9. März 2020

„Gut gekämmt ist halb gestutzt“: Studie über Jugendliche im sozialistischen Rumänien

In der Reihe Südosteuropäische Studien ist 2019 als 24. Band die Promotionsarbeit der rumänischen Geschichtswissenschaftlerin Andra-Octavia Cioltan-Drăghiciu erschienen, die sie an der Fakultät für Mitteleuropäische Studien der Andrássy-Universität Budapest 2016 vorgelegt hat. Seit dem gleichen Jahr ist die Autorin am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz als Assistentin tätig.
Cioltan-Drăghiciu geht in ihrer Studie der Frage der Sozialisation Jugendlicher im sozialistischen Rumänien während der Jahre 1974-1989 nach. Ihre Forschungsergebnisse werfen ein erhellendes Licht auf den schwierigen Weg der postsozialistischen Gesellschaft in die Demokratie bis in die Gegenwart, denn die damaligen Jugendlichen stellen heute die aktive, gesellschaftliche, staatstragende Generation, in der Nepotismus und Korruption noch immer große Hindernisse sind.

Die Arbeit enthält fünf unterschiedlich lange Kapitel mit englischsprachigen Titeln (vermutlich eine Anspielung auf die Beliebtheit des Englischen bei der Jugend) – „Let There Be Rock“, „Master of Reality“, „Victim of Changes“, „Wasted Years“, „Trapped Under Ice“ – sowie ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis. Der Titel stammt von einem Faschingsfoto von Hermannstädter Brukenthal-Schülern aus dem Jahr 1975, das den Buchumschlag ziert.


Das erste relativ umfangreiche Kapitel enthält Angaben und Inhaltsbeschreibungen von Studien zu den Themen Jugend und Jugendkultur in der internationalen Fachliteratur, besonders zur Rolle der Musik, des Outfits, der Sprache, des Jargons. Anschließend beschreibt die Autorin den diesbezüglich gegenwärtigen Forschungsstand und die verwendeten Quellengattungen. Das sind Dokumente aus dem Archiv der Securitate, dem Archiv der rumänischen Abteilung von Radio Free Europe (RFE) (darunter mehrere Briefe rumänischer Jugendlicher an die Redaktion), Artikel aus der Presse der Zeit, Interviews (Oral History) mit Zeitzeugen, Filme und private Foto- und Tonaufnahmen. Die Historikerin beleuchtet also den Gegenstand ihrer Untersuchung aus der Perspektive offiziell staatlicher, institutioneller, internationaler, medialer, gruppeninterner und persönlicher Quellen und bettet ihn in den landesinternen und -externen historischen Kontext ein. Ihre Recherche ergibt, dass die rumänische Jugend der untersuchten Zeitspanne keineswegs eine homogene Gruppe war, sondern von mehreren Sozialisationsinstanzen wie Familie, Sozialstatus, urbaner beziehungsweise ruraler Gesellschaft, religiöser und ethnischer Zugehörigkeit, kommunistischem Erziehungs- und Bildungsauftrag mit seinen Organisationen („Falken des Vaterlandes“, Pionierorganisation und Kommunistischer Jugendverband) geprägt, gleichzeitig aber auch von westeuropäischen und amerikanischen Jugendtrends beeinflusst wurde. „Deviate“ Jugendliche fielen durch explizit normabweichende Verhaltensmuster auf. Sie standen im Visier der Securitate, im Konflikt mit Eltern und Erziehungsinstanzen und lebten so den Generationskonflikt radikaler aus als die Mehrheit ihrer Generationskollegen.

Ein entscheidender und folgenreicher Faktor in der Entwicklung der rumänischen Gesellschaft der Zeit war der soziale Transfer eines Großteils der Dorfbevölkerung in die Stadt infolge forcierter Industrialisierung des Landes und Zerschlagung dörflicher Strukturen durch die Kollektivierung. Die Regierung Ceauşescu und ihre Parteikader beargwöhnten und befürchteten die Abkehr der Jugend vom eigenen politischen Programm durch Gleichgültigkeit gegenüber dessen hohlen Parolen und durch die Wirkung „feindlicher Einflüsse“ aus dem westlichen Ausland. Durch die in Massenorganisationen gebündelte Gesamtbevölkerung sollte mittels Kulturveranstaltungen wie Cântarea României (in der deutschen Presse des Landes „Preis dir Rumänien“ genannt), durch Sportprogramme wie Daciada, Schüler- und Studentenfachwettbewerbe der „neue Mensch“ erschaffen und „in line“ gebracht werden. Stattdessen waren jedoch die zwischen 1973 und 1985 veranstalteten Konzerte des Schriftstellers Adrian Păunescu, die landesweit ganze Stadien füllten und bei denen dieser die widersprüchlichen Einflüsse auf die Jugend in Einklang zu bringen versuchte, beliebt und wurden gestürmt. Öffentlich begrüßte Păunescu die Generation „blugi“ (blue jeans – „Symbol negativen Einflusses westlicher Feindkultur“) und kritisierte Missstände in der Gesellschaft, beschwor aber gleichzeitig in pathetisch vorgetragenen eigenen Texten und mitreißend gespielten und gesungenen Folk- und Rockmelodien populärer Bands den von der Partei verordneten Nationalismus. Aus der Untersuchung Cioltan-Drăghicius geht hervor, dass dieser „sozialistische Patriotismus“ bei einem Großteil der Bevölkerung auch heute nachwirkt. Dem Personenkult um Păunescu und der Hybris seiner Veranstaltungen wurde schließlich 1989 ein Ende gesetzt. In der Folge wurden Sendungen, besonders Musik ausländischer Sender wie RFE, BBC, Radio France Internationale, Voice of America umso mehr gehört und bewirkten, dass rumänische Jugendliche in eine „imagined community“ flüchteten. Ihre Generation hat nicht wie in anderen sozialistischen Ländern die Resistenz und Revolte geprobt, sondern sich innerhalb widriger Umstände sozusagen auf eigene Faust „arrangiert“ und auch nur sehr zaghaft so genannte Subkulturen entwickelt.

Der Personenkult Ceauşescus bei gleichzeitiger katastrophaler Wirtschaftsentwicklung des Landes, Energie- und Lebensmittelknappheit in den 1980er Jahren, der zunehmende Kontakt mit Ausländern und deren Vermittlung westlicher Konsumkultur, blühender Schwarzmarkt, Republikflucht und Auswanderung förderten aber nicht nur Korruption und Nepotismus, Alkoholismus, Kriminalität und Prostitution einerseits, sondern auch Anpassung und ehrgeiziges Streben nach sozialem Aufstieg vieler Jugendlicher und ihrer Eltern andererseits. Die Sozialisation der Jugendlichen im genannten Zeitraum zwischen relativ enger Familienbindung und politischer Gängelung, Diktatur und Terror, Verschärfung von Gesetzen und Dekreten wie Überwachung und Verbot von Ausländerkontakten, Abtreibungsverbot etc. und dem Versuch, sich als eigenständige Generation irgendwie zu konstituieren und abzusetzen, führten dazu, dass in Rumänien, wie die Autorin erstmalig in einer Studie überzeugenderweise nachweist, die „Gemeinschaft“ (Familie, Freunde, Seilschaften) über der „Gesellschaft steht, weil sie Voraussetzung für das Überleben war“. Die sozialen, politisch-ideologischen und kulturellen Bedingungen, unter denen die junge Generation der 1970er/80er Jahre aufgewachsen ist, „erklären zu einem erheblichen Teil den unvollkommenen Transformationsprozess in eine demokratische Gesellschaft“, in der Eigenverantwortung, Zivilcourage und Kritikfähigkeit unabdingbar sind, bilanziert Cioltan-Drăghiciu.

Interessant und aufschlussreich im Buch sind besonders die Recherchen zu Vorgehensweisen der Securitate bei der Überwachung von Jugendlichen, die Auswertung von 23 Interviews mit Zeitzeugen unterschiedlicher Ethnien und Landesregionen, zweier Experten von RFE sowie anderer Autoren, die die Ergebnisse anderer von der Autorin verwendeter Quellen bestätigen oder ergänzen. Die Studie kann und will aber nicht den Anspruch erheben, eine Sozialgeschichte oder abschließende Analyse des „Universums von Jugendlichen in der Sozialistischen Republik Rumäniens“ darzustellen, sondern will lediglich einen Überblick darüber gewähren und Ausgangspunkt für weitere auch vergleichende Forschungen auf einem noch wenig bearbeiteten Gebiet sein. Dies Anliegen ist der Autorin trotz gelegentlicher Wiederholungen und Redundanz im Exkurs sehr gelungen.

Gudrun Schuster


Andra-Octavia Cioltan-Drăghiciu: „Gut gekämmt ist halb gestutzt“. Jugendliche im sozialistischen Rumänien. LIT Verlag, Wien, 2019, 228 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978-3-643-50907-9.

Schlagwörter: Wissenschaft, Soziologie, Studie, Jugendliche, Rumänien, Sozialismus, Geschichte, Securitate

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