„Rumänien, seine Deutschen und das Dritte Reich“: Dr. Paul Bagiu hielt einen spannenden Vortrag in Düsseldorf
Im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf fesselte Dr. Paul Bagiu am 15. November das interessierte Publikum über vier Stunden mit einem Vortrag aus seiner Doktorarbeit zum Thema „Rumänien, seine Deutschen und das Dritte Reich“. Moderiert wurde der Vortrag in gekonnt souveräner Weise von Horst Dengel, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Düsseldorf, der auch einführende Worte sprach. Der Saal war mit rund 200 Personen bis auf den letzten Platz besetzt.
Um das verlockende Büfett, zusammengestellt aus mitgebrachten Speisen, belegten Broten und Kuchen, gruppierten sich lebhafte Diskussionen in den drei Pausen, die nötig waren, um das Gehörte zu verdauen.
Dr. Paul Bagiu ist in Düsseldorf kein unbekanntes Gesicht: Der im Banat Geborene hat in Deutschland Volkswirtschaft und Geschichte studiert und über den „Verkauf“ der Deutschen aus Rumänien promoviert. Seine als Buch herausgegebene Promotion, unter der Überschrift „Die Geheimsache Kanal“ trug dazu bei, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit viel diskutiert wurde.
Um die geopolitische Lage der rumäniendeutschen Minderheiten am Ende des Ersten Weltkrieges zu verdeutlichen, ging Dr. Paul Bagiu in der Geschichte auf den österreich-ungarischen Ausgleich zurück, bei dem Österreich und Ungarn sich die Länder dies- und jenseits der Leitha aufteilten in das sogenannte Trans- und Zisleithanien. Die Assimilierungsbestrebungen Ungarns, aber auch die realpolitische Lage am Ende des Ersten Weltkrieges, als sich der Anschluss Transsilvaniens und des Banats an Rumänien abzuzeichnen begann, bewirkten, dass sich die deutschen Minderheiten dieser Gebiete infolge des Zusammenbruchs Österreichs-Ungarns mit großer Mehrheit für den Beitritt ihrer Siedlungsgebiete zum Königreich Rumänien entschieden. In der am 1. Dezember 1918 verabschiedeten Erklärung von Karlsburg (Alba Iulia) wurde den Minderheiten der Unterricht, die Verwaltung und die Rechtspflege in der eigenen Sprache zugesagt, und zwar im Verhältnis der Zahl seiner Volkszugehörigen.
Die Teilnehmer lauschen gebannt der Zeitzeugin Sigrid Löffler aus Kronstadt. Foto: Erich Hiemesch
Die Zusicherungen der rumänischen Seite, die kulturelle Autonomie der deutschen Minderheiten zu achten, bestärkten die Deutschen in ihren Entscheidungen, für Rumänien und nicht für Ungarn zu stimmen. Der von Rumänien 1919 unterzeichnete Minderheitenschutzvertrag wurde 1921 vom Völkerbund garantiert. Der Vertrag sicherte den nationalen Minderheiten Gleichberechtigung, kirchliche und kulturelle Autonomie, politische Repräsentation sowie den Gebrauch der Muttersprache in Medien und Schulwesen. Die Verfassung von 1923 zielte allerdings auf die Errichtung eines großrumänischen Nationalstaates ab und somit wurde den Angehörigen von Minderheiten „nur“ Rechte als rumänische Staatsbürger (und nicht als gesamte Minderheitengruppe) zugestanden. Der Minderheitenschutzvertrag und die Erklärung von Karlsburg wurden in der Praxis nicht wie ursprünglich geplant angewendet. 1919 kam es zum Zusammenschluss aller deutschen regionalen Gruppen mit unterschiedlicher Siedlungsgeschichte zum „Verband der Deutschen in Großrumänien“, einer „Schicksalsgemeinschaft“. Die neu gewonnene Freiheit brachte allerdings auch deutschnationale Organisationen hervor wie die „Freie Deutsche Gemeinschaft“ im Banat oder die auf nationaler Ebene agierende „Deutsche Volkspartei Rumäniens“. Ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre richteten sich diese Gruppierungen verstärkt an der nationalsozialistischen Ideologie des Deutschen Reiches aus. Für die Reichsregierung in Berlin wiederum war die gewachsene deutsche Minderheit (ca. 800 000 an der Zahl) eine willkommene „Manövriermasse“ zur Durchsetzung eigener ökonomischer und politischer Ziele in Rumänien. Die Instrumentalisierung der deutschen Minderheit durch das Deutsche Reich geschah auf vielfältige Weise, wie Dr. Bagiu im Verlaufe seines Vortrages anschaulich machen konnte. Horst Dengel bat die anwesende Zeitzeugin Sigrid Löffler, geb. 1931, von ihren Erinnerungen aus der Zeit der Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ideologie zu erzählen. Gebannt lauschten die Zuhörer auf die Worte der ehemaligen Lehrerin aus Kronstadt.
Die ökonomische Anbindung Rumäniens an das Dritte Reich geschah in erster Linie durch den „Wohlthat-Vertrag“ von 1939, benannt nach einem deutschen Unterhändler dieser Zeit, in dem es um die Erhöhung des deutschen Anteils an den rumänischen Erdölexporten ging. Um die Abhängigkeit von Rumänien möglichst gering zu halten, wurden Freihandelszonen eingerichtet, in denen mit deutschem Kapital Förder-, Lager- und Umschlageinrichtungen geschaffen wurden. Von diesem Abkommen waren auch die land- und forstwirtschaftliche Produktion, der Bergbau, die Industrie, und selbst das Transport- und Bankwesen berührt. Deutsche Maschinen und Waffen waren als Gegenleistung für rumänische Ware geplant und sie waren nur mit weiterer deutscher Technik kompatibel, denn sie konnten nur mit deutschen Ersatzteilen instandgehalten werden. Im Gegenzug wurden Waffenlieferungen vereinbart. Die Abhängigkeit der rumänischen Wirtschaft vom Deutschen Reich wurde durch geheime Zusatzprotokolle verfestigt.
Nach jedem Kapitel des Vortrags gab es eine Knabber- und Erzählpause, die dankbar angenommen wurde. Bis spät in den Abend lauschten die Zuhörer aus ganz NRW gebannt den Ausführungen des jungen Referenten, so dass die Parkgebühren in der Umgebung des Gerhart-Hauptmann-Hauses in zweistellige Höhe stiegen.
Die politische und ökonomische Bindung Rumäniens an das Dritte Reich brachte auch die Verfolgung der rumänischen Juden mit sich, ein trauriges Kapitel in der rumänischen Geschichte, das bis heute nicht aufgearbeitet ist. Obwohl eine regelrechte Vernichtungspolitik, wie sie in der Wannseekonferenz 1942 vom Dritten Reich geplant war, dem Königreich Rumänien nicht vorgeworfen werden kann, starben durch Pogrome und Deportationen 200 000 bis 300 000 rumänische, ukrainische und russische Juden durch Mitwirkung der rumänischen Armee: das Massaker von Odessa im Herbst 1941 kostete 20 000 bis 30 000 jüdischen Menschen das Leben, in Jassy gab es im Sommer 1941 13000 bis 15 000 Opfer und die Deportation nach Bessarabien – so entstand das Ghetto von Kischinew (Chişinău) – und Transnistrien zwischen 1941 und 1944 forderte 150 000 bis 250 000 Opfer, und zwar in den berüchtigten Lagern von Bogdanovka, Domanevka. Die meisten von ihnen starben unterwegs an Hunger, Durst und Krankheit. Es gab allerdings mutige Menschen mit Zivilcourage, wie die regionale Leiterin des rumänischen Roten Kreuzes Viorica Agarici, deren beherztes Eingreifen einigen jüdischen Deportierten das Leben rettete.
Im letzten Teil seines Vortrages ging Dr. Bagiu auf die Ursachen dieser Massenmorde ein und analysierte die Entwicklung von einem religiösen und ökonomischen Antisemitismus hin zu den Gräueltaten der Eisernen Garde unter Antonescu. Desgleichen zeigte er Verbindungen auf zwischen dem deutschen Druck zur „Lösung der Judenfrage“ und dem Verlauf des Krieges nach der Schlacht von Stalingrad und dem Frontwechsel Rumäniens nach 1943.
Das Gemeinschaftsbewusstsein, das sich nach dem Ersten Weltkrieg bei den Rumäniendeutschen entwickelte, brachte die Entfremdung vom rumänischen Staat sowie die Identifizierung mit der Ideologie des Dritten Reiches mit sich. Die Vereinnahmung durch Nazideutschland sollte verheerende Folgen für die Deutschen in Rumänien haben, die letztendlich in der nahezu vollständigen Aussiedlung aus dem kommunistischen Rumänien unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Systems mündeten.
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