9. Dezember 2008

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Heinrich Mantsch: 100 Jahre Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch

1908 veröffentlichte Adolf Schullerus (1864-1928), der große Gelehrte, Schulmann, Pfarrer, Bischofsvikar und Volksvertreter, die erste Lieferung des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs (SSWB) im Staßburger Karl Trübner Verlag. Es war der Anlauf zur Erstellung des wohl bedeutendsten, umfangreichsten Werkes der siebenbürgisch-sächsischen Sprachgeschichte. Niemand konnte anno 1908 ahnen, dass es nach 100 Jahren immer noch nicht abgeschlossen sein würde.
Das SSWB ist das Werk mehrerer Generationen von Wissenschaftlern, Wortgutsammlern, Gutachtern, Chronisten, Dichtern und Schriftstellern sowie zahlreichen Gewährspersonen aus allen Teilen des siebenbürgisch-sächsischen Mundartgebietes, die Auskunft zur Aussprache, Wortbedeutung, zu Sitte und Brauchtum, Orts- und Flurnamen usw. geliefert haben. In gewissem Sinn kann man es als ein unvollendetes Gemeinschaftswerk der Siebenbürger Sachsen bezeichnen.

Als Erklärung kann man verschiedene Gründe anführen. Sie alle widerspiegeln direkt oder mittelbar das Auf und Ab in der Geschichte eines so groß angelegten Werkes und lassen auf die vielen Rädchen und Räder schließen, die es in Bewegung setzen oder bremsen können, sei es im konzeptionellen, im methodologischen, administrativ-finanziellen oder verlegerischen „Getriebe“. Sicher spielen auch die historisch-politischen Ereignisse eine Rolle, die seit dem Ersten Weltkrieg auch im siebenbürgischen „Land des Segens“ tiefgreifende Veränderungen herbeigeführt haben, von deren Auswirkungen auch die Wörterbucharbeiten nicht verschont blieben.

Erste Lieferung des Siebenbürgisch-Sächsischen ...Erste Lieferung des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs, 1908.Der ersten Lieferung des Wörterbuchs hat A. Schullerus ein ausführliches Vorwort vorangestellt, wo er dessen Entstehungsgeschichte und die ihm zugrunde gelegte Darstellungsweise des Wortschatzes behandelt. Da findet sich auch der Hinweis auf die Anregung des deutschen Philosophen und Sprachwissenschaftlers Gottfried W. Leibniz (1646-1716), die Mundarten ebenfalls in den Kreis der Betrachtung bei den Studien zur deutschen Sprache zu ziehen und zu diesem Zweck Dialektwörterbücher zu erstellen, darunter auch ein Wörterbuch der siebenbürgisch-sächsischen Mundart.

Dieses Leibniz-Desiderat fand in Siebenbürgen Gehör. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurden mehrere, meist handschriftliche Sammlungen von mundartlichen Wörtern und Wendungen durchgeführt, die „einem fremden hochdeutschen Ausländer fremd vorkommen“, wie das Martin Felmer formulierte (Vorwort, Seite XIV). Diese „altdeutschen und fremden“ Wörter, sogenannte Idiotismen, die der neuhochdeutschen Schriftsprache abgehen oder bemerkenswerte Abweichungen von ihr aufweisen – z. B. Bakes (Backhaus), dälpich (schwül), bikich (störrisch, gekränkt, von Bika (Stier) abgeleitet, aus dem Ungarischen übernommen –, bilden in der Regel den Bestand solcher Sammlungen.

Johann Wolff leistet wichtige Vorarbeit

Um das Wörterbuch-Projekt in geordnetere Bahnen zu lenken, schaltete sich auch der „Verein für Siebenbürgische Landeskunde“ ein und beauftragte Josef Haltrich (1822-1886), einen Plan zur Ausarbeitung eines Dialektwörterbuchs zu verfassen, den er 1865 veröffentlichte mit dem Aufruf zur Sammlung mundartlichen Wortguts. Der Aufruf fand nur wenig Widerhall. Einige Jahre später trat Haltrich von den lexikographischen Arbeiten zurück und übergab das eingegangene Wortmaterial an den philologisch gut ausgebildeten Johann Wolff (1844-1893). Er war der bedeutendste Mundartforscher seiner Generation und hat wichtige Vorarbeiten für das Wörterbuch geleistet. Er richtete den Blick immer aufs Ganze, sprach sich für die Verknüpfung des Sprachkörpers „mit den geschichtlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die den Sprachinhalt bedingen“, aus (Vorwort, S. XXVI). Auf seine Anregung wurde das Korrespondenzblatt des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde ins Leben gerufen, wo neben wissenschaftlichen Aufsätzen und Vereinsnachrichten auch zahlreiche mundartbezogene Beiträge publiziert wurden. Wolff ging daran, alles im Druck erschienene bzw. handschriftlich gesammelte Wortgut zu verzetteln und so den Grundstein für die Wörterbucharbeiten zu legen. Wörterbuchmachen in schwerer Zeit: der ...Wörterbuchmachen in schwerer Zeit: der Sprachwissenschaftler Dr. Fritz Holzträger in seinem Arbeitszimmer in Hermannstadt, aufgenommen von Erika Daniel (um 1950). Foto: Bildarchiv Konrad Klein Nach Wolffs frühem Tod übernahm der Landeskundeverein seinen Nachlass und übergab ihn an Adolf Schullerus, der dann bis zu seinem Tod als die „geistig führende Kraft“ die Wörterbucharbeiten bestimmt hat. Es wurde eine Wörterbuchkommission gegründet, die zunächst weitere Wortschatzsammlungen aus der „lebenden Mundart“ beschloss. Wichtiges Material steuerten auch die in der Zwischenzeit erschienenen Werke bei, z. B. von Andreas Scheiner: „Die Mediascher Mundart“ (1886), Georg Keintzel: „Nösner Idiotismen“ (1897), Gustav Kisch: „Die Bistritzer Mundart verglichen mit der moselfränkischen“ (1893), derselbe: „Nösner Wörter und Wendungen“ (1900) u. a. Besonders die Untersuchungen von G. Kisch standen im Zeichen der Urheimatfrage.

Mit Andreas Scheiner (1864-1946) und Oskar Wittstock (1865-1931) arbeitete Schullerus Fragebögen aus, die sie ins Mundartgebiet verschickten und die in den Antworten neues Wortgut mit wichtigen Belegen beibrachten. Nach den Ordnungsarbeiten des eingegangenen Materials und nachdem man sich in der Wörterbuchkommission über prinzipielle Fragen und die Schreibweise geeinigt hatte, veröffentlichten Gustav Kisch (1869-1938), Georg Keintzel (1859-1925) und Adolf Schullerus Proben von Wortartikeln, von denen das Schullerus-Modell angenommen wurde. Daraufhin konnten die Grundsätze für die Wörterbucharbeiten festgelegt und die Veröffentlichung vom Ausschuss des Landeskundevereins beschlossen werden (Vorwort, S. XXXI).

Es war vorgesehen, das Wörterbuch nicht als Idiotikon herauszubringen, wie Wolff es noch vorgeschlagen hatte, sondern als ein Werk, das den gesamten Wortschatz aufnimmt, soweit er im Sprachgebrauch der Mundartsprecher belegbar ist. Dazu gehören außer dem Wortschatz aus dem Neuhochdeutschen auch die Entlehnungen aus dem Ungarischen und Rumänischen, die das mundartliche Wortgut ergänzen. Wichtig war auch das Heranziehen der Urkundensprache, die zur Lösung der Urheimatfrage beitragen konnte. Daher wurde der Etymologie große Aufmerksamkeit geschenkt. Ein weiterer Beschlusspunkt war der hochdeutsche Ansatz der Stichwörter in alphabetischer Reihenfolge. Die Niederschrift der mundartlichen Belege sollte der Schriftsprache angenähert werden, worüber Schullerus selbst nicht glücklich war. Eine Lauttafel sollte in dieser Hinsicht Orientierung bringen. Sie enthält 144 nach Vokalen ausgewählte Wörter aus „51 typischen Ortsdialekten“ des Mundartgebietes (Vorwort, S. XLII). Dass die Tafel keine echte Hilfe sein kann, das war auch Schullerus klar.

Die einzelnen Buchstaben wurden auf verschiedene Bearbeiter aufgeteilt: Schullerus übernahm A-C und E, Keintzel D, Friedrich Hofstädter (1878-1925) F und S, Johann Roth (1842- 1923) R. Nach anfänglichem Schwung setzte sich die Veröffentlichung der Lieferungen nur mühsam fort, so dass der erste Band A-C erst 1924 und der zweite Band D-F 1926 erscheinen konnten. Roths Nachlass (R) erschien unter der Betreuung von Friedrich Krauß (1892-1978) und der von Hofstädter (S-Salarist) unter der Betreuung von Gustav Göckler (1890-1962) als fünfter Band (Alte Folge) 1931.

Abbild des Volkslebens im Spiegel der Sprache

Bekanntlich bedeutete das Wörterbuch für Schullerus nicht bloß eine buchhalterische Auflistung des siebenbürgisch-sächsischen Wortschatzes, für ihn war es ein Abbild des Volkslebens im Spiegel der Sprache. Wenn es „auch kein Kompendium der Volkskunde sein soll und eine geschichtlich aufgebaute, systematische Volkskundedarstellung nicht ersetzen kann, so darf doch der Lebensuntergrund in der Darstellung des Wortschatzes nicht fehlen. Erst durch die Beziehung zum wirklichen Leben, aus dem es geboren ist, erhält das Wort seinen genau bestimmten Inhalt“ (Vorwort, S. XLIII).

Diese Verknüpfung von Sprache und Volkskunde sowie kulturhistorischen Faktoren findet sich in ungezählten Wortartikeln. So erfährt man z. B. unter dem Zeitwort aufnehmen vom Brauch, wie am Hochzeitstag vor dem Kirchgang zur Trauung „in die Freundschaft (Verwandtschaft)“ aufgenommen wird. Nach dem Begrüßungsessen ermahnt der Wortmann des Bräutigams die beiden „Freundschaften“, sich zêm afniên aufzustellen, sodann tritt er hervor und „macht Worte“ (hält eine Rede). Danach fordert der Wortmann der Braut alle auf, sich gegenseitig „aufzunehmen“. Es beginnt der Bräutigam, der seine Braut bittet: Nem mich af zêm Gąttên, ech wäl dech uch afniên zêr Gąttan. All dê Dach, dä ês Gott dêr Härr schinkt, sellê mêr truiê zêsummên hąldên. Danach geht er zum künftigen Schwiegervater, zur Schwiegermutter, zu den anderen künftigen Anverwandten und wiederholt das Sprüchlein. In gleicher Weise geht auch die Braut vor. Dann nimmt sich die ganze „Freundschaft“ gegenseitig auf. In anderen Ortschaften verläuft die Zeremonie wohl anders, aber mit dem gleichen Inhalt.

Die ersten Lieferungen des Wörterbuchs wurden vor allem von der deutschen Fachwelt z. T. hochlobend begrüßt. So schreibt Hermann Teuchert: „Eine Quelle des Trostes für die Landsleute, ein Born reiner Freude für jeden Deutschen ist dieses Werk. Innige Liebe zur Heimat, tiefe Sehnsucht nach dem alten Stammlande, feines Verständnis für die Geschichte der Sprache ... machen das Buch zu einer wahrhaft erfreuenden, ja erhebenden Lektüre ...“ (aus Karl Kurt Klein: „Transsylvanica“, 1965, S. 41).

Dr. Sigrid Haldenwang bearbeitet heute das ...Dr. Sigrid Haldenwang bearbeitet heute das Wörterbuch weiter. Foto: Beatrice UngarNach dem Tod von A. Schullerus gerieten die Arbeiten am Wörterbuch ins Stocken. Das gesteckte Ziel war nicht erreicht worden, hätte auch nicht erreicht werden können, weil es „allzuviel Aufgaben auf einmal lösen wollte“, wie A. Scheiner sich ausdrückte (K. K. Klein, „Transsylvanica“, S. 50). Für eine Wiederaufnahme der Redaktionsarbeiten mussten neue Voraussetzungen geschaffen werden. In einem Gutachten von 1933 sprach sich Bernhard Capesius (1889-1981) dafür aus, dass das Wörterbuch vor allem eine lexikographische Aufgabe zu erfüllen habe, was auch eine Reduzierung seiner Ausmaße bedeute. Unter den gegebenen Verhältnissen war es nicht mehr vertretbar, allein auf die ehrenamtliche Tätigkeit der Bearbeiter zu bauen. So beschloss der Landeskundeverein 1934, eine hauptamtliche Wörterbuchstelle einzurichten, die von Fritz Holzträger (1888-1970) besetzt wurde. Neue Maßnahmen sahen die Verzettelung der mundartlichen Kunstdichtung und der sonstigen, zwischenzeitlich erschienenen Mundarttexte vor. Holzträger schickte an die Lehrerschaft Fragebögen mit 380 Fragen, um den Archivbestand auszubauen. Die eingegangenen Antworten konnten aber nur teilweise verwertet werden (s. Vorwort zum 3. Band G, Bukarest und Berlin 1971, S. XI).

Inzwischen hatte Friedrich Krauß mit der Ausarbeitung des Buchstabens G begonnen, gab den Auftrag aber bald wieder ab und widmete sich eigenen Forschungen. Holzträger übernahm dann selbst die Fertigstellung des Manuskriptes, das er in den Jahren 1945-1955 „in privater Arbeit, z. T. unter schwierigsten materiellen Bedingungen, erst seit 1955 als hauptamtlich angestellter wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rumänischen Akademie abschloß“ (Vorwort Band G, S. XII).

1955 begann „ein neues Stadium in der Geschichte des SSWB“ (Vorwort Band G, S. XII). Es wurde durch ein Abkommen zwischen der Rumänischen Akademie und der Deutschen Akademie der Wissenschaften von Berlin (Ost) eingeleitet, das vorsah, dass die Bearbeitung und Drucklegung der künftigen Wörterbücher der siebenbürgisch-sächsischen Mundarten Aufgabe der rumänischen Seite, während die wissenschaftliche Revision der Manuskripte Aufgabe der deutschen Seite sein soll. Ein „Kollektiv“ von Mitarbeitern unter dem Vorsitz von Fritz Holzträger nahm die Arbeit auf im Rahmen der „Sektion für Gesellschaftswissenschaften Hermannstadt der Zweigstelle Klausenburg der Akademie der Sozialistischen Republik Rumänien“. Nach zwei Jahren trat Holzträger zurück – er kam mit den neuen ideologischen Gegebenheiten nicht zurecht – und B. Capesius übernahm den Vorsitz in der neu gegründeten Wörterbuchkommission. Mit der Durchführung der Revision wurde Helmut Protze (Leipzig) beauftragt.

Zur Hauptaufgabe der Wörterbuchstelle zählte zunächst die Neubearbeitung des Buchstabens G. Nebenher galt es, den Zettelkatalog neu zu ordnen und neues Wortgut, das auch den „sozialistischen Aufbau“ widerspiegelt, einzubringen. Das geschah auf zahlreichen Kundfahrten von Gisela Richter (1931-1998) und Anneliese Thudt durch Direktaufnahmen im gesamten Mundartgebiet. Weiteres Material wurde aus Urkunden sowie literarischen und wissenschaftlichen Werken gewonnen.

Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch, Neunter ...Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch, Neunter Band, Q-R, 2006In Abstimmung mit allen Gremien und Kommissionen, die sich für das Wörterbuch verantwortlich fühlten, wurden neue Grundsätze erarbeitet, die für die künftige Bearbeitung der Wort- artikel maßgebend waren. Das Hauptanliegen war die sprachwissenschaftliche Deutung des Wortschatzes; auf die vielen Exkurse in die Kulturgeschichte und Volkskunde wurde verzichtet. In so manchen Punkten lehnen sich die neuen Grundsätze an jene der früheren Bände an, z. B. was den Umfang des aufzunehmenden Wortschatzes angeht – Alltags- und Berufssprache, Rätsel, Sprichwörter, Kindersprache, Eigennamen (Orts- und Flurnamen), Belege aus der Urkundensprache, mundartliche Dichtung u. a. – oder die Gliederung der Wortartikel wie auch den Ansatz der Stichwörter in schriftsprachlicher Form mit Beibehaltung der alphabetischen Reihenfolge. Die Satzbeispiele werden durchgängig datiert mit der Jahreszahl ihrer Aufzeichnung, was in früheren Bänden nur vereinzelt vorkommt. Eine wichtige Neuerung ist die Aufzeichnung aller mundartlichen Wörter und Satzbeispiele in einer zugänglichen phonetischen Umschrift, die sich, vor allem im Vokalsystem, an die hochdeutsche Lautung anlehnt. Eine weitere Neuerung ist der sogenannte Lautkopf. Er steht, mit I bezeichnet, gleich hinter dem Stichwort und enthält alle ermittelten mundartlichen Lautformen mit Angabe des Belegortes. Er gibt „einen Querschnitt von dem heute /1971/ in etwa 250 Gemeinden gesprochenen Dialekt“ (Vorwort Band G, S. XIV). Es ist ein echtes Sprachdokument des Siebenbürgisch-Sächsischen, das aus vielen der aufgeführten Ortschaften bereits verschwunden ist.

Die Etymologie der Stichwörter wurde auch neu geregelt, sie wurde nur dort angegeben, wo die Herkunft aus der neuhochdeutschen Schriftsprache nicht ohne weiteres erkennbar ist. Von einer in die Breite gehenden Auslegung wurde abgesehen. Und schließlich bieten die Beilagen eine gute Hilfe im Umgang mit dem Wörterbuch: Abkürzungsverzeichnis, Liste der Literaturangaben und der Lautschrift, Ortsnamenverzeichnisse in zweisprachiger Abfassung (deutsch und rumänisch). Eine Grundkarte, die alle Orte mit siebenbürgisch-sächsischer Mundart aufführt, bildet den Abschluss.

Unter diesen Vorgaben sind nach dem G-Band (1971) drei weitere erschienen: Band 4 (H-J) 1972, Band 5 (K) 1975, Band 6 (L) 1993. Die große Lücke zwischen der Veröffentlichung des fünften zum sechsten Band ist darauf zurückzuführen, dass der Verlag Walter de Gruyter & Co. Berlin die Kooperation mit dem Akademie-Verlag Bukarest aufgekündigt hatte und der rumänischen Seite nichts daran lag, in eine neue Partnerschaft mit einem Verlag einzutreten, der den Vertrieb des Wörterbuchs im Westen durchführt. Erst nach der Wende kam die Partnerschaft mit dem Böhlau Verlag Köln u. a., sozusagen dem Haus-Verlag des Landeskundevereins, zustande, der den Vertrieb weltweit sicherstellen kann. Zu den Autoren der bis dahin erschienenen Bände zählen außer den bereits erwähnten B. Capesius, G. Richter, A. Thudt noch Annemarie Biesselt-Müller (Band 3), Arnold Pancratz (Band 3 und 4), Roswitha Braun-Santa (Band 4 und 5) und Sigrid Haldenwang (Band 5 und 6). Als wissenschaftliche Leiter zeichnen in Band 4 und 5 B. Capesius und Mihai Isbăşescu, Leiter der Germanistik-Abteilung am Linguistik-Institut in Bukarest. Diese Funktion war eingerichtet worden, weil die Wörterbuchstelle zeitweilig dem Bukarester Linguistik-Institut angegliedert worden war – wohl eine politische Maßnahme, die wissenschaftlich bedeutungslos war.

Mit dem Erscheinen von Band 7 (M) 1998 wird wiederum „eine neue Etappe in der Geschichte dieses Nachschlagewerkes“ eröffnet (Einleitung S. V). Nach der Wende in Rumänien von 1989/ 1990 wurde aus der „Sektion für Gesellschaftswissenschaften“ das „Institut für Geisteswissenschaften der Rumänischen Akademie“, dem die Wörterbuchstelle angeschlossen wurde. Es war jetzt auch möglich geworden, eine Zusammenarbeit mit binnendeutschen Institutionen einzugehen bzw. sie zu erweitern, u. a. mit dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, dessen Vorgänger, der Verein für Siebenbürgische Landeskunde, bis August 1944 die Trägerschaft des SSWB ausübte. Ein wesentlicher Beitrag zur Unterstützung der Veröffentlichung des M-Bandes kam von einem Sponsor, der Volkswagen-Stiftung, über die Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz. Dank dieser Förderung konnte ein wissenschaftlicher Beirat ins Leben gerufen werden, dem namhafte Professoren deutscher Universitäten angehören. Eine bedeutende Neuerung, ebenfalls von der Volkswagen-Stiftung gefördert, war die Umstellung der Wörterbucharbeiten auf Computertechnik, die schon dadurch auffiel, dass das Schriftbild nicht mehr so gedrängt wirkte wie in den früheren Bänden (auf einer Seite 51 statt 65 Zeilen).

Der M-Band wurde bereits in den 80er Jahren von den Autorinnen Sigrid Haldenwang, Ute Maurer und Anneliese Thudt ausgearbeitet, konnte aber erst 1998 veröffentlicht werden. Hier ist es angebracht zu erwähnen, dass Anneliese Thudt Mitte der 70er Jahre die Leitung der Wörterbuchstelle übernommen hatte. Als sie 1986, nach 30 verdienstvollen Jahren, in den Ruhestand ging, trat Sigrid Haldenwang ihre Stelle an, die sie, zum Wohle des Unternehmens SSWB, bis heute bekleidet.

In den 80er Jahren wurde auch der achte Band (N-P) in Arbeit genommen, der 2002, gleichfalls durch die Förderung der Volkswagen-Stiftung über die Mainzer Akademie, erscheinen konnte. Zu den Bearbeitern gehörte, außer denen in Band 7 genannten, noch Stefan Sienerth. Nicht unerwähnt bleiben sollte die Mitarbeit von Alwine Dengel in Band 7 und 8 sowie die von Isolde Huber in Band 7. Ebenfalls Erwähnung verdient, dass Gisela Richter († 1998) und Helmut Protze für Band 7, Grete Klaster-Ungureanu für Band 8 die Gegenlesung der Manuskripte durchgeführt haben. Die ab dem G-Band eingeführte Darstellungsweise wird in den Bänden der „neuen Etappe“ fortgesetzt, in mancher Hinsicht aber mit ergänzenden Konzepten versehen. Die beiden Manuskripte wurden mit neu gewonnenem Sprachgut bereichert, z. B. aus den verschiedenen Ortsmonographien, vor allem aber aus dem fünfbändigen „Nordsiebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch“, bearbeitet von Gisela Richter, ab Band 3 unter Mitarbeit von Helga Feßler, aufgrund der nachgelassenen Sammlungen von Friedrich Krauß, Böhlau Verlag Köln, 1986-2006. Begrüßenswert ist auch die Wiederaufnahme der „Begleitinformationen“, die in den Bänden 4-6 fehlen. Die einzelnen Listen und Verzeichnisse wurden neu geordnet und mit zusätzlichen Vermerken versehen. Die Neuerscheinungen werden ins Literaturverzeichnis aufgenommen und das Ortsnamenverzeichnis wird mit den ungarischen Bezeichnungen ergänzt. Neu gestaltet wurde auch der Lautkopf in der Weise, dass auf die Aneinanderreihung sämtlicher Lautvarianten des Stichwortes mit Ortsangabe verzichtet wurde zugunsten einer, wo möglich, gebietsbezogenen Erfassung der Lautformen (z. B. Kokelgebiet, Unterwald).

Betrachten wir zum Abschluss dieses Überblicks den bislang letzten Band der „neuen Etappe“ etwas näher: „Siebenbürgisch-Sächsisches Wörterbuch. Neunter Band: Buchstaben Q-R“. Bearbeiter: Malwine Dengel (R), Sigrid Haldenwang (R), Isolde Huber (R), Ute Maurer (R), Stefan Sienerth (Q, R). Herausgegeben von der Rumänischen Akademie. Bucureşti: Editura Academiei Române, Köln u. a.: Böhlau Verlag 2006. LXXIV und 407 Seiten mit einer Grundkarte. In gewissem Sinn nimmt dieser Band eine Sonderstellung ein, denn es handelt sich „um eine Überarbeitung und Ergänzung eines schon erstellten Werkes, das in zwei Lieferungen erschienen ist“, die von Johann Roth bearbeitet und von Friedrich Krauß ergänzt und herausgegeben worden sind. Die Lieferungen erschienen, wie erwähnt, 1931 zusammen mit dem von Friedrich Hofstädter bearbeiteten Anfang des S als fünfter Band (alte Folge; vgl. Vorwort von Sigrid Haldenwang, S. V). J. Roths Bearbeitung stand verständlicherweise im Zeichen des Schullerus-Musters, so dass die Autoren des neunten Bandes bemüht waren, die ursprüngliche Darstellungsweise der Wortartikel der neu orientierten anzugleichen. Man war bedacht, Roths „persönliche Note“, wo es angebracht war, nicht außer Acht zu lassen (Vorwort, S. VI). Es war richtig, dass bei manchen Stichwörtern auch beschreibend auf Brauchtum, Kulturgeschichte, Volksglauben usw. eingegangen wurde. Stichwörter wie Recht, Richter, Rocken u. a. m. weisen das aus. So lesen wir z. B. im Wortartikel Rock unter 1. „... Oberbekleidungsstück für Männer“, über die Art des Rocks: „... rōk ein weiter Mantel aus feiner, weißer Wolle, der umgehängt wird; gehört zur Stolzenburger Kirchentracht der Männer und älteren Burschen; wurde früher auch in Reußen beim Taufgang von den männlichen Taufzeugen und im Hochzeitszug vom Bräutigam getragen ...“ (S. 254).

Hervorzuheben ist auch in diesem Band die große Anzahl von Belegen mit Sprichwörtern, Rätseln, Reimen, Wendungen usw., für die sich in der Mundart mit ihrer Direktheit in der Benennung der Dinge, Ereignisse, Gefühle etc. mehr Ausdrucksmöglichkeiten bieten als in der Hochsprache, die vor allem für das Allgemeingültige zuständig ist. Zwei von vielen Beispielen: äs dêr miêrts hīsch uch drech, se mācht hiê dê gêbourên rech (Ist der März schön und trocken, so macht er die Bauern reich – Bauernregel, S. 136); dêr räkbrōdên äs mêr êruêf kun (Der Rückenbraten ist mir heruntergekommen – für Hexenschuss, S. 347). Gut vertreten ist auch die Urkundensprache. Die zahlreichen Belege dokumentieren nicht nur die Entwicklung der siebenbürgisch-deutschen Schriftsprache, in der sich wiederholt mundartliche Einflüsse bemerkbar machen (da stund herr rector an unserm geschetz – Zaun, S. 173), sie sind auch für die Geschichte der gesamtdeutschen Sprache von Bedeutung (vgl. unter richten z. B. die Bedeutungen „entrichten, bezahlen“; „in eine Körperschaft eintreten“; „hinrichten“ (S. 200 f.).

Es ist ein stattlicher, inhaltsreicher Band, der vor uns liegt, und die Einbeziehung der Erstausgabe in das gegenwärtige Muster ist gelungen. Von den Bearbeitern des neunten Bandes sind seit Anfang der 90er Jahre nur noch Dr. Sigrid Haldenwang und Malwine Dengel in der Hermannstädter Wörterbuchstelle tätig, die anderen sind ausgereist. Wie wird es weitergehen, wie viele Jahre wird man auf die 100 noch draufsatteln müssen, bis das SSWB abgeschlossen sein wird? Wir wünschen beiden Kraft und Ausdauer in der Ausarbeitung der folgenden Buchstaben.

Heinrich Mantsch



Hören Sie in dieser Mundartaufnahme von 1966 die Schilderung von Bernhard Capesius über die Arbeit am Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch.

Schlagwörter: Wörterbuch, Mundart, Sprachgeschichte, Linguistik

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