25. Oktober 2020

Engagierter Anwalt seiner Landsleute: Der Jurist Michael Miess wird 90 Jahre alt

Der Jurist Michael Miess erfüllt am 25. Oktober sein 90. Lebensjahr in St. Augustin. Seine Rede zur 750-Jahr-Feier seiner Heimatgemeinde Honigberg veröffentlichte die "Karpatenrundschau" vom 5. Juli 1990 unter dem Titel „… den Mut haben, Unbequemes zu sagen“. Michael Miess hat nicht nur Unbequemes angesprochen, sondern sich auch, selbst in gefährlichen Situationen, für seine Landsleute stark gemacht.
Der Jurist Michael Miess wird 90 Jahre alt. Foto: ...
Der Jurist Michael Miess wird 90 Jahre alt. Foto: Michael Miess jun.
Geboren wurde Michael Miess am 25. Oktober 1930 in Honigberg. Nach einer glücklichen Kindheit in Heldsdorf, wo seine Eltern seit 1931 eine Kolonialwarenhandlung betrieben, kehrte die Familie 1939 auf ihren Bauernhof nach Honigberg zurück. Sein Vater wurde zum rumänischen Militär eingezogen, und so musste Michael Miess schon als Zehnjähriger im Stall und am Feld mithelfen. Die Viehzucht hatte es ihm angetan. Doch nach der völligen Enteignung 1945 war dieser berufliche Traum leider ausgeträumt. Seit 1948 besuchte er die Technische Mittelschule für Veterinärwesen, wurde aber 1951 wegen mehrfachen regimekritischen Äußerungen mit einem folgenschweren Verdikt exmatrikuliert: Als „unwürdiges Element“ wurde ihm das Recht abgesprochen, in eine andere Schule der Volksrepublik Rumänien aufgenommen zu werden. Auch die drei Schuljahre wurden ihm aberkannt.

Er arbeitete danach als unqualifizierter Arbeiter in einer Ölraffinerie in Kronstadt. Dank guter Beziehungen gelang es ihm, Prüfungen für die drei Schuljahre am rumänischen Șaguna-Gymnasium in Kronstadt abzulegen. 1952 durfte er dank des mutigen Direktors Otto Liebhardt als ordentlicher Schüler die 11. Klasse des Honterus- Gymnasiums besuchen, die Abschlussklasse vor dem Bakkalaureat.

In Kronstadt verliebte er sich in seine sechs Jahre ältere Chemielehrerin am Honterus-Gymnasium, die er 1954 heiratete und mit der er seit nunmehr 66 Jahren eine glückliche Ehe führt. Dem Ehepaar wurde zwei Söhne, sechs Enkelkinder und vor zwei Monaten sogar ein Urenkelsohn geschenkt.

Michael Miess arbeitete in Kronstadt als Dispatcher beim städtischen Transportunternehmen ITB und entdeckte während eines Wohnungsprozesses seine Liebe zur Rechtswissenschaft. Er absolvierte ein fünfjähriges Jura-Fernstudium in Klausenburg und wurde Mitglied der Kronstädter Rechtsanwaltskammer. Er hatte den Mut, heikle Fälle zu vertreten. Die Deutschen in Rumänien hatten durch die Enteignung bei der Agrarreform im März 1945 Haus, Hof Wirtschaftsgebäude, Landmaschinen, Heuwiesen und Ackerboden verloren, in ihre Häuser waren sogenannte Kolonisten eingezogen. Per Dekret 81/1954 wurde den Sachsen Haus und Hof zwar rückerstattet, aber Dorfpotentaten weigerten sich, die besten und geräumigsten Häuser zurückzugeben, in denen sie sich inzwischen breit gemacht hatten. Gegen diese ging Michael Miess vor, als er im Namen seiner Mandanten Eingaben an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei mit der Begründung machte, dass in Weidenbach, Zeiden, Tartlau, Rosenau, Neustadt etc. das in Bukarest Beschlossene nicht respektiert werde. Seit Mitte der sechziger Jahre wirkte er zudem als ehrenamtlicher Rechtsberater der Honterus Kirchengemeinde und war später auch Mitglied der Gemeindevertretung, dann des Kronstädter Bezirkskonsistoriums und ab 1969 des Landeskonsistoriums in Hermannstadt.

Sein Einsatz für die Mandanten führte dazu, dass er am 3. November 1970 früh morgens von der Securitate abgeholt und nach monatelangen Verhören vor die Wahl gestellt wurde, entweder zu seinen Eltern in Deutschland auszuwandern oder wegen „Verhetzungen gegen die sozialistische Ordnung“ in einem Strafprozess verurteilt zu werden. Da der Ausgang des Prozesses absehbar war, entschied sich Michael Miess für die erste Variante und verließ mit seiner Familie Rumänien am 1. April 1971.

Während seine Frau ohne weiteres als Chemielehrerin in Deutschland arbeiten konnte, musste er als Jurist noch sechs Semester studieren, um als Anwalt tätig sein zu können. Zunächst studierte er Jura in Heidelberg und Tübingen (wo er auch Politologie studierte) und dann in Bonn, wo er als Volljurist anerkannt wurde. Von 1978 bis 2000 betrieb er eine eigene Kanzlei in Bonn. In der Nähe, in St-.Augustin, fand seine Familie ein neues Zuhause.

Da er stets von Heimweh geplagt war, hatte der 70-Jährige einen bestimmten Plan: Angesichts des großen Pfarrermangels in Siebenbürgen wollte er an seinem Lebensabend als Prediger-Helfer (Lektor) bei Gottesdiensten aushelfen. Auf seinen Einsatz bereitete er sich drei Jahre lang in einem Theologie-Selbststudium vor, stellte aber am Ende fest, „dass mein Verständnis von Christentum von dem abweicht, welches von der Kirche verkündet wird“, schreibt der Jurist in selbstbiographischen Notizen, die uns vorliegen.

In seiner ehrenamtlichen Tätigkeit versuchte der Anwalt Michael Miess, den Siebenbürger Sachsen als bedrängte Minderheit der Nachkriegszeit wieder Vertrauen und Mut zur Bewältigung ihrer Probleme zu vermitteln. Auch in Deutschland war er ehrenamtlich aktiv. Von 1974 bis 1979 war er stellvertretender Vorsitzender der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, leitete vorübergehend auch die Kreisgruppe Bonn (1975-1977) und wirkte 35 Jahre lang, als Rechtsreferent der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen (1979 bis 2014). Bekannt ist er besonders durch seine Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung. Er informierte über die rumänischen Restitutionsgesetze von Grund und Boden und versuchte dabei, möglichst viele Landsleute zu animieren, von ihrem Recht Gebrauch zu ­machen, auch wenn sie dabei oft einen steinigen Weg zu beschreiten hatten.

Von 1979 bis 1986, als Hans Philippi Vorsitzender des Hilfskomitees war, war er auch dessen Mitglied, wobei er dessen Meinung über die Zukunft und die Weiterexistenz des sächsischen Volkes in Siebenbürgen teilte. Seit 1986 ist er Mitglied des Evangelischen Freundeskreises Siebenbürgen. Für Michael Miess ist „Heimat dort, wo ich mich nicht erklären muss. Das ist dort, wo ich hineingeboren wurde und aufwuchs und mir alles so vertraut und selbstverständlich ist.“ Heimat sei für ihn und seine Frau Siebenbürgen, während die Heimat seiner Söhne und Enkel Deutschland sei.

Mit analytischer Schärfe untersucht er zeitgeschichtliche Entwicklungen in Siebenbürgen, z.B. im Aufsatz „Marxismus und Christentum sind unvereinbar“, erschienen im zweiten Band des Buches „Aus dem Schweigen der Vergangenheit“ (2017). 1996 wurde er zum Ehrenmitglied der „Union für König Michael“ ernannt.

Michael Miess hat sich jahrzehntelang ehrenamtlich für die Siebenbürger Sachsen engagiert, hat sie durch Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung und viele Telefongespräche juristisch beraten. Wir gratulieren dem Jubilar und wünschen ihm noch viele glückliche und gesunde Jahre.

Siegbert Bruss

Schlagwörter: Verbandsleben, Jurist, Rechtsanwalt, Honigberg, Kronstadt, Bonn

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