1. Oktober 2005

Dr. Ulrich Andreas Wien

Kirchenhistoriker Ulrich Andreas Wien zu Funktion und Zukunft des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde.
Der ordinierte Pfarrer der Pfälzischen Landeskirche und Kirchenhistoriker Dr. Ulrich Andreas Wien lehrt am Institut für Evangelische Theologie der Universität Koblenz-Landau und ist seit 2001 Vorsitzender des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde sowie stellvertretender Vorsitzender des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats. Die Fragen zu diesem Interview stellten Robert Sonnleitner und Christian Schoger.

Herr Dr. Wien, Sie sind der Vorsitzende des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) e.V. Können Sie uns den Verein kurz vorstellen?

Der AKSL wurde am 3. Januar 1962 in Mannheim hauptsächlich von jüngeren Akademikern gegründet mit dem doppelten Ziel: einerseits die traditionelle, im Verein für siebenbürgische Landeskunde begonnene siebenbürgisch-sächsische Forschungsarbeit fortzuführen; andererseits wurde - in landeskundlicher Offenheit - das ganze Siebenbürgen aller Sprach- und Volksgruppen als Aufgabe verstanden. Dieses Selbstverständnis geht aus §1 der Satzung hervor. Der AKSL "dient als wissenschaftliche Vereinigung der siebenbürgischen Forschung und gibt das 'Siebenbürgische Archiv' als III. Folge des 'Archivs des Vereins für siebenbürgische Landeskunde' heraus. Er tut dies im Geiste der Völkerverständigung und der gegenseitigen Toleranz in europäischem Rahmen."

Wie erklären Sie sich das besondere allgemeine Interesse auch von Nichtsiebenbürgern an Siebenbürgen?

Siebenbürgen ist eine hochinteressante Vielvölker-Region, in der seit Jahrhunderten Ungarn, Deutsche, Rumänen, Armenier, Menschen jüdischen Glaubens und andere Minoritäten friedlich zusammenleben und die geschichtlich als Pionierregion der Religionsfreiheit zu bezeichnen ist. Deshalb ist diese Region für das zusammenwachsende Europa durchaus ein beachtenswertes Muster, wenn man den modernen Begriff benutzen will, pluralistischer Gesellschaftsformen. Für diese historischen und gegenwärtigen Entwicklungen in Siebenbürgen interessiert sich insbesondere die nach ihrer Herkunft sehr unterschiedlich zusammengesetzte Mitgliederschaft des AKSL.

In der Siebenbürgischen Zeitung wird immer wieder von den breit gefächerten Aktivitäten des AKSL berichtet.

Der AKSL organisiert Jahresversammlungen, die zahlreiche Referenten und Referentinnen zu unterschiedlichen Themen im Plenum und in verschiedenen Sektionen zusammenführt. Unter den thematisch differenzierten Sektionen sind die der Genealogen und Naturwissenschaftler besonders aktiv. Seit 2000 gilt die Regelung, in geraden Jahren zu einem mehrtägigen Kongress und in den Zwischenjahren zu einer eintägigen Jahresversammlung einzuladen.

Davon abgesehen erfasst Ihr Aktionsradius auch umfängliche Publikationen.

Richtig. Neben dem Siebenbürgischen Archiv mit bislang 38 Bänden wurden seit 1968 in der Reihe "Studia Transylvanica" 33 Monographien veröffentlicht; seit 1976 erschienen 30 Bände "Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens", die wichtige Nachdrucke, Neuauflagen und Quelleneditionen beinhalten. Darüber hinaus erscheinen "Kulturdenkmäler Siebenbürgens", "Denkmaltopographie Siebenbürgen", die ungezählte Reihe Transsylvanica in Hermannstadt. Seit 1994 erscheinen überdies vierteljährlich die "Mitteilungen aus dem Siebenbürgen-Institut" als Informationsblatt.

An welchen siebenbürgisch-sächsischen Forschungsprojekten wird aktuell gearbeitet?

Das sind vor allem drei große Vorhaben: das Urkundenbuch der Deutschen in Siebenbürgen, dessen nächster Band 2007 erscheinen wird; das siebenbürgisch-sächsische Wörterbuch, bei dem nach vielen Unterbrechungen am Band "R" gearbeitet wird; und das bio-bibliographische "Schriftstellerlexikon"; daneben die Quelleneditionen sowohl zu den bedeutenden Städten Kronstadt und Hermannstadt, aber auch mit neuen Projekten zu Kirchenordnungen des 19./20. Jahrhunderts und zur Schul- und Bildungspolitik bis 1918.

Wie finanziert sich der Arbeitskreis?

Der AKSL hat gegenwärtig 650 Mitglieder in zehn Ländern auf drei Kontinenten und einen Zweig in Rumänien mit 92 Mitgliedern. Davon sind mehr als ein Drittel jünger als 45 Jahre. Die Vereinsmitglieder zahlen einen Jahresbeitrag von 25 Euro. Sie beziehen die Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde sowie die Archiv-Reihe. Die Mitglieder identifizieren sich sehr stark mit den Aufgaben und Zielen und unterstützen sie mit großzügigen Spenden. Zugunsten des Siebenbürgen-Instituts haben sich 36 Mitglieder verpflichtet, für 2005 bis 2007 je 1000 Euro pro Jahr als Spende zukommen zu lassen.

Was hat der AKSL mit dem "Siebenbürgen-Institut an der Universität Heidelberg" zu tun?

Der AKSL hat mit seinem 1992 begründeten Siebenbürgen-Institut (www.siebenbuergen-institut.de) ein langfristiges Ziel verwirklichen können, nämlich die Anbindung an die Universität Heidelberg; seit 2003 gilt der Status als "Siebenbürgen-Institut an der Universität Heidelberg". Es wird vom Direktor des Seminars für Osteuropäische Geschichte, Prof. Dr. Heinz-Dietrich Löwe, als dem wissenschaftlichen Direktor und vor Ort vom Wissenschaftlichen Leiter, Dr. Harald Roth, geleitet. Das Siebenbürgen-Institut arbeitet höchst effektiv, insbesondere durch die sehr hohe persönliche Identifikation der Mitarbeiter mit dem Institut selbst. Es ist eine in Fachkreisen international bekannte und häufig kontaktierte wissenschaftliche Einrichtung; sein Renommee wird unterstrichen durch die bereits eingeworbenen Drittmittel, u.a. bei der VW-Stiftung, der EU sowie der British Library. Das Institut dient der Forschung, organisiert Tagungen, Wissenschaftstransfer und fördert Nachwuchswissenschaftler durch internationale Doktorandenkolloquien.

In Zeiten klammer öffentlicher Haushalte ist gewiss auch das Siebenbürgen-Institut nicht auf Rosen gebettet.

Zwischenzeitlich hat einer der institutionellen Förderer, das Land Nordrhein-Westfalen, noch unter der früheren SPD-Regierung, zum Jahresende 2004 die in den vergangenen Jahren geleistete Förderung eingestellt. Das Land Baden-Württemberg führt seine Förderung in reduzierter Form fort. Das Institut braucht dringend eine verlässliche finanzielle Basis. Um das Institut und die Siebenbürgische Bibliothek von institutionellen staatlichen Fördermitteln weitgehend unabhängig fortführen zu können, wurde bereits 1999 eine Bürgerstiftung begründet. Der derzeitige Kapitalstand beträgt ca. 670 000 Euro. Allerdings sind die gegenwärtigen Renditen nur mäßig, sodass die Ausschüttung nicht die erhoffte Höhe erreicht. Der Arbeitskreis braucht daher dringend Unterstützung.

Welche Bedeutung messen Sie der vor 50 Jahren begründeten Siebenbürgischen Bibliothek auf Schloss Horneck zu?

Der Arbeitskreis sieht in dieser Bibliothek das entscheidende Herzstück, um die wissenschaftliche Arbeit des Siebenbürgen-Instituts und der mit ihm kooperierenden vielfältigen Forscher/innen und Institutionen dauerhaft zu untermauern; ihr Grundbestand ist zwischenzeitlich auf fast 70 000 Einheiten gewachsen. Sie ist damit zur größten einschlägigen Spezialbibliothek Westeuropas geworden. Zugleich ist sie ein besonders bedeutender Teil des kulturellen Gedächtnisses der Siebenbürger Sachsen außerhalb Siebenbürgens. Zudem enthält das der Bibliothek angeschlossene Archiv auf über 1 500 Regalmetern zahlreiche Nachlässe, Verbandsarchive, ein Denkmalarchiv, Spezialbestände und Sammlungen.

Herr Wien, ein Blick in Ihre Vita zeigt, dass Sie 1963 in Speyer geboren sind. Wer oder was hat Ihr Interesse an Siebenbürgen geweckt.

Ich bin in einem traditionellen "Grenzland", der Pfalz, im Pfarrhaus aufgewachsen, esse natürlich Dampfnudeln oder Grumbeersupp mit Quetschekuche oder Saumagen, aber genauso gerne Palukes, Hanklich oder Baumstriezel. Ich bin immer daran interessiert, welche Kultur und Lebensgewohnheiten man in anderen Ländern und Völkern pflegt. Als 1991 der damals 83-jährige Heidelberger Konfessionskundler Prof. Friedrich Heyer eine Exkusion bis hin nach Iasi und zu den Moldauklöstern zu unternehmen beabsichtigte, hat mich das gleich interessiert. So kamen wir auch durch Klausenburg, Hermannstadt und Kronstadt. Diese Kultur und die Menschen haben mich sehr fasziniert. Auf einer Nachwuchstagung in Erfurt lernte ich übrigens eine gebürtige Großpolderin kennen, die heute meine Frau ist.

Sie promovierten 1998 in Heidelberg über ein Thema der siebenbürgischen kirchlichen Zeitgeschichte. Spielte die Nähe zum Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv auf Schloss Horneck in Gundelsheim eine Rolle?

Auf das Thema "Kirchenleitung über dem Abgrund" habe ich mich mit meinem Doktorvater, Prof. A. Martin Ritter, verständigt; ich hatte die Idee, er hatte den Namen des Bischof Müller präsent. Auf dieser Basis fuhr ich nach Hermannstadt, besuchte das damals eigentlich verwaiste landeskirchliche Archiv und den Schwiegersohn Müllers. Dort wurde ich an Harald Roth in Michelsberg verwiesen, der mich auf den AKSL und die Bibliothek in Gundelsheim aufmerksam machte. Die Verbindung von Heidelberg nach Gundelsheim habe ich natürlich genutzt und viel Literatur von dort verarbeitet.

Wenn man sich Ihre Veröffentlichungen und Rezensionen ansieht, sind es überwiegend siebenbürgische Themen. Was ist das Besondere an der siebenbürgischen Kirchengeschichte?

Das Spannende an den siebenbürgischen Verhältnissen sind die Wechselwirkungen: einerseits jene zwischen den siebenbürgisch-sächsischen Akademikern und den deutschen geistigen Eliten; andererseits die spezifischen Eigenentwicklungen, die sich aus politischen Sonderentwicklungen, z.B. unter der osmanischen Herrschaft, und in der gegenseitigen Konfrontation und Befruchtung durch die anderen Ethnien und Konfessionen ergeben haben.
Zu den Besonderheiten: Einerseits gab es unter den Siebenbürger Sachsen rasch eine reformatorische Bewegung, aber kein landesherrliches Kirchenregiment mit einer "Konfessionalisierung". Andererseits hat im binnendeutschen Raum keine einzige Landeskirche das verwirklicht, was unter Bischof Georg Daniel Teutsch geradezu in den idealtypisch realisierten Kulturprotestantismus mündete.

Die 1571 endgültig eingeführte konfessionelle Toleranz war für das damalige Europa eine bemerkenswerte Lösung und machte Siebenbürgen zu einer "Pionierregion der Religionsfreiheit". Können Sie uns das näher erläutern?

Gerade läuft in Augsburg eine interessante Ausstellung: "Als Frieden möglich war". Der Augsburger Religionsfriede von 1555 war ja nur eine Sonderform des Landfriedens, der die Duldung einer einzigen (lutherischen) "Abweichung" von der römisch-katholischen "Norm" vorsah. Anders in Siebenbürgen, wo - natürlich unter Beteiligung der Landesfürsten - die reformatorische Bewegung sich ausdifferenzierte bis hin zur calvinistischen und antitrinitarischen Konfessionsbildung. Und alle - auch die katholischen, später sogar die habsburgischen - Fürsten Siebenbürgens mussten den Landständen diese Freiheit der Religion bestätigen und zusichern. Immerhin konnte so keine Rekatholisierung, wie z.B. in Polen, Frankreich oder Österreich oder andererseits eine Uniformisierung zugunsten einer reformatorischen Prägung wie in den Niederlanden oder in Basel stattfinden. Natürlich gab es bei dieser frühneuzeitlichen Form der Toleranz auch Grenzen, denn die rumänischen Orthodoxen wurden nicht offiziell anerkannt. Aber bis zur Verabschiedung der Verfassung der USA gab es außerhalb Siebenbürgens in Europa keine wirklich vergleichbare Regelung.

Es heißt, Luther habe die Welt verändert. Inwiefern gilt das auch für Siebenbürgen?

Siebenbürgen war damals Teil der spätmittelalterlichen, westlichen Kultursphäre. Dadurch, dass sich diese Region unter der osmanischen Oberherrschaft zu einer Pionierregion der Religionsfreiheit entwickelt hat, verband sich einerseits die ethnische Zugehörigkeit mit der konfessionellen Orientierung, das bedeutet, die Konfessionalität unterstützte auch die ethnische Stabilität. Das ist - mit geringen Modifikationen - bis in die Gegenwart so. Andererseits ist es in der heutigen rumänischen Gesellschaft mehr denn je wichtig, das Bewusstsein für die historischen Entwicklungen zu schärfen und für die Weiterentwicklung der Zivilgesellschaft zu nutzen. Insbesondere der orthodoxen konfessionellen Majorität Rumäniens kann es dadurch erleichtert werden, die nicht zu unterschätzenden kulturellen Distanzen zu bewältigen. Darüber hinaus, denke ich, kann auch Mittel- und Westeuropa aus dieser reichen Vergangenheit lernen, gegenwärtige kulturelle und ökonomische Gegebenheiten als Herausforderung zu begreifen und von jahrhundertelangen Erfahrungen ethnisch und konfessionell selbstbewusster Gruppen in Mischgebieten zu profitieren.

Dazu leistet der Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde einen substanziellen Beitrag.

Eben deshalb ist es wichtig, dass das Siebenbürgen-Institut als Kompetenzzentrum erhalten bleibt. Alle, die diese Ziele unterstützen, sind als Mitglieder willkommen. Über alle, die uns finanziell zu unterstützen bereit sind, freue ich mich.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Interview, Wissenschaft

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