16. Januar 2015

Heimatforscher Horst Klusch gestorben

Als mich die Nachricht vom Tode von Horst Klusch erreichte, wurden auch die Bilder meines einzigen Besuches bei ihm in Hermannstadt im Sommer 2012 wieder lebendig. Ich sah vor mir seine Wohnung, die fast an ein Museum erinnerte, Wandregale vollgestopft mit Sammelstücken aller Art, Krügen, Vasen, Teller, Glaswaren, Bilder an den Wänden. Und mir gegenüber im massiven alten Sessel einen freundlichen, älteren Herrn, der mit großer Leidenschaft über seine Arbeit und seine Projekte sprach, über seine naturwissenschaftliche Beschäftigungen, seine historische Recherchen und Forschungen, seine Büchern und natürlich von seinen Sammlungen.
Nicht nur aus seinen Erzählungen, sondern auch aus seinem Lebenslauf wird deutlich, dass Horst Klusch (1927-2014) jemand war, der immer wieder Grenzen überschritten hat. Als Chemie- und Physiklehrer widmete er sich schon seit frühen Jahren der Volkskunde. Er sammelte bei seinen Motorradfahrten über die Dörfer vor allem Keramik, die er erstmal 1967 – damals noch im Turnsaal der Allgemeinschule Nr. 3 in Hermannstadt auf der Kleinen Erde, deren Schuldirektor er war – ausstellte. Das große Interesse, das er damit erweckte, bewog ihn, einen Töpfermarkt in Hermannstadt ins Leben zu rufen, der zum ersten Mal während der Cibinium-Kulturwoche im Herbst 1968 stattfand und sich 2014 zum 46. Mal jährte. Erst 1983, nach 25 Jahren, gab er die Organisation des Marktes ab. Seine Idee wurde sogar in befreundeten Keramikerkreisen im Westen aufgegriffen, wobei er mit seiner Erfahrung beratend zur Seite stand. Seit 1978 findet ein großer Töpfermarkt auch in Dießen am Ammersee statt, seit 2000 einer in Klagenfurt.
Horst Klusch mit Wilhelm A. Baumgärtner, ...
Horst Klusch mit Wilhelm A. Baumgärtner, aufgenommen 2012 in Hermannstadt. Foto: Konrad Klein
Kluschs Vielseitigkeit ging aber noch weiter. In den Jahren von 1971 bis 1987 war er Inspektor im Hermannstädter Kreiskomitee für Kultur, wo er auch für Museen verantwortlich war. So kam es, dass er 1971 die Gründung des Michelsberger Heimatmuseums (eingerichtet durch die Museologin Ulrike Rușdea-Weindel, die Mitbegründerin des Museums für Bäuerliche Technik im Jungen Wald) und 1973 jene des Textilmuseums in Heltau in die Wege leitete. Als Autor zahlreicher Fachaufsätze und Bücher entwickelte er sich zum vielbeachteten Experten für europäische Keramikforschung. Seine Bücher zur siebenbürgischen Volkskunde und zum Kunsthandwerk sind längst Standardwerke auf ihrem Gebiet: „Siebenbürgische Töpferkunst aus drei Jahrhunderten“ (1980), „Siebenbürgische Goldschmiedekunst“ (1988, erweiterte Neuauflage 2009), „Zauber alter Kacheln aus Rumänien“ (1999), „Siebenbürgisch-sächsische Trachtenlandschaften“ (2002) oder der Aufsatz „Die Habaner in Siebenbürgen“ (1968) in den „Forschungen zur Volks- und Landeskunde“ (1968), um nur einige zu nennen. 2003 gab er auch den aufwändig illustrierten Band „Aus der Volkskunde der Siebenbürger Sachsen“ heraus, der Beiträge von Herbert Hoffmann, Roswith Capesius u.a. enthält.

Unser Gespräch kreiste bei meinem Treffen mit ihm um ein Thema, das mich damals besonders interessierte: die Geschichte der Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen. Im Jahre 2001 war Kluschs bemerkenswertes Buch „Zur Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen“ im Kriterion Verlag erschienen, wo er den diesbezüglich festgefügten Forschermeinungen widersprach. Seine darin vertretenen Thesen zur Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen zeigen, dass es vielleicht der Unvoreingenommenheit eines Quereinsteigers bedurft hatte, um der in diesem Bereich stagnierenden Forschung neue Impulse zu verleihen. Damit hatte er neue, mit Fakten untermauerte Thesen aufgestellt, die nicht zuletzt auch mich inspiriert und fasziniert haben. Sie haben mir die Augen für die mittelalterlichen Realitäten geöffnet, mit denen die damaligen Siedler konfrontiert waren.

Sicher, er war nicht der Erste, der in der Debatte, in welcher Art die Ansiedlung der „Sachsen“ in Siebenbürgen stattfand, die These vertrat, dass es südlich der Karpaten siedelnde Ex-Kreuzzügler waren, die dem Ruf König Geisas II. folgten und durch das Alttal und den Roten-Turm-Pass nach Siebenbürgen kamen, um hier zu siedeln. Aber er war der Erste, dessen zusammengetragene Indizien ein schlüssiges Bild jener Zeiten ergaben und damit viele bisher ungelöste Fragen beantworteten. Was auch zeigt, dass er mehr war als nur ein „Hobbyhistoriker“, wie er von manchen abwertend genannt wurde, weil seine Arbeit hochprofessionell und seine Forschungsergebnisse bahnbrechend waren.

Wenn auch seine historischen Thesen zur Einwanderung heftig umstritten waren, so hat Horst Klusch dennoch viel Anerkennung für seine ­Lebensleistung erfahren. Wir erinnern an die Verleihung des „Dr. Beatrix und Hans-Christian Habermann“ Preises (2007) und an die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hermannstadt, die Horst Klusch 2013 durch Klaus Johannis verliehen wurde (Siebenbürgische Zeitung vom 30. September 2013). Im April 2013 wurde der „sichtbare Teil meiner Sammeltätigkeit“ (Klusch) vom Astra-Volkskunde-Museum mit einer Ausstellung im Schatzkästlein geehrt – von Keramik-, Messing-, Eisen-, Zinn- und Kupfergefäßen über Meerschaumpfeifen, Kerzenleuchter und Bügeleisen bis zum alten Telefonapparat und zur Balg­kamera war alles dabei. Freilich nur eine finest selection seiner kleinen und großen Schätze (ADZ vom 16. April 2013).

Doch die höchste Auszeichnung für ihn wäre, wenn seine Bücher und Aufsätze weiter gelesen und ohne akademische Vorurteile in die wissenschaftliche Debatte einfließen würden. Und in diesem Sinne, dessen bin ich mir sicher, wird Horst Klusch nicht vergessen werden. Am 16. Dezember verstarb er im geliebten Hermannstadt nach kurzem schweren Leiden.

Wilhelm Andreas Baumgärtner



Wilhelm A. Baumgärtner, 62, Journalist und Historiker, ist Autor von mehreren Sachbüchern zur Geschichte Siebenbürgens. 2014 erschien sein Buch „Die eiserne Zeit. Siebenbürgen im 17 Jahrhundert.“ Er lebt bei Ludwigsburg.

Schlagwörter: Nachruf, Heimatforscher

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