13. Juli 2026
Ilse Hehn in Nürnberg: "Legst dich in Schrift. Zeit der Ebbe"
Im letzten Jahr erschien im Pop Verlag Ludwigsburg das umfangreiche und in jeder Hinsicht eindrucksvolle Buch Ilse Hehns „Legst du dich in Schrift. Zeit der Ebbe“ (siehe Besprechung in der SbZ Online), das im Mittelpunkt der Lesung am 18. Juni im Haus der Heimat Nürnberg vor einem recht zahlreich erschienenen, mitgehenden Publikum stand.

Ilse Hehn fiel, neben Anemone Latzina und wenigen anderen deutschsprachigen Dichterinnen und Schriftstellerinnen in Rumänien, bereits Ende der 1960er Jahre durch ihren bemerkenswert lebendigen, eigenwilligen, auch unbehaglich klingenden lyrischen Schreibton und vornehmlich durch ihre eigenartig bildhafte Sprache auf, wobei die Bildhaftigkeit ihrer Lyrik vermutlich auch mit ihrer Betätigung als Malerin und bildenden Künstlerin zusammenhing. Ihr 1973 im Kriterion Verlag in Bukarest erschienener Gedichtband „So weit der Weg nach Ninive“ belegte dies damals bereits eindrucksvoll. Zu diesem Buch schrieb die bekannte Temeswarer Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin Eva Marschang noch im gleichen Jahr in der Neuen Banater Zeitung: „Ilse Hehn ist in thematischer und formaler Hinsicht dem Zeitgenössischen in der Lyrik verschrieben. Sie verschmäht Reime und regelmäßige Rhythmen, deren Glätte auch schwerlich in Einklang zu bringen wäre mit der Atmosphäre des Unruh- und Verhängnisvollen der vorliegenden Gedichte. Hehn prägt Bilder für die Ängste und Beklommenheiten des Zeitgenossen.“ Von der späteren Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war zu dem 1976 im Facla Verlag in Temeswar erschienenen Lyrikband „Flussgebet und Gräserspiel“ ebenfalls noch im gleichen Jahr in der Neuen Banater Zeitung zu lesen: „Die Sprache ist bei Ilse Hehn das Mittel, durch welches die tiefen Räume unserer Innenwelt erhellt werden. Die Mahnungen und Warnzeichen der Ingeborg Bachmann klingen an, das bedrückende Gefühl der Vereinsamung und Fremdheit. Der Protest der Autorin gilt der Mittelmäßigkeit, dem Stumpfsinn, die unter der Maske der Wohlerzogenheit und hinter dem Vorwand der Gemütsruhe wurzeln und gedeihen. Fast alle Gedichte sprechen die Notwendigkeit aus, jeder Starrheit vorzubeugen durch das tägliche bewusste Anderswerden um der Menschlichkeit willen.“ Das waren in beiden Fällen treffliche Kennzeichnungen der Schreibweise Ilse Hehns.
Am Anfang der Lesung standen denn auch zunächst frühe Gedichte aus Rumänien. Der Fortgang folgte sodann zumindest in groben Zügen dem biographisch-chronologisch geordneten Aufbau des das Gesamtwerk gleichsam zusammenfassenden Bandes, der im Mittelpunkt stand und aus dem gelesen wurde. Zugleich wurde die Lektüre klug vom Moderator gesteuert und immer wieder durch die Autorin kommentiert und erläutert. Nach den Zeiten in Rumänien rückte der biographische Einschnitt durch die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland Anfang der 1990er Jahre und der Niederschlag, den dies in der Kunst Ilse Hehns fand, in den Vordergrund. Es wurden verschiedene Gedichte und Texte, die die neuen Lebens- und Erfahrungswelten reflektierten, gelesen. So kam Ulm, ihr neuer Lebensmittelpunkt, als kultur- und geschichtsbedeutsame Stadt zur Sprache. Und natürlich der weitläufige, erlebnisgestützte Rundblick in die Ferne, der im Westen möglich wurde. Etwa von Fernweh getragene Gedichte aus dem Band „Tage Ost-West“ (2015). Wie eindrucksvolle, in lyrischer Prosa gehaltene Reiseimpressionen aus den übrigens auch reich illustrierten Bänden „Roms Flair in flagranti“ (2020) und „Der Tag ohne Datum“ (2022), die beispielsweise in die weiten Landschaften Lapplands, nach Capri und natürlich nach Rom und Italien führen. In eine besonderer Weise exotisch wirken die dem deutsch-japanischen Band „Randgebiet“ (2010) entnommenen Kurzgedichte.
Großes Interesse fanden bei den Teilnehmern natürlich auch die Kurzportraits einzelner bekannter Schriftsteller, Literaten und Künstler aus Rumänien. Die Zeitreise führte zudem nachdenklich zu der durch ein Foto des Vaters Hans Hehn „Mann mit Hut“ erinnerte Ereignis der Flucht der Familie Hehn 1944 zurück. Dies gab Anlass zu einer vertieften Diskussion über diese leidvollen zeithistorischen Erfahrungskontexte, die Siebenbürger Sachsen (so wurde Horst Göbbel während der Evakuierung der Nordsiebenbürger Sachsen 1944 in Ungarn geboren und berichtete kurz darüber) und Banater Schwaben in ähnlicher und doch auch anderer Weise betrafen. Ilse Hehn setzte zum Schluss ein deutliches Ausrufezeichen, als sie in ihrer beeindruckenden reifen poetischen Interpretation des ersten Korintherbriefes 13 „Die Wärme der Welt“ (ULM 2024) noch einmal das große Wunder der Liebe zum Ausdruck brachte: „Wenn wir / mit Menschen - / und Engelszungen redeten / und hätten / der Liebe nicht / ginge verloren / DIE WÄRME DER WELT.“
Die Bilder und Übermalungen der Künstlerin, die am Ende der Lesung gezeigt wurden und die die Gedanken und Eindrücke dieser Veranstaltung nochmals visuell untermalt verstärkten, bezogen sich unter anderem auf den zweisprachigen Band „Irrlichter. Kopfpolizei Securitate, Collagen, Gedichte, Notate / Lumini înşelătoare. Poliţia minţii Securitatea. Poezii, însemnâri, colaje, pictură“ (2013), in dem sich die düsteren Erfahrungen Ilse Hehns mit der rumänischen politischen Polizei, der Securitate, in einer künstlerisch ganz eigenen Weise verarbeitet finden. Und den sicherlich auch ethnologisch-zeithistorisch wertvollen Doppelband „Heimat zum Anfassen oder: Das Gedächtnis der Dinge“ (2013), der Gegenstände und Artefakte der banatschwäbischen Lebens- und Alltagswelt anschaulich festhält und erinnerlich macht.
Durch diese Lesung gelang Ilse Hehn und ihrem Moderator eine lebendige und eindrucksvolle Reise durch Zeiten und Räume und zugleich durch Zeitbilder und Kunsträume. Dabei zeigte sie sich einmal mehr als vielseitige Künstlerin, die zu den bemerkenswertesten Frauen aus dem Kreis der Deutschen aus Rumänien und der Banater Schwaben zählt und die doch zugleich ein gutes Stück zu Siebenbürgen gehört und sich dorthin wohl auch hingezogen fühlte, wie sie freimütig bekannte. Die Einladung zu der Lesung erfolgte durch den Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher im Haus der Heimat Nürnberg.
Anton Sterbling
Schlagwörter: Ilse Hehn, Poesie, Lesung
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