30. September 2011

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Genialer Städteplaner und Architekt / Leben und Wirken von Josef Baron Bedeus von Scharberg

Im Gedächtnis seiner Landsleute lebt er als Schöpfer der Johanniskirche und des ehemaligen Sächsischen Nationalarchivs fort. Doch wirklich genial war Josef Baron Bedeus von Scharberg im Städtebau, wo er es zum führenden Stadtplaner Rumäniens brachte. Danach landete freilich auch er in den Gefängnissen stalinistischer Justizwillkür, wie neue Aktenfunde belegen.
Als der sonst so kundige Kulturjournalist Manfred Wittstock eine Würdigung für den Architekten Josef Baron Bedeus von Scharberg zum 100sten verfasste (Neuer Weg vom 2.12.1989), ­unterlief ihm Peinliches. Er vermischte die Biographie des Architekten mit jener seines hochgebildeten, aber bekanntermaßen etwas splee­nigen Onkels Gustav Baron Bedeus von Scharberg (1868-1939). Tatsächlich gibt das Siebenbürgische Künstlerlexikon zur Person des Architekten nur wenig her. Dabei ist sein Wirken als Baukünstler und Stadtplaner kaum zu überschätzen.

Geboren wurde der Erbauer der Johanniskirche als Sohn des nach Berlin zugewanderten Josef Baron Bedeus von Scharberg (1854-1906), einem Sohn des Begründers der Bodenkreditanstalt Dr. Josef Bedeus von Scharberg (1826-1901). Dass er am 21.11.1889 in Asnières bei Paris zur Welt kam, hängt mit dem Beruf des Vaters zusammen, der als Finanzbuchhalter für eine auf Ausstellungen spezialisierte Firma arbeitete und sogar als einer der geistigen Väter der Pariser Weltausstellung von 1889 gilt. Dieser habe sich auch schriftstellerisch betätigt und sei zeichnerisch sehr begabt gewesen. Nach der Volksschule in Berlin-Friedenau (1896-1903) machte der junge Bedeus eine Maurerlehre, die er mit einem Gesellenbrief des Berliner „Bundes der Bau-Maurer und Zimmermeister“ abschloss (1908). Weil inzwischen der Vater verstorben war, musste er selbst für seine Ausbildung und den Unterhalt der fünfköpfigen Familie aufkommen. Da er sich diesen als Maurer und durch Bildermalen finanzierte, blieb keine Zeit für ein richtiges Architekturstudium, doch verbrachte er von 1910 bis 1912 noch zwei prägende Jahre an der Kunstgewerbeschule bei Prof. Bruno Paul, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, und bei Prof. Hermann Jansen (Architektur), einem Pionier der modernen Stadt­baukunst. Nicht ausgeschlossen, dass Bedeus damals Mies van der Rohe und Walter Gropius kennenlernte, die damals zum gleichen Umfeld gehörten. Zwischendurch leistete er auch seinen Militärdienst bei der Pioniertruppe ab (1911).

Umso erstaunlicher, dass der gerade mal 21-Jährige noch Zeit fand, sich an dem am 12.11.1910 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb des Hermannstädter Presbyteriums für den Neubau der Johanniskirche und des Waisenhauses teilzunehmen (vgl. hierzu Timo Hagens Aufsatz „Drei Hermannstädter Sakralbauten aus der Zeit um 1900“ in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 2007). Sein Entwurf – ein stimmiger Mix aus Neugotik und Heimatstil – überzeugte sofort und ließ die weniger genialen Baumeister Gustav Maetz und Fritz Buertmes alt aussehen (einige Pläne Heinrich C. Eders von 1910 hatte man bereits vorher verworfen). 1911 entschied man sich auch für Bedeus’ Entwurf des Schulkinderhortes mit seinem mittelalterlichen Wehrturm an der im übrigen zeitgemäßen Fassade – wohl eine Reverenz für den hier bis 1881 stehenden Soldischturm (Str. Bastionului 6).

1912 ließ sich Bedeus in der Stadt seiner Väter nieder. Zunächst war er mit Restaurierungsarbeiten an der Kirchenburg in Kleinscheuern beschäftigt, nahm aber auch an Architekturwettbewerben für Mittelschulbauten teil: 1912 für eine Schule in den Harteneckgärten (2. Preis) und 1914 für eine beim Eislaufplatz (nicht mehr bewertet wegen Kriegsausbruch). 1913 wurde Bedeus von der Nationsuniversität mit dem Entwurf eines Archivneubaus beauftragt – das Archiv im Alten Rathaus platzte aus allen Nähten. Das 1914-15 errichtete Sächsische Nationalarchiv – auch die Bauleitung lag bei Bedeus – wurde nach modernsten archivtechnischen Kriterien ausgeführt und war der älteste Zweckbau dieser Art im Lande (kriegsbedingt erst 1923 fertiggestellt). Leider sind die Farben des hübschen Wappenfrieses an der Fassade – es zeigt die Wappen der Hermannstädter Provinz (mit entfernter Krone über dem Blätterdreieck!), des Komitats (ersetzt durch ein kommunistisches ­Judeţ-Wappen) und der Sächsischen Nation (7 Burgen in einem Kreis) – völlig verblasst. 1914 errichtete Bedeus auch das säulen- und pilas­ter­bestückte Finanz- und Forstverwaltungsgebäude der Nationsuniversität in der Armbrustergasse 1. Mit dem Archivbau ist es durch einen Zwischentrakt verbunden, der vor seiner Zerstückelung in Mietwohnungen eine Lesehalle barg, wo man die Tagespresse studieren konnte. Gleichzeitig schuf Bedeus auch eine Verbindung zwischen dem Verwaltungsgebäude und dem Comeshaus (Hecht-Haus) am Großen Ring 8. Nicht von ungefähr wurden die beiden Gebäude zusammen mit dem Nationalarchiv bereits am 30.12.1944 besetzt – sie hatten der Kreisleitung der Deutschen Volksgruppe als Amtssitz gedient.Josef Baron Bedeus von Scharberg mit einem ...Josef Baron Bedeus von Scharberg mit einem Gipsmodell des Wehrmanns in Eisen (1915). Foto: Sammlung des Verfassers Im April 1915 entwarf Bedeus den Hermann­städter „Wehrmann in Eisen“, eine rolandgestaltige Holzfigur, in die man bei Entrichten einer Spende zur Unterstützung von Kriegsopfern einen Nagel einschlagen konnte (heute im Geschichtsmuseum). Vorgesehen war, den Wehrmann nach Kriegsende vor dem Nationalarchiv aufzustellen „als bleibendes Denkmal für den schweren Krieg und die Opferwilligkeit des Volkes“ (Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt vom 30.3.1915). Ein Fassadenentwurf von 1916 zeigt den Archivbau mit dem Wehrmann auf einem Sockel davor – grimmig-martialisch und noch ganz nach Geschmack der Bismarckzeit. Am 7.12.1915 musste dann auch Bedeus einrücken. Im Sommer 1916 beauftragte ihn das Hermannstädter Militärkommando zusammen mit Leutnant Julius(?) Gutt mit dem Requirieren der Kirchenglocken – überall in der k.u.k. Monarchie hatte man mit dem Abbauen der Glocken begonnen, um sie zu Kanonenrohren umzugießen.

Am 26.5.1920 heiratete Bedeus Erna Bielz (1894-1968), die Schwester des Kunsthistorikers Dr. Julius Bielz. Aus der Ehe ging Ingrid, später verheiratete von Friedeburg-Bedeus (1923-2006) hervor. Oft sei sie, wie sie später gern erzählte, aus der elterlichen Wohnung im Gebäude der Bodenkreditanstalt, wo sich auch das Büro des Vaters befand, zu Emil Sigerus ins gegenüberliegende Blaue Stadthaus gekommen. Hier durfte sie dann auf seinen Knien sitzen und Süßigkeiten naschen. 1930 freilich setzte die Scheidung der Eltern der Kindheitsidylle ein jähes Ende. Ihren Zeitgenossen ist „Bedea“ mit dem gastfreundlichen Bielzischen Haus in der Heltauergasse 19 und dem liebenswerten Büchlein über E. Sigerus in Erinnerung geblieben (wie Alfred Hann von Hannenheim dem Germanisten Udo Peter Wagner mitteilte, besteht der Text weitgehend aus von Sigerus selbst Verfasstem bzw. Diktiertem). Noch unveröffentlicht sind Erna Bielz-Bedeus’ Erinnerungen an den Großvater, den verdienstvollen Politiker Jakob Rannicher (Typoskript im Münchner IKGS).

Anfang der 1920er Jahre begann Bedeus, sich intensiv mit neuen Bauweisen und Siedlungskonzepten zu beschäftigen. Sie reichten vom einfachen Typenhaus (Stichwort „billiges Bauen“) und sozialem Wohnungsbau bis hin zum gartenstadt-orientierten Viertel für gehobene Ansprüche. 1921 führte er im Garten des Metropoliten sein patentiertes Einfamilienhaus System Bedeus („Ibs“) vor, dem eine gitterverstärkte Holzkonstruktion in Leichtbauweise zugrunde lag (vgl. SDT v. 28.5. u. 1.6.1921, Mappe dazu im Nationalarchiv; eine Patenturkunde von 1923 im Siebenbürgen-Institut). 1922 errichtete Bedeus die Arbeiterwohnsiedlung in Petroșani-Petrila, 1923-24 das Fabrikgebäude der Mediascher Glasfabrik Vitrometan mit der dazugehörigen Werksiedlung. Auch das Gebäude der Salamifabrik Josef Theil in der Heidengasse, die nachmalige Scandia, geht auf Bedeus zurück (1926).

1924 stieß der junge Architekt Robert Kisch (1897-1977) als Mitarbeiter hinzu. Kisch, ebenfalls Jansen-Schüler und Absolvent der TH Charlottenburg, war vor allem an städtebaulichen Aufgaben interessiert, ein Bereich, mit dem sich Bedeus seit 1923 beschäftigte. Kischs Überlegungen zur Neugestaltung des Großen Rings, die er im SDT v. 20.4.1924 veröffentlichte, lassen erahnen, dass er das Zeug zum nächsten Stadtarchitekten gehabt hätte. Doch konnte er sich mit den engen Verhältnissen seiner Heimatstadt nicht anfreunden. Im Mai 1925 heiratete er die Nichte des Architekten Hermann Phleps und ging wieder nach Berlin, wo ihm auch bald darauf der Durchbruch mit dem Erweiterungsbau der Reichskanzlei gelang.

1925 war auch das Jahr, in dem das neue Verwaltungsgesetz die Erarbeitung von Stadtbauplänen vorschrieb. Der mit dem Stadtbebauungsreferat betraute Stadtrat Dr. Richard Zintz (1891-1964) war froh, als Bedeus Interesse signalisierte – die restlichen Architekten (11!) lehnten dankend ab. „In ihm sollte der Stadt ein genialer Städtebauer erwachsen“, schreibt Zintz rückblickend in seinen Erinnerungen „Im Wandel“ (S. 106ff.). Bedeus’ Stadtbebauungsplan (plan de sistematizare) von 1927 habe „voller kühner Gedanken und verblüffender Lösungen“ gesteckt, sei aber von Berufskollegen – insbesondere vom städtischen Oberingenieur Ernst Kirscher – in kleinlicher Weise kritisiert worden, einschließlich damit, dass sein Urheber kein Diplomingenieur sei (obwohl ohne Architektendiplom, beherrschte Bedeus das Fach souverän, was die Rumänische Architektenkammer am 5.11.1933 bewog, ihn als arhitect fără diplomă anzuerkennen). Da half es auch wenig, als der mit Zintz und Bedeus befreundete Stadtrat, der Magistratsrat Dr. Albert Arz von Straussenburg – vielen besser als kunstsinniger Wappenforscher bekannt – publizistische Unterstützung im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt und mit der Broschüre „Der Bebauungsplan von Hermannstadt“ (1928) leistete.

Für die festgefahrene Situation fand der Stadtrat die optimale Lösung, als er den damals führenden Professor für Städtebau Hermann Jansen von der TH Charlottenburg als Gutachter nach Hermannstadt einlud. Seine Ausführungen ließen sofort jede Kritik an Bedeus’ Stadterweiterungs- und Regulierungsplan verstummen, so dass nun endlich mit der Ausarbeitung der Details (Parzellierungspläne für die Gebiete Rosenfeldgrund, Erlenpark usw.) begonnen werden konnte – eine Mammutaufgabe, weil die Agrarreform von 1921-23 den Stadtplanern völlig unvernünftige Parzellierungen für Baustellen und willkürlich festgelegte Wohnviertel beschert hatte. Als der fertige Plan auf einer Ausstellung der Stadtbebauungspläne von Rumänien 1931 in Bukarest von König Carol II. mit Lobesworten in bestem Deutsch bedacht wurde, war der Burgfrieden wieder hergestellt. Immerhin hatte sich der König mit der Hermannstädter Delegation – Zintz, Bedeus, Arz und Kirscher – fast eine Stunde lang unterhalten und sogar Sinn für die alten Wehrbauten bewiesen, deren Erhaltung er Bedeus ans Herz legte. Was wunder, dass er bald darauf mit der Ausarbeitung der Bebauungspläne von Câmpina (1931), Balcic (1935), Konstanza (1939-42), Focșani (1940/41) und Jassy (1942-44) betraut wurde. Die damals entstandenen Bebauungspläne lassen Zintz’ Urteil über Bedeus als Stadtplaner („der anerkannteste Fachmann des Landes auf dem Gebiete des Städtebaus“) als vollauf berechtigt erscheinen.

Aus den Jahren um 1928-32 stammen mehrere zeilenartig angeordnete zweigeschossige Einfamilienhäuser in der Meltzlstraße/N.D. Cocea. Sie waren Teil des von Bedeus geplanten Edelwohnviertels am Erlenpark und imponieren durch ihre verhaltene Modernität. Eines der Häuser bezog er selbst (Nr. 4), zwei weitere erwarb Fregattenkapitän Arnold Freiherr v. Aichelburg (Nr. 10 und 11). Um 1930 warb Bedeus auch mit einem gediegenen Faltblatt für sein „Gartenstadt-Konzept“ und die hierfür vorgesehenen (Reihen-)Haustypen, doch ließen Wirtschaftskrise und Bauherren-Eigenbrötelei seinen grünen Siedlungstraum bald platzen.

Ehe Bedeus nach Bukarest ging, vermochte er noch die (Total-)Enteignung des Brukenthal-Sanatoriums in Freck durch Unterrichtsminister Angelescu abzuwenden (1934/35). Das dramatische Ringen jener Monate, in denen auch der nachmalige Direktor der Brukenthalschule Michael Hannerth eine Rolle spielte, beschreibt seine Tochter Marianne Kühn in ihren lesenswerten Erinnerungen „Was mich prägte“ S. 316 ff.

Während seiner Bukarester Jahre (1935-45) war Bedeus hauptsächlich als Städteplaner (arhitect urbanist) tätig – meist in Zusammenarbeit mit Ing.-Arch. T. Rădulescu. 1938-41 kam Bedeus’ zweiter Kirchenbau hinzu: die monumentale evangelische Kirche in Ploiești, deren gotisierenden Formen den sächsischen Wehrkirchen nachempfunden sind. Die bebilderte Geschichte ihrer Entstehung unter Baumeister Rudolf Nunweiler ist in Hans Durlessers „Geschichte der ev.-deutschen Kirchengemeinde A.B. in Ploiești (...) 1843-1942“ nachzulesen. 1940 heiratete „Joe“ Bedeus, wie ihn seine Freunde nannten, die Rumänin armenischer Herkunft Emilia (Lili) Perussich (1909-2006), eine exotische, aus Brăila stammende Schönheit. Vielleicht hatte er sie in Konstanza kennengelernt, wo er 1936-37 die evangelische Schule errichtet hatte, vielleicht aber auch bei einer Reservistenübung als Pontonbauer in Brăila (1939). Sie überlebte ihren Mann um 46 Jahre und starb im Altenheim „Carl Wolff“, wohin sie ihre Stieftochter Ingrid von Friedeburg-Bedeus gebracht hatte. Um 1940 firmierte Bedeus als Vizepräsident der Ceremag, einer rumänisch-deutschen Handelsgesellschaft, die sich mit dem Bau von Getreidesilos beschäftigte. Doch auch der Kontakt zu Hermannstadt riss nicht ab. So entwarf Bedeus 1938 für seinen Freund „Rick“ Zintz ein Sommerhaus, das sich dieser im geliebten Michelsberg errichten ließ. Das Landhaus, das auf der Kronstädter ‚Gesamtschau der deutschen Künstler’ sogar einen ersten Preis gewann (SDT v. 20.11.1938), wurde nach der Enteignung als Kindergarten genutzt und gehört seit 1994 als Gästehaus zum Elim-Heim.Johanniskirche mit Waisenhaus (heute Friedrich ...Johanniskirche mit Waisenhaus (heute Friedrich-Teutsch-Haus), errichtet 1911-12. Ansichtskarte, um 1914. Foto: Sammlung des Verfassers 1945-52 lebte Bedeus wieder in Hermannstadt. In diese Zeit fällt die Errichtung des Telefongebäudes in der Heltauergasse (1947-48) und die abermalige Beschäftigung mit dem Hermannstädter Stadtbebauungsplan (1948-52). 1950 stieß auch der ihm freundschaftlich verbundene Otto Czekelius als Mitarbeiter hinzu. Man traf sich in Bedeus’ Büro am Erlenpark und entwarf hochfliegende Bebauungspläne mit einem Naherholungsgebiet auf der Fleischhauer Wiese, künstlichen Seen u.v.a.m. Nicht ganz aufzuklären ist, warum Bedeus im Juli 1952 plötzlich verhaftet wurde. Hatte er dem Direktor der Independenţa-Werke Ion Meţiu, einem kommunistischen Hardliner und „Illegalisten“ der ersten Stunde, die Übereignung des Geländes im Bereich Schülerschanze/Maurergasse für die ehemaligen Rieger-Werke verweigert, wie Dr. Hans-Udo Krasser zu berichten weiß? Krasser zufolge sei ­Bedeus damals sogar zur Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeer-Kanal gewesen – was weiter nicht wundern würde, drohte Meţiu doch noch 1955 Bischof Müller mit mehrjähriger Gefängnishaft, falls er sich weigere, das rückerstattete Bischofspalais zum Kino umzugestalten.

Dass Bedeus 1952 wegen einer Denunziation in politische Untersuchungshaft kam, führt er selber irgendwo an, schweigt sich aber über die Hintergründe aus. Um Genaueres zu erfahren, wendete ich mich an die Stiftung Academia Civică, deren Leiter Romulus Rusan erst jüngst eine Ausstellung über den mörderischen Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals kuratierte. Die drei mir zugeschickten Personalbögen aus den Beständen des Jilava-Archivs (Recensământul populaţiei concentraţio- nare din România în anii 1945-89) ermöglichen die Rekonstruktion der durchlaufenen Haft-Stationen und geben sogar einen in der Tat denunziatorischen Internierungsgrund an: „A avut le­- gături cu consulul german [al] GEG [Grupului Etnic German]“ (Unterhielt Beziehungen zum deutschen Konsul [?!] der Deutschen Volksgruppe). Demzufolge kam Bedeus Mitte Juli 1952 in Untersuchungshaft, wurde am 16.9. nach Kronstadt ins berüchtigte Transitgefängnis auf dem Schlossberg/Cetăţuia und am 8.12. ins Centrul de Triere București (CTB) überstellt. Seine Internierung in Bukarest wird auch in den bislang unveröffentlichten Erinnerungen des ehemaligen Kreisleiters von Hermannstadt Rudolf Schuller, dem Vater des Künstlerlexikon-Verwalters Rolf Schuller, erwähnt. Schuller, der um die Weihnachtszeit 1952 nach Ghencea kam und sich hier mit Baron Bedeus anfreundete, teilte mit diesem zeitweilig ­sogar das Bett. Damit befand man sich in guter Gesellschaft, denn auch andere bekannte Hermannstädter saßen hier schon ein, etwa Rudolf Spek, F. X. Dressler, Richard Zintz und bald darauf auch Hans Otto Roth – nicht selten, um anschließend an den Donau-Schwarzmeer-Kanal ­gebracht zu werden. Wann und ob Bedeus überhaupt „am Kanal“ war, muss leider offenbleiben.

Wundersamer Neustart in Bukarest

Obwohl für Bedeus 18 Monate Haft – ohne eine rechtmäßige Verurteilung! – vorgesehen waren, war er schon nach neun Monaten wieder frei (24.3.1953). Wahrscheinlich hatten dies einflussreiche Bekannte erreicht, denn schon im Juni 1953 gelang ihm in Bukarest ein Neustart als verantwortlicher Projektleiter beim Institut für Architektur und Stadtplanung ISPROR bzw. ICSOR. Auffallenderweise bat Bedeus bereits Ende 1953 um seine Versetzung in den Ruhestand – freilich erfolglos. In atemlosen Stakkato erarbeitete er in der Folge weitere Teil- und Ganzbebauungspläne für Roman (1953), Galatz (1954), Hermannstadt, Heltau, Salzburg und Schäßburg (1955-56) sowie Jassy (1956). Auch bei der Gestaltung des Platzes und der Bauten rund um das ehemalige Königsschloss (heute Muzeul Naţional de Artă) soll Bedeus maßgeblich mitgewirkt haben. 1958 wechselte er zum IRP nach Kronstadt.

Es ist die persönliche Tragik des bis zuletzt Aktiven, noch vor Eintritt in den Ruhestand einem Krebsleiden erlegen zu sein. Mit ihm starb der letzte männliche Namensträger der ursprünglich aus Dänemark stammenden Familie Bedeus. Die Geschichte der im 18. Jahrhundert mit dem Prädikat „von Scharberg“ (nach dem einstigen Teleki-Gut Scharberg/Sáromberke/Dumbrăvioara bei Sächsisch-Reen) in den Adelsstand erhobenen Familie hatte ihr Ende gefunden.

Konrad Klein

Schlagwörter: Architekt, Porträt

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