29. Juli 2007

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Neue Biographie über Samuel von Brukenthal

„Eden hinter den Wäldern“ – so lautet der Titel der neuen Biographie Samuel von Brukenthals. Mit ihr legt der hora-Verlag ein attraktives Buch in handlichem Format zu einer Schlüsselpersönlichkeit der siebenbürgisch-sächsischen Kulturgeschichte vor. In der Ausstattung mit Fotografien von Peter Schweiger und gestützt auf reiches Quellenmaterial ist der Band sowohl eine Hommage an das heutige Hermannstadt als auch eine facettenreiche Ergänzung zu früheren Lebensdarstellungen Brukenthals.
Als Samuel von Brukenthal seine Sammlungen testamentarisch „zum immerwährenden Eigenthum des Hermannstädter Evangelischen Gymnasiums ... ausdrücklich ... und unwiderruflich“ bestimmt hatte, schuf er damit nicht nur ein kostbares Museum, sondern eine weit ausstrahlende Kulturinstitution. Während seine fundamentalen politischen Leistungen durch die Reformen Kaiser Josephs II bald verschüttet wurden, behielt sein geistiges Erbe dadurch dennoch sichtbare Gestalt.

Von den nachfolgenden Generationen wurde dieses Erbe unter erheblichen Opfern und mit zähem diplomatischem Geschick zusammen gehalten, wissenschaftlich erschlossen und ausgebaut. Zur Pflege um die ererbten Sammlungen gesellten sich Würdigungen in Form von biographischen Darstellungen, von denen besonders jene von Johann Schaser (Hermannstadt 1848), Georg Adolf Schuller (München 1967, 1969), Carl Göllner (Bukarest 1977) und Michael Kroner (Nürnberg 2003) hervorzuheben sind.

Außer Schullers Buch wenden sich alle an die breite Öffentlichkeit und haben hier ebenfalls entschiedenen Verdienst: In Zeiten der Wissenschaftsverfemung schlossen sie eine gravierende Lücke im Literaturangebot zu einer Schlüsselperson der siebenbürgischen Kulturgeschichte und leisteten auch damals grundlegende Vermittlungsarbeit, als die Forschung in rumänischen Staatsarchiven, im Gegensatz zu heute, ganz offiziell behindert wurde.

Abgesehen von Michael Kroners ausgewogener Kurzdarstellung sind jedoch alle anderen längst vergriffen. Gleichzeitig hat die Brukenthalforschung in kleinen, aber erhellenden Arbeiten neues Licht auf den Gegenstand geworfen, so dass eine gut recherchierte Neudarstellung höchst willkommen ist und pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr mit dem neuen Buch von Lisa Fischer, einer Kooperationsleistung des hora- und des Böhlau-Verlags, begrüßt werden kann.

Samuel Carl von Brukenthal. Das Porträt von ...Samuel Carl von Brukenthal. Das Porträt von unbekannter Hand wurde 1936 von Hans Herrmann auf Holz aufgezogen und restauriert (Abdruck mit freundlicher Geneh­migung des Hermannstädter Stadtpfarramtes). Foto: peter-schweiger.com Wie ihre Vorgänger, wendet sich die österreichische Journalistin, Historikerin und Soziologin an ein Laienpublikum, das aber erstmals als ein internationales wahrgenommen wird, wie das Einführungskapitel zur siebenbürgischen Landesgeschichte beweist. Zudem liefert das Buch eine Chronologie und Lebensbeschreibung, setzt aber auch eigene Schwerpunkte. Es lässt einige Aspekte zurücktreten, um dafür zwei anderen mehr Raum zu geben: Einerseits Brukenthals Freimaurertum, das Lisa Fischer, weit stärker als die älteren Autoren, als prägend für Leben und Werk begreift, und andererseits, nicht unvermittelt, Brukenthals eigene, sehr spannende Ansätze zur Neuerung von Gartenkultur und Landwirtschaft.

Als Freimaurer wurde Brukenthal schon als Zweiundzwanzigjähriger in ein elitäres Netzwerk europäischer Dimension eingespannt, das bis nach Siebenbürgen reichte und grenzübergreifend einen schillernden Kreis herausragender Persönlichkeiten zusammen führte. Auf diese Weise wirkte es als Transmissionsriemen für Aufklärungsgut und Triebfeder der Wissenschaftsentwicklung.

Unter dem Eindruck des Freimaurertums habe Brukenthal, wie Lisa Fischer es in einer Paraphrase nach seinem Sekretär Johann Theodor Hermann bezeichnet, sein „Eden hinter den Wäldern“, ein siebenbürgisches Paradies, ersonnen, innerhalb dessen sein Haus als „Tempel der Humanität“ gedacht, der Kunst eine erzieherische Aufgabe zugewiesen war und die Wissenschaft, durch die Beherrschung der Natur, der Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse dienen sollte.

Vor diesem Hintergrund wird Brukenthals aktive Haltung zur Landschaftsnutzung verständlich. Einem typischen Gartenmodell der Aufklärung folgend, wurde Brukenthals Landsitz in Freck zum Mustergut. Dem Menschen zum Vorteil mussten Schönheit und Nutzen auch hier Hand in Hand gehen. Es wurde nicht nur mit exotischen Pflanzen experimentiert, sondern auch, im Hinblick auf allgemeinen Nutzen, auf die Verbesserung des landwirtschaftlichen Ertrags hin gearbeitet. Um den häufigen Hungersnöten entgegen zu wirken, ließ Brukenthal mit der Kartoffel experimentieren; zugleich gediehen Ananas in seinen Orangerien. Kostbare amerikanische Zierpflanzen wurden eingeführt, wie die „Königin der Nacht“, ein Kaktus, der seine Blüte nur während einer einzigen Nacht öffnet. Die Veredelung der lokalen Pferderasse öffnete neue Absatzmärkte in Wien, und Brukenthals Zuchtversuche mit weißen Büffeln sind bereits legendär.

Zu diesen beiden extensiv besprochenen Kernthemen des Buches treten vielfältige lebendige Einblicke in den örtlichen Zeithintergrund des Hermannstädter Kulturmilieus, die einen Höhepunkt in einem amüsanten Exkurs zur sittengefährdenden Tanzbegeisterung der Hermannstädter in Zeiten der Aufklärung finden. Einen tiefen Einblick gibt es ins genuss- und bildungsreiche Leben und Sammeln im Brukenthal’schen Stadtpalais, dessen ideengeschichtliche Prämissen Lisa Fischer wiederum in den Wertvorstellungen und Aufklärungszielen der Freimaurer verortet. Daran anknüpfend, thematisiert sie die Rolle der Frauen im Umkreis Brukenthals, etwa die Verdienste von Kaiserin Maria Theresia und Brukenthals Ehefrau an seinem Erfolg oder die Diskriminierung der Frau in freimaurerischen Kreisen. Nach Ansicht von Lisa Fischer hätte das Gleichheitsideal der Freimaurer eigentlich erwarten lassen, dass alle Menschen unabhängig von Stand, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht Zutritt zu den Logen gehabt haben sollten.

Gegenüber solchen Urteilen mag sich allerdings leiser Einwand regen. Wer das 18. Jahrhundert mit seinen eigenen Maßstäben misst, wird den Ausschluss von Frauen aus den Männerlogen vermutlich kaum hervorheben können und muss auch über einige andere Feststellungen Lisa Fischers von „Ambivalenzen“ stolpern. Wer heute über das 18. Jahrhundert und dessen Forderungen nach „Gleichheit“ oder „demokratischen Prinzipien“ schreibt, muss das historische Verständnis dieser Begriffe berücksichtigen und darf sie nicht selbst übergangslos mit moderner Konnotation benutzen. „Gleichheit“ (S. 8) unter Logenbrüdern war nicht die, die wir uns heute gegenseitig zugestehen. Sie blieb durchaus an deren individuelle Eignung, Ausbildung oder soziale Verdienste gebunden, so dass sich in den Logen kaum je mehr als zwei Stände, Aristokratie und Patrizier, einfanden. Man hätte sich, um Lisa Fischers Ausdruck der „demokratischen Prinzipien“ (S. 7) für die Gedankenwelt Brukenthals besser veranschlagen zu können, einige Erläuterungen gewünscht, die Brukenthals politische Theorie und Praxis mit den neuen Ideen von Volkssouveränität oder Gewaltenteilung, wie sie von Jean-Jacques Rousseau oder Montesquieu verbreitet wurden, zumindest in Grundzügen abgleichen.

Auffälliger ist die Formulierung, dass Brukenthal „sein Lebenswerk der Öffentlichkeit, womit diese das erste und größte Museum Südosteuropas erhielt“ (S. 10), widmete. Diese Ungenauigkeit war, wenn auch in einer anderen Spielart, im ansonsten verdienstvollen Ausstellungskatalog des Brukenthalmuseums „Samuel von Brukenthal – Modell Aufklärung“ (Hermannstadt 2007) zu finden, wo auf Seite 5 berichtet wird, dass Brukenthal seine Sammlungen der Stadt Sibiu vermacht habe.

Wie erwähnt, hat Brukenthal seine Sammlungen bewusst dem Evangelischen Gymnasium hinterlassen, was Lisa Fischer auf Seite 162 allerdings auch, bei solch patriotischem Kosmopolitentum wiederum von „Ambivalenz“ sprechend, einräumt. Dem Verständnis zuträglich wäre die Bemerkung, dass Brukenthal ein Kosmopolit des 18., nicht des 20. Jahrhunderts war. Seine Vorstellung von „Öffentlichkeit“ war die des 18. Jahrhunderts: Stand und Konfession, viel weniger das Sprachidiom, spielten in Europa noch eine erhebliche Rolle. Brukenthal liebte die Gemeinschaft der Gebildeten, suchte aber nicht um jeden Preis die Nähe zu Kreisen und Schichten, die weder seinen Bildungserwartungen noch seiner konfessionellen Zugehörigkeit entsprachen. Das beweist letztlich Lisa Fischer selbst anhand eines Zitates (S. 58), stuft es aber als „seltsam reaktionär“ ein – und bewegt sich damit erneut in Kategorien des 20. Jahrhunderts. Dass in diesem Zitat aus einem Brief an Maria Theresia keinesfalls Antipathie, aber Distanz zu der rumänischen Bevölkerung zu spüren ist, liegt vielleicht einerseits an der dem Ziel der Erhaltung siebenbürgischer Privilegien dienenden Argumentation, andererseits möglicherweise auch an der Befürchtung, dass die Wertewelt der Aufklärung am ehesten in der Nähe einer protestantischen Gesinnung beheimatet sei und die voreilige Öffnung politischer Schleusen das Problem eines entscheidenden Mentalitätsgrabens zur Orthodoxie nicht lindere, sondern gravierender mache. Wer heute also von einem „Erbe an die Öffentlichkeit“ oder einem „Erbe an die Stadt Sibiu“ spricht, sollte versuchen zu klären, wer diese Öffentlichkeit in Hermannstadt und insbesondere für Brukenthal gewesen sein mag. Die Hintergründe von Brukenthals Haltung sind mit dem Begriff der „Ambivalenz“ ganz entschieden nicht genügend beschrieben. Eine lapidare Behandlung dieser Forschungsprobleme läuft Gefahr, die historischen Bedingungen und die Persönlichkeit Brukenthals selbst zu verzerren.

Im Grunde macht sich letztlich bei Lisa Fischer selbst ein Anflug von Ambivalenz bemerkbar, wenn sie, was weit weniger von Bedeutung ist als die Frage nach ihrem Geschichtsbild, im Umgang mit Ortsnamen uneinheitlich verfährt und mit einer Reihe von terminologischen Seltsamkeiten aufwartet. Auf der Suche nach einem globalisierten Terminus wurde statt des gebräuchlichen „Siebenbürgen“ das kuriose „Transsilvanien“ aus der Mottenkiste geholt und wie ein Fossil für die Vitrinen internationaler Buchhandlungen zurechtpräpariert. Mit der Gefahr, sich Achtlosigkeit gegenüber einer dritten Bevölkerungsgruppe mit eintausendjähriger siebenbürgischer Siedlungsgeschichte, nämlich der ungarischen, vorwerfen lassen zu müssen, nennt sie Ortsnamen uneinheitlich zwei- oder dreisprachig (z.B. S. 18), ohne dass dahinter ein System erkennbar würde. Noch etwas überraschender ist dann Lisa Fischers einleitende Feststellung, dass die Kulturhauptstadt heute Sibiu heiße und im 18. Jahrhundert Hermannstadt genannt wurde, womit sie die evidente Persistenz des gleichen Ortsnamens in verschiedenen Sprachen in ein chronologisches System überführt (S. 7). Für Lisa Fischer richtet sich die Ortbezeichnung offenbar eindimensional nach der offiziellen Landessprache. Die höfliche siebenbürgische Gepflogenheit, den Ortsnamen in jener Sprache zu nennen, in der eine Unterhaltung verläuft, sei es auf Rumänisch, Ungarisch oder Deutsch, ist damit zurück in die Geschichte gefloskelt. Und ob das Siebenbürgisch-Sächsische ein fränkischer Dialekt ist, steht auch noch nicht fest.

Jenseits dieser wenigen Stolpersteine bietet das Buch aber erheblichen Lesegenuss und Augenschmaus, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Farbabbildungen mit Motiven aus Brukenthals Lebenswelt und dem heutigen Hermannstadt. Über den üblichen Ausstattungsumfang hinausgehend, verfügt der Band zusätzlich über einen Anmerkungsapparat und ein aktuelles Literaturverzeichnis – wertvolle Hinweise für jene Nutzer, die weiterlesen möchten. Dadurch gewinnt es sogar die Qualität eines einführenden Handbuches für junge Wissenschaftler. Angesichts des handlichen Formats ist das Fehlen von Orts- und Namensregistern zu verschmerzen. Das Nützliche ist auch hier mit dem Schönen verbunden, denn man fühlt sich angeregt, über Wirkungsverlauf und Bedeutung der sogenannten Aufklärung und der Persönlichkeit Brukenthals in Siebenbürgen weiter nachzudenken. Wenn das geistige und materielle Erbe Brukenthals angemessen gepflegt werden soll, wenn das heutige Siebenbürgen sich auf Europa zu bewegen will, wenn es eine kritische Diskussion über individuelle und gemeinsame Werte geben soll, dann muss Samuel von Brukenthal im Gespräch gehalten werden.

Frank-Thomas Ziegler

Schlagwörter: Brukenthal, Bücher, Rezension

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