1. Juni 2008

Bekenntnisbuch von Carmen-Francesca Banciu

Über viele Jahrzehnte hinweg haben deutschsprachige Schriftsteller aus Rumänien einen gewichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Literatur geleistet. Das gilt besonders für solche aus den traditionellen Siedlungsgebieten Banat und Siebenbürgen. Stellvertretend seien nur Herta Müller und Richard Wagner genannt. In den „Xenien“ sprechen Schiller und Goethe auch über Klopstock. Über dessen hohes Ansehen. Und dass er doch kaum gelesen werde. Sie schließen, sie wollten doch weniger gelobt und mehr gelesen werden. Eine Aussage, die wohl in ganz besonderem Maße auf die rumänische Autorin Carmen-Francesca Banciu zutrifft.
Banciu ist mit Ehrungen und Stipendien reich gesegnet. Vom Ertrag ihres ohnehin schmalen Œuvres kann sie offenbar durchaus nicht leben, wie ihr unstetes Leben als Coach junger Autoren, als Veranstalterin von Seminaren für kreatives Schreiben zeigt. Und Lesereisen bis nach Ungarn vor Angehörigen der deutschen Volksgruppe.

Die im Banater Lippa (Lipova) geborene Autorin (53) studierte die etwas skurrile Kombination von Kirchenmalerei und Außenhandel. Obwohl sie nicht zur deutschen Volksgruppe gehört, fand sie früh zu Deutsch als ihrer Literatursprache. Kaum war ihr erster Erzählband auf Deutsch erschienen, brachte ihr das Verdruss mit der sozialistischen Staatsmacht. Die für diesen Erzählband mit dem Kurzgeschichten-Preis der Stadt Arns­berg ausgezeichnete junge Autorin ereilte ein Schreibverbot. Der Ceauşescu-Staat hatte zu dieser Zeit allen Anlass, Autoren aus dem Banat besonders kritisch zu begegnen. Nach der Re­volution – die ja in Rumänien als einzigem Staat des sozialistischen Lagers wirklich eine war – ging Carmen Francesca Banciu nach Berlin, wo sie mit ihren drei Töchtern bis heute lebt.

Nachdem ihr im Vorjahr erschienenes Buch „Berlin ist mein Paris“ von der Kritik nicht allzu wohlwollend aufgenommen worden ist, legt die Autorin jetzt ihr Bekenntnisbuch über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter vor.

Ein grausam-realistisches Buch in einer höchst brutalen Sprache. Lyrisch-epische Ab­schnitte sind ausgesprochen selten. Die Mutter, von der die Autorin hier berichtet, war eine Tyrannin im Dienste der Partei und der großen Idee des Sozialismus. Und dies mit Janitscharen-Mentalität, war sie doch als Tochter eines Fabrikbesitzers von höchst bürgerlichem Herkommen. Dem Miss­trauen der Partei setzte sie eine mehr als hundertprozentige Zuver­lässigkeit entgegen. Der Vater spielte in diesem Elternhaus – obwohl auch er ein überzeugter Sozialist – nur eine untergeordnete Rolle. Das Gesellschaftsbild des national-komministischen Rumäniens der letzten zwei Jahrzehnte seiner Existenz ist mehr als bedrückend. Ein Buch, das durchaus nicht schön im herkömmlichen Sinne, aber überaus eindrucksvoll ist.

Horst Schinzel

Carmen-Francesca Banciu: „Das Lied der traurigen Mutter“, Rotbuch-Verlag, Berlin 2007, 221 Seiten, gebunden. 19,80 Euro. ISBN 978-5-86 769 -009-0.
Das Lied der traurigen Mutter
Carmen-Francesca Banciu
Das Lied der traurigen Mutter (Rotbuch)

Rotbuch Verlag
Gebundene Ausgabe
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Schlagwörter: Rezension, Banat

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