10. September 2026
Ein siebenbürgischer Grenzgänger/90. Geburtstag von Heinrich Gaber
„Ich danke unserem Herrgott für gute neun Jahrzehnte und würde mir mein Leben genauso wieder wünschen!“ Alle Achtung und Respekt für diese optimistische Aussage Heinrich Gabers, der am 10. September 1936 in Bogeschdorf geboren wurde und bereits als Kind die bitteren Folgen des Zweiten Weltkriegs zu spüren bekam.

Dann durchbrach Heinrich – sinnbildlich – zum ersten Mal die Grenze, als er 1969 zu Besuch nach Deutschland reisen durfte, um seinen Vater erstmalig wieder zu sehen, seit September 1943! Nach seiner Rückkehr gab es in Siebenbürgen nur noch ein Thema: „Ich habe Deutschland gesehen, wir müssen hier weg! Unsere Zukunft liegt dort.“ Nach zwei Jahren durfte Heinrich erneut nach Deutschland reisen und kehrte natürlich nicht wieder zurück. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis seine Familie auch ausreisen durfte und am Programm der Familienzusammenführung teilnehmen konnte. Erst viel später erfuhren alle Beteiligten, dass ihre Ausreise ein Verkaufsgeschäft darstellte, da die Bundesrepublik Deutschland für Siebenbürger Sachsen Geld an das Ceaușescu-Regime bezahlen musste. Die gesellschaftliche Eingliederung gelang in der Weinbauregion Rheingau, im hessischen Eltville am Rhein, problemlos und auch beruflich erfolgte die Integration bei den Staatsweingütern Kloster Eberbach nahtlos. Die Mitgliedschaft im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. war für ihn selbstverständlich. In der HOG Bogeschdorf wirkte er von 1978 bis 1990 als Ansprechpartner und Bürge für Klärungsfälle betreffend die Bogeschdorfer Sachsen und in vielfältigen Angelegenheiten. In den 1980er Jahren plante und wirkte Heinrich bei zwei großen Heimattreffen in Eltville am Rhein mit und nimmt bis heute aktiv an Veranstaltungen des Kreisverbandes Wiesbaden teil.
Als Rumänien Mitglied der EU wurde und daraus rechtliche Stabilität und Sicherheit abgeleitet werden konnten, begann eine weitere Grenzüberschreitung, diesmal von Deutschland aus nach Siebenbürgen. Im tiefsten Inneren schlummerte bei Heinrich und seiner Familie seit der Ausreise ein Gefühl von Verlust, erlittenem Unrecht und dem Wunsch auf Heilung. Zurück nach Siebenbürgen wollte zu dem Zeitpunkt (2006) keiner von uns! Dafür sind die Bedingungen hier einfach zu optimal.
Aber einiges wieder richtigstellen und geradebiegen in Siebenbürgen, daran lag der Familie schon sehr viel. Im Herbst 2006 wurde die erste rumänische Firma gegründet und das Rückkaufprogramm startete. Es galt, rund 200 Hektar enteigneten Königsboden in Bogeschdorf zurückzukaufen und dazu mehrere Hofstellen im Dorf, die der Familie bis Anfang 1945 gehörten. Der Plan ging auf und Ende 2014 waren alle Ziele erreicht, mehr als 220 Hektar Königsboden wurden zurückgekauft, auch die Hofstellen befanden sich wieder im Familienbesitz. Durch eine beispiellose Grenzüberschreitung manifestierte Heinrich dann im Sommer 2016 die Verarbeitung seines persönlichen Traumas. Denn als elfjähriger Junge musste er zusammen mit der Mutter und drei Geschwistern – im Herbst 1947 – den Gaber-Hof verlassen, woraus dann der Verwaltungssitz der sozialistischen Weingenossenschaft eingerichtet wurde. Zahlreiche Umbaumaßnahmen veränderten den großen Wirtschaftshof in der Dorfmitte derart, dass Heinrich 2016, nun wieder als rechtmäßiger Eigentümer, anordnete, den Gaber-Hof abzureißen. Seine Begründung lautete: „Unser Wirtschaftshof wurde missbraucht! Auf diesen Moment warte ich seit 65 Jahren!“ Als er dann kurz vor Weihnachten 2016 Bilder der leeren Hofstelle sah, stellte sich endlich ein wohliges Gefühl der Genugtuung ein.

Der alte Besitzzustand musste wiederhergestellt werden. Das war der tief verwurzelte Wunsch aller mitwirkenden Familienmitglieder. Dann sollte die Bewirtschaftung der Flächen in vergleichbarer Form wieder aufgebaut werden, wie anno dazumal, also Weinberge, Viehzucht und Landwirtschaft. Ab 2018 wurde auch dieses Ziel vollumfänglich erreicht. Als dann im Sommer 2018 das 500-jährige Jubiläum des Altars der Bogeschdorfer Kirche mit einem großen Fest gefeiert wurde, stellte sich endgültig Frieden mit allem Geschehenen ein. Heinrich feierte in Bogeschdorf ordentlich mit, reiste zurück nach Deutschland und schloss das Kapitel endgültig ab. Seither genießt er das Leben im Rheingau und lässt sich über den Fortgang und die Entwicklungen in Bogeschdorf regelmäßig berichten.
Als Dorfchronist sammelt und dokumentiert er immer noch penibel jedes Bogeschdorfer Detail. Unzählige Aktenordner füllen große Regale und liefern Antworten zu Familien, deren Geburten-, Heirats- und Sterbedaten. Regelmäßig ruft ihn ein Bogeschdorfer Roma an und gibt die Sterbedaten der älteren Generation auch dieser Volksgruppe durch, die Heinrich gewissenhaft in dem zugehörigen Aktenordner vermerkt. Seit den 1990er Jahren hat Heinrich an der Herausgabe mehrerer Dokumentationen und Dorfchroniken mitgewirkt, teils mit Ehefrau Mathilde, zusammen mit seinem Bruder Hans und Freunden.
Zu seinem 90. Geburtstag sieht er auf ein erfülltes Leben zurück und freut sich, dass er auch in schwierigen Zeiten immer wieder gute Lösungen finden konnte. Die Freude am Leben, Erfolge und schöne Momente stehen in seinen Erzählungen stets im Vordergrund. Daher nehmen wir Opa Heinrich seine Feststellung gerne ab, wonach er Gott darum bitten würde, sein Leben genauso wieder leben zu dürfen.
Marc Leonard, Konstantin und Niclas Gaber
Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Bogeschdorf
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