15. Juni 2006

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Vater und Sohn über die Zukunft der Siebenbürger Sachsen

Die Rede an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen lehnte sich stark an dem Motto des Heimattages 2006 an und hatte ein eindrucksvolles Gespräch zwischen reellen Vater und seinem Sohn zum Inhalt: Horst Göbbel (geboren während der Evakuierung der Nordsiebenbürger Sachsen 1944, geprägt in Siebenbürgen, seit 1973 in Nürnberg, Studiendirektor am dortigen Hans-Sachs-Gymnasium) und Roland Göbbel (geboren 1979 in Nürnberg, geprägt in Deutschland, studiert Medien- und Politikwissenschaften in Jena). Vater und Sohn widmeten sich in einem lebendigen Dialog der existenziellen Frage nach unserer siebenbürgisch-sächsischen Zukunft, nach dem Fortbestand unserer Kulturwerte in einer stark veränderten Welt.
Roland: Mein Vater, warum treffen wir uns heute hier?

Horst: Mein Sohn, an Tagen wie heute tritt wieder einmal die Zeit über die Ufer. Wir blicken zurück, wir blicken nach vorn. Wir erinnern uns.

Roland: Wir erinnern uns? Aber Erinnerung ist unvollkommen und manipulierbar, Erinnerung ist selektiv und veränderlich, Erinnerung ist schmerzhaft …

Horst: … und wohltuend zugleich. Ohne Erinnerung sind wir hilflos, es würde uns Wesentliches fehlen. Ohne Erinnerung stünden wir verunsichert in unserem Alltag. Ohne Erinnerung sind wir nicht zukunftsfähig.
Es gilt weiterhin das Wort: „Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wohin er geht.“ Beides, das Herkommen und das Künftige, soll uns beschäftigen.

Einen Dialog über die Zukunft der Siebenbürger Sachsen führten Horst Göbbel (Vater, rechts) und Roland Göbbel (Sohn) an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs
Einen Dialog über die Zukunft der Siebenbürger Sachsen führten Horst Göbbel (Vater, rechts) und Roland Göbbel (Sohn) an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs



Roland: Du sagtest vorhin: An Tagen wie heute tritt wieder einmal die Zeit über die Ufer. Gut. Blicken wir mal zurück: Mein Vater, Wo liegen unsere Gräber? In Siebenbürgen?
Horst: Ja, mein Sohn.
Roland: In Deutschland?
Horst: Ja.
Roland: In Österreich?
Horst: Ja.
Roland: In Kanada?
Horst: Ja.
Roland: In den USA?
Horst: Ja.
Roland: Sonstwo auch?
Horst: Inzwischen JA. Wir sind längst über Siebenbürgen hinausgewachsen.

Roland: Hier an dieser Gedenkstätte habe ich gelesen:
„Gedenke der deutschen Söhne und Töchter Siebenbürgens,
die in zwei Weltkriegen und schweren Nachkriegsjahren ihr Leben ließen,
im Norden, Osten, Süden, Westen,
hinter Stacheldraht, auf der Flucht, in der Heimat.“

Horst: Diese Worte der Inschrift dieser Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen hier in Dinkelsbühl, vor der wir Jahr für Jahr zu Pfingsten stehen, markieren den wohl entscheidenden Einschnitt in unsere mehr als achthundertjährige Geschichte als Siebenbürger Sachsen.
An Tagen wie heute spüren wir dies ganz besonders.
An Tagen wie heute tritt wieder einmal die Zeit über die Ufer.
Die existenziellen Prüfungen des 20. Jahrhunderts haben unsere siebenbürgisch-sächsischen Lebenskreise grundlegend verändert.
Wir bodenständigen, in besonderem Maße traditionsbewussten Siebenbürger Sachsen sind notgedrungen oder auch aus freiem Entschluss mobil geworden: geografisch, beruflich, geistig, kulturell.
Roland: Das ist sehr lobenswert. Mobilität wird von uns jungen Menschen in dieser unsicheren Gesellschaft Tag für Tag eingefordert.
Wenn nun die Siebenbürger Sachsen so mobil sind, warum feiern sie den Heimattag nicht in Siebenbürgen? Der Eiserne Vorhang ist weg, Ceau?escu ebenso …
Horst: Es ist kein Zufall, dass wir heute nicht in Hermannstadt, in Schäßburg, Birthälm oder Bistritz zusammenstehn, sondern hier im mittelfränkischen Dinkelsbühl. Dinkelsbühl öffnet uns seit Jahrzehnten seine Tore mit freudigem Herzen. Dass wir nunmehr seit mehr als 50 Jahren alljährlich hier zusammenstehn, zeigt auch den Grad der Veränderungen: Wir sind inzwischen schon lange hier zu Hause, ohne unsere siebenbürgische Heimat in uns aufgegeben zu haben. Hier zu sein, ist ein Grund, dankbar und hoffnungsvoll zu sein.
Krieg, ideologische Verstrickung, Diktatur, Stacheldraht, Flucht, geografischer Heimatverlust haben uns nicht entmutigt, haben uns nicht ausgelöscht. Wir sind Siebenbürger Sachsen geblieben und hegen die berechtigte Hoffnung, nicht die letzten dieser Art zu sein.
Roland: Aber schau Dich mal um:
In welcher Welt, in welcher Zeit leben wir? Individualisierung, Egoismus, Geldgier, Ellbogengesellschaft, Auflösung traditioneller Familienstrukturen, Sozialneid, Verrohung … begegnen uns täglich.
Es heißt, die Deutschen würden aussterben, vorher würde ein erbarmungsloser Generationskonflikt toben, wir erleben seit Jahren Europas Verlust seiner christlichen Identität.
Europa entwickelt sich mehr und mehr zu einer „endlosen Flucht in ein besseres Altersheim“, meinte ein russischer Journalist kürzlich. (Viktor Jerofejew, FAZ, 18.04.2006)
Was ist von uns Siebenbürger Sachsen künftig noch zu erwarten. Was erwarten wir selber von uns?
Sind wir noch produktiv genug?
Sind wir im elektronischen Zeitalter noch zukunftskompatibel? Zukunftsfähig?
Wo liegt unser Kraftfeld?
Wo liegen unsere Chancen? Was sind unsere Stärken?
Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, erklärte in einem Interview im April dieses Jahres:
„Wir Europäer sind die letzten, die noch glauben, wir seien der Nabel der Welt“.
Wie oft hatte ich nicht den Eindruck, wir Siebenbürger Sachsen würden uns als Nabel der Welt betrachten.
Horst: Sicherlich eine falsche Wahrnehmung. Der Nabel der Welt sind wir gewiss nicht und so todernst sollten wir uns auch nicht sehen. Etwas mehr Realitätssinn tut uns allemal gut.
Wir Siebenbürger Sachsen sind längst aus dem Schatten unserer Kirchenburgen herausgetreten und gestalten Seite an Seite mit unseren neuen Nachbarn unsere Zukunft hoffnungsvoll.
Roland: In einer Welt, in der uns die mediale Reizüberflutung tagtäglich zu schaffen macht, ist es natürlich schwieriger geworden, siebenbürgisch-sächsische Identität zu bewahren und weiter zu beleben, ihr Zukunft zu ermöglichen.
Horst: Schwieriger wohl, jedoch nicht unmöglich. Nach wie vor gilt das Wort: Wenn man schöne Dinge mit anderen teilt, werden sie mehr.
Roland: Mein Vater: In wenigen Tagen rollt der WM-Ball. Es heißt, Miroslav Klose sei Hoffnungsträger der Nation. Ein treffender Begriff.
Wer sind denn unsere Hoffnungsträger hier?
Horst: Die tausenden Jugendlichen und jung gebliebenen Menschen, die z. B. unseren alljährlichen Heimattag in Dinkelsbühl bevölkern, sie atmen spätestens hier den siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaftsbazillus ein, nehmen ihn mit in ihren Alltag … und kommen im nächsten Jahr wieder. Das gibt uns Hoffnung!!!
Roland: Aber seien wir doch realistisch!
Die Gefahr besteht doch, dass wir uns restlos, bis hin zur Selbstverleugnung hier anpassen und in der grauen bundesrepublikanischen Masse verschwinden.
Oder haben wir in uns Werte, die uns unterscheiden, die dieser Gesellschaft neue Impulse verleihen könnten ohne dass wir uns trotzig auf unsere Eigenkultur versteifen?
Horst: Mein Sohn: Ausgeprägter Familiensinn und der Gemeinschaftsgedanke zum Beispiel sind uns eigen. Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Sie bedarf regelmäßiger, beständiger Pflege.
Die Zukunft gewinnt man nicht mit reiner Muskelkraft. Es ist der Glaube an sich selbst, es ist der Glaube an die Gemeinschaft, der den Unterschied ausmacht.
Und es ist die Hoffnung. Die Hoffnung und diese unbändige Sehnsucht nach Zukunft.
Ob wir hoffnungsvoll unsere Zukunft gestalten oder in den allgemeinen Chor der Jammernden einstimmen, ist nicht gleichgültig.
Wer meint, wir gewinnen die Zukunft mit grenzenloser Freiheit, mit rücksichtslosem Geldverdienen, mit unbändigem Konsum, mit Aufgabe aller hergebrachten Werte, der irrt. Der irrt gewaltig.
Wir gewinnen die Zukunft mit bewährten Handlungen und Haltungen. Ich betone nochmals:
An Tagen wie heute tritt wieder einmal die Zeit über die Ufer.
Wir sind zukunftsfähig, weil die althergebrachten Werte, die Tugenden, das Völkerverbindende, den Glauben, das Friedensstiftende aus Siebenbürgen – trotz Krise und mancher Verzweiflung – zukunftsfähig sind und bleiben. Zäh, beharrlich, emsig, ehrgeizig waren wir, mögen wir bleiben. Dr. Christoph Bergner sagte heute treffend, uns zeichne „Glaubenstreue und Wehrhaftigkeit“ aus.
Roland: Das hört sich zwar gut an, kann es aber auch die kommenden Generationen beflügeln?
Horst: Wir sind in unserer Geschichte reich ausgestattet worden. Wir sind keine Verlierer der Geschichte. Als Volk, als Gemeinschaft, als einzelne Menschen sind wir aus der Fülle dessen, was Menschen materiell und geistig erreichen können, mit großen Reichtümern gesegnet worden. In Siebenbürgen und seit Jahrzehnten in Deutschland, in Österreich, auf dem amerikanischen Kontinent. Dabei ist uns kaum etwas einfach in den Schoß gefallen. Als ich gestern in der Frankfurter Allgemeinen las „Fitness, Teamgeist, Psychologie: Klinsmann lässt seine Mannschaft hart arbeiten und fest an sich glauben“ dachte ich: So könnte ich auch uns beschreiben: hart arbeiten, fest an sich glauben.
Unsere Landsleute haben existentielle Umbrüche beispielhaft gemeistert (Stichworte Evakuierung, Deportation, Kommunismus). Bei der Bewältigung dieser bitteren Erfahrungen konnten wir aus dem großen Reichtum unserer Geschichte, unseres Selbstverständnisses schöpfen. Sollte uns das nicht beflügeln?
Roland: Schon, aber sorgen muss uns doch, dass vermehrt Glück bzw. vermeintliches Glück nach Geld schmeckt und nicht nach Gerechtigkeit, nicht nach gelebter Gemeinschaft.
Horst: Allerdings. Aber: Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel: Sie muss gepflegt werden, wie ein zartes Pflänzchen, kontinuierlich.
Dazu gehört ein bestimmtes Bewusstsein, das uns eint. Was würdest Du, mein Sohn, sagen, was verbindet uns heute in besonderem Maße?
Roland: So einfach ist das nicht zu erklären. Bei euch Erwachsenen ist es eindeutig die direkte Prägung durch die Heimat Siebenbürgen. Bei der jungen Generation, bei uns hier Geborenen ist dies Siebenbürgen als geografischer Begriff immer weniger. Stattdessen Siebenbürgen als Lebensart, als unversiegbarer Geschichtsbrunnen, aus dem wir Lebenskraft schöpfen können, mehr und mehr – auch im Gegensatz zu postmodernen negativen Auswüchsen in unserer Zeit und unserer Gesellschaft.
In einem Lied hörte ich mal:
„Die Steine werden künden, was Sachsen einst vollbracht.“ Mir wäre es lieber, wenn nicht nur die Steine, sondern auch wir und unsere Kinder und Kindeskinder diese Kunde verbreiten. Das ist meine Hoffnung.
Horst: Unser kulturstiftendes Potenzial ist keineswegs versiegt. In einem zusammenwachsenden Europa – Siebenbürgen wird wohl ab 2007 auch völkerrechtlich Teil dessen werden, was es kulturell jahrhundertelang war - vergrößern sich unsere Chancen.
Wir waren es gewohnt, anzupacken, wieder auf die Füße zu kommen, jahrhundertelang. Unsere Kirchenburgen, unsere ehemals schmucken Dörfer und Städte, unsere gesellschaftliche Verfassung zeigten dies deutlich. Wir haben nach unserer Aussiedlung hier wieder angepackt, wir sind keine armen Schlucker in diesem Land, wir haben den existenziellen Wandel vom Bauern zum vollwertigen Mitglied der Industrie- und neuerdings Informationsgesellschaft selbstbewusst geschafft. Wir und ihr, unsere Kinder, wir sind hier ausbildungsmäßig, beruflich, sozialpolitisch, kulturell kein Problemfall für das demokratische deutsche Gemeinwesen. Ganz im Gegenteil: Wir halten Schritt, ohne unsere Herkunft, ohne unsere siebenbürgisch-sächsische Eigenart zu verstecken.
Unser Selbstwertgefühl beruht auf unserer historischen Leistung in Siebenbürgen und wir begreifen uns hier als leistungsstarke, kulturbereichernde Neubürger dieses Landes. Ob wir auch euch Junge, euch hier Geborene in dieses Boot hereinnehmen können? Oder ist das eine Illusion?
Roland: Nun, Du sagtest hier öfters: An Tagen wie heute tritt wieder einmal die Zeit über die Ufer. Blicken wir mal dahin. Wie sieht es aus mit unserer siebenbürgisch-sächsischen Zukunft? Was hat Bestand, was ist lediglich Episode?
Ich vermute, wir Siebenbürger Sachsen haben noch eine Zukunft. Auch wenn wir und unsere Nachkommen manchen Wandel erleben werden, Siebenbürgisch-Sächsisches wird sich in zentralen Lebensbereichen halten können: als Lebensart, als Lebenshaltung. Das ist keine Illusion.
Wir Menschen sehnen uns immer wieder nach neuen Ufern.
Die Dynamik eines Landes – las ich unlängst - liegt stets bei den Gruppen, die über ihre Kinder ein vitales Interesse an der Zukunft haben, niemals jedoch bei einem alternden Volk.
Wenn ich feststelle, wie sehr unsere siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft Wert darauf legt, ihre Kinder ganz früh in das Gemeinschaftsleben zu integrieren - dann sehe ich hier hoffnungsvolle Ansätze. Nur auf Kinderfesten, im Schulhof oder im Freizeitpark sieht man mehr Kinder als hier. „Unser Nachwuchs präsentiert sich“ – „Jung und voller Schwung“ – das sind überzeugende Beispiele für zukunftsorientiertes Wirken. Und der gesamte Heimattag in Dinkelsbühl, er ist eine gewaltige Demonstration siebenbürgisch-sächsischer Vitalität. Das stimmt hoffnungsvoll.
Horst: Und niemand kann auf seine Hoffnung verzichten! Stimmt das?
Roland: Natürlich. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Dazu eine Entgegnung:
Nein, die Hoffnung stirbt nicht. Es sei denn, wir lassen sie elendiglich zugrunde gehen. Eher sterben wir als die Hoffnung.
Die Hoffnung macht uns Beine, die Hoffnung beflügelt unseren Geist, die Hoffnung gibt unserem Leben Sinn.
Und weil Hoffnung natürlich auf das Kommende gerichtet ist, braucht Zukunft Hoffnung, denn Hoffnung lässt Zukunft wachsen.
Haben wir gestern, heute hier in Dinkelsbühl unseren Nachwuchs, junge Siebenbürger Sachsen wahrgenommen, die uns in der Zukunft weiterleben lassen?
Ich hoffe es, denn: Zukunft braucht Hoffnung!

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 10 vom 20. Juni 2006, Seite 9)

Schlagwörter: Heimattag, Dinkelsbühl

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