21. August 2012

„Komm mit“

Deutsche Ortsnamen sind Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im öffentlichen Leben fast verschwunden, deutschsprachiger Schulunterricht wird immer magerer, die Umgangssprache der mitwohnenden deutschen Bevölkerung immer holpriger. Die Tageszeitung Neuer Weg ist um ein ordentliches Deutsch bemüht, muss sich aber in Inhalt und Wortwahl der gleichgeschalteten Zentralpresse anpassen. Der jährlich erscheinende Neuer-Weg-Kalender verkauft sich gut, ist aber von seinem Profil her eingeschränkt.
Bezug nehmend auf die von Nicolae Ceauşescu auf dem Zehnten Parteitag der Rumänischen Kommunistischen Partei (RKP) formulierte Direktive „Besonderes Augenmerk ist auf die Erholung unserer Werktätigen zu richten“ wagt der Verlag Neuer Weg die Herausgabe eines deutschsprachigen Taschenbuchs mit dem Titel Komm mit, Untertitel Reisen, Wandern, Erholung in Rumänien.

Unter der Federführung von Georg Hromadka erscheint 1970 die erste Ausgabe. Dieses Taschenbuch wird gerne gelesen und erreicht ansehnliche Auflagen dank mutiger Macher, meist nebenberuflicher Autoren und oft hintersinniger Inhalte.
Der Leitartikel am Anfang jedes Jahrbuchs ist Spitzenpolitikern der Tourismusbranche vorbehalten. In Glorifizierung der Titularnation und ihrer großen Geschichte ist da manches zu lesen, was den kundigen Leser zum Schmunzeln bringt. Von altägyptischen Spuren im Donaudelta oder der historisch wertvollen orthodoxen ­Kathedrale von Alba Iulia (Karlsburg) ist zum Beispiel die Rede. Und Bauern aus dem rumänischen Dorf Densuş sollen mächtige behauene Granitblöcke aus dem sechs Kilometer entfernten Ruinenfeld des dazischen Sarmisegetuza heran geschleppt und sich daraus eine mächtige frühchristliche Basilika gebaut haben.

Heinz Heltmann, Erika und Eckbert Schneider, Werner Klemm, Ingmar Weiss, Alfred Hatzack, Klaus Fabritius und viele andere bringen Lesern die Schönheit und Vielfalt von Landschaft und Natur anschaulich näher. Die Verwendung deutscher Bezeichnungen für Flora und Fauna schließt da manche Bildungslücke von Menschen, die nur rumänische Schulen besuchen konnten.

Auch für Ersatz des aus den Schulen verschwundenen Heimatkundeunterrichts sorgt Komm mit. Unter Verwendung alter Orts- und Flurnamen erzählen Juliana Fabritius-Dancu, Franz Heinz oder Georg Hromadka vom Leben und der wechselvollen Geschichte deutscher Siedler.

Gern gelesen sind die lebendigen Wanderberichte von Lia Gross, Walter Kargel, Heinrich Lauer, Alfred Hann, Reinhold Gutt oder Elke Küchler. Sie könnten dem Jahrbuch des Siebenbürgischen Karpatenvereins oder des – zwanzig Jahre jüngeren – Banater Karpatenvereins entnommen sein, die es schon lange nicht mehr gibt. Interessant dabei die unterschiedlichen Blickwinkel Banater und Siebenbürger Autoren zum Retezat-Gebirge.

Unter Titeln, wie Volkstrachten oder Volksfeste, erfährt der Leser von der ethnischen Vielfalt der Regionen, wo welche der elf deutschen Sprachgruppen zu Hause ist. Er hört von Krascho­wänern, Steierern, Deutschböhmen, Huzulen, Landlern.

Reiseberichte von Franz Engelmann, Walter Konschitzky oder Robert Frank halten sich sehr zurück, Sehenswürdigkeiten als sozialistische Errungenschaften zu preisen, wie das rumänische Autoren tun. Historisch prägende Örtlichkeiten, wie Domplatz und Lloydzeile in Temesvar, Heltauergasse in Sibiu oder die Handelsstraße Purzengasse in Braşov werden ohne Erwähnung der Titularnation beschrieben, was die Zensur in anderen Veröffentlichungen sicherlich gestört hätte.

Bei manchen grotesk anmutenden Wortschöpfungen, wie die Michelsberger Kirschblüte in Cisnădioara darf der Leser selbst herausfinden, mit welcher Absicht sie gewählt wurden. Und die Anrede Domnule in Gesprächen mit der einfachen Land- oder Gebirgsbevölkerung gewährt Einblick in die erfolgreiche sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft.

Etwas ungläubig erfährt der siebenbürgische Leser, dass es auch im Banat mehr als ein Dutzend alter Burgen gibt, etwa aus der Zeit des Severiner Banats und der Türkenabwehr, wie Schoimosch, Schiria, Tri Kule, Bokschan, Tschakowaer Kula oder Ladislausburg. Interessant sind auch die Wettervorhersagen des bekannten Meteorologen Nicolae Topor: eine tabellarische Niederschlagsprognose für jeden Tag des Jahres – ein Risiko, dem sich heute kein Wetterdienst aussetzt.

Die Beiträge in Komm mit sind mit guten Zeichnungen und stimmungsvollen Aquarellen von Juliana Fabritius-Dancu, Skizzen und Karikaturen von Walter Kargel, Helmut Lehrer oder Edmund Höfer und vielen handgezeichneten Landkarten ansprechend aufgelockert. In einem Reiseführer darf Tourismuswerbung nicht fehlen. Manche Werbung aber liest sich für Eingeweihte etwas eigenartig, von den Machern des Taschenbuchs vielleicht im Sinne der Leserschaft als getarnte Satire platziert. So heißt es – zur Zeit der Treibstoffknappheit und Rationierung! – in der Werbung des Tankstellenbetreibers PECO „immer zu Ihrer Verfügung“. Bei der Werbung für Gabelstappler darf gerätselt werden, ob rumänische Werktätige oder ausländische Touristen die Zielgruppe sind. Und an der Schwarzmeerküste wird für die Hotelanlagen von Olimp und Cap Aurora geworben, von denen bekannt ist, dass es geschlossene Ferienkolonien der Parteiprominenz sind.

Bedenkt man die damaligen Informationsmöglichkeiten, hat das Taschenbuch Komm mit in den über zwei Jahrzehnten seines Erscheinens ­Erstaunliches geleistet. Geschickt eingestreut zwischen übersetzten Beiträgen rumänischer Autoren und gelegentlichen Reiseeindrücken deutscher Ausländer haben mutige rumäniendeutsche Autoren unbemerkt fast alle Schikanen und Einschränkungen der Parteizensur umgehen können und kurzweilig sachlich informiert. So konnte das Heimat- und Geschichtsbewusstsein der deutschen Minderheit zumindest eingeschränkt wach gehalten werden. Dem Banater wurden Kokel, Harbach und die Fogarascher Berge näher gebracht, dem Siebenbürger der Banater Karst und die Banater Hecke und Heide und beiden das Motzen- und Buchenland. Und vor allem die Menschen, die dort leben.

Das vielleicht größ­te Verdienst von Komm mit ist aber die Pflege der deutschen Muttersprache bei einer – nur bedingt literarisch interessierten – breiten Leserschaft in einer Zeit, in der diese Sprache im öffentlichen Raum zu verschwinden drohte. Gut, dass es Komm mit gegeben hat.

Götz Conradt

Schlagwörter: Rumänien

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Neueste Kommentare

  • 22.08.2012, 04:38 Uhr von WIMAR55: Ja genau!Komm mit So wars,je nach Hobbys,hat jeder,auch in meiner Familie,auf jede Neuerscheinung ... [weiter]

Artikel wurde 1 mal kommentiert.

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