14. Mai 2026

Ein Leben zwischen Poesie, Malerei und Kunst

Zur Anthologie „Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965-2025“, erschienen im Pop Verlag in Ludwigsburg
Nach 60 Jahren kreativen Schaffens ist eine Zeit der Ebbe – im Sinne einer Rückbesinnung – angebracht. Die 2025 im Pop-Verlag Ludwigsburg erschienene Anthologie umfasst eine große Auswahl von Gedichten, Prosa, Notizen, Kunstbildern, Übermalungen, Montagen und Collagen aus dem Werk der Schriftstellerin, bildenden Künstlerin und Kunstdozentin Ilse Hehn. Weiterhin enthält das 624 Seiten starke Buch Stimmen in Form von Rezensionen, Vorworten, Kommentaren zum Werk der Autorin, sowie eine Addenda mit Fotos und biografischen Daten aus dem Privatarchiv von Ilse Hehn.

Ilse Hehn wurde 1943 in Lowrin im Banat geboren und kam nach Abschluss ihres Studiums an der Fakultät für Bildende Kunst der Universität Temeswar 1964 nach Siebenbürgen. Bis zu ihrer Ausreise 1992 arbeitete sie als Kunst- und Kunstgeschichtslehrerin an zwei deutschen Gymnasien in Mediasch. Bereits in jungen Jahren schrieb sie Gedichte, die eine Poetin ankündigten, die kritische, ironische, eigenwillige und von der Form her gewagt neue Poesie, mit Brüchen und Zeilensprüngen schreibt.

1973 debütierte Ilse Hehn mit dem Gedichtband „So weit der Weg nach Ninive“ (Kriterion Verlag, Bukarest). Inzwischen ist ein umfangreiches Werk von 22 Büchern als Einzeltitel erschienen, dazu noch Künstlerbücher und zahlreiche Arbeiten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ilse Hehn ist Mitglied im Rumänischen Schriftstellerverband, in der Europäischen Autorenvereinigung „Die Kogge“, im „European Writers Council“, in der „Künstlergilde Esslingen“ und war von 2011 bis 2022 Vizepräsidentin des Internationalen Exil-P.E.N. Sektion deutschsprachige Länder. Für ihr Werk erhielt sie viele Auszeichnungen. Zu den bedeutendsten zählen das Ehrendiplom des Rumänischen Schriftstellerverbandes (2006), der Literaturpreis für Lyrik der Künstlergilde Esslingen (2012), die Literaturpreise des Rumänischen Schriftstellerverbandes Temeswar (2007 und 2014), der Donauschwäbische Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg (2017). Mit dem Andreas-Gryphius-Preis für Literatur, den Ilse Hehn 2023 erhielt, steht sie in der Reihe von bekannten Schriftstellerpersönlichkeiten wie Siegfried Lenz, Wolfgang Koeppen, Otfried Preussler, Günter Eich u.a. Ihre Gedichte wurden bereits in viele Sprachen übersetzt: Französisch, Englisch, Rumänisch, Russisch, Serbisch, Ungarisch und Japanisch.

Die Anthologie ist thematisch strukturiert, in acht Teilen wird der Leser durch Werke und Betrachtungen geführt. Der erste Teil mit dem Titel „Rumänien“ enthält Gedichte von den Anfängen bis zur Ausreise 1992. In dieser Zeit in Rumänien publizierte Ilse Hehn nach ihrem Debüt weitere fünf Bücher. „Flußgebet und Gräserspiel“ (Gedichte, Facla Verlag, Temeswar 1976), „Du machst es besser!“ (Kinderbuch, Ion Creangă Verlag, Bukarest 1978), „Ferien – bunter Schmetterling“ (Kinderbuch, Kriterion Verlag, Bukarest 1978), „Das Wort ist keine Münze“ (Gedichte, Kriterion Verlag, Bukarest 1988), „In einer grauen Stadt“ (Gedichte, Hestia Verlag, Temeswar 1992), „Die Affen von Nikko“ (Gedichte, rumänische Übersetzung: Constantin Gurau und Lucian Alexiu, Hestia Verlag, Temeswar 1992).

Der zweite Teil „Toleranzedikt Gegenwart“ enthält ungekürzte, also der Zensur im kommunistischen Rumänien entkommene Gedichte. Mit der Diktatur befasst sich auch der Gedichtband „Irrlichter. Kopfpolizei Securitate“ (Gedichte, Notate, Collagen, Malerei. Bilingue Ausgabe: Deutsch-Rumänisch. Rumänische Übersetzung: Marlen Heckmann Negrescu, Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar 2013). Ilse Hehn schreibt: „die Welt ist voller Zensoren / sie knipsen ihre Tischlampe an / und alles hat plötzlich Bedeutung: / die Maschen zwischen den Buchstaben / die Klänge im Bug der Worte / die Registriernummer deiner Schreibmaschine“. Zu den Gedichten gibt es im Buch Rezensionen von Eduard Schneider, Anton Sterbling und Balthasar Waitz.

Der dritte Teil „Deutschland. Den Glanz abklopfen“ befasst sich mit dem 1998 im Hess Verlag, Ulm erschienenen Lyrikband „Den Glanz abklopfen“, der Gedichte aus Rumänien und neue Gedichte enthält, die sich mit der Ankunft in Deutschland befassen. Im Gedicht „Nicht zu vergessen“ heißt es: „den Glanz abklopfen / die Farben hinterfragen / ansprechen den Tag und / im Hinterhalt jeden Zweifel / wachhalten“.

„Sandhimmel“ (Gedichte und Übermalungen) erscheint 2017 im danubebooks Verlag, Ulm. Jedem Gedicht ist ein bekanntes Motiv der Kunstgeschichte zugeordnet, das durch Übermalung durch die Autorin ein verwandeltes Kunstwerk mit neuer Aussage wird. Die 42 ins Japanische übersetzten Kurzgedichte aus dem Band „Randgebiet“ (Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar 2010) lehnen an das Haiku an. In diesem Teil findet man Gedichte (zweisprachig) und Rezensionen von Ingmar Brantsch, Eduard Schneider, Christina Rossi, Nora Iuga, Peter Zwey, Ada D. Cruceanu, Walter Tonţa und Dieter Schlesak.

Der vierte Teil „Rumänien im schläfernden Frühling“ enthält Gedichte, die bei einem Besuch 2010 in Temeswar entstanden sind und den steinigen Weg zur Demokratie jener Stadt, wo die Revolution 1989 begann, kritisch betrachten.

Der fünfte, umfangreichste Teil, „Kleine und große Fernen. Am Rand möglicher Wälder“, startet mit Gedichten aus „Tage Ost – West“ (Gedichte und Überschreibungen, Pop Verlag, Ludwigsburg 2015). Es sind Gedichte mit Eindrücken, die Ilse Hehn von ihren Reisen in Ost und West sammelt, immer mit dem Blick der Künstlerin, aber auch mit dem kritischen Blick auf die düstere politische Gegenwart. Ganz anders im Band „Heimat zum Anfassen oder: Das Gedächtnis der Dinge. Donauschwäbisches Erbe in Wort und Bild“ (Fotografien I. Hehn, literarische Texte Banater Autoren, Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried 2013). Dazu schreibt Walter Engel in der ADZ 6/2014: „Im Grunde ist es ein Buch gegen das Vergessen einer bereits (halb)versunkenen banatschwäbischen Lebensart …“

Weiterhin wird der Leser auf große und kleine Fernen mitgenommen, etwa nach Rom mit Auszügen aus „Roms Flair in flagranti“ (Prosa, Pop Verlag Ludwigsburg 2020) oder zu den abenteuerlichen Reisen nach Lappland, Frankreich, Amsterdam, Griechenland, Schottland, Capri, Norwegen, Ägypten, Sizilien, Venedig und schließlich an den Bodensee, mit Auszügen aus „Diese Tage ohne Datum“ (Prosa, Lyrik, Kunst; Pop Verlag 2022). Jede der Reisen ist nicht nur Bericht, Ilse Hehn schreibt immer literarisch in wunderbaren Bildern, die zärtlich sein können, aber auch kritisch, sie malt und fotografiert auch auf Reisen, hier überhaupt. Fotografien und Poesie gibt es auch im Buch „Das Ulmer Münster in Wort und Bild“ (Fotografien I. Hehn, Text R. M. Rilke, Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried 2015), ein Buch, das Ilse Hehn dem berühmten Münster in ihrer Wahlheimatstadt Ulm widmet. In diesem Kapitel sind Rezensionen und Würdigungen von Wolfgang Schlott, Walter Engel, Eva Filip, Edith Ottschofski, Franz Heinz, Werner Kremm, Halrun Reinholz, Christina Rossi, Ulrich Steenberg und Walter Tonţa zu lesen.

Ein ganz besonderes Kapitel ist der sechste Teil „Bleistiftskizzen“ mit dem Untertitel „Gesehenes, Erfahrenes, Erinnertes. Gesichter werden wach“, in welchem Ilse Hehn Porträts von Schriftstellern aus der Zeit in Rumänien skizziert. Es entstehen Skizzen zu Wolf von Aichelburg, Franz Storch, Dieter Schlesak, Helga Reiter, Edmund Höfer, Franz Heinz, Alfred Kittner, Franz Schuller, Werner Söllner, Anemone Latzina, Eduard Schneider, Eginald Schlattner, Claus Stephani, Ingmar Brantsch, Herta Müller, Richard Wagner, Peter Motzan, Franz Hodjak. Über sich selbst schreibt Ilse Hehn: „Sie (Schriftstellerin, Künstlerin) Zauberin mit Gefühl für Farbnuancen … Wildvogel in wahlheimatlicher Landschaft Siebenbürgen“.

Im siebenten Teil „Tagsüber Nachtüber“ sind Gedichte zum Thema Krieg, Flucht, Vertreibung zu lesen, ein Thema, das alt und leider auch sehr aktuell ist. Vom Zweiten Weltkrieg, der Flucht der eigenen Familie, die Ilse Hehn als Kind selbst miterleiden musste, und die sie in einem Langgedicht festhält, über weitere Gräuel in der kommunistischen Diktatur in Rumänien, kommt sie zu den aktuellen Kriegen in der Ukraine, in Israel, im Gaza Streifen. So heißt es im Gedicht „Dunkelheit“: „Tod läuft über das Land / stürzt sich zurück ins Spiegelbild der Geschichte // Diese Dunkelheit – wessen Schande?“

Im achten Teil „Legst du dich in Schrift“ mit dem Untertitel „Zwischen bezeugendem Bleistift und Unaussprechlichem“ sind Gedichte des Abschieds versammelt. Einige der Gedichte sind mit Widmungen versehen, etwa für den Sohn, Schriftstellerkollegen oder Freunde. Das letzte Gedicht „Charons Ruder“ zeigt Ilse Hehn, wie man sie in all den Jahren erfahren durfte: kämpferisch, mit einem Hauch leiser Ironie. Da macht sie für Charon keine Ausnahme, auch wenn sie sich des Unausweichlichen, unser aller Vergänglichkeit bewusst ist. „Doch ich hab für Charon / noch kein Fährgeld bereit // hinter meinem Rücken lacht er / sucht sein Ruder aus altem Holz // Närrin, die ich bin!“

Der Titel der Anthologie stammt aus dem Gedicht „Schreiben“ (Palimpsest II). „Zwischen bezeugendem Bleistift und / Unaussprechlichem / legst du dich in Schrift // in ihre Schattierungen / sie durchdringt die Haut deiner Wörter / in Helle Dunkelheit Wunden und Regenbogen …“

Ilse Hehn hat die Schrift in all ihren Schattierungen und Farben in ein komplexes und einzigartiges Werk gelegt, ein in jeder Hinsicht großes Werk.

Eva Filip

„Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965-2025“. Reihe Lesezeichen, Band 5, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2025, 624 Seiten, 39,50 Euro, ISBN 978-3-86356-425-4

Schlagwörter: Rezension, Poesie, Kunst, Ilse Hehn

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