18. Juli 2011

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„Ich traue der Sprache nicht“: Herta Müllers neuer Essayband

Schon die Titel der einzelnen Essays lassen aufhorchen: „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“; „Am Rand der Pfütze springt jede Katze anders“ und nicht zuletzt der Titel des Bandes selbst „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, den Herta Müller jetzt im Hanser Verlag veröffentlicht hat. Darin vereint sie Texte, die man zum Teil schon kennt, nun zwischen zwei Buchdeckeln und liefert einen Einblick nicht nur in ihre persönlichen und literarischen Vorlieben, sondern verrät neben biografischen Eckpunkten auch einiges aus ihrer Schreibwerkstatt.
Neben den Reden tauchen in den Essays bekannte und fast vergessene Namen auf: Oskar Pastior oder M. Blecher, Roland Kirsch oder Theodor Kramer und nicht zuletzt Emil Cioran. In zwei Texten äußert sich Herta Müller zu ihrem Freund Oskar Pastior, in einem ausführlichen Essay über seine Gedichte, in dem sie von seiner ungewohnten Gewöhnlichkeit spricht. In Rumänien, im Land der Improvisationen, die das Gewöhnliche übertrafen, seien seine ­Gedichte aus der Notgedrungenheit dieser Im­provisation entstanden. In Herta Müllers Interpretation wurden seine Gedichte zum Gebrauchsgegenstand, die sie auf ihre Not zugeschnitten habe. Wie sie zeigt, indem sie den Assoziationen nachhorcht – „Schpektrum“ etwa wird zur „Perspektive“ –, gibt es nicht nur eine politische. sondern auch eine existenzielle Lesart seiner Gedichte. So ­mutiert das Gedicht „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ zu einer Beschwörungsformel.

Im zweiten Beitrag über Pastior geht Herta Müller auf das Verschweigen seiner Tätigkeit als Informant Otto Stein ein. Auszüge davon erschienen bereits in einem Interview. Der Vorwurf an Oskar Pastior, nichts gesagt zu haben, ist aber gepaart mit Verständnis. Die anfängliche Wut darüber wurde zur Anteilnahme und zur Trauer. Pastior sei die Sprache nicht nur im Lager, sondern noch ein zweites Mal zerbrochen. Herta Müller spürt in seiner Art zu schreiben die Engführung seiner Existenz heraus. „Im Verkleiden und Nacktmachen der Worte hat er sein Ich zurückgeholt.“ (Seite 171)

Der Band beginnt mit der berührenden Nobel-Vorlesung „Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis“. Darin kommt Müller von der Frage der Mutter nach dem Taschentuch am Tor, einer fast widerwilligen Zärtlichkeit der Bäuerin, zur Sprache der Technik, die die Tochter als Übersetzerin in einer Fabrik kennenlernte. Dabei verwundert es immer wieder, wie eng verwoben Leben und Kunst sind. Das Fuchsfell, das jedes Mal durchgeschnitten wurde, kennt man aus ihrem Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“; nun taucht es real existierend auch in ihrer Verfolgungsgeschichte auf. Und immer wieder auch in einzelnen Reden wird der Bogen gespannt zur verstörenden Geschichte ihrer Schikanierung durch die Securitate. „Beschädigungen, das muss man sich eingestehen, sind und bleiben Bindungen – notwendig, ungestüm und gnadenlos.“ (Seite 36) In „Cristina und ihre Attrappe oder Was (nicht) in den Securitate-Akten steht“, das bereits in Buchform erschienen ist, thematisiert die Autorin ihre Beschädigungen und rechnet mit ihren Peinigern ab, vor denen sie auch in neuester Zeit nicht sicher ist; aber auch mit den Spitzeln, die sie offen preisgibt. „Cristina und ihre Attrappe“ stellt aber auch das Dilemma der Schriftstellerin dar, die jahrelang einerseits verfolgt und andererseits verleumdet wurde.

Von den realen Situationen springt der Funke über zur Literatur. Und dennoch eignet sich die Literatur Herta Müllers nicht für eine simple Deutung nach der Biografie: „Aber nie hab ich eins zu eins über Erlebtes geschrieben, sondern nur auf Umwegen. Dabei hab ich immer prüfen müssen, ob das wirklich Erfundene sich das wirklich Geschehene vorstellen kann.“ (Seite 84) Ihr Impuls zu schreiben rührt indirekt von ihrem Vater: „Und es fing etwas ganz Neues an, als das Leben meines Vaters zu Ende war – ich fing ein paar Tage später an zu schreiben, obwohl ich mir das nicht vornahm und überhaupt nichts mit Literatur im Sinn hatte.“ (Seite 85) Und wie diese Literatur zustande kommt, lässt Herta Müller in ihren Essays erahnen. Es ist zunächst ein Aufhorchen, das in eine Art Heimsuchung mündet, „wenn mich durch die Namen der Dinge die Inhalte der Wörter heimsuchten“ (Seite 89). Und dabei wird alles immer etwas anderes, „weil man Worte dafür finden musste, weil man darüber sprach.“ (Seite 96) Die Gegenstände bekommen unberechenbare Eigenschaften, „das war vielleicht eine Sucht, diese im Kopf eingebildeten Gegenstände mit ihren vagabundierenden Eigenschaften“ (Seite 97). Und so gesteht Herta Müller: „Ich traue der Sprache nicht. Am besten weiß ich von mir selbst, dass sie sich, um genau zu werden, immer etwas nehmen muss, was ihr nicht gehört.“ (Seite 98) So werden die Sprachbilder diebisch, der gültigste Vergleich raubt sich Eigenschaften, die ihm nicht zustehen. Denn: „Erst durchs Erfinden entsteht die Überraschung, und es beweist sich immer wieder, dass erst mit der erfundenen Überraschung im Satz eine Nähe zur Wirklichkeit beginnt.“ (Seite 98) So kristallisiert sich eine wortgültige Realität heraus, „erst wenn das, was sich im Wirklichen ausschließt, im Satz plausibel geworden ist“. (Seite 98) Herta Müller spricht von einem „Augenhunger der Wörter“ und von einer „Not des Blicks“ und davon, dass sie der Literatur nichts schuldig sei, nur dem Erlebten. Immer wieder wird das Geschriebene an den Körper gebunden und wird zum existenziellen Akt: „Was ich schreib, muss ich essen, was ich nicht schreib – frisst mich.“ (Seite 109)

In ihren Essays lässt Herta Müller ihre ars poetica aufleuchten, das anfängliche Misstrauen gegenüber der Sprache ist stets nötig, um aus den Wörtern das herauszulocken, was ansonsten verborgen geblieben wäre, um auszuloten, „was die Wörter vorher nicht wussten“. Und das macht die Poetik Herta Müllers aus und letztendlich die Poesie ihrer Texte.

Edith Ottschofski


Herta Müller: „Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel“, Carl Hanser Verlag, München 2011, 256 Seiten, geb., Preis: 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-23564-9.
Immer derselbe Schnee und imme
Herta Müller
Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel

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Schlagwörter: Herta Müller, Rezension, Essayband

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