22. Dezember 2003

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Zum 100. Todestag des Liederdichters Georg Meyndt

Wer kennt nicht das sächsische Lied Det Brännchen, das im alten Siebenbürgen in Dorf und Stadt gesungen wurde? Und wen erinnert es nicht an teure, in der Gemeinschaft verbrachte Stunden? Weiß aber auch noch jeder begeisterte Sänger den Verfasser zu nennen? Georg Meyndt ist's, der seinem Völkchen 30 Mundartlieder schenkte und dessen Todestag sich am 17. Dezember 2003 zum hundertsten Mal jährt.
Wer war dieser Liederdichter, der sich so liebliche Melodien und kluge Texte einfallen ließ? Georg Meyndt kam als Sohn des Pfarrers Peter Traugott Meyndt am 5. Januar 1852 in Birthälm auf die Welt. Seine Mutter war eine geborene Binder aus Schäßburg. Weil sein Vater viel zu früh verstarb, musste er sein begonnenes Studium abbrechen, um als Notar in den Gemeinden Eibesdorf und Reichesdorf zu arbeiten. Aus seiner Ehe mit Sara Untch gingen sieben Kinder hervor, vier Mädchen und drei Jungen.

Neben seiner Beschäftigung als Notar bewirtschaftete er auch seine Äcker, die zwischen Reichesdorf und Meschen lagen. Der Versuch, eine Getreidemühle zu betreiben, scheiterte daran, dass ihm das Kaufmännische wenig lag. Nach diesem Misserfolg hatte er geäußert: "Wäre ich Hutmacher von Beruf, kämen sicher alle Menschen ohne Köpfe auf die Welt." Und böse Zungen aus dem Dorf tadelten ihn: „Es wäre besser, er sänge weniger und sähe mehr nach seiner Feldarbeit." Doch das Schicksal wollte es anders: Während uns Nachkommen vom Vermögen unserer erfolgreichen Vorväter nichts erhalten blieb, vererbte uns gerade der, den man als Versager verurteilt hatte, der Meyndt-Urgroßvater, seine 30 Lieder.


In seinen Liedern verewigt: Georg Meyndt. Foto: Privat
In seinen Liedern verewigt: Georg Meyndt. Foto: Privat

Obwohl Georg Meyndt seine Mundartlieder nicht veröffentlichte, verbreiteten sie sich rasch im ganzen Sachsenland. Sie trugen ihm aber wenig Ehre ein, denn es wusste kaum jemand, wer ihr Verfasser war. Pfarrer Carl Reich, ein Freund des Lieddichters, sammelte die Lieder und gab sie, elf Jahre nach dessen Ableben, im Heftchen Kut, mir sängen int vun den Liedern des Georg Meyndt heraus. Dabei lobte er den Notar Georg Meyndt in einem Kalenderaufsatz als den Mann, der am Aufschwung seiner Gemeinde interessiert war: „Wo er nur konnte, hat er das Interesse für Fortschritt und Bildung in jeder Richtung geweckt und kräftig gefördert, und was das Schönste war, war das Bestreben, alles zu verinnerlichen; das Herz mußte dabei sein, sonst galt es nichts (...). Es war Meyndt eine Herzenssache, daß Pfarrer, Lehrer, Notär und alle, die in einer Dorfgemeinschaft an der Erziehung des Volkes Anteil haben, die Jugend günstig beeinflussen. Geselligkeit erschien ihm als das beste Mittel. Freie Zusammenkünfte zu Spiel und Gesang, kleinere und größere Ausflüge in die Umgebung, Fahrten ins Gebirge, ins Burzenland (...). Und bei allem war er der Leiter, ohne daß es die anderen recht merkten oder zu würdigen verstanden (...). Wie sein Wort, sein Blick auf die einzelnen wirkte, vermag nur einer zu sagen, der's gesehn".

An nichts ist Meyndt teilnahmslos vorübergegangen, woran unser Volksleben hängt: Sprache, Sitte, Kleidung und kirchliches Leben. C. Reich erinnert sich weiter: "Wenn ich mir ihn vorstelle mit der Gitarre unter dem Arm im Kreise seiner Familie nach schwerer Tagesarbeit, mit seiner schönen, weichen Baritonstimme ein Lied singend oder im Kreise der Jugend, die sich um ihn scharte, wie Kinder um einen Vater, oder wie er gelegentlich mit stets jugendlicher Begeisterung redete (er war ein sehr guter Redner), immer sehe ich in ihm einen Mann, der im kleinen Kreise Großes getan, nicht mit Gold und Silber, sondern mit seinen lebendigen Darstellungen in Wort, Lied und Leben, daß diese Welt kein Jammertal sei und das Leben darin keine Last, sondern vielmehr ein schöner Garten Gottes und das Leben und die Arbeit darin Lust und Freude für jeden, der's nur recht anzufangen wüßte."

Georg Meyndts Melodien gehen leicht ins Ohr, ohne gewöhnlich zu sein. Sie finden immer wieder eigene Wendungen, bleiben aber schlicht. Manche Stellen erinnern an anspruchsvolle Kinderlieder. Alle seine Lieder haben eigene Melodien, was gewaltige Musikalität voraussetzt. Meyndts Texte behandeln aussagekräftig das Leben im Dorf, ohne sich zu wiederholen. Er besang alles, was sich da regte, freute, sehnte, liebte, enttäuschte, mühte und ängstigte (Gaden Morjen / Et song e schatzich Vijelchen / Ech hat e Medchen ist begent / Wat mauchst ta Gang mät deger Kah? / Motterhärz, ta Ädelstin / Sanktichklok).

Georg Meyndt war auch für Lieder anderer Komponisten aufgeschlossen. Er war es, der den Hontertstroch (Holderstrauch) des Gymnasiallehrers und Pfarrers Carl Römer und des Musiklehrers Hermann Kirchner mit der Reichesdorfer Jugend zuerst sang. Sie hoben das Lied aus der Taufe und nahmen es im gleichen Jahr mit auf ihre Sängerfahrt ins Burzenland. So begann der Hontertstroch 1897 unter dem Taktstock von Georg Meyndt und von Reichesdorfern gesungen seine Weltreise. Von Georg Meyndt blieben uns auch zwei Singspiele erhalten. Aus aser Gemin enthält neun seiner Lieder und wurde 1901 gedruckt. In Sanktich äm Aren bringt er sechs seiner Mundartlieder und veröffentlicht das Spiel 1902. Ein Jahr darauf, am 17. Dezember 1903, verstarb Georg Meyndt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof in Reichesdorf. Weil der Gedenkstein wiederholt mutwillig umgestoßen wurde, erbat sich der heutige Kurator von Reichesdorf, Hans Schaas, von den Angehörigen die Erlaubnis, ihn neben das Kirchenportal versetzen zu dürfen. An die Stelle des Grabsteines will er zu Meyndts 100. Todestag eine Linde pflanzen.

Mit der Herausgabe des Liederbüchleins Kut, mir sängen int vun den Liedern des Georg Meyndt (im Heimatbuch „Reichesdorf" neu abgedruckt) wollte C. Reich seinem geschätzten Freund offensichtlich ein Denkmal setzen, denn er schreibt in seinem Aufsatz "Er ist nicht tot, er lebt fort in seinen Liedern. Nun aber erscheinen sie, daß jeder sie lesen und nach Belieben auch singen kann. Sie sollen Zeugnis geben, daß wir seiner in Ehren gedenken."

Was bleibt heute in diesem Sinne zu sagen übrig? Wir besinnen uns mit Stolz eines Kulturgutes. Dies richtet uns in unserer Zerschlagenheit wieder auf und Georg Meyndt ist nicht tot. Seine Lieder erfahren so einen neuen, ganz eignen und hohen Wert.

Johanna Leonhardt, geborene Stolz - eine Urenkelin des Liederdichters

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