12. Mai 2009

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Die Uffizien von Pievalinghe: Anna und Dieter Pildner von Steinburg

Durch eine Einfahrt, wo seitlich eine mächtige Agave steht und andere wilde Kakteen wuchern, gelangt man in einen großen Hof, der wie ein kleiner naturbelassener Park aussieht. Pinien und seltene Bäume, Sträucher und Blumen der mediterranen Flora wachsen unbekümmert in die liebliche Landschaft hinein, und die umfasst über 80 000 Quadratmeter.
Es ist die Welt eines Künstlers, und es ist auch ein Ort, wo man Ferien machen kann. Denn hier in den zwei großen Wohnhäusern, die über 400 Jahre alt sind, doch von den Besitzern sorgfältig renoviert und innen komfortabel modernisiert wurden, gibt es Ferienwohnungen und Gästezimmer, wo man sich als Urlauber einmieten kann. Dazu gehören auch ein Schwimmbecken und eine Liegewiese.

Dieter Pildner entstammt mütterlicherseits altem österreichischen Adel, sein Großvater war Ferdinand Fellner Ritter von Feldegg, und die Familie lebte in Wien. Väterlicherseits aber ist er Siebenbürger Sachse, obwohl er in Bukarest geboren wurde, wo damals sein Vater, Ernst Karl Pildner von Steinburg, beruflich tätig war und die Eltern sich kennengelernt hatten. Doch Dieter Pildner, so sein Künstlername, verließ schon 1944, gerade vier Jahre alt, mit seinen Eltern das Land; sie flüchteten vor den herannahenden Sowjettruppen. Er ging dann über Frankreich nach Argentinien und kam erst 19-jährig als Staatenloser, 1960, nach Deutschland.

Dieter Pildner von Steinburg ist als Land-art ...Dieter Pildner von Steinburg ist als Land-art-Künstler im toskanischen Pievalinghe in seinem Element.Seine Frau Anna, mit der er vor vielen Jahren dieses damals in ruinösem Zustand befindliche, verwahrloste Anwesen erwarb, um es gemeinsam in mühevoller Arbeit wieder bewohnbar zu machen, stammt aus Fürth in Franken. Die ersten Jahre in Pievalinghe waren für die „neuen Siedler“ nicht einfach, weil die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an den Rückzug der deutschen Truppen (1944-1945) bei den Einwohnern noch sehr lebendig waren. Damals hatten die Deutschen in Montaione ein mittelalterliches Stadttor gesprengt und auch bewohnte Gehöfte, die an der Landstraße lagen, einfach in die Luft gejagt, um so den Vormarsch der Alliierten zu verzögern. Diese Aktionen hatten den Ausgang des Krieges, wie man weiß, in keiner Weise beeinflusst, dafür aber den Hass der Bevölkerung auf die brutalen Zerstörer verfestigt. Ein junger Siebenbürger und seine fränkische Frau bekamen das dann, stellvertretend für jene, die sich aus dem Staub gemacht hatten, jahrelang zu spüren. Doch heute sind diese Ereignisse schon beinahe vergessen.

Von einer großen ebenerdigen Terrasse, neben alten Pinien, von wo man einen weiten Ausblick hat zu toskanischen Gehöften und Ortschaften, zu kleinen Olivenwäldern, zu Gärten und Feldern, kann man an manchen Tagen sogar bis zu den Bergen von Florenz sehen. Dazwischen liegt das Anwesen von Anna und Dieter Pildner, und auch da wachsen Olivenbäume, Weinreben, Rosmarinsträucher und an den vielen Wegen, die durch das Grundstück führen, blühen Kakteen und duftender Lavendel. Dazwischen gibt es viele kleine Steingärten, die einst von Anna Pildner angelegt wurden, um sich dann weiter frei zu entwickeln, so, wie es eben die Natur will. Und da ist auch ein stiller Teich mit hohem Schilf am Rand, das im Wind geheimnisvoll raschelt, und mit seltsam glitzernden Libellen, die umherfliegen. Steht man oben auf der Terrasse, öffnet sich langsam die liebliche Landschaft, und gegen Abend tönt das rhythmische Rufen unzähliger Zikaden durch die Olivenhaine. Dann scheint das Land den Betrachter zu umarmen.

Fragt man den Künstler nach seinem Atelier, so zeigt er von der Terrasse auf sein Grundstück, das weit hinunter reicht ins Tal, und sagt: „Das ist mein Atelier, hier entsteht seit vielen Jahren meine Kunst. Jeden Tag arbeite ich in meinem großen Atelier ...“ Denn Dieter Pildner ist Land-art-Künstler, und was er gestaltet – manchmal auch mit einem kleinem Bagger und schwerem Gerät –, sind eigentlich Kunstwerke, die leben, die sich weiter entwickeln und verändern, und seine Wege, Alleen und Pflanzungen sind das Ergebnis einer tiefen geistigen Verbindung mit der Natur, die er künstlerisch umformt, ihr einen neuen Inhalt gibt und in einen Kontext stellt, um sie dann doch wieder freizugeben, damit sie sich selbst entfalten kann.

Der Pantheismus als ein im Kontext des Monotheismus entstandenes neuzeitliches Phänomen erhält hier im Bereich der zeitgenössischen Land-art so neue Inhalte. Und das ist mehr, als einst der Philosoph Baruch Spinoza zu definieren versuchte, als er Gott als Substanz bestimmte und ihn mit der Natur identifizierte. Denn Dieter Pildner vertritt eine Richtung der modernen Kunst, die Ende der 1960er entstanden ist und die Landschaft als Gestaltungsmaterial betrachtet und zu verändern versucht. Sein Denken ist wohl pantheistisch geprägt, wie er im Gespräch mit Freunden sagt, und als Künstler findet er Religion und Glauben in der Natur, doch seine geistigen Vorbilder sind unter anderen der Dichter Henri Michaux, der auch dem rumänisch-französischen Kulturphilosophen Émile Cioran nahe stand. „Der Mensch plagt sich, eine eigene Ordnung in die Ordnung der Natur zu bringen, und will so an der Schöpfung teilhaben“, sagt Dieter Pildner. „Die Kunst aber ist die große Verweigerung in dieser spießerischen Gesellschaft, doch die Gesellschaft akzeptiert das nicht.“

Die Wurzeln der zeitgenössischen Land-art liegen in der pittoresken Landschaftsmalerei des 18. und 19. Jahrhunderts, und die gestalterischen Prinzipien wurden von prähistorischen Erdwerken, Scharrbildern u. ä. angeregt. Das Spektrum dieser künstlerischen Gestaltungsweise reicht heute von der Versetzung gewaltiger Erdmassen, wie es der amerikanische Bildhauer Michael Heinzer 1967-1970 in Arizona tat, bis hin zur Zeichnung Kilometer langer Linien in der Wüste, die 1968 Walter De Maria in Nevada schuf. Ein anderer bekannter Land-art-Künstler des 20. Jahrhunderts, Richard Long, gestaltete Wege, Steinkreise und Gehspuren, die er manchmal selbst erst erschuf.

Ähnlich wie Longs Arbeiten sind in gewissem Sinne auch die Gestaltungen von Dieter Pildner. Bei einer gemeinsamen Wanderung durch „seine Landschaft“, wie sie der Künstler mit Feriengästen gern veranstaltet, führt der Weg auch durch eine lange Allee, die eben erst entsteht. Zu einem Abhang hin türmen sich große helle Steinblöcke übereinander, und hier entsteht eine lange Wand, in der sich verschiedene kleine Pflanzen ansiedeln werden. Gegenüber wachsen Kirschlorbeerhecken zwischen Olivenbäumen, die sich aneinander reihen. „Das sind meine grünen Uffizien“, sagt Pildner in Anspielung auf die berühmte Gemäldegalerie in Florenz. Dann zeigt er auf die schlanken Zypressen entlang des Weges: „Und dort stehen die Säulen des Bernini ...“ – ein Vergleich mit Gianlorenzo Berninis Säulen am Petersplatz in Rom. Es ist der lebendige Bezug des Künstlers zur Phitomythologie, der Mythologie der Pflanzen, die, wie es in alten Mythen der marmatischen Karpaten heißt, ihr eigenes, von den Menschen nicht erkanntes Leben führen. Dieter Pildner war nicht in Marmatien, in der Maramuresch, doch seine Beziehung zur mythischen Pflanzenwelt erreicht eine ähnliche, verinnerlichte Dimension.

Wenn der Künstler für Feriengäste und Freunde einen Rundgang über sein weites Grundstück macht, erzählt er auch die Geschichte der Azienda Pievalinghe. Der Weg führt dann vorbei an niedrigen Erdhöhlen, wo vermutlich einst Menschen wohnten, vorbei an Pflanzungen und alten Bäumen, an hohen, stattlichen Pinien, die ihre Kronen wie große Schirme ausgebreitet haben. Und schließlich gelangt man nach etwa einer Stunde zum Teich, der von einer Bergquelle gespeist wird. Daneben stehen aufrecht einige seltsame Steine. Es ist ein stiller, sakral wirkender Ort. „Das ist mein Stonehenge“, sagt Pildner, der manchmal hier allein verweilt. Und da steht auch ein Stuhl im Schatten eines Olivenbaumes. Weiter oben, wo der Weg zu einem neuen großen Tor, dem „Tor zur Toskana“, und dann hinaus auf die Landstraße führt, „soll ein anderes Atelier entstehen, 12 mal 12 Meter groß, ein richtiges Haus“, so Dieter Pildner, „und dort werde ich Skulpturen schaffen für meine Landschaft ...“ Freunde und Gäste sollen dann diese Kunstwerke als Ergänzungen der Land-art betrachten können, wenn sie auf den stillen Wegen gehen, die durch Pievalinghe führen.

Claus Stephani

Schlagwörter: Künstler

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