30. März 2026

Ein Siebenbürger als Kant-Übersetzer

Der Bukarester Humanitas-Verlag hat 2024 das umfangreiche Buch „Mici scrieri despre morală, religie și politică [Kleine Schriften über Moral, Religion und Politik] von Immanuel Kant anlässlich des 300. Geburtstags des Königsberger Philosophen veröffentlicht. Die Auswahl der Texte, die Übersetzung ins Rumänische und die Kommentierung ist Prof. Mircea Flonta, Mitglied der Rumänischen Akademie, und dem Siebenbürger Sachsen Dr. Hans-Klaus Keul zu verdanken. An der Übersetzung hat Dr. Grigore Vida mitgewirkt.
Dr. Hans-Klaus Keul wurde 1952 in Hermannstadt geboren, hat in Tübingen Philosophie, Germanistik und Politische Wissenschaften studiert und wurde dort im Fach Philosophie promoviert. Er lehrte an den Universitäten Tübingen, Ulm, Klausenburg und Bukarest. In Ulm koordinierte er das ethisch-philosophische Grundlagenstudium am Humboldt-Zentrum der Universität. Zu seinen wichtigsten Werken gehören: „Kritik der emanzipatorischen Vernunft“ (1997), „Filozofia practică a lui Kant [Kants praktische Philosophie], zusammen mit Mircea Flonta (2000), „Deszendenztheorie und Darwinismus in den Wissenschaften vom Menschen“, zusammen mit Matthis Krischel (2011). Keul hat zahlreiche Studien verfasst, u.a. über Kant, Hegel, Max Weber und Jürgen Habermas.

Der vorliegende Band enthält einige kürzere und leichter zugängliche Texte von Immanuel Kant zu moralischen, religiösen, rechtlichen und politischen Themen. Sie entstanden zwischen 1784 und 1795, also nach der Veröffentlichung der „Kritik der reinen Vernunft“ (1781). Kant wollte mit diesen durchaus schwer lesbaren (und übersetzbaren) Schriften einem breiteren gebildeten Publikum darlegen, wie seine kritische Philosophie die Freiheit und Autonomie des Individuums als rationales Wesen, den Fortschritt in der Entwicklung der Weltgeschichte, den religiösen Glauben, die Menschen- und Bürgerrechte, die republikanische Regierungsform, die Beziehungen zwischen Gemeinschaften und Staaten in einer kosmopolitischen Weltordnung begründet. Es handelt sich um folgende Beiträge: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (mit der berühmten Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“); „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“; „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte“; „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“; „Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodicee“; „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“; „Das Ende aller Dinge“; „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“.

Diese Texte spiegeln Kants Ziel wider, die Menschen zum selbstständigen Denken und Handeln zu ermutigen und Grundfragen der Philosophie zu beantworten: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“. Sein Vertrauen in die Fähigkeit der menschlichen Vernunft war unerschütterlich, und dieses Vertrauen kann als grundlegendes Merkmal der „Aufklärung“ (in der rum. Übersetzung „Luminare“) angesehen werden, für die sein Werk repräsentativ ist. In seinen Schriften konzentrierte er sich auf das Verhältnis zwischen Moral und Politik, ein Thema, das nach wie vor aktuell ist. Der Königsberger Philosoph betonte eindringlich, dass moralische Prinzipien die Ziele politischen Handelns sowie die dafür zulässigen Mittel bestimmen müssen. Leider haben manche „Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können“ das Werk dieses „Schulweisen“ nicht gelesen, nicht verstanden oder einfach ignoriert. Wenn aber die Unterordnung der Moral unter die Politik die Regel zu sein scheint und die Unterordnung der Politik unter die Moral die Ausnahme, so ist dies seiner Meinung nach ein klares Indiz dafür, dass die Menschheit noch lange nicht in einem „aufgeklärten Zeitalter“ lebt. Die desaströse Politik heutiger Machthaber lässt grüßen …

Persönlich hat mich vor allem Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ angesprochen, aus dessen Vorwort das obige Zitat stammt. Kant formuliert darin in sechs „Präliminarartikeln“ die allgemeinen Bedingungen einer liberalen Rechtsordnung und skizziert die Merkmale einer universellen Friedensordnung. Das „vereint die bis dahin diskutierten Facetten seiner praktischen Philosophie, bietet aber nicht zuletzt auch Anhaltspunkte für die zeitgenössische Debatte über eine universelle Friedensordnung“, stellen Flonta und Keul in ihrer Einleitung fest. Nur eine auf Rechtsprinzipien basierende „republikanische“ Regierungsform in allen menschlichen Gemeinschaften könne, so Kant, den „ewigen Frieden“ verwirklichen und sichern. Kants sechster „Präliminarartikel“ fordert: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen.“ Wie aktuell Kant doch geblieben ist! Und, leider, wie wenig werden seine Mahnungen befolgt!

Dass sich diese Gedanken nun, dank ihrer sehr gelungenen Übersetzung, auch in Rumänien stärker verbreiten können und, hoffentlich, Politiker in aller Welt erreichen, ist den Herausgebern dieses empfehlenswerten Buches zu verdanken, nicht zuletzt dem Siebenbürger Sachsen Hans-Klaus Keul.

Konrad Gündisch

Immanuel Kant: Mici scrieri despre morală, religie și politică [Kleine Schriften über Moral, Religion und Politik]. Auswahl, Vorwort, Präsentationen und Anmerkungen von Mircea Flonta und Hans-Klaus Keul. Übersetzung ins Rumänische: Mircea Flonta und Hans-Klaus Keul in Zusammenarbeit mit Grigore Vida. București: Humanitas Verlag 2024, 320 Seiten, ISBN 978-973-50-8479-0, Preis: 95,04 RON, Buchbestellungen über vanzari[ät]libhumanitas.ro

Schlagwörter: Philosophie, Übersetzung, deutsch-rumänische Beziehungen

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