13. Mai 2026

Volles (Literatur-)Haus bei Adameșteanu und Schlattner

Zwei Veranstaltungen waren beim diesjährigen Literaturfest München der rumänischen bzw. der siebenbürgisch-sächsischen Literatur gewidmet: Am 24. April stellte die rumänische Schriftstellerin Gabriela Adameşteanu ihren kürzlich im Wallstein Verlag erschienenen Roman „Stimmen auf Abstand“ vor; um Eginald Schlattner und besonders seinen Roman „Rote Handschuhe“ (2001) ging es am 30. April. An beiden Abenden war die Bibliothek des Literaturhauses München voll, obwohl sich der Frühling von seiner besten Seite zeigte – Literatur kann genauso anziehend sein wie ein Spritz im Freien am ersten lauen Abend des Jahres.
Gabriela Adameşteanu (Mitte) spricht mit ...
Gabriela Adameşteanu (Mitte) spricht mit Carsten Hueck (links) und Jan Koneffke (rechts) über ihren neuen Roman „Stimmen auf Abstand“.
Als „grande dame der rumänischen Literatur“ und „feiner Seismograf der Gesellschaft“ stellte Literaturfestkuratorin Dana Grigorcea die Autorin Gabriela Adameşteanu (* 1942) vor, die auf der Bühne von Schriftsteller Jan Koneffke, Übersetzer ihres jüngsten Romans, sowie Carsten Hueck, Literaturkritiker bei Deutschlandfunk Kultur, flankiert wurde. Ihr erster Auftritt in Deutschland außerhalb einer Buchmesse bot die Gelegenheit, der bescheidenen und feinhumorigen Autorin ein wenig näher zu kommen und einen kleinen Einblick in das Buch „Stimmen auf Abstand“, ein „Familien-, Corona-, Arzt- und Liebesroman“ (Hueck) über drei Frauen, ihre Geschichten und Erinnerungen, zu gewinnen. Dem Literaturfestmotto „Freiheit!“ entsprechend ging es im auf Deutsch und Rumänisch geführten Gespräch um Adameşteanus Erfahrungen während des Sozialismus und die plötzliche Freiheit nach 1989, die für sie vor allem darin bestand, nicht mehr überwacht zu werden – sie habe allerdings zehn Jahre lang Angst gehabt, dass die Freiheit wieder vorbei sein könnte. Angst und Langeweile seien in der Diktatur die vorherrschenden Gefühle gewesen; ob das gute Voraussetzungen zum Schreiben seien, wollte Hueck wissen, und Ada­meşteanu antwortete schmunzelnd: „Ich bin das beste Beispiel dafür.“

Jan Koneffke, „ein fantastischer Schriftsteller und in Rumänien Bestsellerautor“, wie Dana Grigorcea eingangs begeistert bemerkte, konnte neben seiner Dolmetscherfunktion für Gabriela Adameşteanu an diesem Abend über seine Übersetzertätigkeit sprechen und gab zu, dass die verschiedenen sprachlichen Ebenen in „Stimmen auf Abstand“ (im Original „Voci la distanţă“) eine Herausforderung gewesen seien. Geholfen habe ihm, dass er für die vorherigen Übersetzungen als Lektor fungiert habe und daher mit dem Werk der Autorin sehr vertraut sei.

Erfreulich viele Besucherinnen und Besucher ließen sich von Gabriela Adameşteanu im Anschluss an die Veranstaltung Bücher signieren und kamen mit ihr ins Gespräch.
Dana Grigorcea (links) liest aus Eginald ...
Dana Grigorcea (links) liest aus Eginald Schlattners Roman „Rote Handschuhe“, Ingo Schulze, Michaela Nowotnick und Robert Schwartz (von links) lauschen. Fotos: Doris Roth
Der Abend über Eginald Schlattner (* 1933) war mit der Literaturwissenschaftlerin und Schlattner-Expertin Michaela Nowotnick, dem Schriftsteller und Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Ingo Schulze sowie dem Journalisten Robert Schwartz, Intendant von Radio România, das mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München als Kooperationspartner fungierte, hochkarätig besetzt. Dana Grigorcea, die das Publikum begrüßte und die Gäste vorstellte, erwies sich als Bewunderin und Kennerin von Schlattners Werk, blieb aber ironisch-bescheiden („Ich sitze nur am Rand als Restglanzabsaugerin“) und las exemplarische Passagen aus dem Roman „Rote Handschuhe“.

„Schweigen, Sprechen, Freiheit, Verantwortung“ seien die Themen des Buches und der Veranstaltung, so Moderator Robert Schwartz, „und die Kraft, mit der Eginald Schlattner erzählen kann und erzählen will, haut einen um“. Ingo Schulze, selbst ein vielfach preisgekrönter Schriftsteller, zeigte sich beeindruckt von der Radikalität des Ich-Erzählers und der „monumentalen Form“ des Romans – das Lesen sei eine Zumutung im positiven Sinn. Michaela Nowotnick, die über „Rote Handschuhe“ promoviert hat und sich um Schlattners Vorlass kümmert, sprach davon, dass der Roman die Grenze des Sagbaren und das, „was ein System mit einem machen kann“, thematisiere. „Man muss durchhalten, man muss es aushalten“, sagte sie über die Lektüre des Buchs, die sie wie alle anderen auf dem Podium nachdrücklich empfahl.

Die „Geschichte eines Verrats unter den bestialischen Zwängen der kommunistischen Diktatur“, wie Hannes Schuster in seiner Besprechung in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2001, Seite 8, den Roman beschrieb, hat die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft nach dem Erscheinen aufgewühlt und polarisiert bis heute, was sich als guter Grund erweist, das Buch wieder (oder zum ersten Mal) zu lesen und sich ein eigenes Bild von Eginald Schlattners literarischer Darstellung des Schwarze-Kirche-/Schriftstellerprozesses Ende der 1950er Jahre zu machen. Man könne ihm nur dankbar sein für seine Romane, befand Ingo Schulze an diesem Abend, der auch ohne Schlattners persönliche Anwesenheit (die Anreise aus Rothberg wäre zu beschwerlich gewesen) ganz in seinem Geiste stand.

Doris Roth

Schlagwörter: Literaturfest, München, Adameşteanu, Schlattner

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