedanken: „Yo tambíén soy de su misma opinión“.

Immer wieder ertönt ein pfeifendes, meckerndes und heulendes Geräusch der Lokomotive, das mich an einen Wolf erinnert, wobei ich noch nie einen Wolf heulen gehört habe und mich dann belehren lasse, dass es an eine Ziege erinnert, die hier wie auch im Grimmschen Märchen Geis heißt.

Blick auf die Bündner Berge bei Arosa. Foto: ...
Blick auf die Bündner Berge bei Arosa. Foto: Dagmar Dusil
Ich beneide die badenden Menschen im Untersee, der gut aus dem Zug sichtbar ist, dann durchqueren wir einen letzten Tunnel unter Arosa.

Georg B. holt mich ab, wofür ich dankbar bin nach der langen Fahrt. Er lässt mich wissen, dass dieser Tag das Ende einer langen Schönwetterperiode sein wird, was mich traurig stimmt. Und es kommt mir nicht zu glauben. Ich steige aus dem Auto aus bei dem Writer in Residence-Studio und Georg sagt: Welcome home. Ist es so? Die zwei in Bamberg verbrachten Wochen habe ich immer wieder an Arosa gedacht: an die warme Bergwärme, die Sonnenuntergänge, die hier Alpenglühen heißen, an die gegangenen und ungegangenen Wege, an das Entdeckte und noch Unentdeckte und all das, was ich noch erleben und wieder erleben möchte, an den Blick aus meinen Fenster, an Gedanken des Augenblicks.

Der nächste Morgen ist grau und kalt, der Regen steht in den Startlöchern. Am Vormittag besprechen Markus, der die Lesung moderieren wird, und ich den Ablauf. Ich werde „Kalte Tage“, „Die Brennnessel“ und die Kurzgeschichte „Liberty“ lesen. Die Lesung, die auf der Waldbühne stattfinden sollte, findet nun im Kursaal statt.

Ich muss mich bald auf den Weg machen, blicke aus dem Fenster, kein Blau ist zu sehen, wahrscheinlich hat sich ein Maler sämtliches Himmelsblau ausgeliehen. Und „Äs rägnet Chuäbääli“. So sagen die Walser. Die Chuäbääli sind nicht Kübel, wie ich dachte, sondern Kuhbälle.

Die echten Literaturliebhaber sind zur Lesung gekommen. Emaudi, ein brasilianischer Gitarrist, ist angereist, um die Lesung zu begleiten.

Markus Pleyel begrüßte die Anwesenden und erläuterte das von Georg Brunold initiierte Projekt PenArosa. Die Idee dahinter ist, Arosa nicht nur als Kurort zu betrachten, sondern auch zu einem Ort zu machen, wo Bücher entstehen. Er betonte, dass „manche Geschichten Worte brauchen, manche brauchen Töne, und am schönsten ist es, wenn beides zusammenfließt. Ich freue mich darum sehr, Sie heute zu dieser ganz besonderen Symbiose aus Literatur und Musik zu begrüßen. Auf der einen Seite haben wir Dagmar Dusil. Sie ist hinter dem Eisernen Vorhang, im rumänischen Siebenbürgen, genauer in Hermannstadt, aufgewachsen und 1985 nach Deutschland emigriert. Ihr literarisches Werk zeigt darum feinfühlig, wie sie zwischen zwei grundverschiedenen Welten und Kulturen wandelt, und ihre Texte sind geprägt von Erinnerungen und Spurensuche zwischen ihrem Leben vorher und ihrem Leben nachher, zwischen Heimat und Fremde. Ihre Werke zeichnen sich durch eine große Präzision und Bildsprache aus. Es sind Texte, die Stimmungen einfangen und Erinnerungen wachrufen.

Auf der anderen Seite begleitet uns heute der Gitarrist Edmauro de Oliviera. Er kommt ursprünglich aus Brasilien, lebt aber nun in der Schweiz. Er versteht es meisterhaft mit seiner Gitarre seinen lateinischen Wurzeln eine emotionale Tiefe zu verleihen. Sein Spiel soll heute eine zweite Stimme sein. Es soll die Antwort auf die Bildwelt von Dagmars Vorträgen sein und musikalische Pausen zum Nachdenken oder Nachklingen schaffen.“

Dank an die Organisatoren von Arosa Kultur, Franco Mettler, Rahel Hubmann, Markus Pleyel und an den wunderbaren Gitarristen Edmauro. Worte und Töne klingen noch nach.

Dagmar Dusil

Arosa, 21. August 2026

Schlagwörter: Dagmar Dusil, Schweiz

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